Lade Inhalt...

Reduplikation in der Deutschen Gebärdensprache - ein grammatikalisiertes Gebärdenbildungsverfahren?

Bachelorarbeit 2011 49 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Definitionen zur Reduplikation

3. Reduplikation in Laut- und Gebärdensprachen

4. Reduplikation in der Deutschen Gebärdensprache
4.1 Aspekt
4.1.1 Aspektmarkierung in der Deutschen Gebärdensprache
4.1.1.1 Der temporale Aspekt
4.1.1.1.1 Der Durativ
4.1.1.1.2 Der Iterativ
4.1.1.1.3 Der Habituativ
4.2 Numerus
4.2.1 Plural in der Deutschen Gebärdensprache
4.2.1.1 Der morphologische Plural
4.2.1.2 Der morphosyntaktische Plural
4.2.1.2.1 Flexionsklassen in der Deutschen Gebärdensprache
4.2.1.2.2 Klassifikatoren in der Deutschen Gebärdensprache
4.2.1.2.3 Die Bildung des morphosyntaktischen Plurals
4.2.1.2.3.1 Pluralbildung mit einfachen Verben
4.2.1.2.3.2 Pluralbildung mit Ortskongruenzverben
4.2.1.2.3.3 Pluralbildung mit Personenkongruenzverben
4.2.2 Dual und Paukal in der Deutschen Gebärdensprache
4.3 Reziprokmarkierung

5. Reduplikation in DGS - ein grammatikalisiertes Verfahren?

6. Zusammenfassung

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Gebärdensprachen wurden lange Zeit und werden noch bis heute in vielen Ländern nicht als eigenständige Sprachen anerkannt. So bekam die Deutsche Gebärdensprache (DGS) erst im Jahr 2002 den rechtlichen Status einer offi- ziellen Sprache durch die Verabschiedung des Behindertengleichstellungs- gesetzes (BGG)1.

Aufgrund der teilweise starken Repression der Gebärdensprachen galten diese über den visuellen Kanal wahrgenommenen Sprachen auch in der Linguistik für lange Zeit als nebensächlich. Dies ändert sich in den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts mit dem Beginn ausführlicher Unter- suchungen zur Amerikanischen Gebärdensprache (vgl. Stokoe 1960). Als eine der ersten und am ausführlichsten untersuchten Gebärdensprachen nimmt die Amerikanische Gebärdensprache (ASL) somit einen wichtigen Stellen- wert als Basis für die Erforschung weiterer Gebärdensprachen ein. Auch in den darauffolgenden Untersuchungen zur Deutschen Gebärdensprache wird diese in vielen linguistischen Fragestellungen mit der Amerikanischen Gebärdensprache verglichen, wobei Gemeinsamkeiten, aber auch grund- legende Unterschiede herausgearbeitet werden konnten. Eines dieser The- men ist die Reduplikation. Diese Erscheinung soll das Thema der vorliegen- den Arbeit sein.

Bei Reduplikation handelt es sich allgemein um einen morphologischen Prozess, der in vielen Sprachen - in Laut- sowie Gebärdensprachen - aktiv und produktiv genutzt wird. In Lautsprachen beginnt die Erarbeitung dieser Thematik bereits früher als in den Gebärdensprachen. Als ein Wegbereiter kann Pott (1862) genannt werden. Die ersten Arbeiten zur Reduplikation in den Gebärdensprachen werden dagegen erst etwa hundert Jahre später verfasst (vgl. Fischer 1973, Klima & Bellugi 1979, Kyle & Woll 1983 etc.).

Da in den siebziger Jahren auch die Annahme von Universalien in Sprachen an Bedeutung gewinnt (vgl. zur Vertiefung: Chomsky 1957, 1965, 1981), ist es nicht verwunderlich, dass die sprachlichen Kategorien der Lautsprachen auf die Gebärdensprachen übertragen werden - ein Verfahren, das besonders in den letzten Jahren immer mehr auf Kritik stößt (vgl. u.a. Ebbinghaus 1999, Papaspyrou 2003).

Im Rahmen einer Heranführung an das Thema der Reduplikation in der Deutschen Gebärdensprache wird im folgenden Kapitel beschrieben, worum es sich bei Reduplikation allgemein handelt. Es werden Definitionen genannt, die jeweils auf unterschiedliche Eigenschaften der Reduplikation referieren. Im darauffolgenden Kapitel geht es darum, wie sich Reduplikation in Laut- und Gebärdensprachen darstellt und welche Gemeinsamkeiten und Unter- schiede sich zeigen. Dazu werden einige Beispiele aus verschiedenen Sprachen gegeben - Sprachen, die Reduplikation nutzen, um grammatische Informationen auszudrücken und Sprachen, die dies nicht tun.

