Lade Inhalt...

Peter Singer und seine Kritiker - Eine Material- und meta-ethische Analyse

Diplomarbeit 2011 76 Seiten

Philosophie - Praktische (Ethik, Ästhetik, Kultur, Natur, Recht, ...)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1 Einleitung

2 Die leitenden Prinzipien der Ethik Peter Singers

3 Die Kritiker
3.1 Die Kritiker: drei Fachbereiche, drei Professoren – ein Duktus
3.2 Beispiele reproduzierter Meinung

4 Inhaltliche Auseinandersetzung mit der Ethik Singers
4.1 Traditionelle Gerechtigkeitsvorstellungen und Singers Konzept im Vergleich
4.2 Interessen und Personen:
4.3 Affen und Menschen: Selbstbewusstsein bei Tieren

5 Fazit

6 Abbildungsverzeichnis

7 Literaturverzeichnis

„Zunächst also: Was den Worten zugrunde liegt, mein Herodot, müssen wir erfaßt haben, um die vermuteten oder untersuchten oder ungeklärten Zusammenhänge darauf zurückzuführen und hinterher beurteilen zu können; weder soll uns alles unentschieden ins Grenzenlose ‚davonlaufen‘, wenn wir es erläutern, noch wollen wir leere Worte zurückbehalten.“ [1]

1. Einleitung

In einem kürzlich veröffentlichten Interview mit Peter Singer stellte die Frankfurter Allgemeine Zeitung eine ungewöhnliche Frage: „ Sind Sie der gefährlichste Mann der Welt, Mr. Singer“ (Gern 2011)? Dieser Eindruck muss entstehen, wenn Kritiker behaupten, das Leben behinderter und alter Menschen müsse vor seinen Thesen beschützt werden. Singers Antwort lautete: Nur bis zum 11.09.2001, nach dem Tod Bin Ladins könnte man wieder darüber sprechen (vgl. Gern 2011).

Peter Singer ist australischer Philosoph, Hochschullehrer und Buchautor. Was aber muss ein Philosoph schreiben, um mit dieser Frage konfrontiert zu werden? Singer beschäftigt sich mit Diskriminierung; er entwickelte Strategien zur Verhinderung von Leid und plädiert für globale Verantwortung gegenüber Benachteiligten. Aber: Singer befasst sich auch mit dem Themenkomplex Geburt und Tod, mit Leben und Sterben. Singer und seine Thesen sind nicht neu. Bereits vor mehr als 20 Jahren sorgten diese in Deutschland für eine Kontroverse. Und doch ist Singer gerade hochaktuell, denn in der Debatte, die in Deutschland gerade um die Präimplantationsdiagnostik (PID) geführt wird, findet sich die Kontroverse um Singer und seine Ethik wieder. Die Frage lautet: Dürfen Ärzte vor einer künstlichen Befruchtung die Embryonen auf Erbkrankheiten untersuchen?

„Seit gut zwei Jahrzehnten gibt es mit der Präimplantationsdiagnostik (PID) die medizinische Möglichkeit, schwere Erbkrankheiten und Chromosomenanomalien an künstlich erzeugten Embryonen noch vor deren Implantation zu erkennen. Dadurch können bereits vor Einleitung der Schwangerschaft Fehl- und Totgeburten und die Weitergabe von besonders schweren Erkrankungen an das zukünftige Kind verhindert und schwere Belastungen, insbesondere von den betroffenen Frauen aber auch den Familien insgesamt, abgewendet werden“ (Flach, et al. 2011).[2] In der Diskussion um die PID geht es um Leben und Tod von ungeborenem Leben. Singer geht einen Schritt weiter und überträgt die Fragestellung auf Menschen unterschiedlicher Altersgruppen. Singer geht dabei unter anderem der Frage nach, ob das Töten eines Menschen, wenn er bspw. aufgrund von Alter oder Krankheit den Wunsch äußert, sterben zu wollen, erlaubt werden sollte. Spielen wir Gott, wenn wir sowohl die Geburt eines Menschen, als auch dessen Tod manipulieren? Oder spielen wir Gott, wenn wir uns dem Wunsch, sterben zu wollen, verweigern? (Wer auch immer wir sind).

Singer versucht erstens zu klären, weshalb diese Fragen so kontrovers diskutiert werden, und zweitens, ob die Manipulation von Leben und Tod richtig oder falsch ist. Mit seinem Fazit stößt Singer gerade im deutschsprachigen Raum auf massiven Widerstand. Deutsche Behindertenverbände argumentieren, dass Singers Überlegungen die Selbstbestimmung behinderter Menschen gefährde. Anfang der 1990er Jahre verhinderte ihr Protest weitestgehend eine für Deutschland geplante Vortragsreise (vgl. Singer 1994, 425ff). Um die Argumente der Kritiker nachvollziehen zu können, sollten die der Kritik zugrunde liegende Ideen Singers verstanden sein. In Kapitel 2 erfolgt daher die Deskription der leitenden Prinzipien der Ethik Singers. In Kapitel 3 steht die Kritik an der Ethik Singers im Mittelpunkt. Dabei sollen die Begründungen der Kritik dreier Kritiker aus der deutschsprachigen Hochschullandschaft anhand von neun Beispielen genauer beleuchtet und auf ihre Richtigkeit geprüft werden. Folgende Fragestellungen liegen dem zugrunde: Ist die Argumentation gerechtfertigt? Fordert Singer, wie bspw. behauptet, die Vernichtung von unwertem Leben (vgl. Feuser 1989, 292ff)? Finden sich in den Texten Singers Hinweise, welche die erhobenen Vorwürfe belegen oder widerlegen? Anschließend werde ich in Kapitel 3.2 exemplarisch anhand einer Diplomarbeit der Frage nachgehen, ob die ablehnende Haltung der Kritiker gegenüber der Ethik Singers Einfluss auf die Willensbildung von Studenten hat. In Kapitel 4 werde ich mich mit der Ethik Singers kritisch auseinandersetzen. Dieser Betrachtung liegt die Frage zugrunde, ob die Ethik Singers Anhaltspunkte liefert, die geäußerte Kritik gerechtfertigt erscheinen lassen. Dabei werde ich mich jedoch nicht auf Interpretationen stützen, sondern die Bücher Singers miteinander verknüpfen, um eine Gesamtbetrachtung zu ermöglichen.

