Lade Inhalt...

Lessings Trauerspiel 'Philotas' als dramatisierte Kritik an der Tragödie 'Sterbender Cato' und seiner zugrundeliegenden Theorie von Johann Christoph Gottsched

Hausarbeit 2011 21 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Grundlagen: Gottscheds Verständnis der klassischen Tragödie in Theorie und 5 Praxis
2.1 Die Regelpoetik
2.2 Gottscheds Musterdrama Der Sterbende Cato

3. Lessings dramatisierte Kritik an Gottsched und seiner Regelpoetik
3.1 Einordnung des Dramas Philotas in Lessings Schaffensprozess
3.2 Philotas als ein konterkarierendes Drama zu Sterbender Cato

4. Abschließende Betrachtung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Johann Christoph Gottsched1 und seine Frau Luise Adelgunde Victorie Gottsched reformierten das deutsche Theater zu Beginn des 18. Jahrhunderts und bildeten somit den Anfang des Dramas der Aufklärung. Gottscheds dramentheoretisches Konzept, welches unter anderem in seinem Werk Versuch einer Critischen Dichtkunst2, in verschiedenen Abhandlungen sowie Vorträgen und -reden dargestellt ist, stützt sich dabei vor allem auf die antike Poetik von Aristoteles3, Martin Opitz‘ Buch von der deutschen Poeterey4 und auf den französischen Klassizismus.5

Im Verlauf des folgenden Kapitels werden zuerst einige zentrale Merkmale der Tragödie, wie Gottsched sie versteht, und anschließend das Trauerspiel Sterbender Cato, das Gottsched an seiner Regelpoetik orientiert und welches als Musterbeispiel gilt, kurz(!) vorgestellt und auf die zeitgenössische Reaktion auf das Drama eingegangen. Eine genauere Analyse des Trauerspiels erfolgt erst später im Zusammenhang mit Lessings‘ Werk Philotas.

So wie Gottsched als großer Reformator der Frühaufklärung gilt, so übernimmt Lessing diese Rolle ab der Mitte des 18. Jahrhundert in der Phase der Spätaufklärung. Sein erstes bürgerliches Trauerspiel, Miß Sara Sampson, läutet diese neue Phase des Theaters ein und steht in Opposition zu den am französischem Vorbild orientiertem klassischen Trauerspiel der Gottschedschen Schule. Drei Jahre später erscheint Lessings Philotas, das seinerzeit für viele Irritationen und Missverständnisse sorgte, da es zwar formal und laut Untertitel eine Tragödie ist, aber bei genauerer Betrachtung Fehler bei der Umsetzung des historischen Stoffes in die klassische Form der Tragödie - wie sie von Gottsched bekannt war - aufweist. Heute besteht allgemeiner Konsens darüber, dass das Werk „keine (verunglückte) heroische Tragödie ist, sondern ein Trauerspiel in heroischem Gewand mit antiheroischem Sinn.“6

Philotas scheint Lessings Versuch zu sein, sich von der vorherrschenden Form der

heroischen Tragödie abzuwenden und einen weiteren Schritt in Richtung seines favorisierten Dramenstils - dem bürgerlichen Trauerspiel - zu gehen. Dass er damit die Dramentheorie seines größten - zumindest literarischen - Gegners Gottsched kritisiert, steht außer Frage. Allerdings könnte man an diesem Punkt weitergehen und behaupten, Philotas sei nicht nur Kritik an der klassischen Regelpoetik, sondern auch Kritik an deren deutschem Musterbeispiel Sterbender Cato. Ob diese Vermutung haltbar ist und wie Lessing direkte und indirekte Bezüge zu dieser Regeltragödie herstellt, soll in dieser Arbeit beantwortet werden.

2. Gottscheds Verständnis der Tragödie

2.1 „Von Tragödien, oder Trauerspielen“

[Die] Tragödie, (Trauerspiel) ist eine theatralische Vorstellung, die zu ihrer Absicht hat, durch die Unglücksfälle der Großen, Traurigkeit, Schrecken, Mitleiden und Bewunderung bey den Zuschauern zu erwecken.7

So wird der Begriff der Tragödie in dem von Gottsched herausgegebenen Lexikon definiert. Ein umfassenderes Bild seines Verständnisses dieser Dramenform liegt unter anderem seinem 1730 erschienenem Werk Versuch einer Critischen Dichtkunst8 und insbesondere dem Kapitel „Von Tragödien, oder Trauerspielen“ zugrunde. Wie bereits aus dem obigen Zitat hervorgeht, sind die Helden der Trauerspiele die „Großen“, also entsprechend der Ständeklausel, an die sich Gottsched hält, Adlige. Diese würden sowohl Tugenden als auch Laster besitzen, von denen Letztere sie ins Unglück stürzen würden. Dadurch soll bei den Zuschauern zum einen Mitleid und zum anderen Bewunderung für die göttliche Rache hervorgerufen werden, da sie ebenso beschaffen seien wie die Helden der Dramen.9

Formal gliedert sich das regelpoetische Trauerspiel in zwei Teile: Der erste ist der musikalische Teil, indem der Chor hauptsächlich Oden singt, der aber auch Bestandteil der auf der Bühne gezeigten Handlung ist. Der Chor singt immer zwischen zwei Aufzügen, die den zweiten Teil des Trauerspiels bilden und in denen die Fabel durch „Unterredungen der auftretenden Personen“ dargestellt wird.10

Aufgebaut ist die Tragödie also durch den „Eingang“ (auch „Vorrede“ genannt), das „Episodium“ (jegliche Handlungen und Gesänge zwischen dem ersten und letztem Chorauftritt) und dem „Ausgang“ bzw. „Beschluß“.11 Diese „drey sehr ungleiche[n] Theile“ werden durch die „willkührlich[e]“ Aufspaltung der Haupthandlung in fünf Aufzüge gegliedert.12

Die bereits oben erwähnte Fabel soll nach Gottsched das Kriterium der Wahrscheinlichkeit erfüllen. Das bedeutet, dass das Drama in sich geschlossen sein soll.

