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Das Spiel mit den Wirklichkeitsebenen in Daniel Kehlmanns "Ruhm"

Seminararbeit 2011 15 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I) Einleitung

II) Daniel Kehlmann – Literarisches Schaffen

III) Verwandtschaften und untergründige Beziehungen in Ruhm: Ein Roman in neun Geschichten
1) Die halbwahre Existenz
a) Eblings träumerisches DaseinUsername: Mollwitt
2) Das Phänomen Leo Richter
a) Protagonist und willenloses EtwasSchöpfer und „Allmächtiger“ Figur und Autor
3) Handy und Internet – moderne Kommunikationstechnologien
a) Das Handy als Lebensretter und „Mörder“ Bruch zwischen Mensch und Gesellschaft durch das Internet

IV) Schluss

V) Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Ausgehend vom Inhalt des W-Seminars von der Moderne zur Postmodernesoll in dieser wissenschaftlichen Arbeit das Buch Ruhm: Ein Roman in neun Geschichten1 von Daniel Kehlmann genauer beleuchtet werden.

Zahlreiche sehr positive Kritiken und Bewertungen zu diesem Buchbestärkten mich in meinem Vorhaben, dieses Werk hinsichtlich einiger Aspekte genauer zu hinterfragen.

Die Geschichte über den Angestellten Ebling, welcher sich permanent hinter einer anderen Identität versteckt und die des Internetbloggers2 Mollwitz, dessen Internetsucht ihn daran hindert,wichtige soziale Kompetenzen aufzubauen, bieten eine Vielzahl zu untersuchender Gesichtspunkte, mit welchen die Seminararbeit beginnen wird.

Das metafiktionale3 Wesen von Leo Richter, welches sich wie ein roter Faden durch den gesamten Roman und nahezu all seine neun Geschichten zieht, soll hier auch der Analyse dienen und bildet den zweiten auszuarbeitenden Punkt.

Desweiteren wird die Abhängigkeit von modernen Kommunikationstechniken und die Schwierigkeiten, welche mit deren Ausfall einhergehen, in ausgewählten Geschichten des Romans aufgegriffen und erläutert.

Um einen besseren Zugang zu Daniel Kehlmann und seinem Werk zu erhalten, soll an erster Stelle ein Überblick über seine verschiedenen literarischen Darstellungsformen stehen.Dem folgt der analytische Teil der Arbeit, der in die oben genannten Punkte gegliedert ist.

Leider ist die gegenwärtige Sekundärliteraturaufgrund des relativ kurzen Erfolges des Buches noch nicht sehr umfangreich, weshalb ich mich größtenteils auf das Internet beziehe. Es handelt es sich meistens um Interviews, Rezensionen oder Zusammenfassungen. Rein wissenschaftliche Ausarbeitungen ließen sich nur wenige finden.

II.Daniel Kehlmann –literarisches Schaffen

[…] Sein literarisches Werk hat zahlreiche Auszeichnungen erfahren, darunter der Thomas-Mann- Preis, der Candide-Preis und der Kleist-Preis. Die Vermessung der Welt, 2005 erschienen und seither in über 40 Sprachen übersetzt, wurde einer der größten literarischen Erfolge der letzten Jahrzehnte. Für Ruhm erhielt er den Prix Cévennes für den besten europäischen Roman 2009. […]4

Das literarische Schaffen Daniel Kehlmanns basiert nicht auf autobiographischen Ereignissen. Vielmehr schafft er fiktive Protagonisten und versetzt den Rezipienten in deren Perspektiven. Seine Helden leben meist in einer Welt, die uns sehr real und bekannt vorkommt, doch oft schwindet diese Realität schnell und der Leser stößt an die Grenzen des Vorstellbaren. „[…] In seinem Buch Ruhm: Ein Roman in neun Geschichten überspitzt DanielKehlmann dieSituation des Realen völlig, indem er Fiktion und Fiktionalität völlig verwischen lässt.“5

III. Verwandtschaften und untergründige Beziehungen in Ruhm: Ein Roman in neun Geschichten

1. Die halbwahre Existenz

a) Eblings träumerisches Dasein

„Jahrelang hatte er sich geweigert [ein Mobiltelefon] zu kaufen, […] und ständig hatte sich jemand über seine Unerreichbarkeit beschwert. So hatte er endlich nachgegeben [und] ein Gerät erworben […].“6 Und somit beginnt ein Austritt aus seinem Leben in ein anderes, ihm völlig fremdes.

