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Mechanismen-Analyse des Terrorphänomens der Irish Republican Army

Hausarbeit 2009 33 Seiten

Soziologie - Krieg und Frieden, Militär

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.0 Einleitung
1.0 Vorbemerkungen
1.1 Historischer Abriss zur Entstehung der IRA

2.0 Vorstellung der Modelle
2.1 Gesteigerte Antagonismen nach Georg Simmel
2.2 Konflikteskalation nach Ansgar Thiel
2.3 Strukturelle Kopplung nach Niklas Luhmann

3.0 Vorstellung der Primärquellen
3.1 Artikel Frankfurter Rundschau
3.2 SPIEGEL SPECIAL IRA – Irish Republican Army
3.3 Die Irisch-Republikanische Armee (IRA)

4.0 Mechanismen-Analyse angewendet auf die Irish-Republican Army

5.0 Endzustand

6.0 Strukturdynamik

7.0 Fazit

8.0 Literaturverzeichnis

1.0 Einleitung

Seit dem 11. September 2001 ist die Thematik des Terrors nicht mehr aus der täglichen Berichterstattung wegzudenken. Terrorattacken und Androhungen solcher beherrschen seit den Anschlägen in den USA die Medien. Solche Gewaltakte können nachhaltigen Einfluss auf die Politik und die Geschichte von Staaten haben.

Im Falle der USA wurden seit dem 11. September zahlreiche Gesetze zum Schutz vor terroristischen Aktivitäten erlassen. Auch die beiden Kriege im Irak und in Afghanistan wurden mit Verweis auf diese Anschläge geführt. Weiterhin zeigt das Beispiel der Roten Armee Fraktion in Deutschland, wie prägend Terrorismus für die Geschichte und das Handeln eines Staates sein kann.

Die Wirkung von Terror lässt sich bereits im Wortursprung erkennen: Aus dem lateinischen stammend bedeutet der Begriff „Furcht“ oder „Schrecken“. Tatsächlich beruht der Terrorismus auf der Intention, Angst und Schrecken zu verbreiten, da die Wahrscheinlichkeit, Opfer eines Anschlags zu werden, statistisch gesehen verhältnismäßig gering ist.

1.1 Vorbemerkungen

Trotz der Aktualität des Themas hat das Phänomen des Terrors jedoch weiter reichende historische Wurzeln. Bereits zum Anfang des 20. Jahrhunderts war Terrorismus als Instrument zur Durchsetzung politischer oder wirtschaftlicher Ziele weit verbreitet. Dies lässt sich unter anderem am Beispiel des Konfliktes zwischen Israelis und Palästinensern festmachen. Dieser bereits in der Bibel erwähnte Antagonismus war schon seit langer Zeit geprägt von gegenseitigen Gewaltakten zur Erlangung der Vorherrschaft über die Region des heutigen Israels. Als prominentes Beispiel kann ferner der Anschlag auf den österreichisch-ungarischen Thronfolger im Jahre 1914 gesehen werden. Dieser Akt des Terrors gilt als Auslöser des ersten Weltkrieges und steht als Musterbeispiel für die Instrumentalisierung des Terrors zur Durchsetzung von Minderheitsinteressen in den Anfängen des 20. Jahrhunderts.

Zu dieser Zeit führten auch in Irland nationalistische Interessen zur Gründung der Irish Republican Army, die mit Gewaltakten die Abspaltung Irlands von der britischen Krone vorantreiben wollte.

Die vorliegende Hausarbeit befasst sich mit der IRA und liefert anhand der Mechanismen-Analyse soziologische Erklärungen für dieses Terrorphänomen.

Zunächst wird zum besseren Verständnis des Konfliktes ein geschichtlicher Abriss über die Entstehung der IRA gegeben, bevor die in der Analyse verwendeten Methoden kurz erläutert werden. Anschließend werden die zugrunde liegenden Quellen vorgestellt und begründet, warum sie in dieser Untersuchung Anwendung finden. Der darauf folgende Hauptteil der Arbeit befasst sich mit der Durchführung der Mechanismen-Analyse auf der Grundlage der hier vorgestellten Methoden und Quellen. Im abschließenden Fazit wird die Entwicklung der IRA resümiert und ein Ausblick auf zukünftige Entwicklungen gegeben.

