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Chancenlos? - Dimensionen, Ziele und Aufgaben der sozialräumlich orientierten Arbeit mit armuts-gefährdeten Kindern und Jugendlichen

Bachelorarbeit 2011 68 Seiten

Sozialwissenschaften allgemein

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einführung

I Kinderarmut
1. Armut – Definition oder Konstruktion?
2. Kinderarmutsverteilung in Deutschland
3. Dimensionen der Kinderarmut
3.1 Kinderarmut als Ausdruck und Folge familiärer Armut
3.2 Armut aus Kindersicht
4. Auswirkungen der Kinderarmut
4.1 Materielle Versorgung
4.2 Versorgung im Kulturellen Bereich – Bildung und Ausbildung
4.3 Physische und Psychische Lage
4.3.1 Gesundheit und Sicherheit
4.3.2 Verhaltensauffälligkeiten
4.4 Situation im sozialen Bereich
4.4.1 Beziehungen zu Gleichaltrigen und zur Familie
4.4.2 Subjektives Wohlbefinden und Exklusion
5. Zwischenfazit

II Kinderarmut als Thema sozialräumlich orientierter Sozialer Arbeit
1. Armut als Handlungsfeld der Sozialen Arbeit
2. Sozialräumlich orientierte Soziale Arbeit
3. Dimensionen und Ziele im Kontext von Kinderarmut
3.1 Teilhabe
3.2 Aktivierung
4. Handlungsoptionen
4.1 Beteiligungsstrukturen
4.2 Lokale Ökonomie fördern
5. Sozialräumliche Armutsprävention – Utopie oder Möglichkeit?

Fazit

Literaturverzeichnis

Darstellungsverzeichnis:

Darstellung 1: Armutsrisikoschwellen, Armutsrisikoquoten und Stichprobengrößen nach Datenquellen

Darstellung 2: Kinderarmutsverteilung in Deutschland

Darstellung 3: Normalarbeitsverhältnis und Atypische Beschäftigung

Darstellung 4: Anteil der Beschäftigten mit Niedriglohn im Oktober 2006. In Prozent

Darstellung 5: Geschiedene Ehen 1991 bis

Darstellung 6: Armut aus Kindersicht

Darstellung 7: Berechnungsgrundlage des Schichtindex in der KiGGS-Studie

Darstellung 8: Dimensionen von Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern und Jugendlichen

Darstellung 9: Sozialräumliche Dimensionen und Ziele im Kontext von Kinderarmut

Darstellung 10: Kohärenzsinn

Darstellung 11: Handlungsschritte zu Beteiligungsstrukturen

Darstellung 12: Handlungsfelder der Armutsprävention

Einführung

„Spiel nicht mit den Schmuddelkindern,
sing nicht ihre Lieder.
Geh doch in die Oberstadt,
mach´s wie deine Brüder.“

Franz Josef Degenhardt

Kinderarmut ist kein neues Phänomen[1]. Besonders im Zusammenhang mit den andauernden Debatten um Hartz-IV, rückt Kinderarmut immer wieder in den Fokus der Öffentlichkeit. So wurde im Frühjahr des Jahres 2011 endgültig das sogenannte Bildungspaket beschlossen, welches den Rechtsanspruch bedürftiger Kinder auf Bildung und Mitmachen rechtlich garantiert. Vorausgegangen war diesem Beschluss eine Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts, in dem die Berechnungen des Regelsatzes für bedürftige Kinder für ungültig erklärt wurden (vgl. BVerfG, 1 BvL 1/09 vom 09.02.2010). Im Anschluss an diese Entscheidung wurde die Diskussion um den Bedarf und die Bedürftigkeit von (armen) Kindern in der Gesellschaft öffentlich und kontrovers geführt. Konnte die Politik bislang ihr Gewissen noch in dem Bewusstsein beruhigen, dass in Deutschland alle bedürftigen Menschen durch ein gerechtes - weil gesetzeskonformes - Sozialnetz aufgefangen wurden, ist spätestens seit dem Karlsruher Urteil klar: Gerecht ist anders.

Gleichzeitig wird die Kluft zwischen arm und reich immer größer[2] und die Frage nach dem, was für Kinder zu einer normalen Kindheit und zu einem Aufwachsen in Wohlbefinden dazugehört, ist schwieriger denn je zu beantworten. „Der Konsum spaltet sich in ‚Discount‘- und ‚Premium‘-Segmente“ (NOLTE 2005, S. 18) und wo für die einen Kinder der jährliche Sommerurlaub am Meer so selbstverständlich zum Leben dazu gehört, wie ein eigenes Zimmer, ist es für manche Kinder eine Besonderheit, sich neue Kleidung zu kaufen, statt wie sonst aus der Kleiderkammer zu beziehen. Da „Almosen zu empfangen […] nicht gerade einem Höchstmaß von Würde [entspricht]“ (HÖFFE 2005, S. 5), kommt neben den finanziellen Einschränkungen, den diese Kinder Tag für Tag ausgesetzt sind, auch noch die Demütigung als Bittsteller aufzutreten hinzu.

Ziel dieser Arbeit ist es, die Frage zu beantworten, ob (Kinder-)Armutsprävention eine Aufgabe der sozialräumlich orientierten Sozialen Arbeit sein kann. Hierzu wird im ersten Teil zunächst eine Begriffsbestimmung vorgenommen, um zu erläutern wie der Begriff Armut definiert ist und wie sich Armut speziell aus Kindersicht darstellt. Zugleich erfolgt eine Darstellung der Armutsursachen, Risikogruppen sowie über Auswirkungen und Folgen der Armut für Kinder. Der zweite Teil dieser Arbeit stellt zunächst Armut als Handlungsfeld der Sozialen Arbeit dar, um daran anschließend, die Grundlagen, Dimensionen und Ziele sozialräumlich orientierter Sozialer Arbeit zu erläutern und diese mit den Dimensionen der Kinderarmut gegenüberzustellen. Daraus abgeleitet erfolgt im Anschluss die schwerpunktmäßige Darstellung von zwei möglichen Handlungsoptionen im Sozialen Raum. Abschließend erfolgt die Auflösung der Frage ob Sozialräumliche Armutsprävention Utopie oder Möglichkeit ist.

