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Jesus wendet sich Ausgegrenzten zu. Der Zöllner Zachäus: Eine Begegnung, die verändert (Lk 19,1-10)

Lehrprobe im Fach Religion in Klasse 3 zur Einheit "Jesus geht einen anderen Weg"

Unterrichtsentwurf 2011 40 Seiten

Theologie - Religion als Schulfach

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Zur Ausgangslage des Unterrichts
1.1. Institutionelle Bedingungen
1.2. Zur Situation der Klasse
1.3. Entwicklungspsychologische Voraussetzungen
1.4. Lern- und Leistungssituation der Klasse
1.5. Unterrichtsorganisatorische Aspekte
1.6. Begründung für die Ausweitung der Stunde auf 60 Minuten

2. Überlegungen und Entscheidungen zum Unterrichtsgegenstand
2.2. Didaktische Überlegungen
2.3. Einordnung der Stunde in die Unterrichtseinheit
2.4. Einordnung in den Bildungsplan

3. Intentionen des Unterrichts

4. Überlegungen zum Lehr-Lernprozess – Methodische Überlegungen

5. Verlaufsplanung des Unterrichts

6. Literaturverzeichnis

7. Anhang
7.1. Erzählung nach Lk 19, 1-10
7.2. Arbeitsaufträge

1. Zur Ausgangslage des Unterrichts

1.1. Institutionelle Bedingungen

Die Grundschule … liegt in …. Der Ausländeranteil im Einzugsgebiet ist recht gering, weshalb kaum Schüler mit Migrationshintergrund die Grundschule besuchen.

Die reine Grundschule ist in den Klassenstufen 2 und 4 zweizügig, in den Klassen 1 und 3 dreizügig und hat insgesamt … Schüler1, die von … Lehrkräften und … Pfarrer in … Klassen unterrichtet werden.

1.2. Zur Situation der Klasse

Die Klasse 3 besteht aus 23 Schülern, die sich aus 13 Mädchen und 10 Jungen zusammensetzen. Alle Schüler sind zum evangelischen Religionsunterricht angemeldet. Somit bleibt die Klasse während des Religionsunterrichts im Klassenverband, was sich positiv auf das Unterrichtsgeschehen auswirkt.

Bis auf wenige Ausnahmen zeigen sich die Schüler, unabhängig der Inhalte, motiviert und engagiert. Die vereinbarten Regeln werden zumeist eingehalten.

In der Klasse herrscht ein sehr angenehmes Unterrichtsklima. Das Sozialverhalten der Klasse ist grundsätzlich positiv geprägt. Demokratische und soziale Verhaltensweisen, wie zum Beispiel gegenseitige Rücksichtnahme, Hilfestellung und Gruppenbewusstsein sind in großem Maße vorhanden. Die Kinder gehen hilfsbereit miteinander um und sind bei Gruppen- oder Partnerarbeit meist in der Lage eigenständig und ohne Streitereien ihre jeweilige Gruppe zu organisieren und kooperativ zusammenzuarbeiten. Gleichzeitig lernen die Kinder durch die Sitzeinteilung an den Gruppentischen sich in einer Gruppe einzufügen und haben außerdem die Möglichkeit, aufgrund der regelmäßig wechselnden Sitzordnung, mit allen Kindern in Kontakt zu kommen. Die Schüler haben gelernt sich gegenseitig anzunehmen. Allerdings gibt es einen Schüler, der nur eingeschränkt in das soziale System einbezogen ist. Er ist aufgrund seines oft unpassenden und auffälligen Verhaltens (aufgrund seiner sehr niedrigen Frustrationsgrenze reagiert er bei Misserfolgen schnell gereizt und andern Schülern gegenüber aggressiv) nur wenig in die Klassengemeinschaft integriert und wird oftmals von den anderen ausgegrenzt. Auch kommt es regelmäßig zu Streitigkeiten zwischen ihm und einzelnen Schülern.2

