Lade Inhalt...

Ludwig Harigs „Weh dem, der aus der Reihe tanzt“ - Eine Betrachtung

Hausarbeit (Hauptseminar) 2010 19 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zum Autor

3. Inhaltliche Schwerpunkte des Seminars Literarische Kindheitsdarstellungen in Bezug auf Ludwig Harigs „ Weh dem, der aus der Reihe tanzt
3.1 Die Rolle des Nationalsozialismus im Leben des Autors
3.2 Das Verhältnis des Protagonisten zu seinen Eltern und Großeltern
3.3 Prägnante Charakterzüge des werdenden Schriftstellers
3.4 Das Verhältnis der autobiographischen Darstellung zum Erinnerungsprozess

4. Sprachliche Mittel und Auffälligkeiten

5. Resümee

6. Literaturverzeichnis
Primärtext
Sekundärliteratur
Onlinequellen:

1. Einleitung

In der vorliegenden Hausarbeit gehe ich zunächst auf die Biographie des Autors Ludwig Harig (Kap.2) ein, da diese für den biographischen Charakter und die Analyse des Textes von Bedeutung sind. Der Hauptteil (Kap.3) thematisiert einige Leitfragen des Seminars Literarische Kindheitsentwicklungen, die ich in Bezug auf das Buch „Weh dem, der aus der Reihe tanzt“ anwenden und näher erläutern möchte. Die Schwerpunkte sind nach eigenem Ermessen gewählt. Ich erläutere zunächst im Einzelnen die Rolle des Nationalsozialismus im Leben des Autors (3.1) und sein Verhältnis zu den Eltern und Großeltern (3.2). Im Folgenden stehen prägnante Charakterzüge des werdenden Schriftstellers im Vordergrund (3.3), sowie sein persönliches Verhältnis der autobiographischen Darstellung zum Erinnerungsprozess (3.4). In einem weiteren Kapitel (4) werden einige sprachliche Mittel und Besonderheiten des Textes vorgestellt und deren Bedeutung für das Buch beschrieben.

Es handelt sich vorwiegend um eigene Interpretationen, da mir nur wenig Sekundärliteratur zur Verfügung steht. Die meisten Sekundärtexte zum Autor und dessen Werk entstanden bereits vor der Veröffentlichung des thematisierten Romans. Dieser erschien zum ersten Mal im Jahr 1989, wodurch Sekundärtexte aus der vorhergehenden Zeit für die Interpretation der ausgewählten Aspekte weitgehend unbedeutend sind.

Aufgrund des Mangels an entsprechenden literaturwissenschaftlichen Quellen, werde ich versuchen, eine schlüssige Arbeit anzufertigen, indem ich vor allem im inhaltlichen Bereich die persönliche Interpretation von ausgesuchten Textstellen in den Vordergrund stelle und einige seriös erscheinende Onlinequellen hinzuziehe.

Die Arbeit soll unter anderem den Bezug zur deutschen Geschichte und Harigs persönliche Methode diese zu bewältigen herstellen, um dem Anspruch der interdisziplinären Lernfelder gerecht zu werden. Ebenso soll das Schreiben als Kunstform sowie die persönliche Verschriftlichung des sich Erinnerns im Roman Harigs näher beleuchtet werden, um dadurch den Bereich der ästhetischen Bildung mit einzubeziehen.

Im Resümee (5) werden die aus meiner Sicht interessantesten Aspekte der vorangehenden Kapitel zusammengefasst und kommentiert.

2. Zum Autor

Es ist zum Verständnis der historischen Zusammenhänge und der durch die Nationalsozialisten geprägten Schreibmotivation des Autors unerlässlich, zunächst kurz auf einige Daten im Leben Harigs einzugehen. Das Buch „ Weh dem, der aus der Reihe tanzt “ beschreibt einen Teil der Biographie Harigs und ist mit zwei weiteren biographischen Texten eng verknüpft. Dem ersten Band seiner autobiografischen Romantrilogie von 1989 „ Ordnung ist das ganze Leben: Roman meines Vaters “, folgten 1990 als zweiter Teil „ Weh dem, der aus der Reihe tanzt “ und 1996 als Abschluss „ Wer mit den Wölfen heult, wird Wolf “.[1]