I Kinderarmut

1. Armut – Definition oder Konstruktion?

„Reicher Mann und armer Mann

Standen da und sahn sich an.

Und der Arme sagte bleich:

Wär ich nicht arm, wärst du nicht reich.“

Bertold Brecht

An dieser Stelle ist es zunächst notwendig, zum einen den Terminus des Kindes und zum anderen die Begriffe Armut und Armutsgefährdung zu bestimmen und hinreichend zu definieren. Da es zu Jugendarmut vergleichsweise wenige Studien gibt (vgl. SCHENK 2010a, S. 40), gilt der Begriff des Kindes innerhalb dieser Arbeit analog zu Artikel 1 der UN-Kinderrechtskonvention immer auch für Jugendliche bis zur Vollendung des 18. Lebensjahres (vgl. BMFSFJ 2007, S. 10). Wo immer möglich und nötig, werden dabei Unterscheidungen nach älteren und jüngeren Kindern getroffen.

Obwohl Kinderarmut im Vergleich zur Jugendarmut relativ gut erforscht[3] ist, so bleibt der Begriff der Armut selbst erstaunlich schwammig. Je nach Standpunkt, Lebenssituation und Umfeld variiert die Auffassung von Armut teils erheblich. Doch warum ist das so? Um diese Frage zu klären und zu verstehen, warum es „keine allgemeingültige Definition von Armut, sondern nur eine jeweils zu einem gewissen Zeitpunkt von einer gegebenen Gesellschaft herrschende Definition [gibt]“ (WAGNER 1982, S. 31, Herv. im Orig.), ist es notwendig zu wissen, dass sich soziale Phänomene immer „erst im Verhältnis zu den Standards ihrer Feststellung“ (Habermas 1968, S. 157) konstituieren. Dabei wird jeder Armutsbegriff auf der Wertbasis einer Gesellschaft bestimmt, ist von deren Werturteilen geprägt, wird auf der Basis von Wertüberzeugungen interpretiert, ist durch gesellschaftlichen, politischen und wissenschaftlichen Diskurs bestimmt und trägt - konsequent zu Ende gedacht – somit erst zu einer Armuts konstruktion bei.

„Simmel hat schon früh darauf hingewiesen, dass der Arme als Lage und als Person eigentlich erst durch die definierenden und zuschreibenden Maßnahmen staatlich-politischer Aktivitäten in der Moderne entsteht und so letztlich eine Konstruktion ist“ (Lutz 2010, S. 83).

Anders ausgedrückt: Armut ist kein Zustand, sondern ein Etikett, ein Konstrukt. Eine Person ist nicht (von Natur aus) arm, sondern Armut wird erzeugt und von der Gesellschaft gemacht (vgl. Butterwegge 2009, S. 15). Durch die Definition der Armut wird der arme Mensch als Person überhaupt erst erschaffen. Und erst nachdem dieser Armutsbegriff für eine Gesellschaft definiert wurde, ist es möglich, armen Menschen Transferleistungen zukommen zu lassen, da Armut beziehungsweise Bedürftigkeit (zumindest in unserer Gesellschaft) eine zentrale Bedingung für den Bezug von Sozialleistungen darstellt. In Deutschland sind diese Leistungen in den Sozialgesetzbüchern verankert. Und somit sollte es auch klare und eindeutige Definitionen zur Armut geben, da es ja ebenfalls (mehr oder weniger) klare und eindeutige – weil gesetzliche – Regelungen zum Sozialleistungsbezug gibt. Ein Blick auf den aktuellen Fachdiskurs zeigt jedoch, dass dies keineswegs der Fall ist. Dies liegt vor allem daran, dass Armut kein ein dimensionaler Begriff ist, sondern unter anderem ökonomische beziehungsweise materielle, soziale, kulturelle und psychische Aspekte umfasst (vgl. unter anderem Geißler 2008, S. 202 und Butterwegge 2009, S. 17). Otfried Höffe (2005, S. 5) schreibt hierzu:

„Erstens bedeutet der Ausdruck ‚arm‘ – wortgeschichtlich mit ‚verwaist‘ verwandt - ursprünglich das, was Kindern ohne Eltern in frühen Gesellschaften drohte: vereinsamt, bemitleidenswert, unglücklich zu leben. Arm ist folglich nicht nur der materiell Besitzlose, sondern auch jemand, der Kummer und Leid erfährt. Letzteres kann eine noch so wohlhabende Gesellschaft nicht verhindern. Das Lateinische kennt dafür zwei Ausdrü>Der Begriff Armut umfasst somit nicht nur die finanzielle Lage eines Individuums, sondern unter anderem eben auch die Dimensionen Kummer und Leid und ist mit Empfindungen wie unglücklich sein und bemitleidenswert besetzt. Erstaunlicherweise ist es dennoch ein ein dimensionaler Ansatz, der – zumal in den gesellschaftspolitischen Debatten - am häufigsten dazu benutzt wird, um Armut (quantitativ) zu bestimmen, zu definieren und messbar zu machen. Hier wird über das Einkommen beziehungsweise über den materiellen Aspekt bestimmt, wer wann und in welcher Vergleichsgruppe als arm zu gelten hat. Trotz der Beschränkung auf diese eine Dimension (das Einkommen) ist jedoch – zumindest in einer entwickelten Gesellschaft wie Deutschland – nochmals eine weitere Unterteilung notwendig.