Es folgt der Hauptteil der Arbeit (Kapitel vier und fünf). Das vierte Kapitel ist dem Thema der Reduplikation in der Deutschen Gebärdensprache gewidmet. DGS nutzt die Reduplikation zur Aspekt-, Numerus- und Reziprokmarkie- rung. Nacheinander werden diese Bereiche vorgestellt und ausführlich be- schrieben.

Der letzte Teil der Arbeit beschäftigt sich mit der Frage, ob es sich bei der Reduplikation in der Deutschen Gebärdensprache um einen grammatikalisierten Prozess handelt. In Form einer Diskussion wird, aufbauend auf den erarbeiteten Ergebnissen, Stellung zu dieser Frage genommen.

2. Definitionen zur Reduplikation

Um Einblick in eine zu bearbeitende Thematik zu erhalten, ist es von Vorteil, sich Klarheit über die Begrifflichkeiten zu verschaffen, bevor man beginnt, ein theoretisches Konstrukt aufzubauen. Dies funktioniert in den meisten Fällen mithilfe von Definitionen.

Eine der Definitionen zum vorliegenden Thema Reduplikation entstammt der Graz Database on Reduplication der Universität Graz2. Sie beschreibt die genaue Bildung einer Reduplikation, d.h. die Voraussetzungen und Beschränkungen, unter denen sie auftritt.

A reduplicative construction is a set of at least two linguistic forms F and F' in a paradigmatic, i.e. non-suppletive morphological relation in which F' contains a segment or a sequence of segments, which is derived from a non- recursive repetition of (a part of) F. Reduplication exists if a specific grammatical form makes systematic use of reduplicative constructions.

Anzumerken ist hierbei, dass die Definition sich nur auf die Lautsprachen beschränkt. Ob sie auch auf Gebärdensprachen übertragen werden kann, muss erst noch herausgearbeitet werden.

Allgemein lassen sich dieser Definition jedoch schon viele relevante Merk- male für das vorliegende Thema entnehmen. Beschrieben werden linguis- tische Einheiten, die in morphologischer Relation zueinander einer bestimm- ten Form der Wiederholung unterliegen. Des Weiteren wird zwischen red- uplikativen und rekursiven morphologischen Operationen unterschieden. Rekursivität beschreibt die „Eigenschaft von Grammatikmodellen, mit einem endlichen Elemente- und Regel-Inventar unendlich viele Strukturen erzeugen bzw. beschreiben zu können“ (Metzler 2000: 574). Ein Beispiel solch rekursiver morphologischer Operationen sind die in der deutschen Laut- sprache auftretenden „Präfixreduplikationen“ (vgl. Fleischer & Barz 1995) wie Urururgro ß vater. Da Formen dieser Art schier unendlich wiederholt werden können und auch sonst wenige Gemeinsamkeiten mit anderen Formen der Reduplikation zeigen, sind sie von der Definition ausgeschlossen.

Ein weiterer wichtiger Faktor der Definition, der bereits ins Auge fällt, ist der Aspekt der systematischen Nutzung der Reduplikation durch eine gram- matische Form. Handelt es sich bei einem Verfahren, welches durch eine grammatische Einheit zielgerichtet genutzt wird, ebenfalls um ein gramma- tisches, möglicherweise grammatikalisiertes Verfahren? Solche und ähnliche Fragen werden im Laufe der Arbeit diskutiert, um zu begutachten, in welcher (systematischen) Form die Reduplikation in der Deutschen Gebärdensprache genutzt wird und worauf solche reduplikativen Konstruktionen aufbauen.

In einer zweiten Definition, die einer Präsentation Markus Steinbachs entnommen ist, wird der Fokus auf die Funktion der Reduplikation gelegt (Steinbach 2007: Folie 30)3:

Reduplikation ist die Wiederholung eines Wortes oder einer Gebärde, um eine bestimmte grammatische Information auszudrücken.

Auch wenn die Aussage, dass Reduplikation grammatische Information ausdrückt, in vielen Fällen zutrifft, wird sich jedoch bereits im nächsten Kapitel zeigen, dass es auch Sprachen gibt, die Reduplikation nicht in diesem Rahmen verwenden.