1.2 Historischer Abriss zur Entstehung der IRA

Der Ursprung der separatistischen Bewegung Irlands kann bis ins 16. Jahrhundert zurückverfolgt werden. Zu dieser Zeit versuchten erstmals irische Adelsfamilien, sich gegen die britische Obrigkeit aufzulehnen (vgl. FR 1999: o. S.).

Damals entstanden Strukturen, die dem Erhalt einer Kolonialgesellschaft unter britischer Herrschaft dienen sollten (vgl. Aierbe 1991: 67). „Wie in anderen kolonialisierten Gesellschaften entsteht auch in Irland schon früh eine Bewegung, die das Ziel hat, das Abhängigkeitsverhältnis zur Kolonialmacht zu brechen“ (Aierbe 1991: 67). Jedoch wurden jegliche Versuche, die britische Vorherrschaft zu beenden, vereitelt, sodass sich die Verbindung zwischen Großbritannien und Irland festigte. Bereits zu dieser Zeit wurde der Grundstein für den Konflikt zwischen Protestanten und Katholiken gelegt, indem sich die britische Krone der protestantischen Minderheit zur Durchsetzung ihrer Interessen bediente. Katholiken wurden zugunsten britisch-protestantischer Bauern enteignet. Auf diese Weise wurde die Konfession zur Manifestierung der britischen Herrschaft instrumentalisiert (vgl. Aierbe 1991: 67).

Mitte des 19. Jahrhunderts wurden die separatistischen Bestrebungen wieder aufgenommen. Die katholische Bevölkerung hatte in dieser Zeit besonders unter einer Hungersnot zu leiden. Als Konsequenz dessen wurde die Irish Republican Brotherhood gegründet, die als die Ursprungsorganisation der Irish Republican Army erachtet werden kann (vgl. FR 1999: o. S.).

Der zum Großteil unbewaffnete Kampf der Irish Republican Brotherhood scheiterte jedoch. „In England selbst hatte man bald den Eindruck gewonnen, daß die IRB nach dem gescheiterten Versuch einer Rebellion keineswegs völlig zerschlagen wurde, sondern sich von einer Massenbewegung in eine personell verkleinerte Terrororganisation verwandelt hatte“ (Multhaupt 1988: 51).

Der Begriff der Irish Republican Army tauchte erstmals beim Osteraufstand von 1916 auf. Dieser Aufstand schlug zwar fehl, jedoch konnte die irische Bevölkerung mobilisiert werden und begann sich mit der republikanischen Bewegung zu identifizieren (vgl. Aierbe 1991: 68). Ab diesem Zeitpunkt verzeichneten die IRA und ihr Anfang des Jahrhunderts gegründete politische Arm Sinn Fein regen Zulauf.

Der darauf folgende Unabhängigkeitskrieg von 1920/21 führte zur Teilung Irlands in einen Freistaat Irland und ein weiterhin von Großbritannien abhängiges Nordirland, welches aus überwiegend protestantischen Provinzen bestand.

Wenig später sah sich die IRA in einem Konflikt mit dem Freistaat Irland, da sie die Teilung des Landes nicht akzeptierte. Die von Großbritannien unterstützte Armee des Freistaates gewann diesen Bürgerkrieg und schlug die IRA vernichtend. Ein paar Jahre später wurde die Organisation für illegal erklärt (vgl. FR 1999: o. S.; vgl. Aierbe 1991: 69).

„Protestants employ Protestants“

Trotz der Abstinenz der IRA kam es zu keinerlei Annäherung zwischen den Konfessionen in Irland, im Gegenteil, der Antagonismus zwischen den beiden Gruppen brach stärker auf denn je zuvor (vgl. Waldmann 1989: 101). Die Ursachen für diese Gegnerschaft finden sich in der Diskriminierung der Protestanten gegenüber den Katholiken. Die katholische Bevölkerung „lebte in den schlimmsten Vierteln, ihr standen öffentliche Einrichtungen wie Schulen oder Krankenhäuser in weit geringerem Maße zur Verfügung. Die ökonomische Diskriminierung bekamen KatholikInnen besonders auf dem Arbeitsmarkt zu spüren, stellten doch die – protestantischen – Unternehmer nach der Devise ein, „Protestants employ Protestants“.

