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Zwischen den Welten – Neil Gaimans „The Sandman“ und die Raumtheorie Jurij M. Lotmans

Hausarbeit 2011 24 Seiten

Literaturwissenschaft - Vergleichende Literaturwissenschaft

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Exkurs: Das Erwachen aus dem Traum

3. Die Ordnung der Dinge
3.1 Unendliche Räume
3.2 Die Renaissance der Traumwelt
3.3 Die Entführung des Königs
3.4 Wiederherstellung der Ordnung

4. Schluss

5. Bibliographie

Hinweis:

Da im vorliegenden Sammelband Preludes & Nocturnes gänzlich auf eine Seitenzählung verzichtet wurde, gilt die folgende Zählweise: Sämtliche Seiten, außer die Cover der einzelnen Hefte von Dave McKean, werden mitgezählt, wobei die Zählung bei jedem Einzelheft von vorne beginnt. Der Einfachheit halber erfolgen Quellennachweise direkt hinter dem entsprechenden Zitat in runden Klammern, z.B.: (VI, 3, 5). Die römische Ziffer bezieht sich auf das jeweilige Heft des Bandes. Die zweite Zahl gibt die Seite an. Die letzte Ziffer, falls nötig, steht für das entsprechende Panel. Nachweise der zitierten Sekundärliteratur sind wie üblich in den Fußnoten zu finden.

„Vielleicht sind alle Menschen nur der Traum eines Gottes."

Christian Schwinger[1]

1. Einleitung

Nach langem Kampf gegen das Chaos gelang es dem Homo Faber, das Wirrwarr, das ihn seit Anbeginn der Zeit umgab, zu ordnen. Selbst kleinste Atome vermochte er zu spalten. Die „falsche Klarheit"[2] des Mythos wurde überwunden, Aufklärung und Naturwissenschaft überstrahlten die Dunkelheit des Universums. Fremde, unheimliche Räume wurden annektiert und zu einer rational erklärbaren Welt zusammengefügt. Die „Entzauberung der Welt"[3] vernichtete jene sagenhafte Reiche, deren Herren der Homo Sapiens fortan - getrieben durch die Vernunft - die Existenz absprach.

Jenes Schicksal wurde auch dem Reich der Träume zuteil. Haben ihnen „die alten Völker [...] große Bedeutung beigelegt"[4], erfuhren sie in der Moderne eine Degradierung zu reinen Abfallprodukten, die während des Schlafes verarbeitet werden. Die Schwierigkeit ihrer Deutung mag ein Grund für das in Wissenschaftskreisen geringe Ansehen der Psychoanalyse sein. Der bemühte Interpret steht vor einem geheimnisvollen „Reservoir semiotischer Unbestimmtheit"[5], einer eigenen Welt im Kopf jedes Einzelnen. Hier herrscht ein Dunkel vor, das sich jeglicher Erleuchtung entzieht; eine mythische Welt, die den Menschen vor unlösbare Rätsel stellt. Einzig die „Ausgrenzung in die Irrealität"[6] sichert der „mathematisierten Welt"[7] die Macht über dieses undurchsichtige Chaos.

Ausgerechnet ein literarisches Werk der Moderne versucht diese Barriere aufzulösen. Neil Gaimans Comicreihe The Sandman (erschienen von 1988 bis 1996) zeichnet ein Bild zweier gleichberechtigter Welten, die voneinander abhängen und gegenseitig aufeinander einwirken. Morpheus, der „King of Dreams" (IV, 4, 5), wird hierbei zum Grenzübertritt gezwungen, was die Ordnung der Dinge aus den Fugen reißt.

Diese Art Ereignis, die Verletzung einer gegebenen Grenze und damit die Verletzung der Ordnung, ist ein zentraler Bestandteil aller künstlerischen Texte. Erst durch „die Versetzung einer Figur über die Grenze"[8] entsteht eine bedeutsame Handlung. Lange wurde der Raum als Bestandteil des literarischen Textes vernachlässigt. Erst die Erzähltheorie Jurij M. Lotmans lenkte den Fokus auf diesen Bestandteil der narrativen Struktur und versuchte es zu analysieren. Üblicherweise bewegt sich der Held als aktiver Handlungsträger über die Hindernisse hinweg und verändert dadurch das sogenannte „Gegenfeld"[9]. Alternativ passt er sich an die neue Welt an.