1.3. Entwicklungspsychologische Voraussetzungen

Am Umgang der Schüler mit den – dieser Unterrichtseinheit vorausgehenden – Themenbereichen Schöpfung, Noah, Elisabeth von Thüringen sowie Mose zeigte sich, dass sich die Schüler der Klasse 3a gemäß Fowlers Stufenmodell der religiösen Entwicklung auf der Stufe des mythisch-wortgetreuen Glaubens („Buchstabenglaube“) befinden, das dem konkret-operationalen Denken nach Piaget entspricht. So bereitete den Schülern etwa das Reisen in die ferne, vergangene Welt des Alten Ägypten keine Schwierigkeiten, was zeigt, dass die Schüler die Welt bereits in Kategorien wie Raum und Zeit einordnen können. Gleichsam zeigt das Formulieren von Gefühlen, Gedanken oder Gebeten aus Sicht der Protagonisten zahlreicher Erzählungen bisheriger Religionsstunden wiederum die Fähigkeit der Schüler sich in Personen hineinversetzen sowie deren Perspektiven übernehmen zu können. Der kindliche Egozentrismus ist weitgehend verschwunden. Das mythisch-wortgetreue Glaubensverständnis zeigt sich weiterhin darin, dass die Schüler zwar Wirklichkeit von Fantasie unterscheiden können, Mythen aber wörtlich nehmen und nicht als symbolische Sprache erfassen. So äußerten die Schüler etwa bei der Schaffung des Menschen aus Erde oder dem Wunder Moses am Schilfmeer kaum Zweifel an den geschilderten Situationen.3

Diese Erfahrungen bestätigen auch Osers Ansatz zur Entwicklung des religiösen Urteils, nach dem Kinder dieser Altersgruppe geprägt sind von der Vorstellung, dass es einen allmächtigen Gott gibt, der in die Welt eingreift. Dabei kann das Kind das Handeln Gottes, jedoch beeinflussen – beispielsweise durch das Gebet, das Befolgen von Geboten oder gute Taten –, mit Gott in der Weise eines Tauschverhältnisses gleichsam handeln (Orientierung an „do ut des“).4

Gemäß dem Entwicklungsstufenmodell des moralischen Urteilsvermögens nach Kohlberg befinden sich die Schüler in der 3. Jahrgangsstufe auf Stufe 2 der Prämoralischen Phase. Entsprechend dem Ansatz Osers orientieren sich die Schüler auf dieser Stufe der Moralentwicklung am Prinzip „Do-ut-des“ (lat. ich gebe, damit du gibst). Durch Belohnung und Bestrafung erwünschten bzw. unerwünschten Verhaltens haben die Kinder sich bereits Verhaltensweisen angeeignet, die für das menschliche Zusammenleben notwendig sind. Sie handeln nach der Regel: Alles, was bestraft wird, ist verboten. Alles, was nicht bestraft wird, ist erlaubt. „Ziel bleibt die Befriedigung eigener Bedürfnisse und Wünsche; die Bedürfnisse anderer werden nur respektiert, solange man selbst dabei keinen Nachteil zu erwarten hat.“5

1.4. Lern- und Leistungssituation der Klasse

Die Schüler der Klasse 3 stehen im Allgemeinen dem Fach Religion sehr aufgeschlossen und motiviert gegenüber, zeigen großen Eifer, viel Freude, sowie Ehrgeiz und Interesse, was sich insbesondere darin zeigt, dass Anregungen angenommen und individuell umgesetzt und Inhalte mit Ideenvielfalt versehen werden. Auch die meist rege Beteiligung der Schüler spricht für deren Aufgeschlossenheit und Neugier für neue Inhalte des Religionsunterrichts.

