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Barmer Theologische Erklärung - eine politische Erklärung?

Hausarbeit 2008 20 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorwort

2. Der Weg zur Bekennenden Kirche

3. Barmer Theologische Erklärung - eine Analyse
3.1 These 1
3.2 These 2
3.3 These 3
3.4 These 4
3.5 These 5
3.6 These 6

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

6. Anhang
Barmer Theologische Erklärung

1. Vorwort

Im Laufe des Seminars „Barmer Theologische Erklärung“ (BTE) stellte ich mir immer wieder die Frage, in wie weit die BTE eigentlich eine politische Erklärung, also ein Angriff gegenüber dem Hitler-Staat und somit politischer Widerstand war.

Diese Frage stellte ich mir vor allem während der Thematisierung der Entstehungsgeschichte der Bekennenden Kirche und der BTE. Aber auch Inhaltlich, so wurde in den Diskussionen zu den einzelnen Thesen deutlich, gab es einige Element der BTE, die durchaus als politische Äußerungen aufgefasst werden konnten und vor dem Hintergrund der Entstehungsgeschichte noch immer können.

Ich möchte in dieser Arbeit nun an Hand von fachkundiger Literatur herausfinden, in wie fern die BTE tatsächlich als eine politischer Erklärung verstanden werden kann.

Zu Beginn stelle ich die Entstehungsgeschichte der BTE dar. Anschließend setze ich mich mit der BTE auseinander, wobei ich auch Hans Asmussens „Vortrag über die Theologische Erklärung zur gegenwärtigen Lage der Deutschen Evangelischen Kirche auf der Plenarsitzung der Bekenntnissynode am 30.Mai 1934“ hinzugezogen habe, da die BTE von den Delegierten und dem Bruderrat der Bekennenden Kirche nur in Verbindung mit diesem Vortrag verabschiedet wurde. Es erschien mir daher wichtig bei der Behandlung der einzelnen Thesen die Auslegung Asmussens der jeweiligen These mit einzubeziehen um sie wirklich verstehen zu können.

Jede der sechs Thesen untersuche ich mit besonderem Blick auf politische Argumente und Anspielungen. Dies bildet auch den Schwerpunkt meiner Arbeit.

Diese Arbeit endet mit einem Fazit, welches die Beantwortung der Ausgangsfrage vor dem Hintergrund der hier dargestellten Entstehungsgeschichte und dem Inhalt der Thesen in sich trägt.

2. Der Weg zur Bekennenden Kirche

Die Reichstagswahlen von 14. September 1930 veränderten nicht nur die Machtstrukturen innerhalb der deutschen Regierung - auch kirchenpolitisch brachten diese einige Änderungen mit sich.[1]

Wo sich vor diesen Wahlen nur einige wenige Kirchenmänner mit Hitler und seiner Partei, der NSDAP,[2] beschäftigten, wurde nach diesen Wahlen in beiden Kirchen zu diesem politischen „Erdrutsch“[3] Position bezogen. Die katholische Kirche stellte rasch und deutlich „die Unvereinbarkeit von kirchlicher Lehre und National-sozialismus“[4] fest, wohingegen in der evangelischen Kirche eine offene Diskussion entstand, „die an Breite und Lebhaftigkeit bald alle anderen Themen in der Kirche überragte.“[5]

Dass die evangelische Kirche, im Vergleich zur katholischen Kirche, nicht mit einer gemeinsamen Position gegenüber dem Nationalsozialismus auftrat, hatte viele Ursachen. Zum einen muss bedacht werden, dass die evangelische Kirche bereits in folgende Gruppen untergliedert war: Lutheraner, Reformierten und Unierte.[6]

Des Weiteren ist zu beachten, dass der Protestantismus weder über eine „naturrechtliche Basis“ und eine „politische Partei“ noch über eine „autoritative Hierarchie“ verfügte, im Vergleich zur katholischen Kirche.[7] Hieran und an der Tat­sache, dass sich die evangelische Kirche „immer wieder bemühte, verschiede Standpunkte […] zu Wort kommen zu lassen, um so zu einer echten Orientierung und Urteilsbildung beizutragen“[8], lag es, dass die evangelische Kirche dem Nationalsozialismus zunächst mit einer großen Offenheit begegnete.

