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Die amerikanische Außenpolitik als Antwort auf Japans Aggression gegenüber China (1928-1941)

Der Weg in einen unvermeidlichen Krieg zwischen den USA und Japan?

Hausarbeit (Hauptseminar) 2007 44 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Zeitalter Weltkriege

Leseprobe

Gliederung:

Einleitung

I. Inhaltliche und methodische Überlegungen
1) Fragestellung
2) Forschungsstand
3) Anmerkungen zu Quellen und Literatur
4) Methodischer Aufbau

II. Die amerikanisch-japanischen Beziehungen bis zur »Washingtoner Konferenz« (1894-1921)
1) Die ersten japanischen Aggressionen auf dem asiatischen Festland(1894-1905)
2) Die japanische Außenpolitik bis zum System von Washington(1905-1921)

III. Die amerikanische Antwort auf Japans Aggression gegenüber China (1928-1933)
1) Vom »Tsinan-Zwischenfall« zur »Mandschurei-Krise« (1928-1931)
2) Die »Mandschurei-Krise« (Manshû jihen) (1931)
3) Die amerikanische Reaktion auf Japans Aggression gegenüber China (1931-1932)

IV. Eine kurze Ruhephase und der Ausbruch des »Zweiten Chinesisch-Japanischen Krieges« (1933-1937)
1) Japans Austritt aus dem Völkerbund und der erste Plan eines »Südvorstoßes« zur Lösung wirtschaftlicher Probleme (1933-1936)
2) »Antikominternpakt« und »Zweiter Chinesisch-Japanischer Krieg« (1936-1937)

V. Der Vorabend des Pazifikkrieges: Vom amerikanischen Neutralismus zu Japans Angriff auf »Pearl Harbour« (1937-1941)
1) Amerikas Antwort auf Japans erneute Aggression: Quarantäne! (1937)
2) Der »Dreimächtepakt« und die Zuspitzung des Konfliktes (1939-1940)
3) Verhärtete Fronten: Keine Einigung zwischen den Kontrahenten! (1940-1941)

Zusammenfassung

Glossar japanischer Termini

Literatur- und Quellenverzeichnis

Einleitung

Das seit über 200 Jahre für das Ausland gesperrte Japan machte zur Mitte des 19. Jahrhunderts nicht nur schwere innere Krisen durch, zudem drängten die europäischen Mächte Frankreich, England, Holland und Russland sowie die USA zunehmend auf eine Öffnung des Landes. Die Abwehr fremder Mächte war für Japan unmöglich geworden, zu lange hatte sich das kleine Inselreich der Außenwelt verschlossen und war nun der übermächtigen Kriegsmaschinerie der westlichen Kolonialmächte schutzlos ausgeliefert. Mit der gewaltsamen Öffnung des japanischen Inselreiches durch die sogenannten “Schwarzen Schiffe” unter dem Befehl des amerikanischen Kommodore Matthew C. Perry im Jahre 1854 verstießen die USA prinzipiell gegen die, durch die Monroe-Doktrin1 bestimmte, Politik der Nichteinmischung. Der Grund für das Drängen der fremden Mächte auf die Öffnung des Landes kann hierbei im kapitalistischen Wirtschaftssystem, welches von ständiger Erweiterung der Reproduktion lebt, weshalb die Suche nach neuen Absatzmärkten und Rohstoffquellen immanente Bedeutung hat, gesehen werden. Länder wie Japan, die gezwungen wurden, Beziehungen zu den kapitalistischen Mächten der Welt zu unterhalten, mussten entweder selbst ein kapitalistisches Wirtschaftssystem aufbauen oder die Gefahr, kolonialisiert zu werden eingehen. Die Öffnung des Inselreiches Japan könnte somit als eine welthistorische Notwendigkeit verstanden werden, wenn man bedenkt, dass Mitte des 19. Jahrhunderts West-, Mittel-, Süd-Ostasien, Nord- und Südafrika, Südamerika und Ozeanien Kolonien bzw. Quasi-Kolonien der europäischen Mächte waren. Neben Mittelafrika und den Pazifikinseln war nur noch Ostasien zu unterwerfen, während die einstige Großmacht dieser Region, China, bereits den Rang einer Quasi-Kolonie innehatte.2