Harig wurde 1927 im saarländischen Sulzbach geboren, besuchte dort die Volksschule und ab 1941 die Lehrerbildungsanstalt in Idstein im Taunus. Er war von 1950 bis 1970 Volksschullehrer, ließ sich dann für vier Jahre beurlauben und beendete den Schuldienst 1974 endgültig. Seither ist er als freier Schriftsteller tätig. Bereits Mitte der 1950er Jahre veröffentlichte er kürzere literarische Texte in Literaturzeitschriften. Durch den intensiven Kontakt mit der Stuttgarter Gruppe um Max Bense, einem bereits damals bekannten Schriftsteller, Publizisten und Philosophen[2], wurde er mit seinen experimentellen Texten zu einem wichtigen Vertreter der sogenannten Konkreten Poesie. In den 1960er Jahren widmete der Autor sich hauptsächlich der Arbeit mit Hörspielen und trug zur Weiterentwicklung dieses damals noch verhältnismäßig unpopulären Mediums bei. Zu dieser Zeit entstanden ebenfalls erste selbständige Buchveröffentlichungen. Der Autor übersetzte darüber hinaus französische Literatur, vor allem Werke von Raymond Queneau, dessen Stil sein Schreiben stark beeinflusste.[3]

Einem größeren Publikum wurde Harig 1986 durch seinen ersten großen Roman „ Ordnung ist das ganze Leben “ bekannt. In dem er, anhand der Lebensgeschichte seines Vaters, seine eigene Jugend und die Geschichte seiner Familie verarbeitete und dadurch den Auftakt zu seinen weiteren biographischen Werken schuf. Im „ Kritischen Lexikon zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur “ wird dieser erste biographische Text folgendermaßen beschrieben:

Über das rein Inhaltliche hinaus ist von struktureller Bedeutung, dass es dem Autor weniger um die Nacherzählung einer linearen Lebensgeschichte als vielmehr um den Versuch geht, aus zahlreichen Einzelheiten, die sich als Redewendungen, Gesten und Verhaltensformen im Gedächtnis erhalten haben, die Spur der väterlichen Existenz zu zeichnen und ihr das „Geheimnis zu entlocken, das sie zeitlebens umgab.[4]

Dieser Kommentar könnte nahezu unverändert auf das hier zu behandelnde Buch „ Weh dem, der aus der Reihe tanzt “ angewandt werden. Er weist auf Parallelen, Ähnlichkeiten und die enge Verflechtung der beiden Werke, sowie des dritten Romans hin, der ebenso wie „ Ordnung ist das ganze Leben “ aus Gründen des Umfanges der Aufgabenstellung nicht weiter erläutert wird.

Selbstverständlich sind Harigs Mitgliedschaft in der Hitlerjugend, sowie die Zeit als Jungmann in einer nationalsozialistischen Bildungsanstalt während des Dritten Reichs , für seine biographischen Romane von größter Bedeutung. Erstaunlicherweise finden diese in Onlinequellen und weniger detaillierten Texten über seine Lebensgeschichte keine Erwähnung. Eine Tatsache die ungewöhnlich erscheint, zudem der Autor, anders als viele Zeitgenossen, diesen Teil seines Lebens niemals verschwieg, sondern sich im Gegenteil intensiv damit auseinandersetzte.

3. Inhaltliche Schwerpunkte des Seminars Literarische Kindheitsdarstellungen in Bezug auf Ludwig Harigs „ Weh dem, der aus der Reihe tanzt“

3.1 Die Rolle des Nationalsozialismus im Leben des Autors

Man könnte argumentieren, dass der Nationalsozialismus gewissermaßen das Thema des Buches darstellt. Ralph Köhnen drückt das in seinem Aufsatz folgendermaßen aus:

Die erinnerte Kindheit ist bei Harig also untrennbar mit der politischen Vergangenheit Deutschlands verknüpft, die aus Idiokrasien der erzählten Figuren heraus erzählt wird.[5]