Ende der sechziger Jahre erreichte der Arbeitslosenanteil bei der erwerbsfähigen protestantischen Bevölkerung 8 %, bei der katholischen Bevölkerung lag er bei 25 %“ (Aierbe 1991: 71). Diese gesellschaftlichen Ungerechtigkeiten fanden sich auch im politischen System wieder, die Wahlkreise der Protestanten wurden klein gehalten, während die katholischen Wahlkreise äußerst groß waren. Somit vertraten die katholischen Abgeordneten wesentlich mehr Wähler als die protestantischen (vgl. Aierbe 1991: 71). Die fehlende Interessenvertretung und das zunehmende Schutzbedürfnis der katholischen Bevölkerung wurden von dieser verbittert zur Kenntnis genommen. Sprüche wie „IRA – I ran away“ machten die Runde.

Diese und weitere Ungerechtigkeiten führten letztlich zur Neugründung der IRA Anfang 1969, in dem Jahr, welches gleichzeitig den Anfang der „Troubles“ markierte (FR 1999: o. S.). Dieser Zeitpunkt stellt zugleich den Initialzustand für die Mechanismen-Analyse dar.

2.0 Vorstellung der Modelle

Bevor näher auf die Mechanismen-Analyse eingegangen wird, ist es sinnvoll, die in der Untersuchung verwendeten Modelle einzeln zu betrachten. Auf diese Weise wird der Einstieg in die Analyse vereinfacht, da so ein differenzierterer Blick auf die Methoden ermöglicht wird. Die vorherige Erläuterung der theoretischen Modelle ist notwendig, da diese in der nachfolgenden Analyse vorausgesetzt werden. Somit entfällt die Notwendigkeit, die Theorien in der Analyse erneut genauer auszuformulieren. So wird der Aufgabe der Mechanismen-Analyse Rechnung getragen, eine Verknüpfung der empirischen Aussagen mit den theoretischen Modellen zu gewährleisten (vgl. Langer 2008: 2).

2.1 Gesteigerte Antagonismen nach Georg Simmel

Die Theorie der gesteigerten Antagonismen eignet sich für den Nordirland-Konflikt, da sich die Konzeption Simmels auf die Situation im Nordirland der sechziger Jahre beziehen lässt. Wie bereits angedeutet, bestand zu dieser Zeit zwischen Katholiken und Protestanten zwar ein gespanntes, aber dennoch stabiles Verhältnis. Die fortwährende gesellschaftliche Unterdrückung der katholischen Minderheit führte jedoch zum Kampf zwischen den beiden Gruppierungen. Diese Konstellation spiegelt sich auch in der Theorie der gesteigerten Antagonismen wieder.

Simmel beschreibt in seiner Theorie das Verhältnis von Divergenz und Harmonie innerhalb einer Gesellschaft. Dies ist zugleich der Ausgangspunkt eines jeden Konfliktes, in dem unterschiedliche Gruppierungen ihre jeweiligen Interessen zu behaupten versuchen. Simmel formuliert in seinem Ansatz räumlich oder sozial begrenzte Strukturen, innerhalb derer ein Verhältnis von Gemeinsamkeiten und Gegensätzen besteht. So kommt es innerhalb dieser engen sozialen Räume zwangsläufig zum Ausbruch offener Feindseligkeiten. „So wenig der Antagonismus für sich allein eine Vergesellschaftung ausmacht, so wenig pflegt er – von Grenzfällen abgesehen - in Vergesellschaftungen als soziologisches Element zu fehlen und seine Rolle kann sich ins Unendliche, d.h. bis zu Verdrängung aller Einheitsmomente steigern“ (Simmel 1958: 193). Simmel geht also davon aus, dass es innerhalb einer Gesellschaft Gegensätze gibt, die zunächst zum Zusammenhalt beitragen können. Es kann ebenso vorkommen, dass die Gegensätzlichkeiten zum einzig verbindenden Element zwischen zwei Gruppierungen werden. Simmel beschreibt den Übergang von einer überwiegende konvergenten zu einer divergenten Gesellschaft als Prozess: „Die Mischung harmonischer und feindseliger Beziehungen […] beginnt hier mit der Aktion von A zum Nutzen von B, geht zum eigenen Nutzen von A vermittels B, ohne ihm zu nutzen, aber auch ohne ihm zu schaden, mündet endlich an der egoistischen Aktion auf Kosten von B. Indem dies nun von Seiten des B erwiedert wird, aber doch fast nie in der genau gleichen Weise und dem gleichen Maß, entstehen die unübersehbaren Mischungen von Konvergenz und Divergenz in den menschlichen Beziehungen“ (Simmel 1958: 194).

