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Zur Viktimologie in der Schule

Schülerinnen und Schüler als Opfer

Examensarbeit 2011 88 Seiten

Pädagogik - Schulpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

TABELLEN- UND ABBILDUNGSVERZEICHNIS

ABKüRZUNGSVERZEICHNIS

EINLEITUNG

1. ZU DEM BEITRAG DER VIKTIMOLOGIE
1.1 Definition und Aufgabe
1.2 Geschichte und gegenwärtiger Stand
1.3 Fragestellungen der Viktimologie
1.3.1 Zur Person des Opfers
1.3.2 Verbrechensfurcht
1.3.3 Täter-Opfer-Beziehung
1.4 Prozess der Viktimisierung
1.5 Zusammenfassung

2 THEORIEN ZUR SOZIOLOGIE DES OPFERS
2.1 Was bedeutet Opfer sein - eine Definition
2.2 Opfertypologien
2.2.1 Typologie von v. Hentig (1948)
2.2.2 Typologie von Mendelsohn (1956)
2.2.3 Typologie von Sellin/Wolfgang (1964)
2.2.4 Typologie von Fattah (1967)
2.3 Theorien der Viktimisierung
2.3.1 Situationsorientierte Theorien
2.3.1.1 Das Lebensstilkonzept
2.3.1.2 Das Konzept der Routineaktivität
2.3.2 Opferkarrieren
2.3.2.1 Lern- oder etikettierungstheoretisch
2.3.2.2 Die Theorie der erlernten Hilflosigkeit
2.3.3 Die Theorie der Opferpräzipation
2.4 Zusammenfassung

3 EXKURS: GEWALT AN SCHULEN ALS PäDAGOGISCHES PROBLEM
3.1 Forschungsstand zur Gewaltentwicklung an Schulen
3.2 Statistische Befunde
3.2.1 Schulische Befunde nach dem Bundesverband für Unfallkassen
3.2.2 Kriminalistische Befunde über Kinder und Jugendliche allgemein
3.3 Schulische Gewaltformen
3.4 Zusammenfassung

4 SCHüLERINNEN UND SCHüLER: DIE OPFER VON GEWALT
4.01 Jugendliche Opfer im Schulkontext
4.02 Einflussfaktoren der Opferwahrscheinlichkeit
4.02.1 Physische und psychische Merkmale
4.02.2 Familiäres Umfeld / Cliquenmitgliedschaft
4.02.3 Schulkontext
4.02.4 Soziale Akzeptanz
4.02.5 Abweichendes Verhalten und Gewaltaffinität
4.03 Opfertypologie der Schüler
4.04 Erkennung der Opfer durch mögliche Anzeichen
4.05 Schüler als Täter / Opfer
4.06 Täter-Opfer-Beziehung im Schulkontext
4.07 Angst Opfer zu werden
4.08 Anzeigeverhalten jugendlicher Opfer
4.09 Auswirkungen und Folgen für die Schulopfer
4.10 Zusammenfassung

5 WAS FüR (SCHUL-) OPFER GETAN WERDEN KANN
5.1 Zur rechtlichen Opferentschädigung und Wiedergutmachung im Allgemeinen
5.2 Zu den Hilfen der Schulopfer
5.3 Schulische Gewaltprävention und -intervention
5.3.1 Präventionsformen und gegenwärtiger Stand
5.3.2 Präventionsprogramme - ein schulumfassendes Interventionsbeispiel
5.3.3 Außerschulisches Präventionskonzept für Jugendliche und Schüler - der Täter-Opfer-Ausgleich
5.4 Zusammenfassung

6 AUSBLICK:
6.1 Zur Viktimologie im Allgemeinen
6.2 Zur Viktimologie im Kontext Schule

LITERATURVERZEICHNIS

ANHANG

TABELLENVERZEICHNIS:

Tabelle 1: Arten sozialer Beziehungen bei Personen

Tabelle 2: Opfertypologie nach Mendelsohn Tabelle 3: (Gewalt-) Präventionsformen

ABBILDUNGSVERZEICHNIS:

Abbildung 1: Gewaltkriminalität in Deutschland anhand der Altersstruktur

Abbildung 2: Überblick über Häufigkeiten von Gewaltformen in Schulen als Opfer und Täter

Abbildung 3: Viktimisierung durch Schulgewalt Abbildung 4: Familienklima und Opfer-Status

Abbildung 5: Jugendliche Opfer krimineller Handlungen in der Schule (mind. einmal im Jahr 2000) nach besuchtem Schultyp

Abbildung 6: Deliktspezifische Anzeigequote Jugendlicher

Abbildung 7: Ansprechpartner für Jugendliche nach einer Viktimisierung

ABBKüRZUNGSVERZEICHNIS

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Einleitung

Schüler1 werden immer wieder im Kontext Schule zum Opfer. Es ergeben sich ständig neue Möglichkeiten für Täter, Schüler zum Opfer werden zu lassen. Gerade Internetportale wie iShareGossip, StudiVZ oder Facebook werden von fast allen Schülern in Anspruch genommen und bieten neue Gewaltgelegenheiten.