Mit der Landung Kommodore Perrys begann das komplizierte Verhältnis der zwei Kontrahenten USA und Japan. Nach dem Sturz des bakufu (“Schogunatsregierung”) und dem Beginn der »meiji-ishin« (“erleuchtete Revolution”) ab dem Jahre 1868 tobte ein Bürgerkrieg zwischen Reformern und alten Anhängern des bakufu, der mit alliierter Unterstützung (Engländer, Franzosen, Holländer und Amerikaner) zugunsten der Restaurateure ausging. Bis 1889 importierten die Japaner Ideen und Güter aus Europa und Amerika, wobei sie allem Neuen ihren ganz individuellen “japanischen Stempel” aufdrückten. Mit Verkündung der Reichsverfassung im selben Jahr, durch die Japan zur erblichen Monarchie mit dem tennô als Oberhaupt und Oberkommandierenden des Heeres und der Flotte wurde, gelang es dem Kaiserreich zu einem neuen unabhängigen Staat nach westlichem Vorbild aufzusteigen. Kaum hatte Japan indes seine durch die Kolonialmächte Europas und der USA auferlegten Fesseln in Form von diktierten, ungleichen Verträgen abgestreift, indem es sich dem Westen anpasste, ließ das Kaiserreich den eigenen expansionistischen Absichten verstärkt ihren Lauf und entwickelte sich von einem unterdrückten Land zu einem Land, das andere Länder unterdrückt.3

I. Inhaltliche und methodische Überlegungen

1) Fragestellung

Der Krieg zwischen den USA und dem Kaiserreich Japan, dessen Ausgang die japanische Führung - zumindest aus heutiger Sicht - hätte abschätzen können müssen, wirft eine zentrale Frage auf: Hat sich die japanische Führung so sehr überschätzt, das sie allen Ernstes glauben konnte, den Wirtschaftsgiganten schlechthin, die USA, mit seinem nicht absehbaren militärischem Potential herausfordern und aus diesem Kräftemessen als Gewinner hervorgehen zu können? Wie kam es überhaupt zu einem solchen Konflikt, hätte dieser nicht mit etwas mehr Kompromissbereitschaft auf beiden Seiten verhindert werden können? Was charakterisierte die Politik der USA im Allgemeinen und Besonderen gegenüber Japan auf längere Sicht gesehen und in der Vorphase des Krieges? War ein Krieg demnach tatsächlich unvermeidlich und was wurde unternommen, um dieser Konfrontation aus dem Weg zu gehen? Wie ist es letztendlich zu erklären, dass die USA und Japan nicht zu einer Einigung zu bewegen waren. Hätte die USA nicht schon viel früher Eingreifen und so einen Krieg möglicherweise verhindern können, bspw. schon während der Mandschurei- Krise 1931? Konnte die verschärfte Rohstoffarmut Japans, als einer der Hauptgründe für die weitere Expansion, nur durch kriegerische Handlungen eingedämmt werden? Welche Alternativen ergaben sich und blieben ungenutzt?

Im Rahmen der Kürze dieser Arbeit wird versucht, einige Antworten zu den gestellten Fragen zu finden, um letztendlich zusammenfassend eine Antwort auf die Kernfrage, ob der Krieg tatsächlich unvermeidlich war, zu bieten.

2) Forschungsstand

Bei einer Epoche der Weltgeschichte wie dem Zweiten Weltkrieg und dessen Vorgeschichte ist ein Ende des Forschens natürlich noch lange nicht in Sicht, so wird der Stand der Forschung auch in neuerer Zeit noch mit interessanten Enthüllungen oder Thesen erweitert und ausgebaut werden. Zur Rolle Japans ist hierzulande allerdings noch einiges nachzuholen. Bei meinen Nachforschungen wurde mir schnell offenbar, dass die weitreichenden Verwicklungen zur japanischen Geschichte weiterer Forschung bedürften oder zumindest mit breit angesiedelten Übersetzungen von japanischen Publikationen erweitert werden sollten, während die Forschung zur amerikanischen Rolle vor dem Zweiten Weltkrieg auch in Deutschland auf einem recht aktuellen Stand ist. Generell sind hier Literatur und Quellen weitaus einfacher zugänglich als dies für die japanische Geschichte der Fall ist. Besonders aufgefallen sind mir bei meinen Nachforschungen die Beurteilung der Rollen, welche die führenden zwei Männer der USA und Japans einnahmen: Präsident Roosevelt und Kaiser Hirohito. Inwiefern Roosevelt die Konfrontation mit Japan und die daraus resultierenden Verluste auf japanischer Seite in Kauf genommen hat, ist noch recht umstritten. Ebenso streitet man ich noch über den Einfluss Kaiser Hirohitos in Japan. Wie viel Verantwortung diesem für die militärische Expansion Japans zugeschrieben werden kann, ist nicht wirklich geklärt, er hatte höchstwahrscheinlich mehr Einfluss auf die Geschehnisse der Zeit, als ihm häufig zugeschrieben wird.