In einer dritten und vorerst letzten Begriffsbestimmung wird wiederum ein anderer Aspekt der Reduplikation betrachtet. In diesem Falle geht es um einen Vergleich von Laut- und Gebärdensprachen bezüglich der sprachlichen Kategorien, in denen Reduplikation auftritt:

[…] reduplication has been shown to be a productive morphological process in sign languages. Interestingly, in sign languages, reduplication expresses the same meanings as it does in spoken languages: aspectual modification, plurality, and reciprocity (Perniss, Pfau & Steinbach 2007: 9).

Im Folgenden wird dieser Aussage auf den Grund gegangen und untersucht, ob es sich dabei tatsächlich um Eigenschaften handelt, die von Gebärden- und Lautsprachen geteilt werden.

3. Reduplikation in Gebärden- und Lautsprachen

Reduplikationen können unter anderem danach unterschieden werden, welche linguistische Information mit ihnen ausgedrückt wird. Es gibt Lautsprachen, die mithilfe von Reduplikation grammatische Informationen ausdrücken. Als ein Beispiel wäre das Warlpiri, eine australische Sprache, zu nennen, die Reduplikation unter anderem dafür verwendet, um Plural zu markieren (Wiltshire & Marantz 2000: 558):

(1) kurdu (child) - kurdu-kurdu (children)
(2) mardukuja (woman) - mardukuja-mardukuja (women)

Im Papiamentu, einer auf den ABC-Inseln in der Karibik gesprochenen Kreolsprache, dient die Reduplikation der Intensivierung von Eigenschaften (Kouwenberg & Murray 1994: 21):

(3) kayente (hot) - kayente-kayente (very hot)

Das Deutsche hingegen ist keine Sprache mit einer ausgeprägten Reduplikationsmarkierung. Es gibt nur einige wenige Fälle im Deutschen, bei denen Reduplikation überhaupt verwendet wird, keine davon jedoch, um grammatische Eigenschaften auszudrücken (Steinbach 2007: Folie 29):

(4) Urururgro ß vater, vorvorgestern

(5) Zickzack, Wirrwarr

(6) Bonbon

Bei dem Großteil der im Deutschen auftretenden Fälle handelt es sich um (4) Präfixreduplikationen (Fleischer & Barz 1995: 48), (5) Reduplikationsbildungen mit Ablaut (ebd.) und (6) Entlehnungen aus anderen Sprachen (Hüning & Schlücker 2008: 18).

Anders dagegen sieht es aus in der Deutschen Gebärdensprache. In DGS wird

Reduplikation aktiv verwendet, um verschiedene grammatische Informationen darzustellen. Zu nennen wären da Reziprok-, Plural- und Aspektmarkierung (Pfau & Steinbach 2005a: 569) - grammatische Kategorien, die im folgenden Kapitel genauer untersucht werden.

Es lassen sich also durchaus, wie in Definition drei beschrieben, Ge- meinsamkeiten zwischen Laut- und Gebärdensprachen erkennen, wenn es zur Reduplikation kommt. Doch auch Unterschiede sind bei näherem Hin- sehen zu erkennen. Diese betreffen z.B. die verschiedenen Darstellungs- formen der Reduplikation. Es existieren nach heutigem Wissensstand in den Gebärdensprachen die einfache Reduplikation, die Rückwärtsreduplikation, die Seitwärtsreduplikation und die simultane Reduplikation (Steinbach 2007: Folie 34).4

Die einfache Reduplikation ist eine Form, die in Laut- sowie Gebärden- sprachen auftritt (s. Beispiele (1) - (6) sowie Kapitel 4). Rückwärtsredupli- kation findet sich in Gebärdensprachen (auch in der DGS) und ist im theore- tischen Sinne auch in Lautsprachen möglich, konnte bis dato aber noch nicht beobachtet werden (Pfau & Steinbach 2005a: 569). Dahingegen sind Seitwärts- und Simultanreduplikation in Lautsprachen praktisch nicht reali- sierbar. Bezogen auf die Seitwärtsreduplikation lässt sich das ganz einfach dadurch erklären, dass Gebärdensprachen über eine zusätzliche Komponente verfügen, die Lautsprachen nicht aufweisen, den sogenannten Gebärden- raum.

(7) Der Gebärdenraum (aus: Boyes Braem 1995: 23)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Beim Gebärdenraum handelt es sich um den „körpernahen Bereich, im Wesentlichen vor dem Sprecher, in dem die Gebärden ausgeführt werden“5. Wie der Name schon andeutet, ist es im Gebärdenraum möglich, räumliche Perspektiven darzustellen. Gebärdensprachen sind demnach dreidimensionale Sprachen, die durch das Vorhandensein des Gebärdenraums in der Lage sind, Seitwärtsreduplikation zu produzieren.