Joel ist auf seinen Facebook-Account und hat diesen Link auf seiner Pinnwand entdeckt und hat logischerweise darauf geklickt und es hat sich diese pornografische Homepage ge ö ffnet, wo er als schwul dargestellt wurde. Der Freund hat gesagt, dass der Joel komplett schockiert war, komplett au ß er sich, wahrscheinlich weil er auch gedacht hat, wenn er montags in die Schule geht, dann ist er nicht nur der Fette, der der die uncoolen Klamotten anhat, dann ist er auch noch der Schwule. Und welches Kind mit 13 Jahren hält das denn aus, dass er so dargestellt wird, dass das jeder sehen konnte. Und der Junge hat dann gesagt, er ist dann aufs Klo gegangen und eh er wiederkam war die Balkontür offen und Joel war weg … erzählt eine Mutter, im Spiegel TV Magazin2, unter Tränen. Der Berichterstatter schildert weiter: „Dann rannte ihr Sohn auf die Bahngleise, legte sich auf die Schienen und nahm sich das Leben.“

Aktuell in den Medien wird über die im Internet befindliche Mobbing- Plattform iShareGossip berichtet. Dieses Mobbingportal existiert seit ein paar Wochen. Schüler können dort anonym ihren Meinungen über Klassenkameraden und Mitschüler, die mit vollständigem Namen erwähnt werden, freien Lauf lassen. Schlimme Beschimpfungen, Lästereien und Gerüchte werden veröffentlicht. Angeblich seien Einträge und Kommentare auf der Webseite nicht zurückzuverfolgen. Anfang Februar diesen Jahres wird die Homepage gesperrt, die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen die Betreiber der Seite.3

Opfer zu werden bedeutet heute nicht mehr zwangsläufig einem Täter gegenüberzustehen. Schüler können auf ganz verschiedene Weise zum Opfer werden. Die Auswirkungen solcher indirekt verbalen Attacken können genauso schwerwiegend für die viktimisierten Schüler sein, wie die anderer Gewaltformen. Heutzutage werden nicht nur räumliche Grenzen überschritten. Besonders durch das Medium Internet bleiben Täter oftmals anonym. Das Opfer hat keine Chance sich zu wehren, sich zu verteidigen, genauso wenig besteht die Möglichkeit zu einer Wiedergutmachung.

Die Viktimologie hat in den letzten Jahren einen großen Beitrag zum Verständnis und zur Beachtung des Opfers beigetragen. Bei Betrachtung der Viktimologie im Kontext Schule, fällt jedoch auf, dass es diesbezüglich kaum wissenschaftliche Befunde bzw. Literatur gibt. Das kann u. a. daran liegen, dass der Bereich der Viktimologie noch relativ jung ist, bzw. das Augenmerk hauptsächlich immer noch, auch im Schulbereich, auf den Täter gerichtet ist. Jedoch verdient das Opfer in der Kriminologie genau so viel Aufmerksamkeit wie der Täter, und es ist nicht möglich Täter und Opfer strikt zu trennen.

Die Viktimologie eröffnet uns eine Welt, Opfer (-verhalten) besser zu verstehen und es zu beachten. Vor allem für die Verbrechensvorbeugung spielt das eine große Rolle. Menschen stecken noch in den Kinderschuhen und werden schon Opfer, nicht nur erwachsene Menschen erleiden ein solches Schicksal.

Diese Arbeit beschäftigt sich im Hauptteil mit dem Schulopfer; der Schüler als viktimisierter Jugendlicher.

Zu Beginn wird den Fragen nachgegangen, was Viktimologie bedeutet und was wir durch sie erfahren. Die Typologien und Theorien der Viktimisierung lassen uns die Welt des Opfers besser verstehen.

Hiernach erfolgt ein kurzer Exkurs über das pädagogische Gewaltproblem an unseren Schulen. Anschließend kommt es zu einem Rückgriff auf die im ersten Teil der Arbeit aufgezeigten Fragestellungen der Viktimologie in Bezug auf die Schüler.

Wie hilft uns diese Wissenschaft im Schulkontext weiter? Warum werden einige Schüler zum Opfer, oft mehrmals und andere nicht? Inwiefern beeinflusst das Opfer den Täter bzw. zieht das Opfer seinen Täter (un-) bewusst an? Wie verhält sich das Opfer nach der Tat, wie lebt es weiter etc.? Unter Punkt fünf wird dargelegt, was für die Opfer nach der Tat getan werden kann. Bei Betrachtung der rechtlichen Lage, werden die Opferentschädigung und die Wiedergutmachung beleuchtet. Es wird aufgezeigt, was sich innerhalb der letzten Jahre bezüglich der Opferstellung verändert hat. Anschließend richtet sich das Augenmerk auf die Schulopfer. Welche Hilfen bieten sich ihnen nach der Tat und welche Hilfen nehmen sie erfahrungsgemäß in Anspruch.

Um Viktimisierungen vorzubeugen, bzw. um in Gewalthandlungen an Schulen eingreifen zu können, stellt die Arbeit effektiv erwiesene Programme und Vorschläge vor, die Möglichkeiten für Schulen darstellen, mit der Gewalt umzugehen.