Neil Gaiman präsentiert in The Sandman allerdings einen ungewöhnlich passiven Grenzübertritt, den der Held Dream mit aller Macht rückgängig machen möchte, um die verletzte Ordnung wiederherzustellen. Dieses merkwürdige Verhalten eines Helden soll nun im Folgenden genauer betrachtet werden.[10]

Zuvor wird im zweiten Kapitel versucht, einen kurzen historischen Abriss auszubreiten, der die entscheidenden Veränderungen im Verhältnis zwischen Realität und Traumwelt über die letzten Jahrhunderte erkennbar machen soll.

2. Exkurs: Das Erwachen aus dem Traum

Eile mir, täuschender Traum, zu den rüstigen Schiffen Achaias,

Gehe dort ins Gezelt zu Atreus' Sohn Agamemnon,

Ihm das alles genau zu verkündigen, was ich gebiete."[11]

So befiehlt es Göttervater Zeus. Der von ihm gesandte Traum veranlasst König Agamemnon dazu, die Archaier zur Schlacht auszuführen. Der Traum fungiert in der griechischen Antike als Medium, um die Botschaften der Götter zu empfangen.[12] Während des Schlafes lässt der Mensch das Gefängnis Körper hinter sich und nimmt Kontakt zur sogenannten „Weltseele (Pneuma)"[13] auf. „Durch den Traum streift die Seele die Fesseln der Leiblichkeit ab, schwingt sich in die Lüfte empor und ist ihrem göttlichen Ursprung näher, wodurch sie der Gabe der Weissagung teilhaftig wird."[14]

Von diesen fernen Gegenden aus - jenseits der menschlichen Welt - erlangt die Seele einen erhöhten, unmittelbaren und damit überlegenen Blick, der ihr im Wachzustand verwehrt bleiben muss.[15] Dagegen ist die Wahrnehmung der Welt im Wachsein an die menschlichen Sinne gebunden, die, was Platons Höhlengleichnis eindrucksvoll aufzeigt, täuschen können, ohne dass man sich einer Täuschung bewusst wäre. Damit nimmt der Traum, als eine „Tätigkeit der Phantasie", eine höhere Seinsstufe ein.[16] Diese immaterielle Welt verkörpert für die Griechen das Gute, während das materielle, sprich das irdische, schlecht ist.[17] Der Traum als „heilige Erfahrung des Menschen"[18] brachte ihn den Göttern näher, welche den

Sterblichen - von Zeit zu Zeit - prophetische Botschaften zukommen ließen.[19]

Diese Wahrsagekunst nannten die Griechen ,Mantik', ein Wort, das „dieselbe Wurzel wie das Wort ,Manie'"[20] hat. Das Wahrsagen war also ein Wahnsagen. Die neuzeitliche Abschiebung des Wahnsinns in den Bereich der „Nicht- Vernunft"[21], wie es Michel Foucault in Wahnsinn und Gesellschaft diagnostiziert, war in der Antike noch undenkbar. Zwar nahmen die Griechen die Traumwelt als andere Welt wahr, doch keinesfalls hielten sie sie für irreal.[22]

Mit der Ausbreitung des Christentums geriet der Traum allmählich in Verruf. Das Deuten von Träumen als Prophezeiungen wurde aufgrund der heidnisch-antiken Herkunft des Traumes abgelehnt, obgleich die Christen hierbei in einem Dilemma steckten. Einerseits distanzierte man sich von Traumweissagungen, da deren Botschaften von Dämonen, welche in der Lage sind, die Zukunft vorherzusehen, geschickt werden. Zudem gesteht der christliche Glaube den Menschen einen freien Willen zu, wodurch der Gläubige schlussendlich selbst darauf einwirkt, ob ein Fortleben im Himmel oder in der Hölle sich an sein irdisches Dasein anschließt.[23]

Andererseits findet man in der Bibel zahlreiche Traumdeutungen, z.B. die des weisen Juden Daniel. So gestand die Kirche schließlich den Träumen bzw. Visionen nur dann einen Wahrheitsgehalt zu, wenn sie „vor der Zensur des christlichen Gewissens"[24] bestehen konnten.