Die zentrale Figur dieser ersten Kurzgeschichte „Stimmen“ aus Daniel Kehlmanns Buch Ruhm: Ein Roman in neun Geschichten bildet der Familienvater Ebling, der eine eher langweilige Ehe führt, keinerlei Beziehung zu seinen Kindern hat und Mitarbeiter einer Computerfirma ist. Demnach ist es leicht nachvollziehbar, dass Ebling mit seinem Leben ganz und gar nicht zufrieden ist. Doch dieses nimmt eine radikale Wendung, als Ebling beschließt, sich ein Mobiltelefon zuzulegen.

„Wider Willen war [Ebling] beeindruckt: Schlechthin perfekt war es, wohlgeformt, glatt und elegant. Und jetzt, unversehens, läutete es.“7 Aber dieser Anruf kommt keineswegs von einer ihm bekannten Person, sondern von eine wildfremden Frau, die einen gewissen Ralf verlangt.

Doch das ist nur der Anfang. Eblings Telefon klingelt und klingelt. Fremde Männer fluchen: „Ralf! Was ist, wie läuft es, du blöde Sau?“ Es ist offensichtlich: Ebling hat die Nummer eines anderen bekommen, eines Vielangerufenen irgendwo aus der Welt da draußen. Der Kundendienst, bei dem er sich beschwert, erklärt die Sache für ausgeschlossen. „Es ist aber passiert!“ Nein, es sei unmöglich, also ist es auch nicht passiert, also kann auch nichts geändert werden.8

Ebling findet nach einiger Zeit dennoch Gefallen an diesem Rollenspiel, da besagter Ralf recht wichtig zu sein scheint und dessen Leben erheblich interessanter anmutet als Eblings tristes Dasein. Er schwimmt förmlich zwischen seinenbeiden Identitäten und begegnet den entgegenkommenden Anrufen, die keineswegs für ihn bestimmt sind, mit zunehmender Souveränität. Er führt stundenlange Gespräche mit ihm unbekannten Menschen. Seine Familie gerät in dieser Situation immer mehr ins Abseits, da Ebling auch nach Mitternacht aufsteht, in den Keller geht und dort mit seinen neuenBekanntschaften telefoniert.

Die Identität Ralf wird zu seiner Wirklichkeit und selbst seine Frau Elke erscheint ihm wie eine Fremde. „Als er in der Küche Elke begegnete, blieb er verwundert stehen. Für einen Moment war es ihm vorgekommen, als stamme sie aus einem anderen Dasein oder einem Traum, der mit dem wirklichen Leben nichts zu tun hatte.“9 Hier wird es eindeutig, dass Ebling nicht mehr zwischen Realität und seiner Wunschwelt unterscheiden kann.

Sein dramatisches Ende erhält dieses Rollenspiel, als das Telefon von einem auf den anderen Tag verstummt. Keine SMS und keine Anrufe mehr.

Ein paarmal war er nahe daran, eine der Nummern anzurufen. Sein Daumen lag auf der Wähltaste, und er stellte sich vor, dass nur ein Moment ihn davon trennte, wieder eine jener Stimmen zu hören. Wäre er mutiger gewesen, er hätte den Knopf gedrückt.10

Ebling wird förmlich wahnsinnig, da er erkannt hat, dass es nicht sein Leben war, welches er für kurze Zeit führen durfte. Am Ende dieser ersten Kurzgeschichte werden seine Ängste auch bestätigt, als Daniel Kehlmann ihn grausam aus seiner Wunschwelt hinauswirft.

Ein Kollege, der neben Ebling in der Kantine sitzt, verspottet ihn für sein gebanntes Starren auf sein Handy. „Versteh das jetzt bitte nicht falsch. Aber wer sollte dich schon anrufen?“11

b) Username: Mollwitt

Ein weiteres Motiv des Romans ist „die nicht unerhebliche Differenz zwischen der eigenen Innenansicht und der Wahrnehmung, die andere von einem haben.“12 Exemplarisch für diesen Sachverhalt steht die siebte Kurzgeschichte des Romans „Ein Beitrag zur Debatte“13.

Protagonist dieser Geschichte ist Mollwitz, der als Angestellter in einer Mobilfunkfirma arbeitet und jede freie Minute damit verbringt, sein gesamtes Leben in Internetblogs anderen Nutzern zugänglich zu machen.

„Es entsteht eine Art absoluter Offenbarung der eigenen Person gegenüber jedem, der diesen Blog liest oder verfolgt“14 Die oben genannte Diskrepanz zwischen der eigenen Innenansicht und der Wahrnehmung, die andere von einem haben, ist beiMollwitz am illustrativsten zu beobachten.