1. Zu dem Beitrag der Viktimologie

1.1 Definition und Aufgabe

Die Viktimologie ist die Wissenschaft von (Verbrechens-) Opfern. Die genaue Zuordnung dieser Wissenschaft ist jedoch schon seit ihren Anfängen umstritten. Mendelsohn (1956) geht von einem nicht auf Verbrechensopfer beschränkten, allgemeinen Opferbegriff aus. Hentig (1948) spricht von einer kriminologischen Teildisziplin, andere sehen in ihr nur ein Studienfeld.4

Immerhin zeigt sich inzwischen eine Konvergenz insoweit, als wohl mehrheitlich Viktimologie als Zweig der Kriminologie mit einer speziellen Perspektive aufgefasst wird, es sich aber um kein autonomes, von der übrigen Kriminologie unabhängiges Wissensgebiet handelt.5

Der Untersuchungsgegenstand dieser Wissenschaft ist u. a. die Täter-Opfer- Beziehung vor, während und nach der Tat. Die Persönlichkeit des Opfers, wie auch dessen Einstellung zu Tat und Täter werden betrachtet. Umfang und Art der Beteiligung des Opfers an der Straftat werden analysiert. Es stellt sich die Frage, welche Rolle das Opfer bei der Verbrechensentstehung gespielt hat. Erforscht werden weiterhin die wirtschaftlichen, sozialen, körperlichen und psychischen Früh- und Spätschäden des Verbrechensopfers.6 Dadurch sollen Präventionssysteme und Therapiemöglichkeiten entstehen, um das Opferrisiko zu minimieren.7

Zusammenfassend und grob gesagt, geht es um „die Erscheinungsformen, Ursachen, Folgen und prophylaktischen Maßnahmen im Prozess der Opferwerdung.“8

Wichtig zu erwähnen ist, dass die Betrachtung aus dem Blickwinkel des Opfers keine Schuldzuweisung darstellen soll. Sie gibt Aufschluss über die Interaktion zwischen Täter und Opfer. Wie sinnvoll und wichtig es ist, Täter und Opfer als zusammengehörig zu betrachten, wird unter Punkt 1.3.3 (Täter-Opfer- Beziehung) näher erläutert.

1.2 Geschichte und gegenwärtiger Stand

In der Mitte des 18. Jahrhunderts wird begonnen, sich für kriminelles Verhalten zu interessieren. Es ist eine Orientierung der ersten Kriminologen am Delinquenten. Die Frage nach der Täterpersönlichkeit und „der sozialen Bedingtheit der Verbrechensbegehung“9 rückt in den Vordergrund. Das Opfer wird jedoch nur als Beweismittel, als ein Objekt zur Überführung des Täters gesehen.

Später machte der Staat die Justiz zu seiner Aufgabe und betrachtete das Vergehen als einen Angriff des Staates, was unter anderem zur Folge hatte, daß [!] das Opfer, oder die durch die Handlung oder das Vergehen direkt betroffene Person, in der Rangliste an die zweite Stelle rutschte.10

Allerdings bleibt es bei der Ansicht des aktiven Täters und des passiven, geschädigten Opfers.

Die gesamte Schuld wird regelmäßig auf den Täter geschoben, ohne den dynamischen Aspekt des Verbrechens von jeder Seite her in Betracht zu ziehen und ohne das mitverursachende Verhalten durch das Opfer maßgeblich mit zu berücksichtigen, das die ganze Entwicklung zum Verbrechen hin stark beeinflußt [!] haben kann.11

Erst nach dem Zweiten Weltkrieg kommt es zur Entstehung der Viktimologie. Das Opfer wird international zum kriminologischen Forschungsobjekt.12

Zu Beginn der Viktimologie liegt das Interesse auf schweren Straftaten.

Betrachtet werden beispielsweise

[…]die Wechselbeziehungen zwischen Tätern und Opfern [...], die Mitwirkung des Opfers [...], die Kriminalität im sozialen Nahraum und der Schutz des Täters durch das Opfer […], die Suche nach kriminogenen Faktoren beim Opfer und die Erstellung erster Typologien.13

Es ist allerdings nicht genau geklärt, wer den Begriff der Viktimologie zuerst verwendet hat. Nagel vertritt die Meinung, dass Benjamin Mendelsohn, ein Rechtsanwalt aus Jerusalem, den Begriff erstmals 1947 auf einem Vortrag in Bukarest benutzte.14 Armand Mergen sieht in Hans v. Hentig den Begründer der Viktimologie, welcher sich schon 1934 in der Kölner Zeitschrift über die Rolle des Verbrechensopfers äußerte und „1948 mit seinem Werk „The Criminal and his victim“ [...] als Erster unerforschtes Gebiet“15 betrat.

Das Opfer wird von nun an nicht mehr nur als passives Objekt angesehen, sondern als aktives Subjekt. Amelunxen spricht von einer Etablierung der Viktimologie als eine angesehene Teildisziplin der Kriminologie.16 Ab dem Jahr 1970 ist das Opfer in Deutschland zum Gegenstand der Kriminologie geworden.

Jedoch nicht nur bei uns sorgen Forscher und Praktiker, wie zum Beispiel Schultz (1956), Paasch (1956), Amelunxen (1970), Schneider (1975) und Kirchhoff/Sessar (1979) für eine fokussiertere Betrachtung der Opferstellung. Auch im Ausland, wie in Amerika, Japan, den Niederlanden, Großbritannien und Kanada kommt es zu Forschungstraditionen. Weltweit gibt es „zwei viktimologische Zentren, die sich in der Forschung spezialisieren und die Konferenzen und Seminare durchführen […]:

- das Internationale Viktimologie Institut der Universität

Tilburg/Niederlande und

- das Internationale Viktimologie Institut an der Tokiwa Universität in Mito/Japan.“17

1.3 Fragestellungen der Viktimologie

Wie schon unter Punkt 1.1 (Definition und Aufgabe) erläutert, widmet sich die Viktimologie vielen Aufgaben bezüglich des Verbrechensopfers. Im Folgenden sollen viktimologische Fragestellungen und Bezugspunkte über die Person des Opfers, die Verbrechensfurcht und die Täter-Opfer-Beziehung angeführt werden.

