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Veränderungen in Raum- und Bewegungswahrnehmung im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert

Auto, Flugzeug und Massenmedien

Hausarbeit (Hauptseminar) 2002 16 Seiten

Theaterwissenschaft, Tanz

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung

2. Der Wandel

3. Beispiele für vehiculare Maschinen
3.1 Die Eisenbahn
3.2 Das Auto
3.3 Das Flugzeug

4. Beispiele für mediale Maschinen
4.1 Die Photographie
4.2 Der Film und das Kino

5. Nachwort und Fazit

6. Literaturnachweis

7. Zitatnachweis

8. Bildnachweis

9. Anhang

1. Einführung

Diese Hausarbeit beschäftigt sich mit den Veränderungen in den Raum- und Bewegungswahrnehmungen zur Zeit des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Dabei wird spezifisch auf einzelne Fallbeispiele eingegangen.

Zu Beginn soll jedoch geklärt werden, was unter Wahrnehmung verstanden wird, um eine Veränderung überhaupt deutlich zu machen. 1966 definierte J. Gibson den Wahrnehmungsprozess folgendermaßen:

„Man betrachtete Empfindungen als „einfache“ interne Erfahrungen des Menschen, hervorgerufen durch „einfache“ Reize, während Wahrnehmungen eher als „komplexe“ Erfahrungen verstanden wurden, hervorgerufen durch „komplexe“, meist „bedeutungsvolle“ Reize.“[1]

Dem Gegenüber definiert die Moderne Psychologie die Wahrnehmung als „...die Aufnahme vorhandener Information in das Gehirn eines Lebewesens. Diese Informationen sind teilweise in uns vorhanden (z.B. über die Anspannung unserer Muskeln), teilweise außerhalb von uns (z.B. über die Annäherung eines Autos).“[2]

In dieser Hausarbeit soll nur auf die Aufnahme von Informationen außerhalb des Menschen eingegangen werden, da diese für die Veränderung der Bewegungswahrnehmung von Bedeutung sind.

Zum besseren Verständnis werden diese Wahrnehmungen noch in bewusste und unbewusste Wahrnehmungen unterteilt, wobei die bewusste Wahrnehmung eine „willkürliche, durch uns gesteuerte Aufnahme von Informationen“[3] ist und die unbewusste Wahrnehmung eine Aufnahme von Informationen ist, „ohne, dass wir Aufmerksamkeit darauf richten“.[4]

Nach der Klärung des Wahrnehmungsbegriffes soll nun im folgenden Text auf den Wandel zur Jahrhundertwende und seinen Ursachen eingegangen werden.

Dabei wurde die komplette Ausarbeitung nach den Hinweisen von Tobias Liebert „Zitieren und Belegen von Quellen – Hinweise zur formalen Gestaltung wissenschaftlicher Arbeiten“ geschrieben.

2. Der Wandel

Eine Veränderung der Raum- und Bewegungswahrnehmung zur Jahrhundertwende ist in dem Zusammenhang der Modernisierung und der Beschleunigung, der Technisierung und dem auftretenden Naturverlust sowie der Industrialisierung im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert zu sehen.

Dabei verändert die aufkommende Beschleunigung das Raum-Zeit-Körper-Gefüge und in diesem Zusammenhang natürlich auch die Raum-Zeit-Körper-Wahrnehmung der Zeitgenossen selbst.

Diese Veränderung basiert in Deutschland sowie in den anderen Ländern unter anderem auf der Industrialisierung. Um diesen Zusammenhang deutlich zu machen, soll kurz auf die Situation zur Jahrhundertwende am Beispiel Deutschlands eingegangen werden.

Der Wirtschaftsaufschwung ab 1871 durch den einheitlichen deutschen Staat, auch bekannt als „Gründerjahre“, klang 1873 bereits langsam wieder ab, da der Markt gesättigt war. Die auftretende Wirtschaftskrise, durch die Überschussproduktion, hielt bis 1879 an und ist unter dem Begriff „Gründerkrach“ in die Geschichte eingegangen.

Der Grund, warum es erneut einen Wirtschaftsaufschwung gab, liegt unter anderem daran, dass verstärkt im Bereich der Technisierung und den resultierenden Erfindungen gearbeitet wurde. So entstanden in dieser Periode viele wichtige und bedeutende Erfindungen, wie zum Beispiel 1879 die Glühlampe von Edison, 1884 die Dampfturbine, 1885 das erste Auto von Daimler/Benz, 1893 der Dieselmotor und 1903 das erste Motorflugzeug.

Erst durch Erfindungen wie diese war es dem Menschen zu dieser Zeit möglich, eine Veränderung in der Raum- und Bewegungswahrnehmung zu erfahren, wobei eine Unterteilung in „vehicularen Maschinen“[5] und „medialen Maschinen“[6] bei den Erfindungen gemacht werden kann.