Da die Zuschauer keine lokalen Sprünge während der Vorführung erleben, müsse auch die

Handlung der Tragödie an einem Ort stattfinden. Desweiteren - an Aristoteles orientiert - darf das auf der Bühne Dargestellte „nur einen Umlauf der Sonne[]“, das heißt nur „einen Tag“, andauern. Schließlich habe jede Fabel „nur eine Hauptabsicht“ und somit „auch nur eine Haupthandlung“. Allerdings lässt die Einheit der Handlung Nebenhandlungen zu, sofern sie der „Ausführung der Haupthandlung“ dienen.[13]

Die Regel der Wahrscheinlichkeit soll bei einer Tragödie generell zur Geltung kommen, da nur dann Glaubhaftigkeit entstehe. Dies schließe auch die Darstellung der Charaktere mit ihrem Ausdruck und ihrer Sprache ein. Das bedeutet, dass Personen hohen Standes dementsprechend auch denken und reden sollen, aber „so bald sie […] der Affect übermeistert, vergessen sie ihres hohen Standes fast, und werden wie andre Menschen“, das heißt sie sprechen und handeln wie Personen niedrigeren Standes.14

2.2 Gottscheds Theorie in der Praxis: Der Sterbende Cato

Nach der Veröffentlichung der CD hofft Gottsched darauf, dass sich ein „geschickter[] Poet […] hervortun“ und ein Drama konzipieren würde, welches nach seinen Vorgaben gestaltet sein sollte. Da jedoch selbst drei Jahre später kein Drama, das seinen Kriterien entsprechen würde, vorliegt, entschließt er sich dazu, selbst eines zu verfassen.15 Es entsteht das Trauerspiel „Sterbender Cato“, welches von der Schauspielgruppe um Friederike Caroline Neuber 1731 in Leipzig uraufgeführt und 1732 erstmals gedruckt wird.16 Das in den 1730er Jahren meistgespielte deutsche Theaterstück gilt als „Musterstück, das andere Autoren zur Produktion deutschsprachiger Tragödien anregte [und] einen gewichtigen Beitrag zur Überwindung der seit ca. 1700 andauernden Krise der deutschen Dramatik [leistete].“17

Zeitgenössische Kritiker jedoch werfen Gottsched vor, das Stück lediglich kopiert zu haben. Grund dafür ist die Tatsache, dass nur 174 der insgesamt 1648 Verse von dem Autor selbst sind.

[...]


1 Im Folgenden nur Gottsched genannt.

2 Vgl. mit: Johann Christoph Gottsched: Versuch einer Critischen Dichtkunst. Wissenschaftliche Buchgesellschaft: Darmstadt 1962.

3 Vgl. mit: Aristoteles: Poetik. Griechisch/Deutsch. Übers. u. hrsg. v. Manfred Fuhrmann, Reclam: Stuttgart 1982.

4 Vgl. mit: Martin Opitz: Buch von der deutschen Poeterey <1624>. Nach der Edition von Wilhelm Braune. Niemeyer: Tübingen 1963.

5 Iwan-Michelangelo D’Aprile, Winfried Siebers: Das 18. Jahrhundert. Zeitalter der Aufklärung. AkademieVerlag: Berlin 2008, S. 143.

6 Wolfgang Ranke: Theatermoral. Moralische Argumentation und dramatische Kommunikation in der Tragödie der Aufklärung. Königshausen & Neumann: Würzburg 2009, S. 396.

7 Tragödie: Artikel in: Johann Christoph Gottsched (Hrsg.): Handlexicon oder Kurzgefaßtes Wörterbuch der schönen Wissenschaften und freyen Künste. Fritsch: Leipzig 1760, Sp. 1572.

8 Wird im Folgenden durch CD abgekürzt.

9 Gottsched: Versuch einer Critischen Dichtkunst. S. 606-608.

10 Ebd., S. 608-610.

11 Ebd., S. 609-610.

12 Ebd.

13 Ebd., S. 613-616.

14 Ebd. 620-622.

15 Johann Christoph Gottsched: Sterbender Cato. Im Anhang: Auszüge aus der zeitgenössischen Diskussion über Gottscheds Drama. Hrsg. v. Horst Steinmetz, Reclam: Stuttgart 1964, S.5.

16 Rainer Baasner: Einführung in die Literatur der Aufklärung. Wissenschaftliche Buchgesellschaft: Darmstadt 2006, S. 104.

17 Frank Krause: Stoische Ungeduld. Johann Christoph Gottsched: Der Sterbende Cato1732. In: German Life and Letters, 54. Jg. 2001, H. 3, S. 191.

Details

Seiten
21
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656076896
ISBN (Buch)
9783656076698
DOI
10.3239/9783656076896
Dateigröße
600 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v183380
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Institut für Deutsche Philologie
Note
2,0
Schlagworte
Gottsched Philotas Lessing Regelpoetik Der Sterbende Cato Cato Drama Trauerspiel

Autor

Zurück

Titel: Lessings Trauerspiel 'Philotas' als dramatisierte Kritik an der Tragödie 'Sterbender Cato' und seiner zugrundeliegenden Theorie von Johann Christoph Gottsched