So kann es passieren, dass Ursache und Wirkung in einem andauernden Konflikt aus dem Zusammenhang geraten. Auf diese Weise findet eine Metamorphose der Auseinandersetzung statt. War zunächst der Sieg das primäre Ziel, rückt dies mit der Zeit in den Hintergrund und der Kampf wird vordergründig um des Kampfes willen geführt (vgl. Simmel 1958: 195; 197). Auch die Konkurrenz unter den Konfliktparteien verändert sich. Mit zunehmender Kampfesdauer entsteht aus materieller Konkurrenz eine ideologische Gegnerschaft (vgl. Simmel 1958: 213). Als konfliktsteigerndes Element formuliert Simmel eine Form affektlogischen Denkens, welches darauf abzielt, dass Gruppen den gegenseitigen Hass aufeinander nicht nur auf materielle, sondern auch auf ideologische Grundlagen zurückführen. „Indem dies gegenseitig geschieht, und jeder die Schuld an der Bedrohung des Ganzen dem anderen zuschiebt, wächst dem Antagonismus eine Verschärfung gerade durch die Zugehörigkeit seiner Parteien zu einer Gruppeneinheit zu“ (Simmel 1958: 209). Dieses affektlogische Denken findet sich auch in der Konflikteskalationstheorie von Ansgar Thiel wieder. Simmel konstatiert, dass sich durch die polarisierende Wirkung des Kampfes Personen den konfligierenden Parteien anschließen, die sonst in keiner Beziehung zueinander stünden (vgl. Simmel 1958: 239).

2.2 Konflikteskalation nach Ansgar Thiel

Um die Problematik des Nordirland-Konfliktes und die Entwicklung der IRA nachzuvollziehen, bietet sich der Konflikteskalationsansatz von Ansgar Thiel als Analysemethode an. In seinem theoretischen Konstrukt finden sich Parallelen zu der tatsächlichen Geschichte der Irish Republican Army.

Thiel beschreibt in seinem Modell vier Eskalationsphasen, die die Konfliktparteien durchlaufen. „In der Logik des Systems geht es dabei um eine sich permanent zuspitzende Gegnerschaft mit einer ständig zunehmenden Bereitschaft, alles zu tun, um aus dieser Gegnerschaft als Sieger hervorzugehen“ (Thiel 2004: 64 f.). Zunächst geht es bei Thiel um die Inklusion neuer Teilnehmer bei gleichzeitiger Kollektivierung affektlogischen Denkens, bevor der Konfliktgegenstand ausgeweitet wird und eine Reduktion der Komplexität stattfindet. Danach steigt die Gewaltbereitschaft der Konfliktparteien an, wobei gleichzeitig der Ausstieg aus dem Konflikt erschwert wird. Thiel nennt dies die „exit-option“ (vgl. Thiel 2004: 65).

Die erste Phase, die Thiel nennt, ist die „Eskalationsphase 1“, in der, wie bereits erwähnt, verstärkt neue Teilnehmer in die Konfliktparteien einbezogen werden. Im Zuge dessen werden weitere Themen in die Auseinandersetzung integriert, was zu einer Stabilisierung des Konfliktsystems führt. Es findet eine Form der Affektlogik statt, die sich dadurch auszeichnet, dass das Denken der Mitglieder der Konfliktparteien durch die Ideologie der Gruppe geprägt wird. Die eingesetzten Konfliktmittel müssen sich in dieser Phase nicht zwangsläufig verschärfen, jedoch steigt die Wahrscheinlichkeit „einer schädigenden Folgewirkung des Konflikts für das System“ (Thiel 2004: 74).

In der zweiten von Thiel benannten Phase werden direkte Angriffe auf die gegnerische Partei unternommen, sei es durch Androhung von Gewalt oder durch Bloßstellung der Gegenseite. Diese Attacken zielen darauf ab, den Gegner als „’Bösewicht’ zu entlarven“ (Thiel 2004: 74). Die Verschärfung der Auseinandersetzung bringt mit sich, dass beide Parteien einen hohen Investitionsaufwand betreiben, und darum fürchten müssen, den Konflikt verlustfrei zu beenden. Durch die hohen Einsätze verringert sich die exit-option, also die Möglichkeit, aus dem Konflikt auszusteigen, enorm. Die zunehmende Aggressivität leitet zur Eskalationsphase 3 über.