Das von mir ausgewählte Thema ist für den Fachbereich Soziale Arbeit sicherlich ungewöhnlich. Als angehender Sprachwissenschaftler z. B. wäre das Thema Peter Singer interessant, um zu ergründen, weshalb die Texte Singers häufig fehlinterpretiert werden. Wollte ich meinen Abschluss in Jura machen, könnte mich an dem Thema die Frage reizen, ob die Kritiker bewusste Falschaussagen gemacht haben, ob es sich um verleumderische Diskreditierungen handelt und falls ja, ob dies von strafrechtlicher Relevanz wäre. Als angehender Soziologe würde ich zu ergründen suchen, weshalb die von Studenten ausgeübte Singerkritik ebenso falsch und unwissenschaftlich formuliert wurde, wie es bereits ihre Dozenten taten. Liegt Manipulation vor? Und wenn ja, welche Auswirkungen hat diese auf den beruflichen Alltag? Sind ehemals Manipulierte (Studenten, die von ihren Dozenten belogen/manipuliert wurden) fähig, qualifizierte Diskursteilnehmer zu werden? Verhindert Manipulation langfristig die Professionalisierung der Sozialen Arbeit? Da ich jedoch mit dieser Diplomarbeit mein Studium der Sozialen Arbeit zum Abschluss bringen will, liegt dieser Diplomarbeit (daher – würde ich löschen) eine praxisnahe Motivation zugrunde:

Während meines Studiums arbeitete ich in einem Wohnheim für Menschen mit Behinderung. Die Bewohner sollen ihr Leben selbstbestimmt gestalten, daher sieht die Konzeption vor, dass Betreuer, wenn es denn der Bewohner ausdrücklich wünscht, assistierend zur Seite stehen. Betreuer entscheiden nicht über das Leben der Bewohner, sie geben lediglich Ratschläge. Ob diese angenommen werden oder nicht, entscheidet der Bewohner selbstbestimmt. Übertragen auf den Arbeitsalltag ergab sich folgende Situation: Ein männlicher Bewohner, etwa 50 Jahre alt, mit 140 kg Körpergewicht stark korpulent, wurde von seinem Hausarzt ermahnt, dass er auf seine Ernährung achten müsse, andernfalls würde das Herzinfarktrisiko signifikant ansteigen. Betroffenes Nicken und Schweigen war die Reaktion des Bewohners. Auf der Rückfahrt wurde er von dem begleitenden Betreuer ermahnt, auf den Arzt zu hören und in der Bewohnerakte wurde vermerkt, dass sowohl der behandelnde Arzt, als auch die Mitarbeiter der Gruppe die Empfehlung ausgesprochen haben, weniger und gesünder zu essen. Ob diese Empfehlungen umgesetzt werden oder nicht, entzieht sich, entsprechend der konzeptionellen Ausrichtung des Hauses, d. h. der Einflussnahme durch die Betreuer. Die Devise lautet: Er kennt das Risiko, er muss die Konsequenzen tragen, auch wenn er sich zu Tode fressen wird. Wenige Monate später saß der Bewohner während der Silvesterfeier neben einer großen Schüssel Kartoffelsalat und einer Platte Frikadellen. Mir weisungsbefugtes Personal war gegen meinen Vorschlag, sein Essen zu rationieren. Entsprechend der konzeptionellen Ausrichtung lautete die Antwort, der Bewohner kenne das Risiko, die Entscheidung müsse er für sich treffen. Die nächsten zwei Wochen verbrachte er mit Verdacht auf einen Herzinfarkt im Krankenhaus. Teilweise hatte ich das Gefühl, das Konzept von Selbstbestimmung gleicht unterlassener Hilfeleistung: Zu wissen, dass Person X mit geschlossenen Augen auf einen Abgrund zusteuert, jedes Intervenieren aber als fremdbestimmender Paternalismus verstanden wird. Mit meiner Vorstellung von einem guten Leben ist das unvereinbar. Daher ging ich der Frage nach: Was befähigt Menschen, ein selbstbestimmtes Leben zu führen? Dem geht jedoch die Frage voraus: Was verstehe ich unter Selbstbestimmung?