Der allgemeine Leistungsstand der Klasse ist durchschnittlich gut, es gibt keinen Schüler, den man im Fach Religion als leistungsschwach einstufen könnte. Alle Kinder zeigen entsprechend ihren Fähigkeiten – besonders bei kreativen Aufgabenstellungen – ihr Können. Insgesamt zeichnen sich alle Schüler durch engagierte und interessierte Mitarbeit aus. Zu den leistungsstärkeren Schülern, die den Unterricht durch ihre Beiträge stützen und voran bringen, gehören in erster Linie …. Beide sind redegewandt und tragen gerne ihre Gedanken zum Unterrichtsgeschehen bei. Besonders … kann dabei mit detailliertem (Vor-)Wissen das Gespräch bereichern. Auch … beteiligen sich meist gerne und aktiv am Unterricht. Produktive Beiträge leistet daneben auch …, der aus seiner Kinderbibel viele der im Religionsunterricht behandelten Themen schon kennt.

… zeigen im Fach Religion eher schwache bis keine Leistung. Sie fallen insbesondere durch unpassendes Verhalten (laute Gespräche in Ruhephasen, unpassende Äußerungen, Umhergehen) auf, welches die anderen Schüler stört und von ihrer Arbeit ablenkt.

Konsequenzen aus der Lern- und Leistungssituation der Klasse für das Lehrerhandeln Ich sehe meine Aufgabe in erster Linie darin, durch motivierende sowie differenzierte Arbeitsanweisungen und Hilfen auf Leistungs- und Wissensunterschiede der Kinder einzugehen, so dass sich alle Kinder gleichermaßen am Unterricht beteiligen können. An vielen Stellen des Unterrichts habe ich entsprechend auf eine innere Differenzierung geachtet, die es den Schülern ermöglicht, die Aufgaben auf ihrem Niveau – entsprechend ihren individuellen Fähigkeiten und Fertigkeiten – zu lösen.

Sollte ein Schüler im Unterricht durch unangemessenes Verhalten auffallen und dadurch den Stundenverlauf beeinträchtigen, werde ich deutlich auf unsere gemeinsam vereinbarten Regeln hinweisen.

1.5. Unterrichtsorganisatorische Aspekte

Der evangelische Religionsunterricht findet im Klassenzimmer der Klasse 3 statt.

Dieses ist mit einer aufklappbaren magnetischen Tafel, einem Tageslichtprojektor und einem CD-Player ausgestattet, außerdem befinden sich im Zimmer ein Keyboard und eine Gitarre.

Die große, achteckige Form des Klassenzimmers erlaubt es, trotz der sechs sehr großzügig gestellten Gruppentische, im vorderen Teil des Zimmers vor der Tafel einen Steh- oder Stuhlkreis zu bilden oder ein Kino zu stellen. So kann im Unterricht sinnvoll zwischen Arbeitsphasen im Stuhlkreis und Lernphasen am Sitzplatz gewechselt werden

Die vielen Regale innerhalb des Klassenraums bieten unzählige Ablageflächen für Materialien und Arbeitsblätter, was insbesondere Stations- oder Freiarbeit entgegen kommt.

An den Gruppentischen sitzen jeweils vier Schüler. … sitzt an einem Einzeltisch, … sitzt an einem Gruppentisch ohne Sitznachbar. Die Sitzordnung wechselt jede Woche durch ein rotierendes System, sodass die Zusammensetzung der Schüler an den Gruppentischen stets variiert.

Regeln und Rituale

Eine sehr wichtige Rolle im Religionsunterricht der Klasse 3 spielt das zum Schuljahresanfang von mir und den Kindern gemeinsam eingeführte Ritual zu Beginn und am Ende der Religionsstunde. Dieses werde ich unter Punkt 4 „Überlegungen zum Lehr-Lern-Prozess“ näher erläutern.

Ein ritualisiertes Signal ist zudem das Anschlagen der Klangschale, das zum Einleiten eines Phasenwechsels oder zur Ankündigung einer Lehreransage eingesetzt wird.

1.6. Begründung für die Ausweitung der Stunde auf 60 Minuten

Nach langer Überlegung und Planung habe ich mich für die Ausweitung der heutigen Religionsstunde auf 60 Minuten entschieden.