Dabei wird hier nach absoluter und nach relativer Armut (vgl. Hauser 2008, S. 95f.) unterschieden. Die Unterscheidung in diese Begriffe ist nicht zufällig, sondern dem Umstand geschuldet, dass Armut in Deutschland größtenteils keine Frage des physischen Überlebens, also auch kein absoluter existenzbedrohender Zustand (mehr) ist[4], sondern sich am soziokulturellen Existenzminimum orientiert (vgl. Geißler 2008, S. 202). Im zweiten Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung (2005, S. 7) gelten Personen somit

„als ‚absolut arm‘, wenn sie nicht genügend Mittel zum physischen Überleben haben. Die Grenze zur Armut wird hier dann überschritten, wenn die Versorgung unterhalb einer vorgegebenen Schwelle liegt (physisches Existenzminimum), d.h. wenn die Mittel zur Bestreitung des Lebensunterhalts nicht ausreichen.“

Relative Armut wird im Gegensatz hierzu „als auf einen mittleren Lebensstandard bezogene Benachteiligung aufgefasst“ (ebd., S. 6). Zur Erfassung dieser relativen Armut dient in der Regel die Armutsgefährdungsquote oder Armutsrisikoquote, welche „den Anteil an der Bevölkerung an [gibt], deren bedarfsgewichtetes Nettoeinkommen pro Kopf (Nettoäquivalenzeinkommen) weniger als 60% des statistischen Mittelwertes (Median) in der Gesellschaft beträgt“ (vgl. BMFSFJ 2008, S. 7).[5]

Dabei führt selbst die quantitative Erfassung auf Basis der Einkommensarmut je nach Datenbasis zu unterschiedlichen Ergebnissen. Allein in den statistischen Auswertungen des 3. Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung aus dem Jahr 2008, ergaben sich – je nach Datenquelle – vier verschiedene Armutsrisikoschwellen und –quoten. Abhängig von der Datenbasis begann die Armutsrisikoschwelle somit entweder bei 736 Euro oder bei 980 Euro, was einer Differenz von 244 Euro entspricht.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Darstellung 1: Armutsrisikoschwellen, Armutsrisikoquoten und Stichprobengrößen nach Datenquellen.

Quelle: BMAS 2008, S. XI.

Hier zeigt sich deutlich, dass Armutsrisikoschwellen mit einer gewissen Skepsis zu betrachten sind, denn „Armuts(risiko)schwellen, die sich auf relative Einkommensarmut beziehen, haftet immer etwas Willkürliches an“ (Butterwegge 2009, S. 41). Daneben gibt es jedoch auch noch

„indirekte, direkte, relative, absolute, ressourcenabhängige, einkommensbasierte, deprivationsbasierte, lebenslagenbasierte, konsumorientierte, warenkorbbasierte, primäre, sekundäre, tertiäre, konsensuale, wissenschaftliche, politische, subjektive, objektive usw. Armutsgrenzen“ (Strengmann-Kuhn 2003, S. 13).

Vor diesem Hintergrund erscheint es erforderlich, Armut nicht mono kausal, sondern mehrdimensional zu erfassen. Besonders aus Kindersicht ist eine Armutsbestimmung, die einzig auf die materielle beziehungsweise Einkommensdimension abstellt, deutlich zu kurz gegriffen. Würde man Armut einzig nach der Dimension des vorhandenen eigenen Einkommen definieren, wären alle[6] Kinder arm oder armutsgefährdet. Dennoch bietet diese Armutsgefährdungsquote zumindest einen Ansatzpunkt, um zunächst quantitativ erfassen zu können, wie viele Kinder in Deutschland von Armut bedroht sind.

2. Kinderarmutsverteilung in Deutschland

„Wenn eine freie Gesellschaft den Vielen, die arm sind, nicht helfen kann,

kann sie auch die wenigen nicht retten, die reich sind.“

John F. Kennedy

Betrachtet man die Kinderarmutsverteilung an Hand dieser Armutsgefährdungsquote nun zunächst nach Familientypen, so zeigt sich, dass etwa 4 von 10 Kindern, die in einem Alleinerziehenden-Haushalt aufwachsen, armutsgefährdet sind. Im Jahr 2006 lebten rund 800.000 Minderjährige, also etwa ein Drittel aller armutsgefährdeten Kinder, in Alleinerziehenden-Haushalten (vgl. BMFSFJ 2008, S. 16). Dagegen ist nur etwa jedes zehnte Kind, das in einem Paarhaushalt aufwächst, armutsgefährdet. Hervorzuheben ist hier, dass die Armutsgefährdungsquote für Kinder in Paarhaushalten erst ab dem dritten Kind zunimmt. Im Gegensatz hierzu steigt diese Quote für Kinder in Alleinerziehenden-Haushalten bereits ab dem zweiten Kind deutlich an, was zu einer beinahe doppelt so hohen Gefährdung führt (vgl. ebd., S. 17).

Bei einem Blick auf den Erwerbsstatus der Eltern zeigt sich, dass nur jedes 10. Kind, welches in der klassischen Vollzeit-Alleinverdiener Familie aufwächst, von Armut betroffen ist. Dahingegen sind etwa 65% aller Kinder, deren Eltern im SGB II-Bezug stehen, armutsgefährdet und stellen somit die Gruppe der am stärksten betroffenen und gefährdetsten Kinder dar. In Zahlen ausgedrückt, sind hier mehr als 1.1 Millionen Kinder von Armut betroffen. Kinder, die in einem Haushalt mit einem alleinverdienendem, teilzeitarbeitendem Elternteil aufwachsen, sind noch zu 16,8% von Armut bedroht (vgl. ebd., S. 21f.).

Auch Kinder aus Haushalten mit ausländischem Haushaltsvorstand tragen ein erhöhtes Armutsrisiko. So ist jedes dritte Kind mit Migrationshintergrund armutsgefährdet oder bereits von Armut betroffen. Hier spielt vor allem die geringere Erwerbsbeteiligung und die Erwerbstätigkeit im Niedriglohnbereich eine entscheidende Rolle (vgl. ebd., S. 18). Entgegen den populistischen Thesen von Thilo Sarrazin (2010, S. 372), dass „die Fremden, die Frommen und die Bildungsfernen […] in Deutschland überdurchschnittlich fruchtbar [sind]“, zeigt sich jedoch, dass die Anzahl der Kinder in Familien mit ausländischem Haushaltsvorstand mit durchschnittlich 1,66 Kindern nur unwesentlich höher ist, als die 1,62 Kinder der deutschen Durchschnittsfamilie (vgl. BMFSFJ 2008, S. 19).

