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Ernst Krieck - Nationalsozialist aus Überzeugung?

Kriecks schriftstellerisches Werken auf dem Prüfstand

Hausarbeit (Hauptseminar) 2008 25 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - Nationalsozialismus, II. Weltkrieg

Leseprobe

Gliederung

Einleitung

I. Hitlers pädagogische Vorgaben: totalitäre Erziehung

II. Das Schaffen Ernst Kriecks bis 1932
1) „Die deutsche Staatsidee“ (1917)
2) „Philosophie der Erziehung“ (1922)

III. Kriecks Schriften ab 1932: Kein Wandel der Ansichten, eine Weiterentwicklung
1) „Nationalpolitische Erziehung“ (1932)

Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

Im historischen Rückblick erscheint die Zeit des Nationalsozialismus stets als das dunkelste Kapitel deutscher Geschichte. Eingegrenzt auf die Jahre 1933 bis 1945 nimmt die faschistische Diktatur eine Sonderstellung innerhalb der Geschichte ein, doch darf die nationalsozialistische Herrschaft natürlich nicht ohne ihre Ursachen und die gesellschaftlichen Voraussetzungen, die diese erst möglich machten, gesehen werden. Die ideologischen Wurzeln des Nationalsozialismus lagen schließlich in Vorurteilen, Stigmatisierungen und einer weit verbreiteten unkritischen Geisteshaltung, welche schon lange vor der Nazi-Diktatur vorhanden waren und denen es auch heute noch entgegen zu treten gilt, um den deutschen „Nazismus“ irgendwann tatsächlich auszurotten und dies nicht nur auf dem Papier zu verkünden.1 Wie auch heute wird auch zu früherer Zeit sicher Niemand über Nacht zum „Nazi“ verkommen sein, so lassen sich nicht nur bei einflussreichen Nationalsozialisten in den verschiedensten Bereichen schon vor 1933 Zeugnisse insbesondere antisemitischer und rassistischer Ansichten finden, welchen schon im Vorfeld, so in der Weimarer Republik, nicht ausreichend begegnet worden ist und welche in der Bevölkerung weite Verbreitung fanden.

Nachdem nun die Weimarer Republik endgültig durch das totalitäre Regime unter Führung der NSDAP abgelöst worden war, zeigte sich schnell, dass vor allem im kulturellen Bereich noch viele Fragen über eine Neuordnung offen geblieben waren, so auch im Bereich der Pädagogik. Bis auf die Ausschaltung innenpolitischer Gegner und die Abschaffung der parlamentarischen Demokratie war man sich noch weitestgehend im Unklaren über konkrete Änderungen zur Verwirklichung eines „Dritten Reiches“. Nun konnten Männer, die sich besonders für die NS- Bewegung engagierten und in derselben hervortaten, auf Ansehen und Einfluss sowie die Chance auf maßgebliche Mitgestaltung hoffen, indem sie durch ihre Arbeit für die NSDAP zu einflussreichen Ämtern gelangten. Im pädagogischen Bereich ergriff Ernst Krieck diese „Chance“ und wurde somit neben Adolf Hitler, der in seinem Werk „Mein Kampf“ auch hier allgemeine Richtlinien vorgab, und Alfred Baeumler zu einem der pädagogischen Chefideologen.2

In dieser Hausarbeit sollen nun Ernst Kriecks Schriften vor und während der nationalsozialistischen Herrschaft betrachtet und diskutiert werden, nachdem zuvor auf die allgemeinen „hitler‘schen“ Grundlagen nationalsozialistischer Pädagogik eingegangen wurde.