Ganz allgemein versteht sich Selbstbestimmung als Gegenbegriff zu jeglicher Form von Fremdbestimmung. Da jeder Mensch de facto autonom ist, obliegt es auch ihm, über sein Leben zu bestimmen. Institutionen bedeuten für behinderte Menschen fremdbestimmten Zwang. Daher gelten sie bei Interessenvertretern und Behindertenrechtlern als verpönt. Assistenzmodelle versprechen Abhilfe. Menschen mit Behinderung treten als Arbeitgeber auf, um dadurch selbstbestimmt für die Wahrung ihrer Interessen sorgen zu können. Sie bestimmen einen Assistenten, dessen Aufgabe es ist, den benötigten Hilfebedarf abzudecken.[3] Diesem Duktus folgend lautet der Titel einer von der Aktion Mensch unterstützten Kampagne: „ Marsch aus den Institutionen: Reißt die Mauern nieder“ (ForseA e. V. 2004). Aber kann Selbstbestimmung wirklich als Gegenbegriff zur Fremdbestimmung verstanden werden? Versuchen wir, dies an einem Beispiel zu ergründen: Nehmen wir Person X, etwa 40 Jahre alt. Sie hat nach der mittleren Reife eine Bäckerausbildung gemacht und ist inzwischen als Meister selbstständig. Suggeriert nicht das Wort „selbstständig“ schon „Selbstbestimmung“? Wie unabhängig von Institutionen ist Person X? Vom Bauern benötigt sie Getreide, ohne Konsumenten wird sie das Brot nicht los und ohne die Einnahmen kann sie kein weiteres Getreide kaufen. Ein Leben in gesellschaftlichen Abhängigkeiten, das Angewiesen sein auf andere, würde ich als ein signifikantes Merkmal menschlichen Lebens bezeichnen. Trotz der beschriebenen Abhängigkeiten, von denen sich Person X nicht lösen kann, ist es ihr möglich, ein selbstbestimmtes Konzept ihres Selbst zu verwirklichen. Hierzu ist Person X auf andere Menschen angewiesen, auf eine Gesellschaft, die ihre (Aus-)Bildung ermöglicht. Sozialpädagoge hätte durchaus ein Berufsziel sein können, diese Entscheidung hingegen traf Person X selbst über ihr Leben. Bildung ermöglicht, das eigene Handeln zu reflektieren, die Welt differenziert wahrzunehmen und das zukünftige Leben entsprechend auszurichten (vgl. Ricœur 2005, 252; Volz & Kiesel 2002, 81). Daraus resultierend ergibt sich möglicherweise, dass Person X das Mehl von einem Biobauern bezieht. Dieses Bewusstsein von Nachhaltigkeit als Synonym für autonomes Handeln schlummert jedoch nicht in Person X.[4] Der Weg zu einem selbstbestimmten Leben führt (meines Erachtens nach) über durch Wissen erlangte Bildung. Wenn also Bildung existenziell für ein selbstbestimmtes Leben ist, so kann das Herauslösen aus Institutionen, welches vehement gefordert wird, keine Selbstbestimmung garantieren. Doch was bedeutet dies für einen Menschen mit einer Behinderung? Bleibt Selbstbestimmung nur den „Gebildeten“ vorbehalten? Ist das Selbstkonzept eines behinderten Menschen zweitrangig? Warum sollte die Gesellschaft verantwortlich für das Leben anderer Menschen sein? Wenn dem jedoch so ist, dass behinderte Menschen das Recht auf Teilhabe am Leben in der Gesellschaft haben:[5] Dann sollte eine Gesellschaft „[…] ihnen alle Möglichkeiten für ein lebenswertes und reiches Leben bieten “ (Kuhse & Singer 1993, 227). Könnte also Peter Singer die Profession der Sozialen Arbeit nachhaltig beeinflussen und der Forderung nach mehr Selbstbestimmung behinderter Menschen Nachdruck verleihen? Sein Konzept „[…] der gleichen Interessensabwägung verbietet es, unsere Bereitschaft, die Interessen anderer Personen abzuwägen, von ihren Fähigkeiten oder anderen Merkmalen abhängig zu machen […]“ (Singer 1994, 41). Also frage ich mich:

- Warum werden die Thesen des Moralphilosophen Peter Singer scheinbar in keiner Seminarveranstaltung des Studiengangs Soziale Arbeit vorbehaltslos diskutiert?
- Warum haben seine Überlegungen, welche bereits mehr als 30 Jahre alt sind, nicht Einzug in die Praxis der Sozialen Arbeit gehalten?
- Warum forderte Theresia Degener, Dozentin an der Evangelischen Fachhochschule Rheinland-Westfalen-Lippe in Bochum, zusammen mit anderen Sozialwissenschaftlern, Ärzten und Interessenvertretungen, in einem offen Brief in der Tageszeitung taz jegliche Diskussion über Singer und seine Thesen zu unterlassen (vgl. Degener, Tolmein, et al. 1990)?

Da ich offensichtlich ein anderes Verständnis von Selbstbestimmung habe, könnte ich ja unter Umständen zu dem Schluss gelangen, dass Singer die Selbstbestimmung behinderter Menschen gar nicht gefährde. Ich habe aber auch nicht vor, die Selbstbestimmung behinderter Menschen allzu leichtfertig aufs Spiel zu setzen, und ebenso wenig will ich deren Tod herbeidiskutieren. Daher greife ich die Kritik auf und versuche zu klären, inwiefern Singer die Selbstbestimmung behinderter Menschen gefährdet.

2. Die leitenden Prinzipien der Ethik Peter Singers

Diese Arbeit befasst sich mit Kritik an der Ethik Peter Singers. Um zu verstehen, weshalb seine Kritiker das Leben behinderter Menschen gefährdet sehen, bedarf es einer Einführung in die grundsätzlich relevanten Prinzipien der Ethik Singers. Im Mittelpunkt dieser steht seine Kritik an dem traditionellen Verständnis von Moral [6], da diese seiner Meinung nach keine Antworten zu Fragen moderner Gesellschaften bietet. Zwei Beispiele sollen Singers Kritik an der traditionellen Moralvorstellung verdeutlichen:

1) Jede befruchtete Eizelle eines Menschen habe nach Singer mehr Rechte als ein Tier. Singer fragt, wie leidende Tiere mit einer ethischen Lebensweise vereinbar seien.
2) Singer zufolge hat unsere westliche Zivilisation mehr Respekt vor Regeln und Geboten, als vor den Wünschen und Interessen einer Person. Das Gebot „ Du sollst nicht töten“ hat mehr Gewicht, als der Wunsch eines Menschen, sterben zu wollen.[7] Singer geht der Frage nach, ob es Alternativen gibt, in der eine gute Lebensweise nicht über das Einhalten von Regeln definiert wird, sondern anhand von vollzogenen Handlungen.

In seinen Ausführungen zum Töten und zum freiwilligen Sterben nutzt Singer den Begriff der Euthanasie, der für ihn beides vereint – entweder auf eigenen Wunsch getötet zu werden, oder ohne Einwilligung (vgl. Singer 1994, 225ff). Singers Begründung für Euthanasie lautet: Leid verhindern und Glück und Lust mehren (vgl. Kuhse und Singer 1993, 131). Um diesen Ansatz zu verstehen und um die Unterschiede zu dem bisherigen Verständnis von ‚gut’ und ‚schlecht’ einordnen zu können, werde ich sowohl unser bisheriges Verständnis von ‚gut’, als auch Singers konsequentialistischen Utilitarismus vorstellen. Zudem werde ich Singers Kritik an der traditionellen Moralvorstellung beschreiben sowie sein alternatives Konzept von einer universellen Ethik, in der ebenso die Interessen von Tieren berücksichtigt werden.

Es handelt sich um keine vollständige Deskription seines Konzeptes, lediglich die für das Verständnis dieser Arbeit benötigten Prinzipien der Ethik Singers werden nachfolgend in verkürzter Form dargestellt.