Dabei sind ältere Kinder tendenziell stärker von Armut bedroht als jüngere Kinder. Besonders die Alterskohorte von 15 bis unter 18 Jahren trägt mit 23,9% eine deutlich höhere Armutsrisikoquote als die beiden Alterskohorten darunter. Geht man davon aus, dass ein Grund für elterliche Arbeitslosigkeit beziehungsweise prekäre Beschäftigung, darin zu suchen ist, dass es an Kinderbetreuungsmöglichkeiten mangelt, so sollte davon auszugehen sein, dass sich dieses Problem mit zunehmendem Alter der Kinder von selbst löst. Diese deutliche Zunahme der Armutsgefährdung kann vor allem durch vier Gründe erklärt werden:

1. Der Anteil der Kinder in Alleinerziehenden-Haushalten ist in dieser Kohorte deutlich höher als bei den beiden anderen Kohorten.
2. Alleinerziehenden wird nur bis zum vollendeten 12. Lebensjahr des Kindes ein Unterhaltsvorschuss durch das Jugendamt gewährt.
3. Ein Teil dieser Alterskohorte wohnt bereits in einem eigenen Haushalt und verfügt dementsprechend nur über geringes Erwerbseinkommen.
4. Entsprechend der zunehmenden materiellen Bedürfnisse älterer Kinder werden diese bei der Berechnung des Nettoäquivalenzeinkommens auch höher gewichtet (vgl. BMFSFJ 2008, S. 13).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Darstellung 2: Kinderarmutsverteilung in Deutschland 2006.

Quelle: BMFSFJ 2008, S. 21f.

Zusammenfassens kann somit festgehalten werden, dass in Deutschland im Jahr 2006 insgesamt beinahe 2.4 Millionen Kinder arm beziehungsweise armutsgefährdet waren. An dieser Stelle sollte jedoch deutlich darauf hingewiesen werden, dass diese dargestellten Zahlen Mindestgrößen sind, denn

„die verdeckte Armut erreicht fast die Größenordnung der bekämpften. Auf drei Empfänger von Hilfe zum Lebensunterhalt kommen mindestens zwei, eher drei Berechtigte, die sich nicht beim Amt melden. Lösen diese Armen ihre Ansprüche ein, müssten die Sozialämter noch mal ein Drittel bis zur Hälfte mehr zahlen“(Bunzenthal 2006).

Vor allem Kinder in Alleinerziehenden-Haushalten, in Haushalten mit ausländischem Haushaltsvorstand und Kinder deren Eltern Sozialleistungen beziehen waren und sind dabei besonders gefährdet. Zudem nimmt die Armutsgefährdung mit zunehmender Geschwisteranzahl, aber auch mit zunehmendem Alter der Kinder zu.

3. Dimensionen der Kinderarmut

„Du bist arm, ohne frei zu sein. Dies ist der elendste Zustand, in den ein Mensch geraten kann“

Jean–Jacques Rousseau .

Um einem umfassendem Verständnis von Armut gerecht zu werden, werden zunehmend Aspekte kindlichen Wohlbefindens (vgl. Maywald 2010, S. 8) beziehungsweise der Lebenslagenansatz dazu herangezogen, um das Phänomen der Kinderarmut begreifbar zu machen. Wobei sich mit dem Begriff der Lebenslage die Lebenssituation eines Menschen umfassender und ganzheitlicher beschreiben lässt, da hier psychische, soziale und biologische Aspekte eingeschlossen werden (vgl. Holz 2006, S. 4).

Der Lebenslagenansatz wurde ursprünglich durch Otto Neurath (1882 – 1945) entwickelt. Neurath versteht dabei die Lebenslage zum einen als einen Teil des Lebensbodens, welcher durch ihn definiert wurde als „ein Stück Welt mit all seinen Bestandteilen“ (Neurath 1979, S. 271 zit. nach Voges u.a. 2003, S. 38). Zum anderen ist Lebenslage hier jedoch auch als Ergebnis des Zusammenwirkens von Lebensboden und Lebensordnung angesehen (vgl. ebd., S. 39). Lebensordnung bezeichnet dabei „das soziale Beziehungsgeflecht, das […] durch den Lebensboden geprägt ist“ (ebd., S. 38). Zum anderen ist

„die Lebenslage […] der Inbegriff aller Umstände, die verhältnismäßig unmittelbar die Verhaltensweisen eines Menschen, seinen Schmerz, seine Freude bedingen. Wohnung, Nahrung, Kleidung, Gesundheitspflege, Bücher, Theater, freundliche menschliche Umgebung, all das gehört zur Lebenslage“ (Neurath 1981, S. 512).

Kurt Grelling, Gerhard Weisser und Ingeborg Nahnsen haben diesen Ansatz im Lauf der Zeit aufgegriffen und erweitert. Im Wesentlichen gleichgeblieben ist dabei die Auffassung, dass Lebenslage mulitidimensional verstanden werden sollte, da diese ökonomische und nicht-ökonomische, materielle und immaterielle Dimensionen beinhaltet. Dennoch bleibt das Einkommen zentrales Merkmal, da dieses den Zugang zur Befriedigung verschiedener Bedürfnisse gewährt (vgl. Voges u.a. 2003, S. 43). Dabei ist vor allem „die Betonung der prinzipiellen Handlungsspielräume als Opportunitäten und ihrer lebenslagenspezifischen Grenzen charakteristisch“ (a.a.O.). Wie sich dieses Lebenslagenverständnis auf die Dimensionen der Kinderarmut übertragen lässt, sei im Folgenden gezeigt.

3.1 Kinderarmut als Ausdruck und Folge familiärer Armut

„Es ist besser, ein dauerhaftes Einkommen zu haben, als faszinierend zu sein.“

Oscar Wilde

Um den Lebenslageansatz auf Kinderarmut zu übertragen, sollten verschiedene Gesichtspunkte beachtet werden. Analog zu dem Verständnis des Lebenslagenansatzes, welcher das Einkommen als zentrales Merkmal betrachtet, sollte somit zuerst das Einkommen beziehungsweise die materielle Lage des Haushalts und die Erwerbslage der Eltern in den Blick genommen werden

Zum einen, da das größte Armutsrisiko jene Kinder tragen, deren Eltern nicht oder nur geringfügig beschäftigt sind (vgl. BMFSFJ 2008, S. 9). Zum anderen ist die familiäre Armut letztlich die conditia sine qua non, ohne welche die Kinder zwar „als ‚arm dran‘ oder benachteiligt zu bezeichnen [sind], nicht jedoch als ‚arm‘“(Holz 2005, S. 98).