Da auch das Hauptwerk Kriecks, die „Philosophie der Erziehung“ (1922), bereits vor der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler erschienen ist, bietet sich hier die Erörterung der Krieck’schen Werke vor ihrem historischen Begründungszusammenhang an, vor welchem die Pädagogik Kriecks überhaupt nur zu verstehen ist. Es wird zu klären sein, inwiefern Kontinuitäten und Brüche in den pädagogischen Ansichten Kriecks zu finden sind und ob Krieck folglich, wie viele andere Pädagogen seiner Zeit, nur Mitläufer, skrupelloser Nutznießer des NSRegimes oder überzeugter Nationalsozialist gewesen ist. Die Neubegründung der Pädagogik durch Krieck muss schließlich als eine Fortsetzung eines bereits bestehenden irrationalen Mythos verstanden werden, den auch Hitler sich zu nutzen machte.

I. Hitlers pädagogische Vorgaben: totalitäre Erziehung

Bevor nun auf verschiedene Werke Kriecks eingegangen werden wird, soll der Rahmen, indem sich die NS-Pädagogik zu befinden hatte, für die Erziehungsgedanken im NS-Staat umrissen werden. Diesen Rahmen schuf Adolf Hitler neben Reden und Proklamationen in seiner Zeit als „Führer“ vor allem durch sein schon 1924/25 verfasstes Werk „Mein Kampf“, in welchem die NS-Ideologie schon klar, wenn auch ohne konkrete Vorschläge zu deren Umsetzung, niedergelegt war.3

In seiner Propagandaschrift behandelte Hitler insbesondere die Niederlage Deutschlands im Ersten Weltkrieg, für die er Scheingründe anführte und bestimmte Bevölkerungsteile, allen voran die Juden, verantwortlich machte. Eine Mitschuld gab er zusätzlich der Erziehung, welche nur das wirtschaftliche Fortkommen des Einzelnen und die Förderung seines persönlichen Egoismus zum Zweck gehabt haben sollte und dabei die vormals so hoch angesehenen soldatischen Tugenden vernachlässigt habe. Die neuen Machthaber verkündeten ab 1933 nun ihren Plan der neuen Volkserziehung, welche die alte Erziehung ablösen und damit endgültig an die totalitäre Politik angliedern sollte. Der „totale Erziehungsstaat“ sprach der Erziehung ihren individuellen Charakter gänzlich ab und stellte dieselbe in den Dienst des Staates und dessen nationalsozialistischer Weltanschauung.4 Die hitler‘schen Grundsätze dabei waren jener von „Führer und Gefolgschaft“, vom „Nationalen Sozialismus“ sowie von „Blut und Boden“, wiederum untergliedert in die Ideologien der „Rassenlehre“ und dem „Volk ohne Raum“. Diesen Grundsätzen gemäß ergab sich eine totalitäre Erziehung, die dem Staat in allen erdenklichen Bereichen des täglichen, schulischen wie häuslichen, Lebens dienstbar gemacht werden sollte.

Während die vorherige Erziehung als Zeichen des Verfalls galt, sollte die neue Erziehung den Sieg über alles Reaktionäre und Volksfremde bringen.5

Der individualistischen Pädagogik wurde nach der „Machtergreifung“ folglich der Kampf angesagt, so durch den neuen Innenminister Wilhelm Frick, der schon am 09.05.1933 verlauten ließ: „ Die individualistische Bildungsvorstellung hat wesentlich zur Zerstörung des nationalen Lebens in Volk und Staat beigetragen und vor allem in ihrer hemmungslosen Anwendung in der Nachkriegszeit ihre völlige Unfähigkeit erwiesen, die Richtschnur der deutschen Bildung zu sein. “6