Auch Simultanreduplikation ist in Lautsprachen nicht möglich, da es sich bei dieser Sprachform generell um sequenzielle Sprachen handelt, d.h. „aus nacheinander produzierten Lauten bilden sie lineare Wortketten“ (Papas- pyrou 2008: 88)6.

Nach dem Vorstellen einiger Gemeinsamkeiten und Unterschiede hinsichtlich der Reduplikation wird sich nun dem Hauptthema der vorliegenden Arbeit gewidmet - der Reduplikation in der Deutschen Gebärdensprache. Es erfolgt eine ausführliche Beschreibung der sprachlichen Kategorien, in denen Reduplikationen von Relevanz sind.

4. Reduplikation in der Deutschen Gebärdensprache

Bei der Deutschen Gebärdensprache handelt es sich um eine stark flektie- rende Sprache (Boyes Braem 1992: 53). Dies lässt sich an dem reichen morphosyntaktischen Spektrum der Sprache erkennen. Zu diesem morpho- syntaktischen Spektrum gehören unter anderem das umfangreiche Aspekt- paradigma, der Numerus, der Modus und die Negation. Diese Markierungs- formen spielen eine Rolle hinsichtlich der Flexionsklassen7, Nomen und Klassifikatoren8 der DGS. Dahingegen gibt es keine Anzeichen für Genus (Happ & Vorköper 2006: 238) und Tempus9 in der Deutschen Gebärden- sprache.

Es folgt nun eine umfassende Beschreibung der morphosyntaktischen Kategorien, in denen Reduplikation auftritt. Begonnen wird mit der Aspektmarkierung der Deutschen Gebärdensprache. Im Anschluss daran wird der Numerus behandelt. Den Abschluss des Kapitels bildet die Ausführung zur Reziprokmarkierung in der Deutschen Gebärdensprache.

4.1 Aspekt

Aspekt bedeutet wörtlich übersetzt so viel wie Anblick oder Betrachtungsweise. Metzler (2010) bezeichnet den Aspekt als binäre Kategorie des Verbsystems in Aspektsprachen. Binär bedeutet in diesem Zusammenhang, dass eine Unterscheidung des Aspekts hinsichtlich perfektiver und imperfektiver Opposition getroffen wird. Dies ist in vielen Lautsprachen der Fall, doch gerade die Gebärdensprachen weisen oft ein reicheres Aspektparadigma auf, das über die binäre Einteilung hinausgeht.

In der Deutschen Gebärdensprache spielt diese am Verb gekennzeichnete Erscheinung eine wichtige Rolle. Sie bezieht sich „auf die zeitliche Struktur einer Handlung oder auf andere Inhalte von Verbbedeutungen“ (Happ & Vorköper 2006: 143).

4.1.1 Aspektmarkierung in der Deutschen Gebärdensprache

Wie bereits am Anfang des Kapitels erwähnt wurde, besitzt die Deutsche Gebärdensprache ein reiches Aspektparadigma. Die Markierung des Aspekts erfolgt am Verb durch die Veränderung des phonologischen10 Merkmals Bewegung11.

Es gilt dabei als belegt, dass der Aspekt in DGS in drei Kategorien unterteilt werden kann: es existieren der temporale Aspekt (Zeitaspekt), die Aktionsart und der Aspekt der Art und Weise (Happ & Vorköper 2006: 143). Mit dem Zeitaspekt wird in der Deutschen Gebärdensprache ausgedrückt, ob eine Handlung durativ (andauernd), iterativ (wiederholend), habituativ (ge- wohnheitsmäßig), perfektiv (abgeschlossen) oder progressiv (im Verlauf) ausgedrückt wird (vgl. u.a. Happ & Leuninger 2005, Happ & Vorköper 2006, Papaspyrou 2008). Es können also fünf Formen des Zeitaspekts unterschie- den werden, die ihre Markierung alle am Verb vornehmen, dies aber jeweils auf unterschiedliche Weise tun.

Die Aktionsart und der Aspekt der Art und Weise werden im Rahmen dieser Arbeit nicht behandelt. Dies liegt daran, dass diese beiden Aspektformen ihre Kennzeichnung nicht durch Reduplikation vornehmen, sondern dies über andere Verfahren tun12.