In Kapitel 3. und 4. werde ich in der Auseinandersetzung mit der Kritik an Singers Ethik detailliert auf seine ethischen Prinzipien eingehen. Zur thematischen Einführung beziehe ich mich hauptsächlich auf folgende Bücher:

- Animal Liberation. Die Befreiung der Tiere; 1996
- Muss dieses Kind am Leben bleiben?; 1993[8]
- Praktische Ethik; 1994

§ Deontologie und Konsequentialismus im Vergleich:

Nach traditioneller Moralvorstellung gilt Singer zufolge ein Mord oder eine Lüge, auch wenn das Ergebnis wünschenswert ist, als falsch, weil nach einer deontologischen Theorie (traditionelle Moralvorstellung) nicht das Ergebnis einer Tat, sondern nur die Handlung selbst beurteilt wird. Immanuel Kant wird von Singer als ein bekannter Vertreter einer deontologischen Ethik angeführt (vgl. Singer 1994, 26f.). Dessen Formel: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, daß sie ein allgemeines Gesetz werde“ (vgl. Singer 1994, 27), verursacht Singer zufolge durch seinen Absolutismus Leid und Schmerz. Konsequentialisten hingegen werten nicht die Tat selbst, sondern fragen, ob das Ergebnis der Tat wünschenswert für viele ist. Ein Konsequentialist bewertet zwei Situationen mit identischer Handlung möglicherweise unterschiedlich. Zwei Beispiele zur Veranschaulichung einer konsequentialistischen Haltung: 1) Wenn wenige Unschuldige sterben müssen, um das Überleben vieler zu sichern, so könnten die in Kauf genommenen Opfer moralisch gerechtfertigt sein. 2) Wenn die Gestapo klingelt und fragt, ob man Juden versteckt halte, ist eine Lüge gerechtfertigt. Das Ergebnis der Handlung (Lüge) ist wünschenswert für die so geretteten Menschenleben. Fragt hingegen das Finanzamt an, ob man denn keine Steuern zahlen müsse, dann wäre eine Lüge nicht wünschenswert für viele, sondern nur für einen selbst. Die Handlung (Lügen) ist daher unangebracht (vgl. Singer 1994, 24ff). Diesem ethischen Konzept, welches eine Handlung anhand der Konsequenzen als gut oder schlecht bewertet, fühlt sich Singer zugehörig (vgl. Singer 1994, 25ff).

§ Modell einer universellen Ethik:

Utilitarismus beschreibt Singer als eine philosophische Theorie, die dem Konsequentialismus zuzuordnen sei. Der klassische Utilitarismus fragt nach der Vermehrung von Lust (positive Empfindungen wie Lust und Glück) und der Verminderung von Leid (negative Empfindungen wie Schmerz und Leid). Der Präferenzutilitarismus fragt, ob eine Handlung für eine Mehrzahl (kollektive Präferenzen) der von der Handlung betroffenen Menschen zu einem wünschenswerten Ergebnis führt (vgl. Singer 1994, 31).[9] Diese Entscheidung soll vom Blickwinkel des Universums [10] aus getroffen werden (vgl. Singer 1994, 29; 422). Diese Form von subjektunabhängiger Interessenberücksichtigung entspricht Singers Definition einer ethischen Lebensweise (vgl. Singer 1994, 422). Diese Definition von ethischem Handeln verhindert seiner Ansicht nach Diskriminierung, denn wenn sowohl Gruppe X und Gruppe Y ihren Anspruch an einem begrenzten Gut geltend machen, wird nicht die Gruppe mit mehr Geld oder mit der reineren Blutlinie bevorzugt, sondern jenes Interesse mit mehr Volumina (vgl. Singer 1994, 41). „Das Prinzip der gleichen Interessenabwägung funktioniert wie eine Waagschale: Interessen werden unparteiisch abgewogen. Echte Waagen begünstigen die Seite, auf der das Interesse stärker ist […] aber, sie nehmen keine Rücksicht darauf, wessen Interessen sie wägen“ (Singer 1994, 40). Hätte X durch eine Handlung von Y mehr zu verlieren als Y zu gewinnen, dann sollte Y die Handlung nicht ausführen (vgl. Singer 1994, 39). Folgende Beispiele veranschaulichen Singers Schlussfolgerungen:

Beispiel 1)

Eine universelle und neutrale Abwägung von Interessen rechtfertigt eine Ungleichbehandlung (nicht egalitäre Behandlung) von Person A und B (vgl. Singer 1994, 43f.). Angenommen, Person A und Person B wurden nach einem Erdbeben aus den Trümmern eines eingestürzten Hauses geborgen. Person A ist 20 Jahre alt und würde bei einer Behandlung seine rechte Hand nicht verlieren. Person B hingegen ist 80 Jahre alt und das Risiko, die Operation nicht zu überleben, wäre signifikant; ohne Operation hingegen würde er auf jeden Fall sterben. Da es dem Arzt nicht möglich ist, beide Personen zu behandeln, wäre bei neutraler Abwägung der Präferenzvolumina die Rettung von Person A keine Diskriminierung von Person B, denn Person B hätte in seinem Leben aufgrund seines hohen Alters die meisten seiner Präferenzen bereits erfüllt, wohingegen Person A noch jung ist, und ihn der Verlust seiner rechten Hand bei der Erfüllung seiner Präferenzen einschränken würde (vgl. Singer 1994, 43f.; 171f.).

Beispiel 2)

Würde der Staat jedem seiner Bürger ein bedingungsloses Grundeinkommen bezahlen, würde daraufhin der Gesamtertrag (Arbeitskraft) sinken. Würden sich allzu viele Mitglieder einer Gemeinschaft die Frage stellen, wozu sie arbeiten sollten, da für sie gesorgt sei, wäre die Gemeinschaft als Ganzes gefährdet. Zum Wohle der Gemeinschaft zählt das Gesamtinteresse mehr als das des Einzelnen (vgl. Singer 1994, 30).

Beispiel 3)

Wenn Folter zur Verhinderung eines Anschlages führt, dann wäre die Missachtung der Interessen des Gefolterten gerechtfertigt. Das Interessenvolumen der potenziellen Opfer des Anschlages würde mehr wiegen (vgl. Singer 2011, 37).