Der Einzelne sollte ohne Rücksicht auf die eigene Person in das Volksganze, in die völkische Gemeinschaft, integriert werden. Der „gute Deutsche“ sollte demnach immer erst an das Ganze, welches im „Führer“ seinen Ausdruck fand und durch denselben angeleitet, „geführt“, wurde, denken, bevor er sich um sich selbst sorgte, um seine Person letztlich vollkommen in den Dienst der Gemeinschaft zu stellen. Den Inhalt der Erziehung bestimmte die Partei, an welche der Einzelne gebunden wurde um die freie Gewissensentscheidung, und somit die Verantwortung für die im NS-Staat begangenen Greueltaten, systematisch zu zerstören. Die nationalsozialistische Pädagogik war nichts mehr als eine pervertierte Gemeinschafts- und Kollektiverziehung riesigen Ausmaßes. Dabei ist wichtig zu beachten, dass es bei der Erziehung selbst natürlich nicht auf geistige Bildung ankam, diese war im Gegenteil möglichst gering zu halten. Die eigentlichen Wissensgehalte diktierte die Partei schließlich durch ihre Richtlinien, weshalb objektive Bildungsgehalte nicht gefragt waren, sondern lediglich der Schulungswert in Schule wie Forschung. Statt Bildung also Schulung, statt freier Wissenschaft nur Rechtfertigung der eigenen Ideologie. Andernfalls hätte mindestens die kritische Vernunft der Wissenschaft das ideologische System in Frage stellen müssen.7 So hielt Hitler schon in „Mein Kampf“ fest: „ Der völkische Staat hat in dieser Erkenntnis seine gesamte Erziehungsarbeit in erster Linie nicht auf das Einpumpen bloß en Wissens einzustellen, sondern auf das Heranzüchten gesunder Körper. Erst in zweiter Linie kommt die Ausbildung der geistigen Fähigkeiten. Hier steht an der Spitze die Entwicklung des Charakters, besonders die Förderung der Willens- und Entschlusskraft, verbunden mit der Erziehung zur Verantwortungsfreudigkeit, und erst als letztes die wissenschaftliche Schulung. “8

Der körperlichen Betätigung der Jugend maß Hitler also ganz klar eine sehr viel höhere Bedeutung bei als allem Wissen, da diese den deutschen Schülern größtes Selbstvertrauen in ihr Können und ein absolutes Überlegenheitsgefühl über andere vermitteln sollte. Es sollten kriegstaugliche Eigenschaften wie Treue, Opferbereitschaft und absoluter Gehorsam bei den Nachkömmlingen herausgebildet werden, um diese nicht zuletzt bestmöglich für den Militärdienst vorzubereiten.9 Daher reservierte Hitler der Schülerschaft auf Kosten von geistiger Bildung mehr Zeit für körperliche Ertüchtigung, die nicht weniger als mindestens zwei Stunden täglich betragen sollte. Besonders dem Boxen maß Hitler hierbei größten Wert zu, da ihm dieser Sport anscheinend als sehr geeignet erschien, um den künftigen Nationalsozialisten die richtige, d.h. rücksichtslose, Umgehensweise mit ihren Gegnern beizubringen, wie aus „Mein Kampf“ hervorgeht: „ Daß der junge Mensch [ … ] boxt, das soll roh sein! Warum? Es gibt keinen Sport, der wie dieser den Angriffsgeist in gleichem Maß e fördert, blitzschnelle Entschluß kraft verlangt, den Körper zu stählerner Geschmeidigkeit erzieht. Es ist nicht roher, wenn zwei junge Menschen eine Meinungsverschiedenheit mit den Fäusten ausfechten als mit einem geschliffenen Stück Eisen [ … ] Vor allem aber, der junge, gesunde Knabe soll auch Schläge ertragen lernen. Das mag [ … ] wild erscheinen. Doch hat der völkische Staat eben nicht die Aufgabe, eine Kolonie friedsamer Ästheten und körperlicher Degeneraten aufzuzüchten. Nicht im ehrbaren Spieß bürger oder der tugendsamen alten Jungfer sieht er sein Menschheitsideal, sondern in der trutzigen Verkörperung männlicher Kraft und in Weibern, die endlich wieder Männer zur Welt zu bringen vermögen. “10

Neben den Juden warf Hitler, als einer der größten Verfechter der sogenannten „Dolchstoßlegende“, insbesondere den hier genannten Spießbürgern, genannt werden hier