Vor allem drei Aspekte tragen zu einer Erhöhung des Armutsrisikos bei:

1. Aushöhlung des Normalarbeitsverhältnisses

Seit den neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts ist neben der Normalbeschäftigung zunehmend auch der Sektor der atypischen Beschäftigung angewachsen. Atypische Beschäftigung kann dabei in Abgrenzung zu Normalarbeitsverhältnissen wie folgt verstanden werden:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Darstellung 3: Normalarbeitsverhältnis und Atypische Beschäftigung.

Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung an Butterwegge 2009, S.78; Jurczyk 2009, S. 32; Statistisches Bundesamt 2009a, S. 5.

So stieg die Zahl der Personen, die als Haupttätigkeit einer Teilzeitbeschäftigung mit weniger als 21 Wochenarbeitsstunden nachgingen, von 3,5 Millionen im Jahr 1998 um 39% auf 4,9 Millionen im Jahr 2008 (vgl. Puch 2009, S. 1). Aber auch (Langzeit-)Erwerbslosigkeit und Erwerbseinkommen im Niedriglohnbereich (working poor[7] ) haben in den letzten Jahren stetig zugenommen, wobei vor allem die Lage der Erwerbstätigen im Niedriglohnbereich, durch den geringen Anstieg beziehungsweise die Stagnation sowohl der Bruttoreallöhne, als auch der Nettoreallöhne, noch verschärft wurde (vgl. Butterwegge 2010, S. 11f.; Holz 2010a; Träger 2009, S. 35; BMFSFJ 2008, S.10). Der Anteil aller abhängig Beschäftigten, die im Jahr 2006 einer Tätigkeit im Niedriglohnbereich nachgingen, lag bei genau 20%. Hier haben mit 49,2% fast die Hälfte aller atypisch Beschäftigten einen Stundenlohn unterhalb der Niedriglohngrenze bezogen[8] (vgl. Statistisches Bundesamt 2009a, S. 15).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Darstellung 4: Anteil der Beschäftigten mit Niedriglohn im Oktober 2006. In Prozent.

Quelle: Statistisches Bundesamt 2009a, S. 18.

Unter diesem Gesichtspunkt erstaunt es nicht, dass bei allen Formen der atypischen Beschäftigung ein Anstieg des Armutsrisikos zu beobachten war und ist. So stieg von 1998 bis 2008 der Anteil der Personen unterhalb der Armutsschwelle bei dieser Personengruppe von 9,8% auf 14,3% an (vgl. ebd., S. 26).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Darstellung 5 : Geschiedene Ehen 1991 bis 2008.

Quelle: Statistisches Bundesamt 2010, S. 14

2. Auflösung der Normalfamilie

Zunehmende Trennungs- und Scheidungszahlen tragen dazu bei, dass sich Kinderarmut in der Regel auf Frauen- beziehungsweise Mütterarmut zurückführen lässt. Dies ist vor allem zwei Umständen geschuldet. Zum einen stellen alleinerziehende Väter eher die Ausnahme als die Regel dar, denn noch im Jahr 2009 war in neun von zehn alleinerziehenden Familien, die Mutter das alleinerziehende Elternteil (vgl. Statistisches Bundesamt 2010, S. 14; Butterwegge 2010, S. 13; Holz 2010a).

Zum anderen werden Frauen nach wie vor schlechter entlohnt als Männer. Im Jahr 2006 lag der Gender Pay Gap, welcher den prozentualen Unterschied im durchschnittlichen Bruttostundenverdienst zwischen Männern und Frauen definiert, bei 23% (vgl. Droßard 2008, S. 1). Daneben war der Anteil der Niedriglohnbezieherinnen an allen Beschäftigten mit 27,2% beinahe doppelt so groß wie der der Männer mit 14,3% (vgl. Statistisches Bundesamt 2009a, S. 17).

Angesichts der nach wie vor herrschenden Problematik der Kinderbetreuung[9], stehen zudem alle (alleinerziehenden) Elternteile vor dem Problem existenzsichernde Erwerbsarbeit und Kinderbetreuung miteinander zu vereinbaren. Ohne soziale Netzwerke, von denen Zeiten in denen keine institutionelle Kinderbetreuung angeboten wird, kompensiert werden können, gestaltet sich eine (Vollzeit-) Erwerbstätigkeit als schwierig bis unmöglich. Butterwegge formuliert dies folgendermaßen:

„Kinder tragen nicht nur ein erhöhtes Armutsrisiko, bilden vielmehr manchmal quasi auch selbst eins, weil jene soziale Infrastruktur fehlt, die es ihren Eltern erlauben würde, neben der Haus- und Erziehungs- auch Erwerbsarbeit zu leisten“ (2010, S. 15).

Die fehlende Infrastruktur erlaubt – vor allem alleinerziehenden - Elternteilen zumeist nur die Aufnahme einer atypischen Beschäftigung, mit allen sich daraus ergebenden Konsequenzen und mit der Folge, dass die ausgeübte Tätigkeit zumeist nicht zur Existenzsicherung ausreicht. Dementsprechend bezogen im Jahr 2009 etwa ein Drittel der alleinerziehenden Mütter Transferzahlungen, wohingegen Mütter in Paarfamilien nur zu 6% solche Leistungen benötigten (vgl. Statistisches Bundesamt 2010, S. 26).