§ Werte ohne Fundament:

Leid gilt es nach Singer zu verhindern. Da Singers ethisches Modell von universellem Charakter ist, spielt es für ihn keine Rolle, ob es sich um das Leid eines Menschen oder das eines Tieres handelt. Tiere leiden aufgrund ihrer Domestizierung durch den Menschen (vgl. Singer 1996, 301ff) und nicht überlebensfähige Neugeborene sowie sterbewillige alte oder todkranke Menschen leiden, da das Töten von Menschen verboten ist. Sowohl das Leid der Tiere, als auch das Tötungsverbot von Menschen führt Singer auf historische Ereignisse zurück. Die Menschrechte[11] führten zur „[…] Gleichwertigkeit allen menschlichen Lebens“ (Kuhse & Singer, 1993, 50). Hieraus entstand „[…] die Würde des Menschen ist unantastbar“ (Kuhse & Singer 1993, 51). Die Ursprünge hierfür sieht Singer in der französischen- und der amerikanischen Revolution. Die Menschenrechte waren für die Entstehung stabiler Gesellschaften zweckdienlich, jedoch können sie den Anforderungen des 21. Jahrhunderts nicht gerecht werden und führen daher heute zu unnötigem Leid (vgl. Kuhse & Singer 1993, 50ff).[12] Die Domestizierung der Tiere durch den Menschen wurde durch „die Lehre von der Heiligkeit des menschlichen Lebens“ [13] ermöglicht (Kuhse & Singer 1993, 164ff). Die Bibel lehrt, dass Gott den Menschen das Recht einräumte, die Tiere für sich zu nutzen. Sowohl Moral als auch Rechtsprechung in der westlichen Zivilisation wurden nach Singer maßgeblich von der christlichen Lehre geprägt (vgl. Kuhse & Singer 1993, 47f.) und sind daher für das Leiden der Tiere (haupt-) verantwortlich (vgl. Kuhse & Singer 1993, 167ff).[14] Die Missachtung der Interessen von Tieren vergleicht Singer mit rassistischem Verhalten. In Anlehnung an das Wort ‚Rassismus’ benennt Singer die Missachtung von Tierinteressen als Speziesismus (vgl. Singer 1996, 34f.). Singer sagt, dass Religion in unserer säkularisierten Gesellschaft [15] nicht mehr Quelle von Recht und Moral ist (vgl. Kuhse & Singer 1993, 159), daher können Wertvorstellungen mit christlichem Ursprung keine Gültigkeit mehr haben (vgl. Kuhse & Singer 1993, 169). Damit moralische Werte auch in einem säkularisierten Zeitalter definiert werden können, sollten diese durch ein alternatives Konzept abgelöst werden (vgl. Kuhse & Singer 1993, 173).

§ Gleichheit:

Die Gleichheit aller Menschen ist für Singer keine Wirklichkeit, sondern Bestandteil einer ethischen Lebensweise. Derjenige, der alle Mitmenschen, egal welcher Herkunft, ob arm oder reich, gleich behandelt, der richtet sein Handeln nach den Prinzipien einer ethischen Lebensweise[16] aus. „Gleichheit ist ein grundlegendes moralisches Prinzip, nicht eine Tatsachenbehauptung“ (Singer 1994, 39) . Singer skizziert das Konzept der Gleichheit unter Bezugnahme von John Rawls und dessen Buch „A Theory of Justice“. Er beschreibt Rawls Gerechtigkeitsvertrag und stellt heraus, dass Rawls zufolge eine moralische Persönlichkeit die Basis der Gleichheit aller Menschen sei (vgl. Singer 1994, 35f.). Rawls Gerechtigkeitsvertrag ist eine Gerechtigkeit[17] der Gegenseitigkeit. Säuglingen sowie einigen Menschen mit einer Behinderung fehlt jedoch die Fähigkeit zur Gegenseitigkeit. Singer bezweifelt, dass es eine andere relevante Eigenschaft gibt, die jeder Mensch in gleichem Maß besitz (vgl. Singer 1994, 36f.). Er plädiert daher für eine universelle Ethik, die nicht mehr auf Gegenseitigkeit beruht, sondern alle Interessen berücksichtigt. Unabhängig davon, um wessen Interessen es sich handelt (vgl. Singer 1994, 110ff).

§ Bewusstsein und Selbstbewusstsein:

Unter Diskriminierung versteht Singer, das unberechtigte Bevorzugen von Interessen bestimmter Lebewesen. Um dies zu verhindern, plädiert er für das unparteiische Abwägen von Interessen (vgl. Singer 1996, 31ff). Singer unterscheidet zwischen den Interessen eines a) selbstbewussten Lebewesens und eines b) Lebewesens mit Bewusstsein (vgl. Kuhse & Singer, 1993, 177ff). Wesen mit Selbstbewusstsein können in die Zukunft gerichtete Interessen haben, wie z. B. Morgen will ich schwimmen gehen.

Diese Lebewesen werden von Singer als Personen [18] bezeichnet. Sie besitzen eine Ich-Identität. In die eigene Zukunft gerichtete Interessen werden von Singer als Präferenzen bezeichnet. Wesen ohne personelle Selbstwahrnehmung sind ebenso empfindungsfähig. Sie haben ein Bewusstsein und daher sind sie ebenso fähig, Lust und Schmerz zu fühlen, ohne jedoch die Ich-Identität einer Person zu besitzen (vgl. Singer 1996, 40ff). Es kann daher „[…] keine moralische Rechtfertigung dafür geben, dieses Leiden [der empfindsamen Wesen; Anm. d. Verf.] nicht zu berücksichtigen“ (Singer 1996, 37). Die Forschungsergebnisse der Tierverhaltensforscherin Jane Goodall[19] erscheinen Singer schlüssig (vgl. Singer 1996, 45), daher geht er davon aus, dass sowohl Menschen als auch Tiere Personen sein können, oder eben nur empfindsame Lebewesen (vgl. Singer 1994, 103f.). Der Personenstatus definiert laut Singer nicht Mensch oder Tier. Er bezieht sich auf die Fähigkeit, sich sein eigenes Selbst in Zeit und Raum wahrzunehmen (vgl. Kuhse & Singer 1993, 177f.). Auch lässt sich von dem Personenstatus kein Recht auf Leben ableiten, daher ist es keine Diskriminierung von Wesen, die dem Personalkriterium nicht entsprechen (vgl. Singer 1994, 104).