3) Anmerkungen zu Quellen und Literatur

Besonders hilfreich bei meinen Nachforschungen über die japanische Geschichte waren mir die Werke von Kiyoshi Inoue und Rudolf Hartmann. Inoue als geborener Japaner und Hartmann als deutscher Experte schufen qualitativ hochwertige Werke, die auf geschichtlichen Tatsachen beruhen. Inoues erstmals 1963 erschienenes Werk über die Geschichte Japans ist zudem das meistverkaufte in dessen Heimat und wurde für die deutsche Fassung 1993 vom Autor noch einmal teilweise überarbeitet, um dem Forschungsstand Rechnung zu tragen. Daher darf Inoues Werk noch immer als Standardwerk begriffen werden.

Neben diesen zwei Autoren ist vor allem Gottfried-Karl Kindermann zu nennen, welcher als einer der erfahrensten Ostasienexperten in Europa gilt und in seinem angeführten Werk einen detailreichen Einblick in die wechselseitigen Beziehungen vor allem zwischen den zwei ostasiatischen Großmächten Japan und China vermittelt, aber auch den amerikanischen Blick gut mit einbezieht. Das Werk von Uwe Kaehler über die Rolle des amerikanischen Botschafters in Tokyo, Joseph C. Grew, erhielt außerdem die Unterstützung durch Professor Kindermann und schafft einen sehr guten Einblick in die diplomatischen Wirren von 1939 bis 1941. Die Quellenlage zur japanischen Literatur ist in Deutschland allerdings sehr dürftig.

Die Literatur zur amerikanischen Politik und Geschichte ist weit zahlreicher und bedarf kaum Erläuterung. Hervorzuheben sind die Werke von Dorothy Borg, welche sich eingehend mit der Reaktion der USA auf die Krise Ostasiens befasst, Robert Dallek, welcher die Außenpolitik der USA unter besonderer Prägung ihres Präsidenten Franklin D. Roosevelt näher ins Auge fasst, sowie Justus D. Doenecke und John E. Wilz, die ein Werk schufen, welches keinesfalls den Anspruch auf Vollständigkeit erhebt und dennoch einen interessanten Einblick in die Verhältnisse der Jahre 1931 bis 1941 schafft, da es verstärkt Gesamtzusammenhänge darstellt. Auch die Quellenlage ist weitreichend und leicht zugänglich. Die sogenannten FRUS-Akten bieten einen guten Einblick in die außenpolitischen Geschehnisse der damaligen Zeit. Persönliche Briefe und ähnliches der führenden amerikanischen Köpfe, wie Präsident Roosevelt, geben dazu einen Einblick in private Stellungnahmen und Gedanken zur jeweiligen politischen Lage. Für die Gegenüberstellung und den direkten Vergleich der Auenpolitiken Japans und der USA war mir zudem Manfred P. Emmes Werk über die Außenpolitiken der USA, Japans und Deutschlands sehr hilfreich.