Dass der bisherige Weg der Evangelischen Kirche - das „über den Parteien stehen“ und die Neutralität gegenüber dem Staat - in Zeiten des Nationalsozialismus nicht gehbar ist, zeigten die Professoren Althaus und Hirsch bereits im Juli 1931, als die deutsche Gruppe des „Weltbundes für Internationale Freundschaftsarbeit der Kirchen“ zusammentraf. Dieser Bund hatte sich das Ziel gesteckt, trotz oder gerade wegen allem Zwist der Länder, zwischen den Völkern eine auf dem Christentum basierende Freundschaft zu entwickeln, die all der Zwietracht und den Streitigkeiten trotzen sollte. Dieses Vorhaben, so stellten die Professoren fest, sei auf der Basis der politischen Theologie und dem nun mehr herrschenden Nationalsozialismus nicht mehr möglich, da der Nationalsozialismus alle anderen Länder, die Deutschland nach dem ersten Weltkrieg besiegten, zu Feinden degradierte.

Ein Jahr später, also ein Jahr vor der Machtübernahme Hitlers, im Juli 1932, kam es zu einem Ereignis, das den Weg zur „Bekennenden Kirche“ bereits zu diesem Zeitpunkt stark prägte - dem „Altonaer Blutsonntag“.[9]

Am Nachmittag des 17.Juli 1932 demonstrierten tausende SA-Leute in der Altstadt von Hamburg-Altona, einer kommunistischen Hochburg. Diese Demonstration endete in einem blutigen Straßenkampf zwischen SA-Leuten und Kommunisten, bei dem es Tote und zahlreiche Verletzte gab. Dieser öffentliche und brutale Kampf zwischen Menschen mit unterschiedlichen politischen Anschauungen führte dazu, dass in der evangelischen Kirche nun ein neuer Weg gesucht wurde mit der politischen Situation umzugehen. Hierzu wurde nach einem „Not-Gottesdienst“[10] am 21.Juli 1932 in den Gemeinden der Propstei Altona ein Ausschuss, bestehend aus fünf Mitgliedern, gegründet. Dieser sollte einen Weg finden, wie Kirche sich in Zeiten des immer mehr an Macht gewinnenden Nationalsozialismus zu verhalten habe. Am Ende der Arbeit dieses Ausschusses stand das im Januar 1933 veröffentlichte „Wort und Bekenntnis Altonaer Pastoren“[11], dass mit seinen 65 Thesen Stellung zur aktuellen politischen Situation nahm und den Standpunkt der evangelischen Kirche hierzu darlegte.

Wo die Pastoren von Altona gegen einen Eingriff der NSDAP in kirchliche Angelegenheiten stritten und „zur Selbstbesinnung auf das Wesen und den Auftrag der Kirche“[12] aufforderten, gab es Gruppierungen, die alles daran setzten, dass sich der Nationalsozialismus und die evangelische Kirche in einer Form des nationalen Protestantismus vereinigen. Diese Gruppierungen verschmolzen im Jahr 1932 zu einer gemeinsamen innerkirchlichen Opposition - der Glaubensbewegung Deutsche Christen (DC). Deren primäres Ziel war es aus der im Jahr 1922 entstandenen Deutschen Evangelischen Kirche (DEK) mit ihren 28 evangelischen Landeskirchen eine Reichskirche zu schaffen, die nach dem staatlichen Führerprinzip geleitet werden sollte.