1.3.1 Zur Person des Opfers

Zunächst einmal ist festzuhalten, dass es aus viktimologischer Sicht nicht begründet ist, bestimmte Erbfaktoren einer Opfereignung bzw. -neigung zuzuschreiben. Zur Viktimisierung führen individuelle, näher zu beschreibende Sozialprozesse.18

In der viktimologischen Prognoseforschung ist auf Grund der

Persönlichkeitsmerkmale, der Einstellungen, der

Beziehungen und der Kennzeichen des sozialen Nahraums des Opfers zu erarbeiten, mit wie hoher Wahrscheinlichkeit eine Person dazu neigt, Opfer zu werden.19

Die folgenden acht gewählten Opfervariablen Alter, Geschlecht, Familienstand und Haushaltsgröße, geringe soziale Integration, Wohnort, Nationalität, körperliche Merkmale und Opferpersönlichkeit sowie Sozialstatus und Beruf, werden zunächst isoliert betrachtet. Je nach ihrer Ausprägung und ihrer Verbindung, welche sie mit anderen Variablen eingehen, kann es zu viktimogenen Effekten kommen.20

(1) Alter: Das Alter kann im Zusammenhang mit dem Viktimisierungsrisiko von entscheidender Bedeutung sein. Kiefl und Lamnek (1986, S. 186) erwähnen, dass ältere Menschen, die aufgrund ihrer physischen, mentalen und psychischen Einschränkung und wegen ihrer relativen sozialen Isolation bevorzugt Opfer werden. Im Gegensatz dazu, besitzen junge Menschen ein hohes Viktimisierungsrisiko aufgrund ihrer aktiven Teilnahme am Leben. Meier (2007, S. 205) spricht von einem deutlich höheren Risiko bei Jugendlichen bzw. Heranwachsenden, als bei älteren Menschen, vor allem bei Delikten mit direktem Kontakt zwischen Täter und Opfer. Auch Walter (2008, S. 101) redet von einer etwa fünfmal so hohen Opferbelastung bei jungen Menschen unter 21 Jahren, als bei älteren Menschen von über 60 Jahren.

(2) Geschlecht: Das Geschlecht spielt in der deliktspezifischen Betrachtungsweise eine wichtige Rolle. Bei Sexualdelikten werden fast ausschließlich Frauen zum Opfer. Männer scheinen nach Meier (2007, S. 205) stärker von körperlicher Gewalt betroffen zu sein. Betrachtet man die übrigen Delikte ist das Risiko Opfer zu werden jedoch relativ gleichgeschlechtlich verteilt.

(3) Familienstand und Haushaltsgröße: Ebenso wie bei dem Geschlecht ist auch bei dem Familienstand die deliktspezifische Betrachtung entscheidend. Besonders bei den Kontaktdelikten spielt es eine Rolle, ob man ledig, geschieden und/oder getrennt lebend ist, da diese Familienstände besonders betroffen sind. Hingegen bei Diebstahlsdelikten stehen Haushaltsgröße bzw. -einkommen im Vordergrund. „Haushalte mit drei oder mehr Personen und einem vergleichsweise hohen Einkommen werden häufiger in Straftaten verwickelt als kleine Haushalte und Haushalte mit geringem Einkommen.“21

(4) Geringe soziale Integration: Die geringe soziale Integration bzw. die Isolation führt häufig dazu, Opfer eines Verbrechens zu werden. Dieses viktimogene Merkmal überschneidet sich in einigen Punkten mit der vorherigen Variablen, dem Familienstand bzw. der Haushaltsgröße. Als eine Ursache für die weit verbreitete Isolation führen Kiefl und Lamnek (1986, S. 198) die moderne, anonyme Wohn- und Lebensweise (1-Personen-Haushalt in Apartmenthäusern) unserer Gesellschaft an. Zur Kontrolle durch Familienangehörige oder Nachbarn kommt es häufig nicht mehr, was Tätern entgegenkommt. Die geringe soziale Integration bedeutet ebenfalls, dass sich die Opfer die meiste Zeit alleine zuhause aufhalten. Die nächste Variable geht auf diesen Punkt genauer ein.

(5) Wohnort: Das Risiko Opfer in dem eigenen Haus oder in der näheren Wohnumgebung zu werden, ist im Vergleich zu distanzierten Orten größer. Jedoch dürfen nicht die ebenfalls häufigen Delikte im Ausland (im Urlaub bzw. auf Geschäftsreisen) unbeachtet bleiben, vor allem die Diebstahldelikte. Geographisch gesehen scheint es in Nord- und Ostdeutschland ein höheres Opferrisiko zu geben als im Süden. Ebenso scheinen Menschen, die in Städten, deren Einwohnerzahl über 100.000 liegt, viktimisierter zu sein, als Menschen die in Gemeinden mit weniger als 5.000 Einwohnern leben.22