§ Alltagsmoral:

Wenn jede Handlung im Vorfeld einer kritischen Analyse unterzogen werden würde, wäre die im Leben zu erreichende Lust um die Zeit verkürzt, die für das Abwägen von Interessen benötigt wird. Daher empfiehlt Singer in Alltagssituationen intuitiv zu handeln. Sich auf Richard Mervyn Hares zwei Ebenen des moralischen Denkens beziehend wäre ein kritisches moralisches Denken lediglich in Ausnahmesituationen[20] angebracht (vgl. Singer 1994, 126f.).

§ Leben und Tod:

Eine ethische Lebensweise bedeutet, die Interessen anderer Personen zu respektieren. Ein Interesse, das durch die Tötung einer Person verhindert würde, zeige „[...] mangelnden Respekt vor der Autonomie dieser Person“ (Singer 1994, 134). Das widerspricht Singer zufolge einer ethischen Lebensweise. Lebewesen ohne Selbstbewusstsein hingegen können kein Interesse am Leben haben. Das Töten eines Lebewesens ohne Selbstbewusstsein hat daher keine moralische Relevanz, vorausgesetzt das Töten erfolgt schmerzfrei (vgl. Singer 1994, 158f.). Das Leben eines Wesens, das kein Verständnis seiner individuellen Existenz hat, ist für das Wesen selbst ohne Wert (vgl. Singer 1994, 255). Die Wertlosigkeit des eigenen Lebens bedeutet im Umkehrschluss jedoch keine generelle Wertlosigkeit. Ein Beispiel: Wird eine Bienenkönigin getötet, stellt ihr Tod keine Missachtung ihrer Interessen dar. Der Lebenswert der Bienenkönigin ergibt sich aus der Außenperspektive, denn ihr Tod führt zum Absterben ihres Bienenstammes. Die Blüten eines nahegelegenen Apfelbaumes beispielsweise werden in der Folge von diesem Bienenstamm nicht mehr bestäubt, daher wachsen an diesem Baum möglicherweise keine Äpfel, von denen sich wiederum andere Lebewesen ernährt hätten (vgl. Singer 1994, 159). Auch wenn keine Missachtung der Interessen (Bienenkönigin) vorliegt, wäre der Tod der Bienenkönigin nicht gerechtfertigt, da er weitreichende (unabsehbare) Konsequenzen nach sich ziehen könnte. Tötet man hingegen die Königin und sorgt für Ersatz, setzt also eine neue Königin ein, so würde der Verlust ausgeglichen und kein Unrecht begangen (vgl. Singer 1994, 174). Dieses Beispiel wird von Singer auf abstrakter Ebene dargestellt: Selbstbewusste Lebewesen nehmen sich in Raum und Zeit wahr, sie entwickeln Pläne und streben Zielen entgegen. Würde man so ein Wesen töten, würden dessen Präferenzen verhindert. Eine getötete Person existiert nicht mehr und beschwert sich daher auch nicht über ihren Tod. Doch das Verhindern von Präferenzen führt das Erstellen von ihnen ad absurdum. Außerdem würde das Töten einer Person, die es vorzieht weiterzuleben, bedeuten, dass andere Personen Angst hätten, dass auch sie getötet werden könnten. Die Folge wäre weniger empfundene Lust (vgl. Singer 1994, 155f.). Das Erfüllen von Präferenzen sei ein befriedigendes Gefühl für die Person und führe daher zu Lustempfindung. Das Prinzip der gleichen Interessenabwägung funktioniere subjektunabhängig, und da Interessen vom neutralen Blickwinkel des Universums aus abgewogen werden, führt der Tod einer Person zu weniger Lust im Universum. Da es ungewiss ist, ob noch ausstehende Präferenzen von einer eingewechselten Person erfüllt werden können (jede Person hat andere Präferenzen), gelten Personen als nicht ersetzbar (vgl. Singer 1994, 168f.). Dies beschreibt Singer als die Vorherige-Existenz-Ansicht: Merkmal dieser ist, dass nur Lebewesen zur Maximierung der Lust des Universums berücksichtigt werden, welche bereits existieren (vgl. Singer 1994, 139f.). Der Tod eines empfindsamen Wesens verhindert mögliche Lustempfindungen und diese verhinderte Lust hingegen kann durch die Schaffung eines neuen, empfindsamen Wesen ersetzt werden. Ohne Ausgleich würde jedoch potenzielle Lust verhindert werden und sich negativ auf die Gesamtlustbilanz des Universums auswirken (vgl. Singer 1994, 137f.). Dies beschreibt Singer als die Totalansicht: Die Gesamtlustbilanz des Universums soll entweder durch die Erhöhung der Lust bereits existierender Wesen potenziert werden, oder durch die Erschaffung neuer Wesen (vgl. Singer 1994, 138f.). Zusammengefasst stellt Singer fest, „[…] daß die Tötung eines seiner selbst bewußten Wesens schwerer wiegt als die Tötung eines bloß bewußten Wesens“ (Singer 1994, 248). Neugeborene Babys sollen daher ebenso ersetzbar sein. Sie sind noch keine Personen und haben daher noch kein Interesse am Leben (vgl. Einleitung). Dies würde eine „[…] pränatale Diagnostik mit anschließendem Schwangerschaftsabbruch [ermöglichen; Anm. d. Verf.]“ (Singer 1994, 243). Dieser Forderung liegt folgender Gedankengang zugrunde: Unter Berücksichtigung der Vorherigen-Existenz-Ansicht wäre nichts Verwerfliches an der Zeugung eines leicht behinderten Kindes, da es in der Gesamtsumme (Innenperspektive, also nicht die Gesamtsumme des Universums gemeint) wahrscheinlich mehr Lust als Leid empfinden würde. Sein Tod würde potenzielle Lust verhindern (vgl. Singer 1994, 237ff). Legt man allerdings die Totalansicht zugrunde, würde das leicht behinderte Kind möglicherweise das Leben eines Kindes verhindern, dessen potenziell erfahrbare Lust ein besseres Ergebnis für die Gesamtbilanz bedeuten würde. Somit würde das leicht behinderte Kind, auch wenn es tendenziell ein lustvolles Leben führen könnte, ein höheres Maß an Lust verhindern. Wenn also Eltern abtreiben würden und die Chance bestünde, ein gesundes Kind zu zeugen, dann sollten sie dies tun (vgl. Singer 1994, 238). Diese Form von Euthanasie beschreibt Singer als nichtfreiwillige Euthanasie: Da die betroffenen Wesen kein Verständnis von Leben und Tod haben, können sie auch nicht in ihren Tod einwilligen bzw. auch nicht gegen diesen protestieren (vgl. Singer 1994, 230f.). Demgegenüber steht die unfreiwillige Euthanasie. Merkmal dieser ist, dass eine Person, obwohl sie fähig wäre, die Frage zu verstehen, ungefragt getötet wird. Da dies für Singer eine gravierende Missachtung der Interessen dieser Person ist, gibt es hierfür wenig gerechtfertigte Anlässe (vgl. Singer 1994, 229f.). Einzig vorstellbarer paternalistischer Anlass für unfreiwillige Euthanasie bestünde für Singer, wenn eine Person nicht absehen kann, dass ihr Weiterleben (aufgrund von Krankheit) nur noch Leid bedeuten würde (vgl. Singer 1994, 256f.).