Dieses Ziel erreichte die DC in der Kirchenwahl vom 23. Juli 1933. Sie hatten während des Wahlkampfes große Unterstützung von Seiten der nun herrschenden NSDAP erhalten und konnten letztlich ca. 70% der abgegebenen Stimmen zählen.[13] Die angestrebte Reichskirche nach dem Führerprinzip konnte nun errichtet werden. Der erste Schritt hierzu war die Entlassung der bisherigen Leitungsorgane in fast allen Landeskirchen. Lediglich die süddeutschen Landeskirchen Bayern und Württemberg sowie die norddeutsche Landeskirche Hannover blieben unter der Leitung der bisherigen Amtsträger. Dies war möglich, da man den DC „einen angemessen erscheinenden Einfluss [in diesen Landeskirchen] einräumte[..].“[14]

Da die Tür zu einer führergeleiteten Kirche nun offen stand, musste ein Führer für die evangelische Kirche gefunden werden. Dieser Suche kam man auf der ersten deutschen Nationalsynode am 27. September 1933 nach und akklamierte den ehemaligen Wehrkreispfarrer Ludwig Müller zum Reichsbischof.

In den zwei Monaten zwischen der Kirchenwahl und der Ernennung Ludwig Müllers zum Reichsbischof ereigneten sich Dinge, die maßgeblich zur Entstehung der BK beitrugen. So vor allem die Braune Synode, die am 5. September 1933 in Berlin tagte und die Einführung des Arierparagraphen in die Reichskirche beschloss. Hiermit war der endgültige Bruch zwischen den Gegnern der DC (Opposition) und der DC selbst vollzogen.

Die Gegner der DC gründeten daraufhin am 21. September 1933, unter der Leitung des Pfarrers Martin Niemöller, den Pfarrernotbund. Dieser konnte, auch geschürt durch Ereignisse wie die Sportpalastkundgebung im November 1933, einen starken Mitgliederzuwachs verzeichnen.[15]

Unter den Oppositionellen wurde rasch die Forderung nach einer Synode laut, so dass im Januar 1934 eine solche in Barmen - Gemarke zusammentraf. Weitere dieser Synoden folgten im März und April, wobei die im März von der Polizei aufgelöst wurde. Die erste gemeinsame Synode, die e rste Reichsbekenntnissynode, fand im Mai 1934 in Barmen statt.

3. Barmer Theologische Erklärung - eine Analyse

Auf dieser ersten Reichssynode wurde die von Karl Barth, Hans Christian Asmussen und Thomas Breit[16] entworfene „Theologische Erklärung zur gegenwärtigen Lage der Deutschen Evangelischen Kirche“ in Zusammenhang mit dem von Hans Asmussen gehaltenen „Vortrag über die Theologische Erklärung zur gegenwärtigen Lage der Deutschen Evangelischen Kirche auf der Plenarsitzung der Bekenntnissynode am 30.Mai 1934“[17] von den 139 Delegierten der BK verabschiedet und von dessen Bruderrat unterzeichnet.[18] Die drei verschiedenen evangelischen Glaubensgruppen, Lutheraner, Unierte und Reformierte, erkannten also in ihrer Formierung zur Bekennenden Kirche die Barmer Theologische Erklärung als gemeinsame Grundlage an.[19].

Die BTE besteht aus sechs Thesen, die alle in drei Absätze gegliedert sind. Jede der Thesen beginnt mit einem ‚Bibelwort’, welches aus dem Neuen Testament entnommen ist und in ein oder zwei Versen zitiert wird. Dem folgt ein ‚Bekenntnissatz’ (Affirmatio), worin man das vorangestellte Zitat auslegt und positiv formuliert, zu was man sich bekennt. Den letzten Abschnitt jeder These bildet der ‚Verwerfungssatz’ (Damnatio), in dem jeweils eine „falsche Lehre“ verworfen wird.

3.1 These 1

Die Verfasser der BTE eröffnen die Erklärung mit zwei Zitaten aus dem Johannesevangelium, in denen es heißt: „Jesus Christus spricht: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich.“ (Joh 14, 6) und „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer nicht zur Tür hineingeht in den Schafstall, sondern steigt anderswo hinein, der ist ein Dieb und Räuber. Ich bin die Tür; wenn jemand durch mich hineingeht, wird er selig werden.“ (Joh 10,1.9) Diese beiden Bibelstellen sind systematisch aufeinander aufgebaut. Wo die erste besagt, was Weg, Wahrheit und Leben ist, besagt die zweite, wie man dieses erreichen kann.