4) Methodischer Aufbau

Nachdem Forschungsstand und Literaturhinweise besprochen sind und das Thema grob eingeleitet wurde, werde ich zunächst einige für mein Thema wichtige Aspekte der japanisch-amerikanischen Beziehungen seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert betrachten, bevor ich Japans Aggression gegenüber China vor dem Hintergrund der Dreißiger Jahre des letzten Jahrhunderts in den Blick ziehe. Im Vordergrund sollen dabei zunächst die japanische Außenpolitik und folgend die amerikanische Stellungnahme zu dieser bis zum Vorabend des Pazifikkrieges stehen. Besonders der Aufstieg und die Etablierung des japanischen Militarismus als Voraussetzung für die japanische Aggressionspolitik wird dabei kontinuierlich betrachtet werden. Dabei wird auf die Rolle verschiedener Schlüsselfiguren wie Präsident Roosevelt, Außenminister Stimson und Botschafter Joseph C. Grew auf amerikanischer Seite wie die japanische Führung unter Premierminister Konoye und dessen Vorgänger wie Nachfolger sowie Kaiser Hirohito auf japanischer Seite, nur soweit es die Kürze dieser Arbeit zulässt, eingegangen werden. Abschließend werde ich versuchen, meine Schlüsse aus dem vorher behandelten Stoff zu ziehen um meine zuvor formulierte Fragestellung zu beantworten.

Ferner verwende ich in meiner Hausarbeit die neue deutsche Rechtschreibung und die hepburnsche Schreibweise (Romajikai) der japanischen Begriffe, d. h. alle Eigennamen wie zum Beispiel Shimpôtô (“Fortschrittspartei”) werden großgeschrieben, alle anderen wie zum Beispiel tennô (“Kaiser”) oder meiji (“erleuchtete Regierung”) kleingeschrieben, da in Japan nicht zwischen Groß- und Kleinschreibung unterschieden wird. Die Großschreibung der Eigennamen ist lediglich ein Kompromiss an die deutsche Rechtschreibung. Um die japanischen Begriffe und verschiedenen Örtlichkeiten sowie bestimmte Abkommen oder Verträge besser herauszuheben sind sie kursiv dargestellt. Auch die erwähnten Personen werden dementsprechend kursiv gehalten. Zur Erklärung der japanischen Begriffe habe ich zudem noch ein Glossar angelegt, welches die wichtigsten hier verwendeten Begriffe näher erläutert.

II. Die amerikanisch-japanischen Beziehungen bis zur »Washingtoner Konferenz« (1894-1921)

1) Die ersten japanischen Aggressionen auf dem asiatischen Festland (1894-1905)

Um das komplizierte Verhältnis der beiden Kontrahenten USA und Japan ansatzweise zu verstehen, erscheint es notwendig, zunächst auf die Entwicklung der Beziehungen beider Länder grob einzugehen. Nach der gewaltsamen Öffnung des kleinen Inselreiches 1854 entwickelte sich Japan im Zuge der meiji-ishin selbst zu einer imperialistischen Macht nach westlichem Vorbild. Erstmals ging es nicht mehr nur um die Verteidigung des Landes, der sogenannten “territorialen Sphäre”, sondern auch um die Sicherung der angrenzenden Gebiete (gemeint war insbesondere Korea) als “Interessensphäre”. Um an Korea zu kommen musste zunächst das Ch’ing-Reich als Konkurrent ausgeschaltet werden, weshalb insgeheim der Krieg gegen China vorbereitet wurde. Der japanische Militarismus, der auch das Handeln der japanischen Führung im Zweiten Weltkrieg bestimmen sollte, nahm hier seinen Anfang.4

Die Auseinandersetzung mit China gewann Japan mit Leichtigkeit und konnte sich so Formosa (Taiwan), der Pescadoren Inseln sowie der Liaotung Halbinsel bemächtigen. Das vereinte Eintreten der Mächte Russland, Frankreich und Deutschland zwang Japan zu dessen Ärgernis allerdings, auf die Liaotung Halbinsel zu verzichten. Diesem dennoch glänzenden Sieg über China folgte ein weiterer Sieg, diesmal über die europäische Großmacht Russland. Russland interessierte sich für dieselben Gebiete, die in Japans “Interessensphäre” lagen: Korea und die Mandschurei. Es war somit ein Gegner den es auszuschalten galt, wollte man seine Interessen, vor allem in der Mandschurei, wahren.5 Der Kriegsbeginn erinnert nicht selten an den japanischen Angriff auf Pearl Habour im Jahre 1941, bei dem nach der kishu-Taktik6 vorgegangen wurde und ein Großteil der feindlichen Flotte bei Port Arthur und Inchon dem japanischen Angriff ohne vorherige Kriegserklärung von Seiten Japans zum Opfer fiel.7 Unter größten Anstrengungen konnte Japan schließlich auch gegenüber Russland siegreich bleiben, wobei der Friedensvertrag nicht zuletzt durch Vermittlung von amerikanischer Seite, durch Präsident Theodor Roosevelt, und maßgeblicher Unterstützung durch den Bündnispartner Großbritannien8 zustande kam. Mit diesem bedeutenden Sieg zog Japan die Augen der Welt auf sich und erntete die Anerkennung der übrigen Großmächte.