In einem nächsten Schritt werden nun jene Formen des temporalen Aspekts beschrieben, die reduplizierbar sind. Dabei handelt es sich um den Durativ, den Iterativ und den Habituativ. Der Perfektiv hingegen ist in DGS auf drei- erlei andere Weise darstellbar: durch die Gebärde PERF, durch Kopfnicken oder durch Nullmarkierung (Happ & Vorköper 2006: 290 ff). Auch der Pro- gressiv weist eine abweichende Markierung auf. Diese erfolgt durch die Verlangsamung der Bewegung des Verbs (Happ & Vorköper 2006: 300 ff.).

4.1.1.1 Der temporale Aspekt
4.1.1.1.1 Der Durativ

Der durative Aspekt kann in DGS auf unterschiedliche Weise gebärdet

werden. Die Darstellung erfolgt entweder dadurch, dass das Verb mehrmals hintereinander gebärdet (redupliziert) wird, einmal gebärdet und dann ge- stoppt (eingefroren) oder gedehnt wird (Happ & Vorköper 2006: 145f.). Es handelt sich dabei nicht um arbiträre Markierungen, sondern um ver- schiedene Ausdrucksformen, die jeweils davon abhängig sind, welche Silben- struktur dem jeweiligen Verb zugrundeliegt. Hinsichtlich des vorliegenden Themas stellt sich nun die Frage, wann und unter welchen Bedingungen die Verben redupliziert werden. Hierbei handelt es sich nur um die Verben der Deutschen Gebärdensprache mit der Silbenstruktur HM oder HMH. Was be- deutet das aber?

Um diese Frage zu beantworten, muss ein wichtiges phonologisches Modell zur Beschreibung der Silbenstruktur in Gebärdensprachen vorgestellt werden - das Movement-Hold-Modell.

Liddell (1982, 1984b, 1990b) und Liddell & Johnson (19891985 ) ent- wickelten dieses Modell anhand der Amerikanischen Gebärdensprache. Sie unterscheiden dabei die beiden Basissegmente Movement (M) und Hold (H), welche gleichzusetzen sind mit den lautsprachlichen Segmenten Vokal (V) und Konsonant (C) (Liddell 1982: 396) . Movement bedeutet, dass eine Hand- bewegung (besser: Pfadbewegung13 ) stattfindet, wobei Handform und Hand- stellung gleichbleiben14. Hold meint, dass keine Pfadbewegung stattfindet, sondern die artikulierende Hand/die artikulierenden Hände sich an einer bestimmten Ausführungsstelle befinden.

Was bedeutet das nun für die einzelnen Silbenstrukturen? Wie bereits erwähnt, können nur Verben hinsichtlich durativem Zeitaspekt redupliziert werden, wenn sie die Silbenstruktur HM oder HMH15 aufweisen. Was diese beiden Silbenstrukturen gemeinsam haben, ist die Tatsache, dass beide mit einem Hold beginnen und ein Movement beinhalten. Um nun durativen Aspekt auszudrücken, wird das Verb ohne Pause wiederholt.

Die Frage, die sich im Zusammenhang mit dem Silbenmodell stellt, ist die folgende: Was passiert mit dem Hold -Segment, wenn das Verb doch ohne Pause wiederholt wird? In solchen Fällen findet die Hold Deletion Rule Anwendung (vgl. Liddell & Johnson 1989). Diese besagt, dass das Hold - Segment, das die Kongruenzmorpheme markiert, getilgt wird, sodass eine fließende wiederholende Bewegung stattfinden kann. Obwohl das Hold- Seg- ment getilgt wird, bleibt die Bewegungsrichtung aber erhalten (Happ & Vorköper 2006: 146).

Gehen wir nun noch auf einen weiteren Fall ein: Verben, die in ihrer Ausgangsform bereits eine reduplizierte Silbenstruktur aufweisen (HM, HM). Bei diesen Verben (z.B. WARTEN) wird zur Markierung des Durativs nur die erste Silbe, also die zugrundeliegende Form (HM), redupliziert (vgl. Suppalla & Newport 1978), da sonst eine ungrammatische Form der Reduplikation vorliegen würde. Zur Veranschaulichung wird nun ein Beispiel gegeben, das zum einen den durativen Aspekt und zum anderen die Besonderheit der bereits reduplizierten Verben darstellt.

[...]