3. Um- bzw. Abbau des Wohlfahrtstaates

Unter dem Gesichtspunkt, dass sowohl Normalarbeitsverhältnisse, als auch die Normalfamilie seit den neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts in Auflösung begriffen sind, wächst die Abhängigkeit des Einzelnen von Markt und Staat (vgl. 2009, S. 82). Doch trotz des grundgesetzlich garantierten Sozialstaatsgebots der Bundesrepublik Deutschland (Art. 20 Abs. 1 und Art. 28 Abs. 1 GG), hat sich der Sozialstaat Deutschland in den letzten Jahren mehr und mehr zum Wettbewerbsstaat gewandelt (vgl. 2009, S. 83) So treten an Stelle der Versicherungsleistungen immer stärker die steuerfinanzierten Fürsorgeleistungen, die Eigenvorsorge und die Selbstverantwortung des Einzelnen (vgl. ebd., S. 86). Im Folgenden sei auf einige Aspekte dieses Sozialabbaus verwiesen (vgl. VdK 2010; 2010; 2008, S. 112ff.; 2010, S. 9):

- Die Gesundheitsreform 2010 der Regierung Merkel-Westerwelle, welche unter anderem die einseitige Erhöhung der Beiträge zur gesetzlichen Krankenversicherung auf Arbeitnehmerseite zur Folge hatte.
- Das Sparpaket besagter Regierung, mit der damit verbundenen Streichung des Elterngeldes für Arbeitslosengeld-II-Empfänger, die Streichung des Heizkostenzuschusses für Wohngeldempfänger und die Abschaffung des Rentenversicherungsbeitrags für Langzeitarbeitslose.
- Die Massenarbeitslosigkeit wird durch die Regierung als Panne bewertet.
- Die nicht verfassungsgemäße Berechnung der Regelsätze für ALG II - und Sozialhilfe - Empfänger.
- Durch die Inanspruchnahme des Kinderfreibetrags erhalten besser verdienende Eltern deutlich mehr Kindergeld, als diejenigen Eltern, die ein monatliches Kindergeld ausgezahlt bekommen.
- Obwohl sich die Bundesregierung zur Sozialen Marktwirtschaft bekennt, wird Neoliberalismus betrieben.

Diese Aufzählung ist keineswegs abschließend. Dennoch zeigt sich hier eine eindeutige Richtung, in die sich die Politik in Deutschland im Augenblick bewegt. Gleichzeitig wird der Bezug von Sozialleistungen in der Öffentlichkeit immer noch mit Faulheit und Arbeitsunwilligkeit gleichgesetzt. So sprach sogar der Vize-Kanzler der Bundesrepublik Deutschland in diesem Zusammenhang von „spätrömischer Dekadenz“ ( 2010).

3.2 Armut aus Kindersicht

„Die, die drinnen sind, können sowieso nicht hinaus, und die, die draußen sind, wollen nicht hinein.“ Mark Twain

Zu der Einkommenssituation als Hauptmerkmal und Ausgangspunkt von Kinderarmut sollten in einem mehrdimensionalen Armutsverständnis Entwicklungsprozesse und die subjektive Wahrnehmung der Kinder, beachtet werden. Dabei basiert Kinderarmut nach Gerda Holz (2005, S. 97) auf

„familiärer Einkommensarmut, zeigt sich in Auffälligkeiten bzw. Beschränkungen in den Lebenslagendimensionen (d.h. materielle Grundversorgung, soziale, gesundheitliche und kulturelle Lage) und führt zu Entwicklungs- und Versorgungsdefiziten sowie zu sozialer Ausgrenzung.“

Zudem sollten gleichfalls Entwicklungs-, Zukunfts- und Teilhabechancen oder anders ausgedrückt: Verwirklichungschancen berücksichtigt werden (vgl. Holz 2005, S. 96).

„Arme Kinder haben nach der Definition von Amartya Sen (1999, 2006) einen Mangel an Verwirklichungschancen. Verwirklichungschancen sind Möglichkeiten oder umfassende Fähigkeiten (‚Capabilities‘) von Menschen, ein Leben führen zu können, für das sie sich mit guten Gründen entscheiden konnten und das die Grundlagen der Selbstachtung nicht in Frage stellt“ (Hammer 2010, S. 29).

Dabei erleben Kinder „Armut als Unterversorgung in verschiedenen Dimensionen ihrer tatsächlichen alltäglichen Situation bzw. Lebenslage“ (Otto / Bolay 1997, S. 9f.). Gleichzeitig sollte ein kindergerechtes Armutsverständnis sowohl die strukturelle, als auch die subjektive Ebene umfassen (vgl. Chassè u.a. 2010, S. 113) und eine Einschätzung des kindlichen Wohlergehens erlauben. Gerda Holz (2010c, S. 38) schlägt dabei folgende Einteilung vor:

- „Von Wohlergehen wird dann gesprochen, wenn in Bezug auf die zentralen (Lebenslage-) Dimensionen aktuell keine ‚Auffälligkeiten‘ festzustellen sind, das Kindeswohl also gewährleistet ist.
- Eine Benachteiligung liegt […] dann vor, wenn in einigen wenigen Bereichen aktuell ‚Auffälligkeiten‘ festzustellen sind. Das betroffene Kind kann in Bezug auf seine weitere Entwicklung als eingeschränkt beziehungsweise benachteiligt betrachtet werden.
- Von multipler Deprivation schließlich ist dann die Rede, wenn das Kind in mehreren zentralen Lebens- und Entwicklungsbereichen ‚auffällig‘ ist. Das Kind entbehrt [hier] die notwendigen Ressourcen, die eine positive Entwicklung wahrscheinlich machen.“

Verbindet man nun diese verschiedenen Gesichtspunkte, kann ein kindergerechtes Armutsverständnis meines Erachtens nach wie folgt skizziert werden:

Die monetäre Unterversorgung des Haushalts wirkt auf die materielle und kulturelle Versorgung des Kindes, sowie auf die psychische und physische Lage und die Situation im sozialen Bereich. Dies führt zu sozialer Ausgrenzung, eingeschränkten Verwirklichungschancen, Unterversorgung, Fremdbestimmtheit und Stigmatisierung. All diese Dimensionen schließlich haben deutliche Auswirkungen auf das kindliche Wohlergehen und können zu Benachteiligungen bis hin zu multipler Deprivation führen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Darstellung 6: Armut aus Kindersicht.

Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung an HOLZ 2010c, S. 37.