Einerseits soll das Anfangsritual wie gewohnt seinen Platz finden, um die Stunde mit der nötigen Ruhe zu beginnen und den Schülern auf diese Weise Orientierung und Sicherheit zu vermitteln. Ebenso soll auch auf den gemeinsamen, den Schülern vertrauten Abschluss nicht verzichtet werden. Weiterhin sollen die Schüler in den einzelnen Phasen der Stunde die Möglichkeit erhalten, sich intensiv mit der Zachäus-Erzählung auseinanderzusetzen, indem sie sich in die Personen einfühlen, ihre Gedanken und Empfindungen im Gespräch zum Ausdruck bringen sowie durch die Arbeitsaufträge auch selbst kreativ werden. Die entstandenen Schülerresultate sollen – soweit als möglich – noch innerhalb der Stunde gewürdigt werden, wodurch eine Ausweitung der Stunde auf 60 Minuten unerlässlich ist.

2. Überlegungen und Entscheidungen zum Unterrichtsgegenstand

2.1. Elementare Strukturen von Lk 19, 1-10

Der Kontext von Lukas 19, 1-10

Das Lukasevangelium ist „das umfangreichste und sprachlich am sorgfältigsten gestaltete Evangelium. Ebenso wie Mt basiert es auf Mk, der Logienquelle Q und Sondergut.“

Zum literarischen Charakter des Lk als einer geschichtlichen „Erzählung“ passen Szenen wie die Zachäus- und die Emmausgeschichte (19,1-10; 24,13-35); dazu passt auch, dass Jesus selber Geschichten im eigentlichen Sinne des Wortes „erzählt“ (z.B. barmherziger Samariter 10,30-35; „verlorener Sohn“ 15,11-32; Pharisäer und Zöllner 18,9-14).6

Das Lukasevangelium lässt sich grob in sieben Teile gliedern7:

Die Zachäus-Erzählung 19,1-10 gehört zum lukanischen Sondergut – es findet sich bei keinem der anderen Evangelisten. „Das Sondergut-Material ist nicht nur nach seiner literarischen Gestalt (Erzählungen mit deutlich „novellistischen“ Zügen) auffällig, sondern auch nach seiner inhaltlichen Tendenz. Gewarnt wird vor den Gefahren des Reichtums, gemahnt wird zum Tun der Barmherzigkeit.“8

Die Zachäus-Erzählung ist einzuordnen in den „Reisebericht“. Jesu Reise nach Jerusalem beginnt in Vers 9,51 mit den Worten „Es begab sich aber, als die Zeit erfüllt war, dass er hinweggenommen werden sollte, da wandte er sein Angesicht, stracks nach Jerusalem zu wandern.“ Seine letzte Etappe vor Jerusalem ist die Stadt Jericho. Kurz vor Jericho trifft Jesu zunächst auf einen blinden Bettler und macht diesen wieder sehend (Lk 18,35-43). Wie in Lk 19,1 geschrieben steht, ging Jesus „nach Jericho hinein und zog hindurch“, wobei er auf Zachäus traf und bei ihm einkehrte. Das Haus des Zachäus ist Jesu letzter Aufenthaltsort vor seinem Einzug in Jerusalem.

Auf die Erzählung der Perikope Lk 19,1-10 folgt das Gleichnis vom anvertrauten Geld (Lk 19,11-27), der sich dann die Erzählungen von den letzten Tagen Jesu in Jerusalem anschließen (Lk 19,28-21,38).

Der Text – Lukas 19, 1-10 9

1 Und er ging nach Jericho hinein und zog hindurch.
2 Und siehe, da war ein Mann mit Namen Zachäus, der war ein Oberer der Zöllner und war reich.
3 Und er begehrte Jesus, zu sehen, wer er wäre, und konnte es nicht wegen der Menge; denn er war klein von Gestalt.
4 Und er lief voraus und stieg auf einen Maulbeerbaum, um ihn zu sehen; denn dort sollte er durchkommen.
5 Und als Jesus kam an die Stelle kam, sah er auf und sprach zu ihm: Zachäus, steig eilend herunter; denn ich muß heute in deinem Haus einkehren.
6 Und er stieg eilend herunter und nahm ihn auf mit Freuden.
7 Da sie das sahen, murrten sie alle und sprachen: Bei einem Sünder ist er eingekehrt.
8 Zachäus aber trat vor den Herrn und sprach: Siehe, Herr, die Hälfte von meinem Besitz gebe ich den Armen, und wenn ich jemanden betrogen habe, so gebe ich es vierfach zurück.
9 Jesus aber sprach zu ihm: Heute ist diesem Hause Heil widerfahren, denn auch er ist Abrahams Sohn.
10 Denn der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.