In dieser Phase beschränken sich die Angriffe nicht mehr nur auf die Androhung von Gewaltakten, sondern es kommt zu gezielter Anwendung von Gewalt. Dies bezieht sich jedoch nur auf strategische Ziele, fundamentale Schädigungen des Gegners werden zunächst vermieden. Bis zu diesem Zeitpunkt bestünde bei Abbruch des Konfliktes zumindest für eine Partei die Möglichkeit, einen Nutzen daraus zu ziehen, der über den Investitionen liegt. „Doch mit einer erlittenen Schädigung werden die in den Konflikt investierten Kosten so hoch, dass für beide Parteien der jeweils bestmögliche Ausgang des Konflikts der ist, bei dem der eigene Schaden möglichst gering ist“ (Thiel 2004: 75).

Ab der vierten Phase kann keine Partei mehr den Konflikt siegreich beenden, nun geht es nur noch um die Zerstörung des Gegners. Dabei werden die Investitionskosten und Verluste jedoch so hoch, dass es keinen Sieger im eigentlichen Sinne mehr geben kann (vgl. Thiel 2004: 75). Es ist sogar möglich, dass eine Partei die eigene Vernichtung in Kauf nimmt unter der Bedingung, dass auch die Gegenseite eliminiert wird.

Es ist anzumerken, dass bis zum Übergang zur Phase 3 ein Umschalten auf Kooperation und die damit verbundene Beendigung des Konfliktes für beide Seiten gewinnbringender wäre als eine weitere Eskalation. Zu einem späteren Zeitpunkt ist dies ausgeschlossen, da ab Phase 3 die Investitionen und Verluste so hoch werden.

2.3 Strukturelle Kopplung nach Niklas Luhmann

In Anbetracht der historischen Entwicklung des Nordirland-Konfliktes ist es sinnvoll, die Theorie der Strukturellen Kopplung von Niklas Luhmann in die Analyse einfließen zu lassen. Luhmann konzipiert seine Theorie „als Transformation (structural drift) dieses Kopplungs-Zustandes in einen zeitlich nachfolgenden anderen Kopplungs-Zustand“ (Langer 2008: 32 f.). Dieser anfängliche Kopplungszustand bestand darin, dass zwischen der britischen Seite und der IRA bestimmte Erwartungsstrukturen existierten, die sich auf gewaltsame Aktionen gegeneinander beschränkten. Die IRA als terroristische Vereinigung verübte gezielte Anschläge, die von britischer Seite militärisch vergolten wurden. Dabei erwartete sowohl die IRA als auch die Gegenseite nach gewaltsamen Aktionen auch gewaltsame Reaktionen. Diese Erwartungsstrukturen hatten so lange Bestand, bis der politische Arm der Irish Republican Army, Sinn Fein, in Erscheinung getreten ist. An dieser Stelle tritt der von Luhmann formulierte „structural drift“ ein, der eine Transformation der strukturellen Kopplung bewirkte.

In Luhmanns Theorie bestehen zwei gekoppelte Systeme (System A und System B), die bestimmte Erwartungsstrukturen aufgebaut haben, aus denen Reaktionsmöglichkeiten resultieren. Diese Erwartungsstrukturen stellen nach Luhmanns Theorie zugleich Möglichkeitshorizonte dar, die dem System innewohnen. Die eigentliche Transformation beginnt mit einer Irritation. System A lässt sich von einem Ereignis, das von System B ausgeht, irritieren. Gleichzeitig lässt sich System B von Handlungen des Systems A irritieren. Diese unerwarteten Ereignisse passen nicht in die Erwartungsstrukturen, die die beiden Systeme aneinander richten.

Im Anschluss daran findet eine Sensibilisierung beider Systeme auf die unerwarteten Handlungen statt. Die bisherigen Erwartungsstrukturen werden insofern hinfällig, da sich nun beide Systeme unerwarteten Ereignissen gegenübergestellt sehen. Die Systeme müssen sich auf neue Irritationen einstellen (vgl. Langer 2008: 33)

„Mit Hilfe der neu gebildeten, auf die Irritationen-durch-das-andere-System eingerichteten Erwartungen bauen beide Systeme ihre Erwartungsstrukturen so um (und respezifizieren damit ihre Eigenkomplexität), dass sie mit Wiederholungen dieser irritierenden Ereignisse rechnen und diese somit in eine Art ‚reguläre Störungen’ umwandeln“ (Langer 2008: 33). Beide Systeme rechnen also mit gegenseitigen, irritierenden Ereignissen. Somit eröffnen sich neue Handlungsoptionen.