Ich möchte zunächst auf die verhältnismäßig seltene Perspektive des Autors bzw. die Betrachtungsweise seiner persönlichen Rolle während des nationalsozialistischen Deutschlands eingehen. Abweichend von vielen populären autobiographischen Beispielen in der Literatur, in denen sich die Protagonisten bzw. Autoren eindeutig in der Opferrolle befinden, oder sich zumindest als Opfer des damaligen Systems fühlen und beschreiben, stellt es sich bei Harig anders dar. Beispiele für Werke aus der Opferperspektive sind zum Beispiel Ruth Klügers Weiter leben, oder das Tagebuch der Anne Frank. Harig beschreibt diese Zeit aus der Sicht eines Mitläufers, dem der volle Umfang der Verbrechen des Naziregimes, wie den meisten Zeitzeugen, im Kindesalter nicht bewusst war. Er versucht jedoch über 50 Jahre später, die Mechanismen dieser Periode zu begreifen und zu erläutern, indem er Episoden und Gedächtnisfragmente aus seiner Kindheit und Jugend niederschreibt. Ich verwende bewusst nicht den Begriff des Täters beziehungsweise Mittäters, da es sich in Harigs Roman keinesfalls um die Beschreibung von Naziverbrechen handelt. Es steht eher die Unwissenheit und Blauäugigkeit der Menschen im Fokus der Erzählung. Er versucht nicht zu erklären, oder zu entschuldigen, wie die grausamen Geschehnisse dieser Zeit zustande kamen, sondern beschreibt auf eine neutrale Art was damals geschah, beziehungsweise wie er sich daran erinnert. Der Text fordert den Leser auf aus eigenem Weltwissen und persönlicher Ethik heraus, die Dramen und Schrecken der damaligen Zeit zu erkennen und zu ergänzen. In einem Artikel der Frankfurter Allgemeinen Zeitung wird diese Unwissenheit von einem ungenannten Verfasser wie folgt beschrieben:

„Er erzählt uns, wie man den Halbwüchsigen beibrachte, die Juden, die sie überhaupt nicht kannten und von denen sie nichts wussten, zu hassen und ihre Ermordung zu ersehnen. Er berichtet uns, wie er auf seine Weise dazu beigetragen hat - nämlich mit einem gründlich vorbereiteten und alle antisemitischen Klischees genüsslich wiederholenden Referat“.[6]

Der letzte Satz dieses Zitates bezieht sich auf ein Referat Harigs, welches er in seiner Schulzeit zum Thema Rassenkunde des jüdischen Volkes gehalten hatte. Das komplette Kapitel Juda verrecke![7], in dem die Episode über das Referat zu finden ist, bietet ein eindrucksvolles Beispiel für die Art und Weise, mit der Harig die Naivität beschreibt, mit der junge Menschen zur Zeit der Nationalsozialisten an das Thema der sogenannten Rassenlehre herangingen und vor allem herangeführt wurden. Im selben Kapitel, sowie an vielen anderen Stellen des Textes, entsteht ein kritischer Ton durch das Vorwissen des Lesers. Die Lügen des Regimes werden nicht direkt angesprochen, respektive als solche betitelt, sondern die Absurdität der Behauptungen trägt gewissermaßen die Geschichte. Man könnte diesen Stil durchaus als eine Form von Ironie interpretieren. Der junge Autor hat zu Beginn des Kapitels Juda verrecke! noch seine Zweifel an der Richtigkeit der damaligen Lehrbuchmeinung über die sogenannte Rassenlehre. Diese sind im folgenden Zitat an der Frageform erkennbar. Die Unwahrheiten über die einzigen ihm bekannten Juden, zwei Geschäftsinhabern in Sulzbach, erscheinen dem Jungen zunächst offenbar seltsam:

Ich war fünfzehn, ich hatte noch nie einen Juden gesehen außer Herrn Wallenstein und Herrn Rothenberg aus Levys Geschäft in Sulzbach. […] Diese beiden freundlichen Herren sollten in finsteren Winkeln und Gewölben hausen, feilschen und betrügen Tag für Tag und Jahr für Jahr, erst als Schacherer, dann als Wucherer, schließlich als Schmarotzer an der ganzen deutschen Volksgemeinschaft?[8]

Im Folgenden beschreibt Harig dann einen Sinneswandel, der sich vorwiegend durch die Indoktrination durch seine Lehrer ergab. Indem er zum Beispiel beschreibt, wie er es sich damals einbildete, Juden und deren Eigenschaften zielsicher erkennen zu können, deckt der Autor die Methoden des Regimes zielgenau auf:

Bald traute ich mir zu, diese Blutlinien lesen zu können, die fleischige Nase, den sinnlichen Mund, die abstehenden Ohren, diese Moritzohren als israelitische zu erkennen.[9]

Auch die anfänglichen Diskrepanzen in seiner Wahrnehmung gegenüber der beiden zuvor erwähnten freundlichen Herren werden in der weiteren Entwicklung dieses Kapitels ausgeräumt. Das geschieht, indem der junge Harig am Ende des Abschnittes zu dem Schluss kommt: sie hätten sich verstellt. [10]

Diese Meinungsänderung seines kindlichen Egos bleibt, wie einige andere aus heutiger Sicht schwer nachvollziehbare Gedanken und Entwicklungen dieser Zeit, durch den erwachsenen Autor unkommentiert. Diese Art der Geschichtsbewältigung verstärkt beim Rezipienten den Effekt der Erzählung. Der Leser macht sich Gedanken, wie es zu den weitgehend bekannten Schrecken der Historie kommen konnte. Es kommt leicht die Frage auf, ob er persönlich den Methoden des Regimes hätte widerstehen können. Der Autor spielt in seinem Text nicht direkt mit den lebensbedrohlichen Ängsten der Zeit, wie beispielsweise der ständigen Gefahr durch Denunziation und Deportation. Er belässt es weitestgehend bei der Beschreibung der deutschen Propaganda. Harig sucht dabei nicht nach Entschuldigungen und entwickelt auch keine direkte Selbstanklage, sondern er lässt die Ereignisse für sich sprechen.

Harig erzählt in Episoden und erklärt nicht, wie beispielsweise seine Begeisterung für den bevorstehenden Krieg entstand. Seine Euphorie wird neben anderen Faktoren beispielsweise durch eine Indianergeschichte im Jugendcamp ausgelöst, die von dem Krieger Tecumseh handelt. Dieser befindet sich im gleichen Alter wie die Jungen im Ausbildungslager und bildet sowohl eine literarische Vorlage, als auch eine Identifikationsfigur, die von den Kindern nachgespielt wird. Eine Episode die nach Abenteuer klingt und nicht nach Angst, Hunger und Tod, wie es in der überwältigenden Mehrheit der Literatur zu dieser Zeit der Fall ist. Es ist nachvollziehbar, dass ein zwölfjähriger Junge durch diese Form des Kriegsspiels beeinflussbar ist. Die überragenden Eigenschaften und Tugenden des Indianerhäuptlings übten eine Faszination auf die Kinder aus:

Wir spielten. Wir spielten nach was wir lasen. […]Keiner konnte kämpfen, keiner konnte denken, keiner konnte reden wie Tecumseh.[11]

[...]


[1] Vgl. http://www.wochenspiegelonline.de/content/aktionen/50-jahre-wochenspiegel/die-letzten-50-jahre/kultur/article/wie-die-woerter-tanzen-lernten/ Letzter Zugriff: 10/2010

[2] Vgl. http://www.max-bense.de/ Letzter Zugriff: 10/2010

[3] Vgl. http://www.wochenspiegelonline.de/content/aktionen/50-jahre-wochenspiegel/die-letzten-50-jahre/kultur/article/wie-die-woerter-tanzen-lernten/ Letzter Zugriff: 10/2010

[4] Ebd. zitiert nach KLG.

[5] Köhnen Ralph; Der Faden ist gerissen. Ludwig Harigs autobiographische Trilogie und die Kindheit als Erfindung; S.67. in: Gruber, Bettina; Bollacher, Martin „Das erinnerte Ich: Kindheit und Jugend in der deutschsprachigen Autobiographie der Gegenwart.“

[6] F.A.Z., 18.07.2007, Nr. 164 /

[7] Harig S.184-206.

[8] Harig S. 189

[9] Harig S.191

[10] Vgl. Harig S. 191

[11] Harig S. 116

Details

Seiten
19
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656059462
ISBN (Buch)
9783656059271
Dateigröße
602 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v182357
Institution / Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg – Germanistik
Note
2
Schlagworte
Harig Biographie Nationalsozialismus

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Ludwig Harigs „Weh dem, der aus der Reihe tanzt“ - Eine Betrachtung