[...]


[1] In den Reichstagswahlen vom 14.September 2009 konnte die NSDAP zum ersten Mal in einer Reichstagswahl von der unbedeutenden Randpartei zu einem wichtigen Faktor der Politik aufsteigen (107 Mandatssitze im Reichtstag). Vgl. Bernlocher (Hrsg.): Geschichte und Geschehen II. S. 286 und 303.

[2] Nationalsozialistische Arbeiterpartei

[3] Bernlocher (Hrsg.): Geschichte und Geschehen II. S.286.

[4] Scholder: Die Kirche und das Dritte Reich. Band 1, Frankfurt/Main, Berlin, Wien 1977, S.166.

[5] Ebd.

[6] Wo die Lutheraner hauptsächlich an den Bekenntnissen Luthers (Luthers Kleiner und Großer Katechismus, Confessio Augustana) festhalten als Glaubensgrundlage, sehen die Reformierten eine Vielzahl an Bekenntnissen als Glaubensgrundlage an (Heidelberger Katechismus, Genfer Katechismus). Worin die beiden sich besonders unterscheiden ist das Verständnis des Abendmahls. Während die Lutheraner es als realistisch betrachten, gehen die Reformierten von einem symbolischen Akt aus. Der Grund der Entstehung der Unierten liegt in der Anordnung des preußischen Königs Friedrich Ludwig III. Er wollte zum 300jährigen Reformationsjubiläum im Jahr 1817 eine Einigung der beiden Glaubensgruppen erreichen. „De facto entsteht [aber] eine dritte evangelische Konfession.“

[7] Scholder: Die Kirche und das Dritte Reich. Band 1, S.171.

[8] Ebd.

[9] Ebd., S.226.

[10] Ebd.

[11] Ebd., S.227.

[12] Mehlhausen: Nationalsozialismus und Kirchen. Artikel in: TRE 24, 1994, S.48.

[13] Die anderen beiden Parteien, die Jungreformatorische Bewegung und Karl Barths Für die Freiheit des Evangeliums, welche jedoch nur in Bonn antrat, hatten zu diesem Zeitpunkt keine Chance in dieser Kirchenwahl Stimmen gewinnen zu können. Jedoch fanden sich Mitglieder dieser Partei in der kommenden Bekennenden Kirche wieder. Vgl. ebd., S.52 f.

[14] Ebd., S.53, Z.45.

[15] Auf der Sportpalastkundgebung hielt der Dr. R. Krause eine Rede, die an nationalsozialistischem Gedankengut kaum zu übertreffen war. Zu seinen Forderungen zählten die Abschaffung des Alten Testaments sowie die Streichung Schriften des Paulus aus dem NT.

[16] Barth - evangelisch-reformiert, Hans Christian Asmussen und Oberkirchenrat Thomas Breit - Lutheraner

[17] Kultusminister NRW: Barmer Theologische Erklärung und heutiges Staatsverständnis. S.46.

[18] Vgl. Brauns: Barmer Theologische Erklärung. Artikel, online unter: http://www.reformiert-online.net/lexikon/detail.php?id=14, Zugriff am 19.01.2009.

[19] Ich meide an dieser Stelle den Ausdruck Bekenntnis. Zwar hat die BTE den Stil eines Bekenntnisses, vor allem in der Apalogie, dennoch zähle ich sie als eine Erklärung.

Details

Seiten
20
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783656076476
ISBN (Buch)
9783656076322
DOI
10.3239/9783656076476
Dateigröße
513 KB
Sprache
Deutsch
Institution / Hochschule
Universität Kassel
Erscheinungsdatum
2011 (Dezember)
Note
1,0
Schlagworte
barmer theologische erklärung

Autor

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Titel: Barmer Theologische Erklärung - eine politische Erklärung?