Sich selbst betrachtet Mollwitz als gutaussehenden, erfolgreichen Arbeitnehmer, der ein sehr bekannter und angesehener Internetblogger in diversen Internetforen ist und zu allem und jedem seine Meinung abgeben darf.

Meinen Usernamen mollwitt kennt ihr aus anderen Foren. Ich poste viel bei Supermovies, auch bei den Abendnachrichten, bei literature4you und auch Diskussionsseiten, und auch wenn ich Blogger sehe, die Bullshit verzapfen, halt ich mich nicht zurück. Immer Username mollwitt. Im Real Life (dem wirklichen!) bin ich Mitte dreißig, ziemlich sehr groß, vollschlank. Unter der Woche trage ich Krawatte, Officezwang, der Geldverdienermist, macht ihr ja auch.15

In diesem Forumsbeitrag spürt der Leser, wie sehr Mollwitz von sich überzeugt ist. Dem ersten Anschein nachist er ein sehr selbstbewusster Mann im besten Alter, der sehr stolz auf sich und sein Leben ist. Diese erste Impression geht auch nicht verloren, als Mollwitz in seinem Blog über das Gespräch mit seinem „Boss“ berichtet.

Vor dem Gespräch ist Mollwitz aufgeregt, jedoch nimmt er sich vor, „kalt zu bleiben“16 und dem „durchdringenden Blick“17 seines Chefs nicht nachzugeben.

[Er sagte] was vom Kongress der Europäischen Telekommunikations- Anbieter, Startbeginn gleich übermorgen. [Er] wollte selbst fahren, aber konnte nicht, und die Abteilung musste vertreten werden, und es war auch einePresentation [sic!] zu machen: Nationale versus Europäische Funknormen.18

Mollwitz schildert das Gespräch als ein sehr ausgeglichenes Gespräch auf Augenhöhe. „Richtig kalter Moment. Zwei Männer, ein Blick. Stahlehrlich.“19 Keineswegs lässt sich in dieser Situation eine eventuelle Überlegenheit einer der beiden Gesprächspartner feststellen. Daraus kann man schließen, dass Mollwitz es als ein Gespräch auf selbem Niveau darstellen und den Lesern des Internetblogs vermitteln wollte.

Diese Selbstdarstellung in Geschichte Nummer sieben widerspricht der Art und Weise, wie Mollwitz‘ Chef selbst das Gespräch der beiden schildert.

Ich sah auf, Mollwitz stand in der Tür. […] Er schwitze noch stärker als sonst. Seine winzigen Augen zuckten unruhig. Er schien in letzter Zeit noch [mehr] zugenommen zu haben. „[…] Sie vertreten beim Kongress unsere Abteilung […]“. Mollwitz schnaufte. Morgen, sagte er leise, sei nicht so gut. Er habe viel zu tun. Er reise nicht gern. „[…] Sie wissen, dass sie hinwollen. […] Sie werden es weit bringen mein Lieber.20

Zweifellos handelt es sich hierbei nicht um ein Gespräch auf Augenhöhe. Die uneingeschränkte Dominanz des Chefs gegenüber Mollwitz tritt klar in den Vordergrund. Mollwitz ist keineswegs das, was er vorgibt zu sein. Er lebt in seiner eigenen Welt, dem Internet; dort fühlt er sich geborgen und sicher. Im „Real Life“ jedoch kapselt er sich von sämtlichen sozialen Gepflogenheiten ab.

Kehlmann hält der Gesellschaft mit der Figur des Mollwitz einen Spiegel vor, in dem wir uns anschauen können, wie miserabel es um uns steht. Allem Anschein nach sind viele Menschen nicht mehr in der Lage, reelle Kontakte zu knüpfen und zu pflegen – sei es aus Bequemlichkeit, Scham oder bloßer Angst vor Zurückweisung.21

2. Das Phänomen Leo Richter

Leo Richter ist das allumfassende Wesen; der rote Faden, der sich durch den gesamten Roman zieht. Er ist „auktorialer Erzähler, Akteur, Schöpfer und Autor; immer überall zugegen und doch nicht da.“22

Von besonderem Belangen für diese Analyse sind drei Geschichten des Romans: „In Gefahr“, „Rosalie geht sterben“ und „In Gefahr“.23 In ihnen lassen sich besonders gut das metafiktionale Wesen Leo Richters und sein besonderes Verhältnis zu Daniel Kehlmann ausarbeiten.