Text- und Worterklärungen

V. 1 Und er ging nach Jericho hinein und zog hindurch.

Der erste symbolische Ort des Geschehens ist die Stadt Jericho.10 Die Stadt Jericho war Jesu letzte Station auf seinem letzten Gang nach Jerusalem – Jesu „zog hindurch“ deutet seine Absicht. Zwar wird an dieser Stelle keine Begleitung Jesu erwähnt, man darf jedoch annehmen, dass dieselbe Menge, die auch der Blinde hörte, als sie an ihm vorbeiging (Lk 18,36), mit Jesus durch Jericho zog.

V. 2 Und siehe, da war ein Mann mit Namen Zachäus, der war ein Oberer der Zöllner und war reich.

In Jericho lebt Zachäus. Da „Zachäus“ ein semitischer Name ist, muss er Jude gewesen sein. Der Name „Zachäus“ bedeutet „der Reine, der Gerechte“. 11 Er wird zu Beginn der Perikope nicht als einfacher Zöllner vorgestellt, sondern als Oberzöllner und reicher Mann. Damit gehört Zachäus zu einer Menschengruppe, die von den meisten Juden der Zeit Jesu verachtet und gemieden wurde. „Der Oberzöllner pachtet, wenn er den höchsten Beitrag bieten kann, den Zoll von den Römern und zieht ihn durch seine Angestellten, die Zöllner ein.“12 Zachäus wird von Lukas als der oberste Zöllner dargestellt, womit er der Hauptpächter der Zölle von Jericho ist. Da Jericho eine bedeutende Grenz- und Zollstation in Judäa war – drei große Handelsstraßen trafen hier zusammen –, war diese Zollstation für die Zöllner eine gute Einnahmequelle. Die Zölle wurden an Provinzgrenzen und Stadttoren, an Brücken und wichtigen Straßenkreuzungen auf Waren erhoben. Nicht der Zoll an sich war beim Volk der Anstoß ständigen Ärgernisses, sondern die willkürliche Art ihrer Erhebung durch die Zöllner. Denn für den Einzug der Markt-, Straßen- und Grenzzölle waren zwar Tarife festgesetzt, deren Einhaltung wurde aber nicht überwacht. Der erwirtschaftete Gewinn wurde in die eigene Tasche gesteckt. Darum galten die Zöllner allgemein als Betrüger. Für die frommen, strenggläubigen Juden gab es noch einen weiteren Grund, sich von Zöllnern wie Zachäus abzuwenden und auf sie herabzusehen: Diese kamen durch ihren Beruf ständig in Kontakt mit Nichtjuden, so genannten Heiden, und wurden dadurch nach den Bestimmungen des alttestamentlichen Gesetzes „unrein“. So wurden die Zöllner auch aus diesem Grund gemieden, bedeutete der Umgang mit ihnen doch ebenfalls kultische Unreinheit. Entsprechend waren sie vom erwählten Volk Gottes praktisch ausgeschlossen und durften insbesondere nicht an den Gottesdiensten im Tempel teilnehmen.