Auch setzte das Kaiserreich sich nun noch stärker, vor allem durch die Übernahme der Südmandschurischen Eisenbahn, in der Mandschurei fest. Zudem musste Russland Japans Rechte der Führung, des Schutzes sowie der Verwaltung Koreas anerkennen und das Pachtrecht an Port Arthur und Dairen sowie Südsachalin mit dessen Fischereirechten an Japan abtreten. Die amerikanische Öffentlichkeit begrüßte zunächst, wie auch ihr Präsident, Theodor Roosevelt, der eine russische Dominanz in der Mandschurei befürchtet hatte, Japans Siege und erhoffte sich ein neues Mächtegleichgewicht in Ostasien. In dem sogenannten »Taft-Katsura-Memorandum«9 vom 29. Juli 1905 erkannten die USA Japans Stellung in Korea an, während dieses sich verpflichtete im Gegenzug keine Absichten bezüglich der 1898 von den USA erworbenen Philippinen zu hegen. Im Jahre 1908 räumte Roosevelt den Japanern mit dem »Root-Takahira Abkommen«10 indirekt sogar freie Hand in der Mandschurei ein.11 Diese Abkommen dienten allerdings stets den eigenen Interessen. Die USA und England hatten Japan im Krieg gegen Russland und Japans Machtausweitung in der Mandschurei nur unterstützt, um die Besetzung der Mandschurei durch Russland zu verhindern.

2) Die japanische Außenpolitik bis zum System von Washington (1905-1921)

Mit dem Tode des Kaisers Mutsuhito 1912 endete die Ära meiji und mit ihr die erste Modernisierungsphase Japans. Da der neue tennô Yoshihito psychisch krank war, lenkte dessen Sohn Hirohito schon früh hinter den Kulissen und ab 1926 offiziell die Staatsgeschäfte unter dem Ära-Namen showa. Der in die Regierungszeit des taisho-Kaisers (1912-1926) fallende Erste Weltkrieg von 1914-1918 ließ die Wirtschaft des Landes in ungekanntem Maße boomen, da die Auftragslage der Werften und Fabriken durch die europäischen Mächte, die mit Deutschland im Krieg waren, unglaublich in die Höhe gegangen war. Außerdem stieg die Nachfrage aus den Märkten in Asien und Afrika, die von deutschen und britischen Exporteuren nicht mehr bedient werden konnten. Es gelang den Japanern zudem endlich endgültig auf dem chinesischen Festland Fuß zu fassen, indem sie die deutschen Pachtgebiete in Shantung eroberten, von wo aus eine Intervention Richtung China direkt möglich gemacht wurde.12 Nachdem 1910 Korea annektiert worden war, besaß Japan bereits Kolonien, welche die Fläche des Mutterlandes um 77% überstiegen, während die Südmandschurei, welche in etwa die Größe des japanischen Territoriums einnahm, als Halbkolonie betrachtet wurde.13 Nun trachtete Japan schließlich danach, auch die junge chinesische, im Bürgerkrieg befindliche Republik, zu seinem Protektorat zu machen, indem es 1915 seine berühmten »21 Forderungen« stellte. Der amerikanische Botschafter in Peking, Reinsch, schrieb dem Außenminister der USA, Lansing, am 23.01.1915 dazu: „[...] Serious tension again exists between the Chinese and Japanese Governments. The Japanese Minister has submitted a long list of demands at the same time pledging the President and Ministers of State not to divulge the character' of the demands to other Powers on pain of serious consequences to China. The demands are stated to be such as could not be granted without abandoning entirely the open-door policy as well as independence in political and industrial matters. It is feared that refusal to comply will be met by causing trouble to China through instigation of revolutionary movements which would offer pretext for military occupation. [...]”14