Eine „Wiedergeburt der antiken Traumdeutung"[25] erfolgte im 16. Jahrhundert. Geprägt durch das Wüten des ,Schwarzen Todes' in Europa verstärkte sich der Glaube an eine bevorstehende Apokalypse. Die Prophetie erlebte eine wahre Renaissance.[26] Es bestand nun kein Zweifel mehr daran, dass der „Geist des schlafenden Menschen [...] als vorzügliches Empfangsorgan für himmlische Influenzen"[27] geeignet ist. Doch nicht nur die Zukunft konnte sich in den Träumen offenbaren. Auch die Kontaktaufnahme zu den Toten war möglich. Hierfür veröffentlichten einige Gelehrte eigens Anweisungen, die Techniken aufzeigten, um entsprechende Träume zu erzeugen. Paracelsus versprach sich darüber hinaus, das verschollene Wissen alter Meister wieder zu reaktivieren.[28]

Ein Jahrhundert später gerät die Balance zwischen beiden Welten erneut in ein Ungleichgewicht. 1642 veröffentlicht René Descartes seine Meditationen über die Erste Philosophie. Darin äußert er seine Skepsis bezüglich der Existenz der Realität. Ähnlich wie die antiken Griechen hegt er ein Misstrauen gegen das, was ihm seine Sinne als Welt vermitteln. „Aber ich habe entdeckt, daß die Sinne zuweilen täuschen, und Klugheit verlangt, sich niemals blind auf jene zu verlassen, die uns auch nur einmal betrogen haben."[29] Daraus folgt für Descartes jedoch nicht ein Rückzug in die Traumwelt. Er spricht ihr zwar eine größere Freiheit für das Individuum zu, ist sich aber zweifelsfrei im Klaren darüber, dass sie nur eine vorgestellte Welt ist.[30] Stattdessen begründet Descartes seine Existenz mit Hilfe der Tatsache, dass er ein „denkendes Ding"[31] sei, welches durch Gott geschaffen wurde und damit als Ich auch einen Sinn innerhalb der „Gesamtheit der Dinge“[32] hat.

[...]


[1] Christian Schwinger: Wirklichkeit und Traumstruktur. Würzburg: Creator 1988, S. 97.

[2] Max Horkheimer und Theodor W Adorno: Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente. 1 9. Aufl. FaM: Fischer 201 0, S. 4.

[3] Ebd. S. 9.

[4] Sigmund Freud: Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse. FaM: Fischer 2009, S. 81.

[5] Jurij M. Lotman: Kultur und Explosion. Berlin: Suhrkamp 2010 (= Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft 1896), S. 185.

[6] Stefan Niessen: Traum und Realität. Ihre neuzeitliche Trennung. Würzburg: Königshausen & Neumann 1993, S. 148.

[7] Horkheimer 2010: 31.

[8] Jurij M. Lotman: Die Struktur literarischer Texte. 2. Aufl. München: Fink 1981 (= UTB 103), S. 332.

[9] Ebd. S. 342.

[10] Textgrundlage für die Untersuchung ist der erste Sammelband der Reihe, Preludes & Nocturnes, der die ersten acht Hefte umfasst. Er spannt den Bogen von Dreams Gefangennahme sowie den Verlust seiner Kräfte bis hin zur Rehabilitierung Morpheus' und damit verbunden der Wiederherstellung der Ordnung. Für eine Untersuchung in Verbindung mit der Raumtheorie Lotmans ist der erste Band demnach ausreichend.

[11] Homer: Ilias. Odyssee. München: dtv 2002, S. 22.

[12] Vgl. N iessen 1 993: 8.

[13] Ebd. S. 19.

[14] Ebd. S. 11.

[15] Vgl. ebd. S. 22.

[16] Vgl. ebd. S. 21 f.

Diese Einteilung der Welt galt bereits bei autochthonen Völkern als üblich. In totemistischen Systemen sandte der Schutzgeist den Mitgliedern der Sippe, ähnlich der griechischen Götter, Prophezeiungen. Schon damals wurden die seelischen Vorgänge als höher stehend erachtet. (Vgl. Sigmund Freud: Totem und Tabu. Einige Übereinstimmungen im Seelenleben der Wilden und der Neurotiker. 9. Aufl. FaM: Fischer 2005, S. 48, 1 38)

[17] Vgl. N iessen 1 993: S. 21.