1 Gesetz zur Gleichstellung behinderter Menschen (Behindertengleichstellungsgesetz - BGG) - §6 http://www.gesetze-im-internet.de/bgg/__6.html

2 Graz Database on Reduplication - http://reduplication.uni-graz.at/

3 Präsentation Markus Steinbach - www.uni-leipzig.de/~muellerg/su/steinbach.ppt

4 Erlenkamp (2000) unterscheidet die Seitwärts- und Rückwärtsreduplikation von der einfachen Reduplikation und nennt diese Distribution. Ihre Begründung dafür ist ein zusätzlicher semantischer Aspekt, der diese Formen ausmacht. Im Folgenden werde ich jedoch die von Pfau & Steinbach (2003, 2005a, 2006) verwendeten Begriffe benutzen. Ich verweise auf Erlenkamp (2000) und eine Rezension zu Erlenkamp (2000) von Keller, Pfau & Steinbach (2002).

5 Glossar linguistischer Fachbegriffe der Universität Hamburg:

http://www.sign-lang.uni-hamburg.de/hlex/intro/glossar.htm (Gebärdenraum)

6 Das soll jedoch nicht bedeuten, dass Gebärdensprachen nur simultan und Lautsprachen nur sequenziell funktionieren. Beide Sprachmodalitäten weisen beide Mittel auf, die Gewichtung ist jedoch jeweils eine andere (es existiert eine stärkere Orientierung zur Simultaneität bei den Ge- bärdensprachen).

7 Mit dem Begriff Flexionsklassen sind in diesem Zusammenhang die Verben der Deutschen Gebärdensprache gemeint, die unter anderem danach klassifiziert werden können, wie sie flektieren (vgl. ausführl. 4.2.1.2.1).

8 Klassifikatoren ermöglichen es, physikalische Eigenschaften von Dingen oder Personen auszudrücken (vgl. ausführl. Kapitel 4.2.1.2.2).

9 DGS drückt Tempus durch Zeitadverbien aus. Tempusmarkierungen am Verb sind bis dato nicht bekannt. (Happ & Vorköper 2006: 118)

10 Die Bezeichnung phonologisch erscheint bezüglich der Gebärdensprachen eher abwegig, doch konnte sich der von Stokoe (1960) eingeführte Begriff Chereologie (Lehre von den Händen) nicht durchsetzen. Ein Grund ist die Tatsache, dass nicht nur die Hände eine Rolle in Gebärdensprachen spielen, sondern auch nonmanuelle Elemente wie Mimik, Kopfhaltung oder Mundbild der Kommunikation in Gebärdensprachen dienen. Ein anderer Grund ist die universelle Betrachtung von Sprachen. Es soll um die kleinsten bedeutungsunterscheidenden Spracheinheiten gehen. Ob diese gebärdet oder gesprochen werden, spielt in diesem Zusammenhang keine Rolle.

11 DGS verfügt über verschiedene Bewegungsmuster, z.B. vom Körper weg, zum Körper hin, nach rechts, nach links, nach unten, nach oben, kreisförmig, alternierend etc.

12 Die Aktionsartmarkierung erfolgt über die Veränderung der (Pfad-)Bewegung; der Aspekt der Art und Weise wird mimisch gekennzeichnet.

13 Corina & Sandler (1993) definieren den Begriff wie folgt: “Sign movements that displace the entire hand from one spatial or body location to another are referred to as primary or path movements” (Corinna & Sandler 1993: 168)

14 Nun gibt es auch Gebärden, die eben doch eine Handform- oder Handstellungsveränderung aufweisen (z.B. BLUME). Dies ist damit zu erklären, dass es neben der Pfadbewegung noch eine andere Form der Bewegung gibt - die sekundäre Bewegung (vgl. Klima & Bellugi 1979, Liddell 1984a, 1990b, Perlmutter 1992). Zu diesen Bewegungen zählen handinterne Bewegungen, Hand- formveränderungen und arminterne Bewegungen. Sie können zusätzlich auftreten, während die Hand eine Pfadbewegung ausführt.

15 Bei HMH handelt es sich zugleich um die maximale Silbe der Deutschen Gebärdensprache. 12

Details

Seiten
49
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656082606
ISBN (Buch)
9783656082910
Dateigröße
4.7 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v183802
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin – Institut für deutsche Sprache und Linguistik
Note
1,7
Schlagworte
Reduplikation DGS Deutsche Gebärdensprache Grammatikalisierung

Autor

Zurück

Titel: Reduplikation in der Deutschen Gebärdensprache - ein grammatikalisiertes Gebärdenbildungsverfahren?