Wären diese Forderungen durchgesetzt worden, hätte das Inselreich die vollkommene Kontrolle über die chinesische Regierung erlangt. Amerikanischen Protesten ist es zu verdanken, dass Japan weitreichende Abstriche zugunsten Chinas eingehen musste und so “nur” die Anerkennung der Oberhoheit in der Südmandschurei, Schantung und der östlichen Inneren Mongolei erreichte. Zudem konnte Japan auch noch spezielle industrielle Interessen in Zentralchina durchsetzen. Die amerikanische Befürchtung, Japan könnte sich mit Deutschland verbünden, ließ das »Lansing-Ishii-Abkommen« im November 1917 zustande kommen, in dem Japans “spezielle Interessen” in China durch die USA anerkannt wurden, die dadurch Japans Vorgehen wiederum im Nachhinein indirekt billigten.15

Mit dem Ende des Ersten Weltkrieges setzte mitnichten eine Verminderung der japanischen Bestrebungen in China ein. Auf der Pariser Friedenskonferenz gelang es Japan als einer der “Großen Fünf” des vom amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson initiierten Völkerbundes nicht nur die Provinz Schantung zu behalten (statt sie dem eigentlichen Eigentümer China zurückzugeben), die Japaner erhielten noch dazu die einst von Deutschen besetzten Inseln im Südpazifik (Marianen, Karolinen, Marshall-Inseln).16 Im Januar 1918 entsandten die Alliierten, zu denen neben Frankreich, England (zusammen 5.800 Mann) und die USA (7.000 Mann) auch Japan (zunächst 12.000, später bis zu 75.000 Mann) zählte, ein Expeditionsheer nach Sibirien, um Russland davon abzuhalten, aus dem Krieg mit Deutschland auszuscheiden. Zwei Jahre später weigerte sich Japan, obwohl alle übrigen Mächte ihre Truppen wieder abgezogen hatten, die eigenen Verbände zurückzuziehen, um seine Machtposition gegenüber China weiter ausbauen zu können. Erst 1922 musste Japan seine Truppen aufgrund einiger beschämender Niederlagen zurückziehen. Das Kräfteverhältnis der imperialistischen Welt hatte sich nach dem Ersten Weltkrieg grundlegend geändert. Die europäischen Mächte, ob Sieger oder Verlierer, hatten schwer unter den Folgen des Krieges zu leiden, während Amerika und Japan einen wirtschaftlichen Aufschwung erlebten. Die USA lösten zudem Großbritannien als Finanzzentrum der Welt ab.17

Der Konflikt zwischen Japan und den übrigen imperialistischen Mächten, vor allem die USA, verschärfte sich nach dem Ersten Weltkrieg soweit, das auch ein Krieg zwischen beiden Seiten nicht ausgeschlossen wurde. Grund dafür war vor allem die strenge Einwanderungspolitik der USA, die klar rassistische Züge an sich hatte, gegenüber japanischen Siedlern. Schon 1919 sprach man vor allem in militärischen Kreisen über einen möglichen Krieg mit Amerika. Ein von General Sato Kojiro 1920 veröffentlichtes Buch, mit dem Titel “If Japan and America Fight”, klagte die Politik der Vereinigten Staaten an. Sato erkannte dabei sehr wohl das wirtschaftliche Potenzial der USA, doch war er genauso davon überzeugt, dass der unbeugsame Wille des japanischen Volkes letztlich den Triumph aus diesem Kräftemessen davontragen würde. Weiterhin bemerkte er, dass Japan wie auch die USA oder Großbritannien koloniale Wurzeln bräuchte, andernfalls würde das Land welken und zugrunde gehen. In den USA verhielt es sich allerdings nicht anders, so plante das amerikanische Militär bereits die Invasion der japanischen Mutterinseln. Bücher wie “The Rising of Color”, “The Germany of Asia” oder “Must We Fight Japan?” verkauften sich in weiten Teilen des Landes.18