[…] „Ich will nicht in eine Geschichte.“ Er sah sie an. „Mach dir kein Bild von mir. Steck mich nicht in eine Geschichte. Das ist das einzige, worum ich dich bitte.“ „Aber das wärst ohnehin nicht du.“ „Doch. Auch wenn es nicht ich bin, ich bin es. Das weißt du genau.“24

Leo Richter; ein erfolgreicher Schriftsteller mit der unheilvollen Neigung, Menschen, die ihm nahestehen, zu Literatur zu machen.25

a) Protagonist und willenloses Etwas

In der zweiten Kurzgeschichte „In Gefahr“26 erhält Leo Richter die Funktion des Protagonisten. Er selbst ist hier „nur“ Teil der Geschichte und unterliegt völlig dem Willen seines Schöpfers Daniel Kehlmann. Nichts weist darauf hin, dass Leo Richter selbst die Geschichte geschrieben hat. Niemals würde dieser sich nämlich freiwillig in ein Flugzeug setzen27.

„Die können mich nicht einladen, wenn das nicht si cher ist! […] Diese Maschinen sind wirklich nicht gefährlich, oder?“28 Leo Richter ist Daniel Kehlmann eindeutig untergeordnet und hat keinerlei Möglichkeiten, sich aktiv oder passiv gegen Kehlmanns Vorhaben mit ihm zu währen.

Desweiteren begegnet Leo Richter dem Rezipienten als neurotischer, hysterischer und von der Realität weit entfernter Mann, der, außer sich zu beschweren und zu nörgeln, nichts Außergewöhnliches vorzuweisen hat.29

[...]


1 Das Buch erschien 2009 im Rowohlt Taschenbuch Verlag und ist nach die Vermessung der Welt ein weiterer Bestseller des Erfolgsautors Daniel Kehlmann

2 „Blogger“ist die Bezeichnung für den Verfasser von Beiträgen in einem Blog (Webblog)

3 Metafiktion ist die Literatur über die Literatur, z.B. ein Roman über jemanden, der einen Ro-man schreibt.

4 Ruhm: Ein Roman in neun Geschichten S.2

5 www.wikipedia.org/wiki/Daniel_Kehlmann#Werke

6 Ruhm: Ein Roman in neun Geschichten S.7

7 Ruhm: Ein Roman in neun Geschichten; S.7

8 http://www.faz.net/artikel/s30630/daniel-kehlmann-ruhm-diese-halbwahre-existenz 3000361.html

9 Ruhm: Ein Roman in neun Geschichten S. 19f

10 a.a.O., S.22

11 Ruhm: Ein Roman in neun Geschichten; S.23

12 http://www.faz.net/artikel/C30703/im-gespraech-daniel-kehlmann-in-wie-vielen-welten-schreiben-sie-herr-kehlmann-30036691.html

13 Die gesamte Geschichte ist ein Internetblog, in dem Mollwitz sich und sein Leben beschreibt. Zudem lässt er die Geschehnisse der letzten Woche Revue passieren.

14 Daniel Kehlmanns „Ruhm: Ein Roman in neun Geschichten.“ Inhalt- Wirkung- biblische Aspekte; S. 28

15 Ruhm: Ein Roman in neun Geschichten; S. 134 (die zahlreichen Rechtschreibfehler wurden aus dem original Text übernommen)

16 Ruhm: Ein Roman in neun Geschichten; S. 138

17 a. a. O. S. 138

18 a. a. O. S. 138

19 a. a. O. S. 138

20 a. a. O.; S. 179

21 Daniel Kehlmanns „Ruhm: Ein Roman in neun Geschichten.“ Inhalt- Wirkung- biblische Aspekte; S. 30

22 a. a. O. S.30

23 In den anderen Kurzgeschichten, ist Leo Richter nur ein zweitrangiger Anteil am Hauptge- schehen zuzuschreiben, weshalb sich die oben genannten Geschichten besser eignen, um seine besondere Stellung im Roman herauszuarbeiten.

24 Ruhm: Ein Roman in neun Geschichten; S.49

25 a. a. O. siehe Klappetext

26 Leo Richter und seine Geliebte/Assistentin sind auf dem Weg nach Mittelamerika, wo Leo, als Schriftsteller, einige Vorträge halten soll.

27 Leo Richter hat Flugangst. Er würde niemals aus freien Stücken in ein Flugzeug steigen. Zugleich würde er sich selbst in einer Geschichte auch nicht in ein Flugzeug steigen lassen.

28 Ruhm: Ein Roman in neun Geschichten; S. 26

29 Vgl. Daniel Kehlmanns „Ruhm: Ein Roman in neun Geschichten.“ Inhalt- Wirkung- biblische Aspekte; S. 31

Details

Seiten
15
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656069973
ISBN (Buch)
9783656070122
Dateigröße
549 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v182669
Note
Schlagworte
spiel wirklichkeitsebenen daniel kehlmanns ruhm

Autor

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