Die Transformation der strukturellen Kopplung ist dann abgeschlossen, wenn beide Systeme vermeintliche Irritationen durch angepasste Strukturen kompensieren können.

Durch diesen Prozess gewinnt die Verbindung beider Systeme an Komplexität.

3.0 Vorstellung der Primärquellen

Eine differenzierte Betrachtungsweise des Nordirland-Konfliktes ist für die Mechanismen-Analyse von grundlegender Bedeutung. Um eine möglichst wertneutrale Analyse zu gewährleisten, ist es wichtig, den Konflikt aus mehreren Blickwinkeln zu betrachten. Dies geschieht durch die Verwendung möglichst unterschiedlicher Primärquellen. Insofern stützt sich die Untersuchung hauptsächlich auf einen Artikel aus der Frankfurter Rundschau vom 2. Dezember 1999. Des Weiteren basiert die Analyse auf einer Ausgabe des SPIEGEL SPECIAL vom Februar 2004. In dieser Ausgabe findet sich eine Sammlung von Dossiers, die speziell Terrorphänomene des 20. Jahrhunderts untersuchen.

Die dritte Grundlage ist eine Dissertation mit dem Thema „Die Irisch-Republikanische Armee (IRA) – Von der Guerilla-Freiheitsarmee zur modernen Untergrundorganisation“ aus dem Jahre 1988. Neben diesen primären Quellen dienen weitere Texte aus verschiedenen Veröffentlichungen sowie ein halb-dokumentarischer Spielfilm aus dem Jahr 2002. Der Film Bloody Sunday basiert auf dem Buch „Eyewithness Bloody Sunday“. Dieses Buch basiert auf autobiographischen Eindrücken zum Blutsonntag, der im Jahre 1972 im nordirischen Derry stattfand.

3.1 Artikel Frankfurter Rundschau

Der Artikel aus der Frankfurter Rundschau erschien am 2. Dezember 1999. Darin erläutert der Autor die historischen Grundlagen und den Verlauf des Nordirland-Konfliktes. Es handelt sich hierbei um eine chronologische Darstellung aus der geschichtlichen Perspektive der Irish Republican Army. Die Besonderheit der Quelle liegt in der zeitlichen Nähe zum Ende des bewaffneten Kampfes. Der Artikel schließt direkt an die Umsetzung des Friedensabkommens von 1998 an. Er kommentiert den Verlauf des Konfliktes und beleuchtet dabei die wichtigsten Geschehnisse der Jahre 1969 bis 1999. Diese Jahre sind gemeinhin als „Troubles“ zu bezeichnen.

3.2 SPIEGEL SPECIAL IRA – Irish Republican Army

Das Dossier im SPIEGEL SPECIAL „Die Terror-Internationale“ konturiert den Verlauf des Nordirland-Konfliktes im Hinblick auf die geschichtlichen Hintergründe. Dabei geht es besonders auf die politischen Aspekte dieser Auseinandersetzung ein. Dabei wird vordergründig auf die taktische Beziehung der gegnerischen Parteien eingegangen. Die Besonderheit dieser Quelle liegt in dem strukturellen Aufbau. Die Gliederung des Artikels ist nicht chronologisch, sondern themenorientiert und bietet daher einen guten Eindruck davon, was in den Etappen des Konfliktes geschehen ist.

3.3 Die Irisch- Republikanische Armee (IRA)

Im Gegensatz zu den vorangegangenen Quellen bietet diese Dissertation einen genauen Überblick über die IRA von ihrer Entstehung zur Entwicklung von der Guerilla-Freiheitsarmee zur modernen Untergrundorganisation. Dabei liegt das Augenmerk auf der Wertfreiheit der dargestellten historischen Entwicklung. Neben äußerst ausführlichen Hintergrundinformationen bietet das Werk einen exakten Abriss der Strukturen innerhalb der Terrororganisation. Auf akribische Art und Weise werden die Fakten aufgezeigt, die zur Wandlung der IRA von einer anfangs relativ unorganisierten Gruppierung zu einer nach militärischem Vorbild aufgebauten Untergrundarmee führten.

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Details

Seiten
33
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783656065050
ISBN (Buch)
9783656064862
Dateigröße
754 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v182416
Institution / Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen – Soziologie
Note
1,0
Schlagworte
mechanismen-analyse terrorphänomens irish republican army

Autor

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Titel: Mechanismen-Analyse des Terrorphänomens der Irish Republican Army