„ Beamte, Juristen, Techniker Chemiker, Ingenieure, Literaten und, damit diese Geistigkeit nicht ausstirbt, Professoren “11, das Versagen im Ersten Weltkrieg und damit die Niederlage in demselben vor. Wäre diese geistige Oberschicht nach Hitlers Maßstäben zu richtigen Männern und wahren Kämpfern erzogen worden, wäre die von „ Deserteuren, Zuhältern undähnlichem Gesindel “12 durchgeführte Revolution von 1918 nach Hitlers Meinung nicht möglich gewesen.13

Ansonsten sollte die bisherige Wissensvermittlung in den Schulen im Wesentlichen beibehalten werden, wobei die NS-Ideologie allerdings, vor allem die rassistischen Ansichten Hitlers, ihren Eingang in die Schulbildung finden musste, um so neue Generationen von Nationalsozialisten heranzuziehen.14 Laut Hitler sollte die „ [...] gesamte Bildungs- und Erziehungsarbeit des völkischen Staates [...] ihre Krönung darin finden, dass sie den Rassesinn und das Rassegefühl instinkt- und verstandesmäßig in Herz und Gehirn der ihr anvertrauten Jugend hineinbrennt.”15

[...]


1 So hieß es bspw. in der Verfassung der Deutschen Demokratischen Republik vom 6. April 1968, in der Fassung des Gesetzes zur Ergänzung und Änderung der Verfassung der Deutschen Demokratischen Republik vom 7. Oktober 1974, Abschnitt 1, Artikel 6: “Die Deutsche Demokratische Republik hat getreu den Interessen des Volkes und den internationalen Verpflichtungen auf ihrem Gebiet den deutschen Militarismus und Nazismus ausgerottet.“ Online-Ressource: http://www.ddr-im-www.de/Gesetze/Verfassung.htm#grundlagen, Quelle: Gesetzesblatt der DDR, Teil I, Nr. 47 - Ausgabetag: 27. September 1974.

2 Vgl. Hermann Giesecke (1993), Hitlers Pädagogen - Theorie und Praxis nationalsozialistischer Erziehung. Weinheim, München. S. 7f.

3 Vgl. Ernst Hojer (1997), Nationalsozialismus und Pädagogik - Umfeld und Entwicklung der Pädagogik Ernst Kriecks. Würzburg. S. 5f.

4 Vgl. Giesecke, a.a.O., S. 18.

5 Vgl. Hojer, a.a.O., S. 5-33.

6 Wilhelm Frick (1933), zitiert nach: Hojer, a.a.O., S. 30.

7 Vgl. Hojer, a.a.O., S. 30f.

8 Adolf Hitler (1925), Mein Kampf, München, S. 452. Zitiert nach: Elke Fröhlich (1998), Die drei Typen der nationalsozialistischen Ausleseschulen, in: Johannes Leeb (Hrsg.), »Wir waren Hitlers Eliteschüler«, Ehemalige Zöglinge der NS-Ausleseschulen brechen ihr Schweigen. München. S. 242.㻌

9 Vgl. Fröhlich, a.a.O., S. 242 f.

10 Hitler, a.a.O., S. 455f. Zitiert nach: Hojer, a.a.O., S. 33.

11 Ebd.

12 Ebd.

13 Vgl. Hojer, a.a.O., S. 33.

14 Vgl. Fröhlich, a.a.O., S. 242 f.

15 Hitler, a.a.O., S. 475f. Zitiert nach: Fröhlich, a.a.O., S. 242.

Details

Seiten
25
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783656082804
ISBN (Buch)
9783656082460
Dateigröße
531 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v183728
Institution / Hochschule
Universität Potsdam – Department Erziehungswissenschaft
Note
1,3
Schlagworte
Nationalsozialismus Pädagogik Geschichte

Autor

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Titel: Ernst Krieck  - Nationalsozialist aus Überzeugung?