Unter vehicularen Maschinen werden Fahrzeuge (Auto, Eisenbahn, Flugzeug) und ähnliche Erfindungen der Fortbewegung eingeordnet und unter medialen Maschinen werden die aufkommenden Medien (Film, Photographie, Radio) mit allem, was dazu gehört, eingeordnet.

Im Folgenden wird nun auf einzelne Fallbeispiele, sowohl vehicularer Maschinen als auch medialer Maschinen, eingegangen und die Veränderungen in der Raum- und Bewegungswahrnehmung deutlich gemacht.

3. Beispiele für vehiculare Maschinen

3.1 Die Eisenbahn

Die erste Eisenbahn, welche für die Öffentlichkeit bestimmt war, fuhr am 27. September 1825 zwischen Stockton und Darlington in England (siehe Anhang Bild 1). In Deutschland wurde die erste Eisenbahnstrecke am 7. Dezember 1835 zwischen Nürnberg und Fürth eröffnet. Dies war auch gleichzeitig der Beginn der industriellen Revolution in Deutschland. Hatte 1835 die erste Eisenbahnstrecke noch eine Länge von nur 6,04 km, steigerte sich der Ausbau des Eisenbahnnetzes in Deutschland rasant, so dass bereits 1871 ein Steckennetz von 18806 km vorhanden war und zu Beginn des 1. Weltkrieges ein Steckennetz von 61749 km gezählt wurde. Diese industrielle Revolution im Bereich der Eisenbahn war nicht mehr aufzuhalten. Weiterentwicklungen und Verbesserungen machten es möglich, die Eisenbahn in immer unterschiedlicheren Bereichen einzusetzen, wie 1873, als die erste Bergbahn in Betrieb genommen wurde (siehe Anhang Bild 2) und 1879, als Werner von Siemens die erste elektrische Lokomotive erfand (siehe Anhang Bild 3).

Die ersten Eindrücke und Gedanken waren bei der Bevölkerung zu Beginn der Eisenbahn jedoch noch geteilt. Es entstanden Gedanken, wie es Koselleck 1969 gesagt hat, „endlich Herr über die Naturgewalten zu werden“ und die Hoffnung, „mit zunehmender Geschwindigkeit das vermeintliche Ziel der Geschichte, den ewigen Frieden, zu erreichen“.[7]

Heinrich Heine schrieb seine Eindrücke in seinem Werk „Lutetia“ wie folgt nieder: „Während aber die große Menge verdutzt und betäubt die äußere Erscheinung der großen Bewegungsmächte anstarrt, erfasst den Denker ein unheimliches Grauen, wie wir es immer empfinden, wenn das Ungeheuerste, das Unerhörteste geschieht [...]“.[8] Außerdem schrieb Heine in diesem Werk zur damaligen Situation: „Was wird das erst geben, wenn die Linien nach Belgien und Deutschland ausgeführt und mit den dortigen Bahnen verbunden sein werden! Mir ist als kämen die Berge und Wälder aller Länder auf Paris angerückt. Ich rieche schon den Duft der deutschen Linden; vor meiner Türe brandet die Nordsee.“[9] Durch diese Worte wird deutlich, dass die raum-zeitlichen Distanzen verzehrt wurden und ein neues Verhältnis von nah und fern entstand. Heinrich Heine sagte dazu: „Welche Veränderungen müssen jetzt eintreten in unsrer Anschauungsweise und in unsern Vorstellungen! Sogar die Elementarbegriffe von Zeit und Raum sind schwankend geworden. Durch die Eisenbahnen wird der Raum getötet, und es bleibt uns nur noch die Zeit übrig.“[10]

[...]


[1] Gibson, J. In: Guski, Rainer: Wahrnehmung. Stuttgart (u.a.): 1989. S. 10

[2] Guski, Rainer: Wahrnehmung. Stuttgart (u.a.): 1989. S. 10

[3] ebenda S. 11

[4] ebenda S. 11

[5] Großklaus, Götz: Medien-Zeit, Medien-Raum. Zum Wandel der raum-zeitlichen Wahrnehmung in der Moderne. Frankfurt am Main: 1995. S. 7

[6] ebenda S. 7

[7] Koselleck, R. In: Großklaus, Götz: Medien-Zeit, Medien-Raum. Zum Wandel der raum-zeitlichen Wahrnehmung in der Moderne. Frankfurt am Main: 1995. S. 73

[8] Heine, H. In: Großklaus, Götz: Medien-Zeit, Medien-Raum. Zum Wandel der raum-zeitlichen Wahrnehmung in der Moderne. Frankfurt am Main: 1995. S. 77

[9] ebenda S. 78

[10] ebenda S. 78/79

Details

Seiten
16
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638227377
ISBN (Buch)
9783656530312
Dateigröße
617 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v18378
Institution / Hochschule
Universität Leipzig – Theaterwissenschaft
Note
1,5
Schlagworte
Veränderungen Raum- Bewegungswahrnehmung Jahrhundert Auto Flugzeug Massenmedien

Autor

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