§ Die Interessen Bedürftiger:

Das Prinzip der gleichen Interessenabwägung führt dazu, dass die Interessen einer Person mehr wiegen, als die eines empfindsamen Wesens. Bei Menschen mit einer Behinderung führt das Prinzip der gleichen Interessenabwägung allerdings nicht dazu, dass ihre Interessen gegenüber den Interessen einer Nicht-Behinderten-Person hintenanstehen. Das Interesse an gesellschaftlicher Teilhabe ist Singer zufolge so zentral, dass die Bedürfnisse behinderter Menschen mehr Gewicht haben, als geringere Interessen einer Nicht-Behinderten-Person. Daher ist affirmatives Handeln (umgekehrte Diskriminierung) gerechtfertigt: Soweit es einer Gesellschaft bei begrenzten Ressourcen [21] möglich ist, müsste sie Singer zufolge behinderte Menschen zur Teilhabe (an der Gemeinschaft) befähigen, und deren Interessen Priorität einräumen (vgl. Singer 1994, 79). Daraus ergibt sich, dass die Installation einer Rampe, um den rollstuhlgerechten Zugang öffentlicher Gebäude zu gewährleisten, keine unangemessene Bevorzugung der Interessen gehbehinderter Menschen wäre, da diese andernfalls von der Teilhabe am öffentlichen Leben ausgeschlossen wären.

Den nach Erscheinen seiner ‚Praktischen Ethik‘ entstandenen Diskurs heute als ‚skandalöse Rufkampagne gegen ihn, gestrickt aus grotesken Fehldeutungen und böswilligen Unterstellungen‘ zu interpretieren, wie das Herr Schmidt-Salomon für die Giordano-Bruno-Stiftung tut und mit dem Hinweis verknüpft, dass es damals leider keine Giordano-Bruno-Stiftung gegeben hat, die dem hätte entgegenwirken können, kann nur als skandalös bezeichnet werden.“[22]

3. Die Kritiker

Zu klären gilt, wie der Mythos von einem rassistischen Peter Singer seinen Weg in das Denken angehender Sozialarbeiter gefunden hat (vgl. Einleitung). Dass dem so ist, werde ich in Kapitel 3.2 beispielhaft an einer Diplomarbeit aus dem Fachbereich Soziales verdeutlichen. Die Auszüge dienen als Beleg stereotypischer Argumentationsmuster, die nicht nur in der gewählten Arbeit zu finden sind. Es gilt zu klären, woher die Kritik ursprünglich rührt. Dazu habe ich die Quellenverweise von Arbeiten über Peter Singer gesichtet und verglichen. Dabei stieß auf immer wiederkehrende Autoren, die ich daher als Primärquellen der Kritik bezeichnen möchte. Die inhaltliche Auseinandersetzung mit den Autoren und deren Begründung der Kritik an Peter Singer sind in Kapitel 3.1 nachzulesen. Eine vollständige Analyse aller von mir identifizierten Primärquellen kann diese Arbeit nicht leisten. Ich beschränke mich daher auf folgende drei Autoren:

1. Georg Feuser lehrte bis zu seinem Ruhestand an der Universität Bremen Behindertenpädagogik (Feuser, Prof. Dr. Georg Feuser: Behindertenpädagogik und Integration 2011a).
2. Monika A. Vernooij lehrt Sonderpädagogik an der Universität Würzburg (Vernooij, Lehrstuhl für Pädagogik bei Lernbeeinträchtigungen - Sonderpädagogik I 2011).

[...]


[1] (Krautz, Epikur-Briefe-Sprüche-Werkfragmente 2000, 7)

[2] Hierbei handelt es sich um einen Auszug aus der Begründung zu einem Entwurf des Gesetzes zur Regelung der Präimplantationsdiagnostik (Präimplantationsdiagnostikgesetz – PräimpG) das dem Bundestag im April des Jahre 2011 vorgelegt wurde, mit dem Ziel, die Präimplantationsdiagnostik in Ausnahmefällen zuzulassen. Die Mehrheit des Bundestages stimmt für den entsprechenden Gesetzestext (vgl. bundestag.de 2011).

[3] Zugegeben, diese Zeilen fassen den Diskurs nur sehr undifferenziert zusammen. Sie genügen jedoch, um ein Schema aufzuzeigen.

[4] Literatur zur Selbstbestimmung von behinderten Menschen erweckt den Eindruck, dass eine Kausalität zwischen Selbstbestimmung und Loslösung aus fremd bestimmenden Strukturen bestehe (vgl. Waldschmidt 2003, 138ff).