V. 3 Und er begehrte Jesus, zu sehen, wer er wäre, und konnte es nicht wegen der Menge; denn er war klein von Gestalt.

Dieser von den Menschen verachtete Zöllner Zachäus ist bestrebt, Jesus zu sehen – und damit denjenigen, von dem das Heil kommt, den die Bibel Messias nennt. „Der Name „Jesus“ bedeutet so viel wie „Gott schenkt Heil.“ 13

Die Initiative geht an dieser Stelle demnach zunächst von Zachäus aus: Zachäus „sucht“ Jesus zu sehen – nach Müller „nicht nur aus Neugierde, sondern aus echtem Interesse an dem bekannten Wundertäter.“14 – War es vielleicht Jesu Ruf als Freund der Sünder und Zöllner, der Zachäus antrieb? Offensichtlich ist, dass Lukas dem Verb „sehen“ hier eine doppelte Bedeutung zugedacht hat: Sehen im Sinne von optischer Wahrnehmung, aber auch Sehen im Sinne von Erkenntnis. Es fällt auf, dass das Wort „sehen“ ganze sechsmal in der Erzählung vorkommt – der gesamte Bibeltext ist darauf aufgebaut. Jedes Mal zeigt das Wort eine neue, unerwartete Perspektive und eine überraschende Wende – es geht um das Neu-Sehen-Lernen.

Mit der Menschenmenge, die Zachäus den Blick auf Jesus versperrt, weil er zu klein ist, ist nicht nur die am Straßenrand stehende Bevölkerung Jerichos gemeint, sondern vermutlich auch die Jesus ständig begleitende – aber nicht explizit erwähnte – Jüngerschaft. Nach Wolters braucht Lukas den Hinweis auf Zachäus’ Körpergröße lediglich, „damit er einen Grund hat, Zachäus auf einen Baum klettern zu lassen, und damit die Geschichte in V.4-5 so weitergehen kann, wie sie weitergeht.“15

V. 4 Und er lief voraus und stieg auf einen Maulbeerbaum, um ihn zu sehen; denn dort sollte er durchkommen.

Nachdem Zachäus aufgrund seiner Körpergröße und der umstehenden Menschenmenge vergeblich versuchte hatte, Jesus zu sehen, berechnete er, wo Jesus vorbeikommen musste, und kletterte auf einen Maulbeergeigenbaum hinauf, deren gekrümmte Stämme oft leicht zu ersteigen sind.16 An dieser Stelle ist der zweite symbolische Ort des Geschehens – ein Baum – erreicht.17 Nach Wolter hätte sich Zachäus Jesus auch einfach in den Weg stellen können, doch unterstellt Lukas Zachäus lediglich das „Sehen-Wollen“ Jesu, was er an dieser Stelle noch einmal ausdrücklich festhält. „Aus Zachäus’ Perspektive hat der Baum also auch die Funktion der Distanzwahrung. Alles Weitere geht dann von Jesus aus.“ Nach Wolter muss Zachäus natürlich auch darum auf einen Baum klettern, damit Jesus ihn überhaupt sehen kann.18

V. 5 Und als Jesus kam an die Stelle kam, sah er auf und sprach zu ihm: Zachäus, steig eilend herunter; denn ich muß heute in deinem Haus einkehren.

An dieser Stelle kommt es nach Wolter zu einem „jähen Richtungswechsel im Erzählverlauf“: „Bevor Zachäus seine Absicht, Jesus zu sehen, realisieren kann, geht die Rolle des Protagonisten auf Jesus über.“19 Das Unerwartete geschieht: Zachäus findet Beachtung und erfährt Achtung. Jesus entdeckt ihn nicht nur in seinem Versteck, sondern schaut ihn an und nennt ihn beim Namen. Er sagt ihm damit: „Du bist mir wichtig!“ 20 Die Wende beginnt demnach mit Jesu erwählendem Blick und Ruf. Jesus lädt sich selbst bei Zachäus ein, wodurch Gottes Barmherzigkeit der Selbsterkenntnis und Umkehr zuvor kommt.21 Das „Einkehren“ impliziert hierbei Dauer, es bezeichnet „die Gemeinschaft Gottes mit dem gläubigen Sünder und ist mehr als ein bloßer Besuch.“ 22 Die Notwendigkeit und Dringlichkeit Jesu Einkehr ist durch die Begriffe „müssen“ und „eilend“ unterstrichen, sowie durch die Zeitangabe „heute“ – die Einladung ist nicht aufschiebbar. „Im „Heute“ erfährt der sündige Zöllner Gottes messianische Heilsgegenwart in Jesus.“ Dieser „muß“ beim Sünder bleiben, weil es so Gottes Heilswille ist.“ Die heilsgeschichtliche Bedeutung wird dabei erst in V. 9 und 10 explizit deutlich.23