(6) Nationalität: Personengruppen wie Fremde, Emigranten, Angehörige von Minderheiten und Flüchtlinge, sind einem erhöhten Viktimisierungsrisiko ausgesetzt, da sie aufgrund ihrer Sprachbarrieren, ohne großen sozialen Rückhalt und mit eventuellen Problemen der neuen, fremden Aufnahmegesellschaft, als wehrlose Opfer erscheinen.23 „Der Status des Fremden erleichtert die Opferwerdung bei utilitaristisch motivierten Delikten aufgrund vermuteter (relativer) sozialer Inkompetenz.“24

(7) Körperliche Merkmale und Opferpersönlichkeit: Die körperliche Konstitution ist vor allem bei Gewalt- und Affektdelikten entscheidend. In vielen Fällen wird auch erst in der Tatsituation klar, wer Täter und wer Opfer ist. Es spielen Merkmale wie Kraft, Ausdauer, Reaktionsgeschwindigkeit, jedoch auch die Alkoholverträglichkeit, eine entscheidende Rolle.25 Die körperlichen Merkmale stehen häufig in Verbindung mit den psychischen Eigenschaften. Ist eine Schülerin bspw. überdurchschnittlich groß und bekommt aufgrund ihrer Größe Minderwertigkeitskomplexe, ist ihr Selbstbewusstsein dadurch eingeschränkt. Diese psychische Einschränkung strahlt einen schwachen Willen und geringes Durchsetzungsvermögen aus, was einem potentiellen Täter auffällt und ihm eine höhere Opferbereitschaft signalisiert.

Kiefl und Lamnek (1986, S. 205) geben an, dass sich mit der Frage, inwieweit allgemeine Lebenseinstellungen und psychische Haltungen eine generelle Opferneigung fördern, schon seit längerer Zeit beschäftigt wird. Es wird deutlich, dass es durchaus Eigenschaften gibt, die eine Viktimisierung erleichtern. Angeführt werden bspw. die Opfereigenschaften „Gewinnsucht“ und „Lebensgier“, die Betrugsfälle begünstigen. Ebenso wird betont, dass bei einer solchen Fragestellung auch die Sozialisationsgeschichte des Opfers betrachtet werden muss. Wird z. B. ein Schüler häufig in der Schule zum Gewaltopfer durch seine Mitschüler, wird er zukünftige Situationen eher als bedrohlich einschätzen, als Schüler die diese Erfahrungen (noch) nicht gemacht haben. Er nimmt voraussichtlich schneller „eine Demuts- oder eine feindselige Haltung ein[..], womit Aggressionen der Interaktionspartner womöglich erst provoziert werden.“26

Es kann festgehalten werden, dass manche Persönlichkeitsmerkmale zu deliktspezifischen viktimogenen Situationen führen können:

- niedriger Intellekt [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] Betrug
- bestimmte perverse Neigung [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] (schweigsames und zahlungswilliges) Erpressungsopfer
- Depressionen [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] Selbsttötung

(8) Sozialstatus / Beruf: Wenn das Viktimisierungsrisiko in Bezug auf die Sozialschicht betrachtet wird, muss wieder nach den Delikten unterschieden werde. Im Allgemeinen kann festgehalten werden, dass niedrigere Einkommensschichten in der Regel ein höheres Risiko aufweisen, Opfer zu werden.27 Die unteren sozialen Schichten scheinen nach Schneider (1975, S. 58) und Kunz (2004, S. 294) eher von Gewaltdelikten betroffen zu sein, die der höheren Schichten eher von Diebstählen und Einbrüchen.

Erwartungsgemäß spielt auch der Beruf, bezüglich des Viktimisierungsrisikos, eine entscheidende Rolle. Kiefl und Lamnek (1986, S. 197) führen eine Reihe Berufspositionen an, die bspw. wegen ihres nahen Bezugs zum Geld oder ihrer Nähe zu potentiellen Tätern, häufig gefährdet sind: Geldboten, Kassierer, Ladeninhaber, Händler, Taxifahrer, Kellner, Prostituierte, Zuhälter, Polizisten, Wachpersonal, Vertreter, Journalisten.28

1.3.2 Verbrechensfurcht

Weiterhin ist für die Viktimologie die Beziehung zwischen Furcht vor dem Verbrechen und Opferwerden von Bedeutung und Interesse. Die Furcht vor dem Verbrechen ist „ein komplexes Phänomen, in welchem sich kognitive [..], emotionale [..] und verhaltensbezogene Aspekte verbinden.“30 Zum einen stellt sich die Frage, ob die Viktimisierung die Furcht vor dem Verbrechen steigert, zum anderen, ob die Furcht vor dem Verbrechen „direkt oder über spezifische Vermittlungsprozesse Viktimisierung hervorrufen kann.“29 31 Es ist wissenswert, inwieweit die Verbrechensfurcht die kriminalpolitische Vorstellung der Bevölkerung beeinflusst.32

Belegbar ist, dass diese Furcht in allen Bevölkerungsschichten vorhanden und genauso wie das Risiko Opfer zu werden, in der Masse nicht gleichermaßen vorzufinden ist. Kunz (2004, S. 300-301) führt an, dass Befragte, die über große Furcht berichten, meistens ein geringes objektives Opferrisiko aufweisen und umgekehrt.