Auch waren Spannungen mit Großbritannien unübersehbar geworden, so machte dieses bereits 1921 klar, dass es eine Verlängerung des Bündnisses von 1902 nicht eingehen werde. Auf der »Washingtoner Konferenz« Ende desselben Jahres bis Februar 1922 sollte eine Übereinkunft betreffend der Flottenstärken der verschiedenen Seemächte und dem Ostasienproblem getroffen werden. Im Folgenden legten die teilnehmenden Mächte (USA, Großbritannien, Japan, Frankreich, Italien, Portugal, Belgien, Holland und China) nicht nur die Flottenstärke der führenden Seemächte USA, Großbritannien und Japan im Verhältnis fünf, fünf, drei fest, wodurch die USA einen Sieg über Großbritannien errang, das seine Vormachtstellung auf den Weltmeeren einbüßte, jedoch nicht über Japan, welches noch immer die dominierende Stellung in den asiatischen Gewässern einnahm.19 Durch das sogenannte »Neun-Mächte-Abkommen« wurde Japans besondere Stellung in China aberkannt, weshalb dieses die ehemaligen deutschen Nutzungsrechte an der Provinz Schantung an China zurückgeben musste. China wurde für die Ausbeutung durch die imperialistischen Mächte geöffnet, weshalb Japan mit den USA, Großbritannien und anderen europäischen Mächten in Konkurrenz um seine chinesischen Interessengebiete treten musste. Damit waren das »Lansing-Ishii-Abkommen« wie auch das »Japanisch- Englische Bündnis« offiziell außer Kraft gesetzt. Mit Russland hatte es sich Japan durch die Besetzung Sibiriens und die Einmischung in die russische Revolution ebenfalls verscherzt, noch dazu übertrug das japanische Heer die Rolle des ehemaligen Hauptfeindes, des zaristischen Russlands, auf Sowjetrussland, während die Marine Amerika als Hauptgegner betrachtete. Das sich Japan in seiner Außenseiterposition die zwei größten Länder der Welt als Feinde aussuchte, musste schlussendlich in einer Katastrophe enden.20

III. Die amerikanische Antwort auf Japans Aggression gegenüber China (1928-1932)

1) Vom »Tsinan-Zwischenfall« zur »Mandschurei-Krise« (1928-1931)

Die durch die »Washingtoner Konferenz« offenbar gewordene Isolierung sowie die diplomatischen Niederlagen Japans waren die Antwort auf eine Expansionspolitik, die in die “Interessensphäre” anderer Mächte eingriff. Als Ergebnis der gemachten Erfahrungen wurde die japanische Diplomatie zunächst neu bestimmt. Der Invasionspolitik in Asien wurde entsagt und den handelspolitischen Interessen der Vorrang gegeben. Das Militär, das einen Dämpfer hatte hinnehmen müssen, konnte so zeitweilig scheinbar als Primat der Außenpolitik verdrängt werden.21

Doch auch wenn die Streitkräfte und der Rüstungsetat reduziert wurden, tat dies dem militärischen Geiste im gesellschaftlichen Leben keinen Abbruch. Stattdessen wurde am 1. April 1925 sogar das Fach Militärausbildung an allen Mittel- und Oberschulen eingeführt, welches von aktiven Armeeoffizieren unterrichtet wurde. Noch dazu entstanden für all die nicht in den genannten Schultypen erfassten Jugendlichen des Reiches sogenannte Jugendübungsplätze, auf denen diese eine militärische Ausbildung erhielten. Seit Mitte der zwanziger Jahre bildete Japan seine gesamte Jugend faktisch zu einer Art Reservearmee aus. Der Grundstein wichtiger Voraussetzungen für die Militärherrschaft der dreißiger Jahre wurde hier gelegt.22 Laut Heeresminister Ugaki sollte das Heer, solange das Parteienkabinett an der Regierung war, in der Lage sein, die Führung zu übernehmen, um das Volk geistig zu einigen. Kaum schien sich ein konstitutionelles Parteienkabinett zu etablieren und die Demokratie ins Land Einzug zu halten, schuf die Heeresführung ein System, mit dem sie das ganze Volk unter ihre Herrschaft bringen konnte. In der ruhigen Phase nach der »Washingtoner Konferenz« schien das Militär eine untergeordnete Rolle einzunehmen, doch weit gefehlt. Das Kabinett unterstützte schließlich die Maßnahmen des Heeres und unter dem Vorwand der Gefahr eines totalen Krieges schien dieses Militärsystem schließlich unvermeidlich zu sein.23

[...]