Gerade an dieser Stelle hebt sich das Verhalten Jesu vom Verhalten der frommen zu seiner Zeit ab. Er kennt keine Schranken zwischen Mensch und Mensch, zwischen Guten und Bösen, und wo er Schranken findet, sucht er sie zu überwinden. Gottes Einladung gilt allen Menschen. So kann Jesus in Zachäus den Menschen wahrnehmen. Er sieht sofort, dass da nicht bloß ein Neugieriger auf dem Baum sitzt, sondern ein Suchender, der bei all seiner Macht und seinem Reichtum im Grunde seines Herzens nicht glücklich ist. Aber nicht darauf spricht Jesus ihn an. Er geht einfach zu dem Menschen, den alle meiden. Er nimmt ihn bedingungslos an. Er lässt ihn spüren: Auch du bist von Gott geliebt. Auch du gehörst zu Gottes Volk – zu den "Kindern Abrahams", wie es der Bibeltext in V.9 sagt.

[...]


1 Aus Gründen der Vereinfachung wird im vorliegenden Unterrichtsentwurf stellvertretend für den weiblichen und männlichen Plural die maskuline Form verwendet. Der Begriff ‚Schüler’ ist demnach geschlechtsunspezifisch zu verstehen und beinhaltet keinerlei Wertung.

2 Ein Bezug der entwicklungspsychologischen Voraussetzungen der Schüler zu den Inhalten von Lk 19,1-10

erfolgt unter 2.2 Didaktische Überlegungen – Elementare Zugänge.

3 Vgl. Hilger, G. / Ritter, W. H. (2006): Religionsdidaktik Grundschule S.103

4 Vgl. Ebd. S.100

5 Haag, K. F. (1996): Nachdenklich handeln. S.48

6 Conzelmann, H. / Lindemann, A. (2004): Arbeitsbuch zum Neuen Testament. S.338f

7 Vgl. Ebd. S.339

8 Ebd. S.341

9 Nach der Übersetzung Martin Luthers

10 Vgl. Thalmann, F. (2006): „Heute noch muss ich in deinem Hause zu Gast sein.“ S.8

11 Schweizer, E. (1986): Das Evangelium nach Lukas. S.193

12 Ebd. S.193

13 Thalmann, F. (2006): „Heute noch muss ich in deinem Hause zu Gast sein.“ S.8

14 Müller, P.-G. (1984): Lukas-Evangelium. S.147

15 Wolter, M. (2008): Das Lukasevangelium. S.612

16 Schlatter, A. (1987): Die Evangelien nach Markus und Lukas. S.356

17 Vgl. Thalmann, F. (2006): „Heute noch muss ich in deinem Hause zu Gast sein.“ S.8

18 Wolter, M. (2008): Das Lukasevangelium. S.612

19 Ebd. S. 612

20 Vgl. Thalmann, F. (2006): „Heute noch muss ich in deinem Hause zu Gast sein.“ S.8

21 Schweizer, E. (1986): Das Evangelium nach Lukas. S.193

22 Müller, P.-G. (1984): Lukas-Evangelium. S.147

23 Ebd. S.147

Details

Seiten
40
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656089308
ISBN (Buch)
9783656089469
Dateigröße
922 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v182571
Note
1,0
Schlagworte
jesus ausgegrenzten zöllner zachäus begegnung lehrprobe fach religion klasse einheit

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Titel: Jesus wendet sich Ausgegrenzten zu.  Der Zöllner Zachäus: Eine Begegnung, die verändert  (Lk 19,1-10)