Zu vermuten steht, dass die Kriminalitätsfurcht weniger mit konkret vorausgesehenen oder erlebten Opfererfahrungen als mit der persönlichen Einschätzung der eigenen Verletzbarkeit und der Bewältigungsfähigkeit von Opferereignissen und deren Folgen zu tun hat.33

Auch wenn jemand noch nicht zum Opfer geworden ist, kann es zur Furcht kommen, z. B. durch die große Medienpräsenz sensationeller Kriminalfälle. Durch eine „verfehlte Einstellung zur Kriminalität“34, u. a. durch politische Instanzen und die Massenmedien, fehlt es an der Mitarbeit der Bevölkerung bezüglich der Verbrechensbekämpfung.

Statt dessen [!] wird aus der Kriminalitätsaufklärung ein spannendes Spiel, ein Sport gemacht. Das Problem der sozialen Kontrolle der Kriminalität wird auf die punktuelle Einzelfrage der Verbrechensaufklärung reduziert.35

1.3.3 Täter-Opfer-Beziehung

Wie schon in Punkt 1.2 (Geschichte und gegenwärtiger Stand) erwähnt, wird das Opfer vor Beginn der Viktimologie außer Acht gelassen. So werden auch die Rollen des Opfers und des Täters nur isoliert betrachtet und in die aktive, schuldige Rolle des Täters und die passive, unschuldige Rolle des erleidenden Opfers unterteilt. Jedoch muss die „Persönlichkeit des Täters [..] von der Persönlichkeit des Opfers her gesehen und aus der Täter-Opfer-Beziehung heraus beurteilt werden.“36

Aus viktimologischer Sicht gilt es soziale Beziehungen in objektive und subjektive zu unterscheiden. Diese Beziehungen leben in Wechselwirkung und Gegenseitigkeit und „setzen wechselseitige Einwirkungen und Verhaltensformen voraus, einschließlich der dahinter stehenden Motivationen, Sinngebungen und Zwecksetzungen.“37

Die Arten der sozialen Beziehungen sollen anhand von Tabelle 1 erläutert werden. Allerdings ist anzumerken, dass diese Beziehungen ineinander übergehen und nicht deutlich voneinander getrennt werden können. „Die Art der bestehenden sozialen Beziehungen zwischen Täter und Opfer kann Ursache einer Straftat sein, diese nur mitbedingen oder erleichtern.“38

Tabelle 1: Arten sozialer Beziehungen bei Personen

Quelle: Eigene Darstellung aus Kiefl/Lamnek, 1986, S. 208 und Schneider, 1975, S. 99.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Kiefl und Lamnek (1986, S. 208) führen wichtige Variablen bezüglich der Beziehungstypen an, zwischen denen fließende Übergänge bestehen:

- Dauer der Bekanntschaft von Täter und Opfer;
- Intensität der Beziehung;
- Art des Kontakts (z. B. beruflich oder privat);
- Grad der Wechselseitigkeit der Beziehung (bspw. kann das Opfer dem

Täter sehr viel bedeuten, umgekehrt jedoch nicht);

- Macht- und Autoritätsgefälle zwischen Täter und Opfer;
- Art des Delikts (für manche Delikte ist es bedeutend, dass keine, eine einseitige oder eine wechselseitige Täter-Opfer-Beziehung besteht).

1.4 Prozess der Viktimisierung

Der Prozess der Viktimisierung teilt sich in drei Phasen: die primäre, die sekundäre und die tertiäre Viktimisierung. Zwischen diesen Phasen muss nicht notwendigerweise ein Zusammenhang bestehen, genauso wenig müssen die Stufen zwanghaft aufeinanderfolgen.

Im Folgenden werden die Phasen erläutert und anhand von drei zusammenhängenden Beispielen verdeutlicht.

Die primäre Viktimisierung umfasst den gesamten Prozess der strafbaren Handlung, vor und während der Tat. Die Person wird durch die Tat zum Opfer, wobei bestimmte Opfersituationen und -dispositionen (geringe soziale Kontrolle, Anonymität, Einsamkeit, Unsicherheit, Angst, dynamische Lebensweise) ebenso eine Rolle spielen können, wie Besonderheiten in der Täter-Opfer- Beziehung (Vertrautheit mit den Lebensgewohnheiten des Opfers).39

Beispiel 1:

Philipp wird seit längerer Zeit von einigen Mitschülern gehänselt. Heute ist er von diesen in der gro ß en Pause zusammengeschlagen worden.40

Bei der sekundären Viktimisierung tritt eine Verschlimmerung der Situation des Opfergewordenen, „durch negative Reaktionen des sozialen Nahraums des Opfers und durch Fehlreaktionen der formellen Instanzen der sozialen Kontrolle, z. B. der Kriminalpolizei und der Gerichte, dem Opfer gegenüber“41, nach der Tat ein.

Beispiel 2:

Philipp erzählt seinen Eltern und einem Freund nach der Schule von dem Vorfall. Die Eltern schenken ihrem Kind keinen Glauben. Der Freund macht ihm Vorwürfe aufgrund von Philipps zurückgezogenem Verhalten der Klasse gegenüber.

Weitere wichtige Agenten der sekundären Viktimisierung sind nach Kiefl und Lamnek (1986, S. 239):

- der soziale Nahraum (Verwandte, Bekannte, Freunde, Nachbarn, Arbeitskollegen),
- die Öffentlichkeit, bzw. die Medien,
- die Tatzeugen,
- die Polizei,
- Staatsanwalt und Gericht,
- der Verteidiger des Täters,
- der Täter und dessen Angehörige.