1 Diese am 2. Dezember 1823 vom amerikanischen Präsident James Monroe verkündete Doktrin beinhaltete im Kern den Grundsatz der europäischen Nichteinmischung in der Neuen Welt und der USamerikanischen Nichteinmischung in der Alten Welt. Vgl. Manfred P. Emmes, a. a. O., S. 6.

2 Vgl. Kiyoshi Inoue, Geschichte Japans, Frankfurt/Main 1993, S. 292ff.

3 Vgl. Kiyoshi Inoue, a. a. O., S. 430.

4 Vgl. Kiyoshi Inoue, a. a. O., S. 430.

5 Vgl. Justus D. Doenecke/John E. Wilz, From Isolation to War 1931-1941, Arlington Heights 1991, S. 18ff.

6 kishû-Taktik = Überraschungsangriff mit nachfolgender Kriegserklärung; diese Taktik behielten die Japaner bei nahezu allen späteren Kriegen bei.

7 Vgl. Manfred P. Emmes, a. a. O., S. 103, sowie Charles Callan Tansill, Back Door to War, The Roosevelt Foreign Policy 1933-1941, Westport 1975, S. 4.

8 Großbritannien und Japan gingen bereits 1902 ein Bündnis ein, welches bis zum Jahre 1922 Bestand hatte und erst durch das Washingtoner System abgelöst werden sollte.

9 Dieses zwischen dem japanischen Ministerpräsidenten Katsura und dem amerikanischen Kriegsminister William Howard Taft geschlossene Abkommen stellte ein Geheimabkommen dar, mit welchem Amerika zusagte, Korea unter die außenpolitische Kontrolle Japans zu stellen. Aus diesem Grunde reagierten die USA auch nicht auf die vom koreanischen Kaiser insgeheim übermittelten Hilferufe und veranlassten im Gegenteil sogar die Schließung der amerikanischen Botschaft in Seoul am 24. November 1905. Vgl. Manfred P. Emmes, a. a. O., S. 107, sowie Gottfried-Karl Kindermann, Der Aufstieg Ostasiens in der Weltpolitik 1840-2000, Stuttgart 2001, S. 98.

10 Bei diesem am 30. November 1908 geschlossenen Abkommen kamen die USA und Japan darin überein, den Status Quo im Pazifik einzuhalten, die gegenseitigen Territorien zu respektieren, die Open-Door-Policy in China zu bewahren und die Integrität des chinesischen Territoriums unter allen pazifischen Umständen zu sichern. Vgl. Justus D. Doenecke/John E. Wilz, a. a. O., S. 21.

11 Vgl. Justus D. Doenecke/John E. Wilz, a. a. O., S. 20f., sowie Charles Callan Tansill, a. a. O., S. 5.

12 Vgl. Manfred Pohl, Japan, München 1996, S. 152.

13 Vgl. Manfred P. Emmes, a. a. O., S. 108.

14 United States Department of State (Hrsg.), Papers relating to the foreign relations of the United States with the address of the president to Congress, December 7, 1915, 1. Aufl., Washington, D.C. 1915, S. 79.

15 Vgl. Justus D. Doenecke/John E. Wilz, a. a. O., S. 21, sowie Manfred P. Emmes, a. a. O., S. 113ff.

16 Vgl. Rudolf Hartmann, Geschichte des modernen Japan, Von meiji bis heisei, Berlin 1996, S. 136f.

17 Vgl. Kiyoshi Inoue, a. a. O., S. 517ff.

18 Vgl. Justus D. Doenecke/John E. Wilz, a. a. O., S. 22f.

19 Vgl. Rudolf Hartmann, a. a. O., S. 140f.

20 Vgl. Kiyoshi Inoue, a. a. O., S. 540f.

21 Vgl. Rudolf Hartmann, a. a. O., S. 142.

22 Vgl. Ebd., S. 152.

23 Vgl. Kiyoshi Inoue, a. a. O., S. 547f.

Details

Seiten
44
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783656081807
ISBN (Buch)
9783656081616
Dateigröße
737 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v183733
Institution / Hochschule
Universität Potsdam – Historisches Institut
Note
1,0
Schlagworte
USA Japan Außenpolitik China Geschichte Zweiter Weltkrieg Pazifikkrieg

Autor

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Titel: Die amerikanische Außenpolitik als Antwort auf Japans Aggression gegenüber China (1928-1941)