Ein Gegner jener Sichtweise war u.a. Aristoteles, der die Meinung vertrat, dass Träume weder von den Göttern noch von sonstigen immateriellen Dingen stammen. Stattdessen würden sie von materiellen Objekten abgesandt und von außen in die Körper eindringen. Diese Ansicht setzte sich jedoch nicht durch. Schnell wurde den Träumen wieder ein höheres Ansehen zuteil. (Vgl. ebd. S. 16, 1 9)

[18] Ebd. S. 33.

[19] Vgl. Lotman 2010: 182.

Da Träume zumeist verworren erscheinen und somit „ungeeignet für die praktische Kommunikation" sind, überrascht es nicht, dass sie „in den Bereich der Kommunikation mit Gottheiten, der Weissagung und Prophezeiung" wechselten. (Vgl. Lotman 2010: 183)

[20] Niessen 1993: 13.

[21] Michel Foucault: Wahnsinn und Gesellschaft. Eine Geschichte des Wahns im Zeitalter der Vernunft. FaM: Suhrkamp 2009 (= Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft 39), S. 7.

[22] Vgl. Niessen 1 993: 33.

Ein schöne Anekdote verdeutlicht dies: „Als Pythagoras gefragt wurde, was es bedeute, daß er im Traum mit seinem verstorbenen Vater gesprochen habe, soll dieser zur Antwort gegeben haben, daß dies überhaupt nichts bedeute, da er ja in Wirklichkeit mit seinem Vater gesprochen habe." (Ebd. S. 12)

[23] Vgl. ebd. S. 39f

Bereits Cicero erkannte die vermeintliche Sinnlosigkeit der Mantik: Um die Zukunft voraussagen zu können, müsse diese bereits feststehen. Damit wäre das Schicksal bereits besiegelt und ein Wissen darum kaum hilfreich. Die Kenntnis würde es gegebenenfalls leichter machen, die kommenden Ereignissen zu ertragen. Würde umgekehrt die Zukunft allerdings noch nicht feststehen, wäre die Mantik gleichsam unmöglich. (Vgl. ebd. S. 27) „Dieser Widerspruch war den Griechen allerdings durchaus bewußt. Er gehört zu den handlungsauslösenden Grundkonflikten der antiken Tragödie: Gerade indem der Protagonist dem Schicksalsspruch des Orakels zu entkommen versucht, trägt er unwissentlich zu dessen Erfüllung bei." (Ebd.)

[24] Niessen 1993: 43.

[25] Ebd. S. 87.

[26] Vgl. ebd.

[27] Ebd. S. 91.

[28] Vgl. ebd. S. 96.

[29] René Descartes: Meditationes de prima philosophia. Lateinisch - Deutsch. Hamburg: Meiner 2008 (= Philosophische Bibliothek 597), S. 35.

[30] Vgl. ebd. S. 43, 45.

[31] Ebd. S. 57.

Bisweilen schützt das Denken nicht vor der Nicht-Existenz, wie einige literarische Werke aufzeigen. „Ich bin kein realer Mensch aus Fleisch und Bein, von Menschen gezeugt. Ich bin nichts anderes als die Gestalt eines Traumes." (Jorge Luis Borges: Werke in 20 Bänden. Hrsg. von Gisbert Haefs und Fritz Arnold. Bd. 1 5: Buch der Träume. FaM: Fischer 1 994, S. 81)

So definiert die Hauptfigur in Papinis Erzählung Der letzte Besuch des Gentiluomo Malato das eigene Dasein. Er lebe nur, weil ein anderer ihn gerade träume. Erwacht sein schlafender Schöpfer, stirbt er. Verwundert lauschen seine Freunde den Worten Malatos, bis dieser schließlich eines Tages spurlos verschwindet.

[32] Descartes 2008: 113.

Details

Seiten
24
Jahr
2011
ISBN (Buch)
9783656061182
Dateigröße
494 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v182498
Institution / Hochschule
Universität Erfurt – Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
Comic Neil Gaiman The Sandman Sandmann Lotman Raumtheorie Grenzüberschreitung Semantische Räume Wirklichkeit Realität Traum Ordnung Dream Welten Graphic Novel Extrempunktregel Grenze Reise Entführung Mythologie

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