In der tertiären Viktimisierung geht es um die langfristigen Auswirkungen der vorhergehenden Viktimisierungsphasen auf das Selbstbild des Opfers. Diese dritte Stufe der Viktimisierung „liegt dann vor, wenn es aufgrund vorangegangener Viktimisierungsstadien zu einer Verfestigung der Opferdefinition gekommen ist, die die Erlebnis- und Handlungsmöglichkeiten stark einengt.“42

Beispiel 3:

Philipp schwänzt immer häufiger die Schule. Während der Pause versteckt sich Philipp auf der Toilette, um seinen Klassenkameraden nicht zu begegnen. Er verschlie ß t sich immer mehr vor seinen Eltern und seinen Freunden.

Auch hier führen Kiefl und Lamnek (1986, S. 293) Beispiele an, die diese Viktimisierung verdeutlichen:

- anhaltende Angstzustände,
- dauerndes Misstrauen gegenüber der sozialen Umwelt,
- Selbstabwertung sowie Rückzugs- und Regressionstendenzen,
- steigende und teilweise sehr unrealistische Kriminalitätsfurcht,
- Rachegefühle und Strafbedürfnisse gegenüber dem Täter.

Verantwortlich für diese Zustände sind allerdings nicht nur die soziale Umwelt, auch die Persönlichkeitsstrukturen, die Lebensgeschichte und das soziale Milieu des Opfers spielen nach Kiefl und Lamnek (1986) eine entscheidende Rolle.

Die psychischen Folgen, die der Betroffene davonträgt, werden

posttraumatische Belastungsst ö rungen genannt.43 Diese müssen aufgearbeitet werden, bspw. durch therapeutische Maßnahmen.

1.5 Zusammenfassung

Die Viktimologie, als Wissenschaft von (Verbrechens-) Opfern, befasst sich einerseits mit den Fragen, wie und warum eine Person zum Opfer wird, andererseits mit den Folgen der Opferwerdung und den Möglichkeiten zur Hilfe.

Zu Beginn der Kriminologie spielt das Opfer allenfalls zur Täterüberführung eine Rolle. Durch die Entstehung dieser Wissenschaft, nach 1945, ist klar geworden, dass [d]ie Begehung eines Verbrechens [..] kein isolierter Vorgang [ist], sondern der Höhepunkt eines Prozesses, in dem viele Faktoren am Werke waren. Das Opfer ist kein einfaches unbewegliches Objekt [mehr], sondern ein aktives Element in der Dynamik des Rechtsbruchs.44

Heutzutage überprüft die Forschung Variablen, wie Alter, Geschlecht etc. (siehe Pkt. 1.3.1), um die Opferwahrscheinlichkeit zu bestimmen. Aber auch für den nachweislichen Zusammenhang zwischen der Verbrechensfurcht und der Opferwerdung wird Interesse gezeigt (siehe Pkt. 1.3.2).

Erkannt wird ebenfalls, dass die Beziehung zwischen Täter und Opfer entscheidend für eine Beurteilung des Geschehens ist. Die Art der sozialen Beziehung bei Beteiligten, kann von vollkommenem Fremdsein, bis hin zu einer engen Beziehung reichen. Erkenntnisse darüber führen zu einem besseren Tatverständnis.

Durch die Bestimmung des dreiphasigen Viktimisierungsprozesses (primäre, sekundäre, tertiäre Viktimisierung) wird deutlich, in was für einer Situation / Stadium sich das Opfer befindet bzw. wie weit der Prozess des Opferwerdens vorangeschritten ist.

2 Theorien zur Soziologie des Opfers

2.1 Was bedeutet Opfer sein - eine Definition

Der Begriff „Opfer“ hat im Deutschen mehrere Bedeutungen. In der Religion bspw. spricht man von einem Opfer im Sinne einer Opfergabe an eine Gottheit oder allgemeiner gesagt, von einer Handlung, die durch persönlichen Verzicht geprägt ist.

Die Bedeutung des Wortes Opfer, die in der Kriminologie eine Rolle spielt und für diese Arbeit relevant ist, meint, „eine Person, eine Gruppe oder eine Organisation, die durch strafbare Handlungen eines oder mehrerer Täter einen wahrnehmbaren Schaden erleidet.“45 Jedoch wird auch in diesem Bereich der Opferbegriff verschieden definiert, es gibt keine einheitliche kriminologische Opferdefintion.

Es folgt ein Ausschnitt unterschiedlicher Definitionen, die von dem Forscher und Praktiker Hans Joachim Schneider (1975, S. 10) angeführt werden.46 Opfer sind:

- alle durch eine Straftat betroffenen Personen (Heinz Zipf, 1970),
- Personen, die in einem von der Rechtsordnung geschützten Rechtsgut verletzt werden (R. Paasch, 1965),
- Personen, die objektiv in Gestalt eines geschützten Rechtsguts verletzt sind und die subjektiv diese Verletzung mit Unlust, oder Schmerz empfinden (Hans von Hentig, 1962),
- Personen, die von ihren Mitbürgern einer ungesetzlichen Verletzung von solcher Schwere unterworfen worden sind, dass das Rechtssystem gegen den Täter/ die Täter reagieren wird (Willem Hendrik Nagel, 1974).