Dabei lassen sich die dargestellten Lebenslagendimensionen zudem nocheinmal weiter differenzieren. So schlagen Bertram und Kohl (vgl. 2010, S. 8f.) in Anlehnung an das von Jonathan Bradshaw entwickelte Modell kindlichen Wohlbefindens eine Differenzierung nach den Dimensionen Materielles Wohlbefinden, Gesundheit und Sicherheit, Bildung und Ausbildung, Beziehungen zu Gleichaltrigen und zur Familie, Verhaltensrisiken und subjektives Wohlbefinden vor (vgl. ebd., S. 9). Diese lassen sich jedoch unter die von Gerda Holz vorgeschlagenen Dimensionen subsumieren. Daher werde ich im Folgenden die Auswirkungen von Armut an Hand der vier Dimensionen Materielle Versorgung, Versorgung im kulturellen Bereich, Situation im sozialen Bereich, sowie psychische und physische Lage darstellen und wo immer nötig, eine weitere Ausdifferenzierung vornehmen.

4. Auswirkungen der Kinderarmut

„Kinder erleben nichts so scharf und bitter wie Ungerechtigkeit.“
Charles Dickens

Die Darstellung der Folgen der Armut für Kinder gestaltet sich schon im Zugang schwierig. Zumeist können nur die Kinder erfasst werden, die entweder an einschlägigen Studien teilnehmen oder die in irgendeiner Weise, sei es durch Systeme wie Schule und Kindergarten, Jugendhilfe oder Sozialleistungsträger, als arm oder armutsgefährdet erkannt wurden und dementsprechend empirisch erfassbar sind. Dabei bleibt die oben bereits angesprochene Dunkelziffer jedoch weiter im Verborgenen.

Um die Auswirkungen und Risiken von familiärer Armut für Kinder dennoch zumindest annäherungsweise deutlich zu machen, wird im Folgenden unter anderem auf die Ergebnisse des vom Robert Koch-Institut durchgeführten Kinder- und Jugendgesundheitssurveys (KiGGS) und der Shell Jugendstudie 2010 zurückgegriffen. Allerdings müssen an dieser Stelle kurz die Designs der beiden Studien erläutert werden.

So wurde für die Erhebungen des KiGGS nicht explizit auf Einkommensarmut abgestellt. Jedoch wurde ein mehrdimensionaler Status-Index konstruiert, der neben dem Einkommen auch Schulbildung, berufliche Qualifikation und berufliche Stellung der Eltern berücksichtigt. Für diesen Status-Index wurden verschiedene Punktwerte entwickelt und die jeweiligen Studienteilnehmerinnen und Studienteilnehmer wurden nach dem erreichten Punktwert verschiedenen Statusgruppen zugeordnet. So wurde die Kohorte die 3 – 8 Punkte erreichte dem niedrigen Sozialstatus, die Kohorte mit 9 – 14 Punkten dem mittleren Sozialstatus und die Kohorte mit 15 – 21 Punkten dem hohen Sozialstatus zugeordnet (vgl. Lange u.a. 2007, S. 583f.).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Darstellung 7: Berechnungsgrundlage des Schichtindex in der KIGGS-Studie.

Quelle: Lange u.a. 2007, S. 584.

Ähnliches gilt für die Abbildung der sozialen Herkunftsschicht der Jugendlichen in der Shell Studie. Auch hier wurde ein multivariabler Index mit dazugehörender Punktevergabe herangezogen, um die Zugehörigkeit zu einer Schicht[10] zu erfassen (vgl. Shell Deutschland Holding 2010, S. 400f.). Daher muss an dieser Stelle darauf hingewiesen werden, dass niedriger Sozialstatus beziehungsweise Zugehörigkeit zur Unterschicht nicht zwangsläufig mit „Armut gleichgesetzt werden“ kann (Lange u.a. 2007, S. 584). Dennoch erlauben beide Indizes durch die jeweilige Punktevergabe zumindest die (vorsichtige) Einschätzung, dass niedriger Sozialstatus und Unterschicht tendenziell mit familiärer Einkommensarmut verbunden ist. Verstärkt wird diese Einschätzung dadurch, dass 42% der Jugendlichen (12 – 25 Jahre) aus der Unterschicht im Vergleich zu 7% der Oberschicht ihre eigene finanzielle Lage als (sehr) schlecht einstufen (vgl. Leven u.a. 2010, S. 84).

4.1 M aterielle Versorgung

„Der Mensch ist nicht frei, wenn er einen leeren Geldbeutel hat.“

Lech Walesa

Fehlende oder zu geringe finanzielle Ressourcen wirken sich direkt und indirekt auf Kinder beziehungsweise das kindliche Wohlbefinden aus, da die Versorgung mit lebensnotwendigen Gütern grundsätzlich von der Einkommenssituation abhängig ist (vgl. Chassè u.a. 2010, S. 115). Das Kind erfährt dabei einen länger dauernden Mangel, eine Benachteiligung vor allem in den Bereichen Einkommen, Grundversorgung, Gesundheit, Kultur, Bildung, Arbeit, Wohnen und Soziales. Dies bedeutet einen Verzicht auf bestimmte (als allgemein für notwendig erachtete) Güter und/oder Dienstleistungen, ohne die eine angemessene Teilhabe an der Gesellschaft nicht möglich ist (vgl. Butterwegge 2009, S. 17f. und 28f.; Holz 2010a).

Bereits im frühen Kindesalter werden dabei Defizite in der materiellen Grundversorgung sichtbar. Dies zeigt sich bei Kindern in Kindertageseinrichtungen zum Beispiel in verspäteten und unregelmäßigen Zahlungen von Essensgeldern oder anderen Beiträgen zu verschiedenen Aktivitäten (vgl. Holz 2010a). So

„zwingt die finanzielle Situation armer Familien diese dazu, am Essen zu sparen. Insbesondere in der zweiten Monatshälfte steht in vielen Haushalten nicht mehr genug Nahrung zur Verfügung.[…] Das direkte Betteln um Essen oder das geduldige Warten auf die Reste des ‚Teamerfrühstücks‘ gehören […] zum Arbeitsalltag der Jugendhilfe“ (Panitzsch - Wiebe 2009, S. 97).