[5] Johannes Eurich diskutiert über Beteiligungsgerechtigkeit und über Möglichkeiten den Bedürfnissen behinderter Menschen gerecht zu werden, (vgl. Eurich 2008, 142ff)

[6] Die Begriffe Ethik und Moral werden bei Singer so verwendet, dass sie jeweils miteinander getauscht werden können. Ethik bedeutet Singer zufolge die Lebens-Ausrichtung eines Subjekts. Wer sich ethisch verhält, der richtet sein Handeln so aus, dass nicht seine Interessen im Fokus liegen, sondern die Interessen aller, und er stellt seine persönlichen Interessen ggf. zurück. Moral bezieht sich Singer zufolge auf die ethische Lebensausrichtung. Moralische Urteile werden über Handlungen gefällt: Ist eine Handlung in Einklang mit einer ethischen Lebensweise zu bringen, oder widerspricht sie dieser (vgl. Singer 1994, 26ff). Beziehen sich die Begriffe Moral und Ethik innerhalb dieser Arbeit nicht direkt auf Aussagen Singers, dann hebe ich die Auswechselbarkeit der Begriffe auf und verstehe, auf P. Ricœur verweisend, unter Ethik die Ausrichtung auf ein erfülltes Leben und unter Moral die entsprechenden, allgemeingültigen Normen und Verbote (vgl. Ricœur, 2005, 251ff).

[7] Ärzte die einen Patienten auf Verlangen töten, können wegen Mordes angeklagt werden, da freiwillige Euthanasie in vielen Ländern (einschließlich Deutschland) verboten ist (vgl. Singer 1994, 246ff).

[8] Die Autoren von „Muss dieses Kind am Leben bleiben?“ sind sowohl Peter Singer als auch Helga Kuhse. Ich werde auf die Doppelnennung beider Autoren verzichten und lediglich Peter Singer als Autor dieses Buches anführen.

[9] Das Erfüllen von Präferenzen führt zu einem angenehmen Gefühl wie Lust und Glück. Man fühlt sich zum Beispiel glücklich, wenn der angedachte Urlaub vom Chef genehmigt wird (vgl. Singer 1994, 137f.).

[10] Singer bezieht sich hierbei auf Henry Sidgwick, einem englischen Philosophen (1838-1900) (vgl. Singer 1994, 422).

[11] Die Bedeutung von Menschenrechten und der Würde soll hier nicht weiter dargestellt werden, da die Begriffe für das Verständnis dieser Arbeit nicht zwingend erforderlich sind, setzte ich sie als bekannt voraus und verweise bei Bedarf auf lohnenswerte Literatur: (Roggan 2006; Lindner 2005; Höffe 2010; Hassemer 2006)

[12] Die Autoren beziehen sich hierbei auf medizintechnische Möglichkeiten, die den natürlichen Tod eines Menschen hinauszögern können.

[13] Die Lehre von der Heiligkeit menschlichen Lebens ist der Übersetzung aus dem Englischen ins Deutsche geschuldet. Singer spricht von „sanctity of human life“: also die Unverletzlichkeit von Leben und die Begrenzung von Lebewesen mit Schutzanspruch, auf die Spezies Mensch (vgl. Wittmann, 1991, 265f.).

[14] Gott machte die Tiere dem Menschen untertan (vgl. die Bischöfe Deutschlands 1980, Gen/1 Mose 1,29f. bzw. Gen/1 Mose 9,2f.). Dieses Denken beeinflusste die Philosophie in den letzten Jahrhunderten, sodass sich der Herrschaftsanspruch des Menschen über die Tiere bis heute hieraus ableiten lässt (vgl. Singer 1996, 312ff).

[15] Eine säkularisierte Gesellschaft bedeutet hier, dass Werte oder die Bedeutung von gut nicht mehr durch Religion oder Glaube definiert werden (Taylor 2009, 13ff).

[16] Warum sollte ein Mensch sein Handeln an einer ethischen Lebensweise ausrichten? Glück erreicht ein Mensch, indem er einen ethischen Standpunkt einnimmt und sein Leben höheren Zielen als den Eigeninteressen verschreibt. Doch wer sein Leben nach den Eigeninteressen ausrichtet, handelt nicht falsch. Singer zufolge ist die politische Führung gefragt, welche mit Hilfe von Gesetzen verhindern müsse, dass ein von Eigeninteresse angetriebener Mensch die gesellschaftliche Grundordnung gefährde (vgl. Singer 1994, 420ff).

[17] Sowohl auf John Rawls als auch auf die Begriffe Gleichheit und Gerechtigkeit werde ich in Kapitel 4.1 näher eingehen.

[18] Der britische Philosoph John Locke (1632-1704) befasste sich mit der Frage, wann ein Mensch schuldfähig ist: Menschen, deren kognitiven Fähigkeiten das eigene Handeln verantworten lässt, bezeichnete er als Person. Michael Tooley, amerikanischer Philosoph setzte dort an und schlussfolgerte, dass Wesen eine Ich-Identität haben müssen, um den Status einer Person zu erlangen (vgl. Kuhse & Singer 1993, 176f.). Für Peter Bieri muss das Handeln eines Wesens unbedingt frei sein, um als Person gelten zu können (vgl. Bieri 2009, 199).

[19] Aufgrund ihrer Beobachtung kam Singer zu dem Schluss, dass Schimpansen sowohl ein Gegenwartsbewusstsein als auch eine Vorstellung von Raum und Zeit haben. Ebenso lassen Forschungen vermuten, dass z. B. auch Delfine eine Selbstwahrnehmung besitzen (vgl. Singer 1996, 45ff; Kap. 4. 3).

[20] Wie diese Ausnahmesituationen im Einzelnen aussehen bleibt offen, ebenso unter welchen Voraussetzungen der Wechsel von der intuitiven zur kritischen Ebene gerechtfertigt wäre.

[21] Für die Herleitung der Argumentation Singers zur Endlichkeit von Hilfe und Unterstützung Bedürftiger siehe Kap. 3.1, Bsp. 2.

[22] Feuser 2011b

Details

Seiten
76
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656078357
ISBN (Buch)
9783656078753
Dateigröße
689 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v183390
Institution / Hochschule
Evangelische Hochschule Rheinland-Westfalen-Lippe
Note
1,0
Schlagworte
Peter Singer Tierethik Praktische Ethik Utilitarismus Giordano-Bruno-Stiftung PID Sterbehilfe Euthanasie Selbstbestimmung Behinderung Selbstbestimmungsrecht behinderter Menschen Lebensrecht behinderter Neugeborener Philosophie Ethik Sozialarbeiter Sozialpädagogik Soziale Arbeit Empowerment

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Peter Singer und seine Kritiker - Eine Material- und meta-ethische Analyse