Allerdings gibt es nicht nur konkrete einzelne menschliche Opfer bzw. Opferkollektive, wie den Staat oder soziale Gruppen. Opfer können auch abstrakt sein, wie bspw. die Umwelt oder die öffentliche Ordnung. Feststeht nur, dass es immer zu einer Gefährdung, Schädigung oder Zerstörung kommt, irrelevant ob sich das Opfer auch als ein solches fühlt oder an der Tat mitgewirkt hat.

Eine passende viktimologische Beschreibung ist:

Opfer ist eine Person, Organisation, die moralische oder die Rechtsordnung, die durch eine Straftat gefährdet, geschädigt oder zerst ö rt wird. “ 47

Im späteren Verlauf dieser Arbeit liegt das Hauptaugenmerk auf den Schülern als Opfer, die direkt durch (strafbare) Handlungen in der Schule einen Schaden erleiden.

2.2 Opfertypologien

Es gibt eine Vielzahl an unterschiedlichen viktimologischen Typologien. Sie versuchen einen Überblick, eine Ordnung über die bisherigen Erkenntnisse zu geben. „Ihre Zielsetzung besteht darin, die Komplexität der empirisch gegebenen Wirklichkeit auf ein überschaubares Maß zu reduzieren und die Konstruktion von Hypothesen und Theorien zu erleichtern.“48

Um einen Eindruck von den viktimologischen Typologien zu erhalten, werden im Folgenden vier bedeutende Opfertypologien chronologisch aufgezeigt.

2.2.1 Typologie von v. Hentig (1948)

Der Strafrechtler und Kriminologe Hans v. Hentig unterscheidet elf Opfertypen nach biologischen, medizinischen und psychologischen Merkmalen, „die nicht direkt die Wahrscheinlichkeit der Opferwerdung beeinflussen, sondern stets über soziale Prozesse vermittelt sind“49:

[...]


1 Es wird in dieser Arbeit aus Gründen der besseren Lesbarkeit bei allen

Personenbezeichnungen die maskuline Form verwendet. Selbstverständlich inkludiert dies beide Geschlechter.

2 Die Sendung wurde am 10.04.2011 um 22 Uhr auf dem Sender RTL ausgestrahlt. 5

3 Weitere Informationen zu der Mobbing-Plattform gibt es auf folgenden Internetseiten: - http://www.bild.de/regional/frankfurt/mobbing/top-anklaeger-jagt-schul-mobber- 15656146.bild.html (eingesehen am 05.04.2011); - http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,752748,00.html (eingesehen am 05.04.2011); - http://www.welt.de/vermischtes/weltgeschehen/article12929898/Mobbing-ist-das- Erfolgskonzept-von-isharegossip.html (eingesehen am 05.04.2011)

4 Kiefl/Lamnek, 1986, S. 13.

5 Ebd., S. 13.

6 Schneider, 1975, S. 16.

7 Kaiser, 1993, S. 380.

8 Kiefl/Lamnek, 1986, S. 14.

9 Kiefl/Lamnek, 1986, S. 21.

10 Atehortua, 2002, S. 26.

11 Schneider, 1977, S. 139.

12 Atehortua, 2002, S. 26.

13 Kiefl/Lamnek, S. 21 f..

14 Nagel, in: Kirchoff/Sessar, 1979, S. 62.

15 Mergen, in: Haesler [u. a.], 1986, S. 9.

16 Amelunxen, 1970, S. 36.

17 Schneider, in: Schneider, 2007, S.419.

18 Schneider, 1975, S. 57 f..

19 Ebd., S. 16.

20 Kiefl/Lamnek, 1986, S. 186.

21 Meier, 2007, S. 206

22 Meier, 2007, S. 206.

23 Kiefl/Lamnek, 1986, S. 192.

24 Ebd., S. 195.

25 Ebd., S. 204.

26 Kiefl/Lamnek, 1986, S. 205.

27 Schneider, 1975, S. 58.

28 Diese Berufsbezeichnungen inkludieren beide Geschlechter. 14

29 In dieser Arbeit ist der Begriff „Furcht“ mit dem Begriff „Angst“ gleichzusetzen.

30 Kunz, 2004, S. 299.

31 Kerner, in: Haesler [u. a.], 1986, S. 131.

32 Schneider, 1975, S. 70.

33 Kunz, 2004, S. 301.

34 Schneider, 1975, S. 31.

35 Ebd., S. 31.

36 Schneider, 1975, S. 138.

37 Ebd., S. 99.

38 Kiefl/Lamnek, 1986, S. 209.

39 Kiefl/Lamnek, 1986, S. 128.

40 Dieses Beispiel, wie auch die darauf Folgenden, ist fiktiv und dient nur der Erklärung des Viktimisierungsprozesses.

41 Schneider, 1975, S. 32.

42 Kiefl/Lamnek, 1986, S. 293.

43 Sürig, 2007, S. 12.

44 Schneider, 1977, S. 138.

45 Kiefl/Lamnek, 1986, S. 35.

46 Schneider, 1975, S. 10.

47 Schneider, 1975, S. 11.

48 Kiefl/Lamnek, 1986, S. 56.

49 Ebd., S. 57.

Details

Seiten
88
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656062738
ISBN (Buch)
9783656062851
Dateigröße
3.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v182661
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
1,0
Schlagworte
viktimologie schule schülerinnen schüler opfer

Autor

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Titel: Zur Viktimologie in der Schule