Dieser Eindruck wird durch die Forschungsergebnisse von Chassè u.a. bekräftigt. Hier hat sich ebenfalls gezeigt, dass ein Großteil der an dieser Studie teilnehmenden Kinder meistens ohne Frühstück aus dem Haus gehen und Engpässe in der Ernährung durch verwandtschaftliche Netzwerke oder durch öffentliche Angebote wie den Tafeln ausgeglichen werden müssen (vgl. Chassè u.a. 2010, S. 118).

Auch in Bezug auf Kleidung müssen diese Familien auf Angebote wie Tauschbörsen, Kleiderkammern, Sonderangebote oder abgelegte Kleidung von Verwandten und Freunden zurück greifen. Dieses Zwang zur Sparsamkeit kollidiert dabei mit dem Bedürfnis der Kinder mithalten zu können und ebenso wie ihre Freundinnen und Freunde angesagte Kleidung tragen zu können (vgl. ebd., S. 119ff.).

Jedoch ist es vor allem der Bereich des Wohnens, in dem Kinder am häufigsten einen Mangel wahrnehmen und äußern. So können viele Kinder in ihrer Wohnung nicht ungestört lernen, da es an Rückzugsmöglichkeiten fehlt. Das Kinderzimmer muss dabei mit einem oder mehreren Geschwisterkindern oder sogar mit einem Elternteil geteilt werden (vgl. ebd., S. 122).

Zudem werden aus Kindersicht auch andere Schwerpunkte in Bezug auf eine angemessene Versorgung mit Ernährung, Kleidung und Wohnen gesetzt. Auch wenn die finanziellen Mittel genügen, um eine ausreichende Ernährung sicher zu stellen, „so fehlt den Kindern möglicherweise gerade das Eis, für das es nicht mehr reicht“ (ebd., S. 116). Durch die finanzielle Lage der Eltern entstehen dabei Defizite, die durch die Kinder selbst nur schwer ausgeglichen werden können (vgl. ebd., S. 126). Die Entscheidung ein bestimmtes Kleidungsstück zu tragen oder sich zum Lernen zurück ziehen zu können, geht hier nicht selbstbestimmt vom Kind (oder der Familie) aus, sondern wird durch die finanziellen Gegebenheiten bestimmt. Dabei ist „der eigene Platz zum Lernen, zum Sich-Konzentrieren-Können ein Faktor, der in den OECD-Bildungsstudien als wichtiger Indikator für Lernerfolg beschrieben ist“ (Schenk 2010a, S. 40).

[...]


[1] ) Bereits 1989 sprach Richard Hauser von einer „Infantilisierung der Armut“ (HAUSER 1989, S. 126).

[2] ) So stieg der absolute Vorsprung der oberen zur mittleren Einkommensgruppe von 1.165 Euro im Jahr 1999 auf 1.360 Euro im Jahr 2009 (vgl. GOEBEL u.a. 2010, S. 5).

[3] ) Vor allem die AWO-ISS Studie, sowie die zahlreichen weiteren Arbeiten von Gerda Holz, aber auch von Christoph Butterwegge sind an dieser Stelle hervorzuheben.

[4] ) Dies jedoch nur auf den ersten Blick. Es gibt auch in Deutschland absolut arme Menschen. Straßenkinder, Obdachlose oder illegal Eingewanderte. Personen, die durch jedes Raster fallen, sind auch in Deutschland nach wie vor von absoluter, existenzgefährdender Armut bedroht.

[5] ) Haushalte mit unterschiedlicher Personenzusammensetzung werden hier durch die in der OECD gebräuchliche Bedarfsgewichtung vergleichbar. Hier gilt die Annahme, dass der finanzielle Bedarf der Haushaltsmitglieder zum einen bei größerer Personenanzahl sinkt und zum anderen bei Kindern geringer ist, als bei Erwachsenen. So erhält der Haushaltsvorstand ein Gewicht von 1.0, jede weitere Person 0.5 und jedes Kind unter 14 ein Gewicht von 0.3 (vgl. BMFSFJ 2008, S. 8).

[6] ) Oder doch zumindest die meisten.

[7] ) Im Jahr 2007 arbeitete beinahe jede/r Fünfte Beschäftigte für einen Stundenlohn unterhalb der Niedriglohnschwelle. Davon waren fast die Hälfte (47%) Vollzeitbeschäftigte (vgl. Holz 2010a).

[8] ) Die Niedriglohngrenze lag 2006 bei 9,85 Euro, bezogen auf zwei Drittel des Median-Stundenverdienstes (vgl. Statistisches Bundesamt 2009a, S. 15).

[9] ) Im Jahr 2007 wurde von Bund, Ländern und Kommunen beschlossen, bis zum Jahr 2013 für 35% der Kinder unter drei Jahren, Betreuungsplätze bereit zu stellen. Trotz dieser Verpflichtung konnten im Jahr 2009 erst 20,4% der unter Dreijährigen in Gesamtdeutschland betreut werden (vgl. BMFSFJ 2010b, S.8).

[10] ) In der Shell Jugendstudie wurde eine Schichteinteilung nach Unterschicht, untere Mittelschicht, Mittelschicht, obere Mittelschicht und Oberschicht vorgenommen (vgl. Shell Deutschland Holding 2010, S. 401).

Details

Seiten
68
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656078418
ISBN (Buch)
9783656078883
Dateigröße
1.7 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v183127
Institution / Hochschule
Hochschule für angewandte Wissenschaften Kempten
Note
1,0
Schlagworte
Armut Kinderarmut; Armutsgefährdung; Sozialraum; Partizipation; Empowerment; Aktivierung; Lokale Ökonomie; Beteiligungsstrukturen; Armutsprävention Sozialer Raum; Sozial Raum; Prävention; Beteiligung; Sozialwirtschaft;

Autor

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Titel: Chancenlos? - Dimensionen, Ziele und Aufgaben der  sozialräumlich orientierten Arbeit mit armuts-gefährdeten Kindern und Jugendlichen