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Alexis de Tocqueville

Über das Verhältnis von Freiheit und Gleichheit

Hausarbeit (Hauptseminar) 2008 20 Seiten

Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Kernelemente im Denken Tocquevilles
2.1 Tocqueville über die Freiheit
2.2 Tocqueville über die Gleichheit

3. Das Verhältnis von Freiheit und Gleichheit
3.1 Die Gefahren der Demokratie
3.2 Lösungsstrategien
3.3 Zusammenfassung

4. Abschließende Betrachtungen

5. Anhang
5.1 Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Im Mittelpunkt dieser Hausarbeit steht das zweibändige Werk „Über die Demokratie in Amerika“ des französischen Politikers, Historikers und Publizisten Alexis de Tocqueville. Der am 29. Juli 1805 in der Nähe von Paris geborene Tocqueville entstammte einer alten normannischen Adelsfamilie. Er startete im Jahre 1829 seine juristische Laufbahn. Im Zuge der Juli-Revolution 1830 begann Tocqueville nach den Gründen für die Krise der europäischen Gesellschaften nach der Französischen Revolution zu suchen. Sein Ziel war das Formulieren eines neuen Fundamentes der politischen Ordnung Frankreichs.[1] Dabei geht er von der Grundannahme aus, dass die Demokratie das Schicksal aller modernen Nationen sei. Aufgrund dessen erkennt er die Entwicklung der Demokratie als unaufhaltsam an, um aber gleichzeitig auch auf die Notwendigkeit einer kritischen Haltung gegenüber der Demokratie hinzuweisen.[2] Weiterhin betont Tocqueville, dass die Demokratie mehr ist als nur eine Staatsform. In seinem Denken nämlich vielmehr ein Gesellschaftszustand.

Um das Wesen der Demokratie kennenzulernen, brach Tocqueville gemeinsam mit seinem Freund Gustave de Beaumont zu einer Reise in die Vereinigten Staaten von Amerika auf, um dort den Prototyp einer modernen Demokratie kennenzulernen. Zwischen dem 11. Januar 1831 und dem 20.2.1832 konnten die beiden unter dem Vorwand des Studiums des amerikanischen Strafvollzugs ihre Studien vorantreiben. Nach ihrer Rückkehr im Jahre 1832 beendete Tocqueville seine Tätigkeit im Justizdienst, um sich voll und ganz seiner Amerikareise hinzugeben. Die Reflexion dieser Reise fand ihren Ausdruck in der Veröffentlichung des ersten Bandes von Tocquevilles Hauptwerk „Über die Demokratie in Amerika“ im Jahre 1836. In diesem Band werden in erster Linie die politischen Institutionen des amerikanischen politischen Systems beschrieben. Tocqueville notiert vor allem die Wirksamkeit der Volkssouveränität auf allen Ebenen des Systems. Beeindruckt haben ihn weiterhin die Vereinigungen von Bürgern, die im Sinne Tocquevilles eine große Abhängigkeit der Bürger vom Staat verhindern. In diesem ersten Band schildert er insgesamt ein positives Bild des politischen Lebens in Amerika. Herb notiert darüber hinaus, dass Tocqueville mit dem ersten Band seines Hauptwerkes der Nachweis gelang, dass eine Republik unter speziellen Bedingungen auch im modernen Flächenstaat möglich ist.[3]

Im Jahre 1840 erschien dann der zweite Band. In diesem, für die weitere Hausarbeit zentralen, Band legt Tocqueville mögliche Gefahren der Demokratie dar. Nach den revolutionären Wirren des Jahres 1848 wurde Tocqueville Mitglied der Verfassungskommission der französischen Nationalversammlung und zwischen Juni und Oktober 1849 französischer Außenminister. Nach dem Staatsstreich von Napoleon III. wurde Tocqueville kurzfristig verhaftet. Anschließend zog er sich komplett aus der Politik zurück. Wohl auch dadurch verursacht, dass das von ihm erarbeitete theoretische Gedankengut unter Louis Napoleon nicht annähernd mehr der politischen Praxis entsprechen konnte.[4] Am 16. April 1859 verstarb Alexis de Tocqueville schließlich in Cannes.

Durch sein Hauptwerk „Über die Demokratie in Amerika“ gelang Tocqueville schon zu Lebzeiten zu Weltruhm. Er gilt nicht nur als Klassiker des politischen Denkens, sondern bis heute auch als einer der herausragendsten Theoretiker des politischen Liberalismus.[5] Festgehalten werden muss auch, dass Tocqueville sein Werk nicht als Loblied auf Amerika verstanden wissen wollte. Er schrieb sein Werk vielmehr vor dem Hintergrund des desolaten Zustands Frankreichs zu der Zeit und somit auch in therapeutischer Absicht mit dem Ziel, ein „am amerikanischen Beispiel orientiertes Paradigma freiheitlicher Ordnung als Vorbild für die Gründung einer demokratischen Republik in Frankreich“[6] darzustellen. Tocqueville suchte also nach einer sinnvollen Ordnung in einer Gesellschaft von Gleichen. Damit wird auch deutlich, dass er mit seiner aristokratischen Herkunft gebrochen hat. Er akzeptierte die Gleichheit und verfolgte weiterhin das Ziel, die alten Familien der Aristokratie auch im Zustand der Gleichheit an ihre Verantwortung gegenüber Frankreich zu erinnern. Dabei betont er, dass die Demokratie von Natur aus nicht gut sei, aber die einzig mögliche Alternative darstelle. Dies erscheint vordergründig als Problem, wurde von Tocqueville aber über die Instrumentalisierung des Verhältnisses von Freiheit und Gleichheit gelöst. Dieses Verhältnis der beiden Kernelemente im Denken von Tocqueville hat ihn sein ganzes Leben lang begleitet. Vossler bilanziert, dass er damit theoretisch nie fertig geworden ist.[7] Sein Zugang war daher in erster Linie praktischer Art.

Aus diesem komplizierten Verhältnis von Freiheit und Gleichheit erklärt sich sicherlich auch die Bandbreite der historischen Urteile über Tocqueville. So sagt er selber von sich, dass er Demokrat aus Vernunft, aber Aristokrat aus Verstand sei. Barloewen erkennt daher einige Widersprüche zwischen Leben und Werk,[8] Vossler betont nachhaltig seine indifferente Theorie.[9] Diese Hausarbeit soll dazu beitragen, diese Missverständnisse zu klären. Dazu soll im ersten Schritt Tocquevilles spezieller Freiheitsbegriff dargelegt werden, um dann im zweiten Schritt darauf aufbauend sein Verständnis von Gleichheit aufzuzeigen. Der Schwerpunkt dieser Hausarbeit liegt dann auf der Analyse des Verhältnisses von Freiheit und Gleichheit im Denken von Alexis de Tocqueville. Basierend auf dem zweiten Band von „Über die Demokratie in Amerika“ sollen zunächst die Gefahren der Demokratie aufgezeigt werden, um dann anhand von Tocquevilles Gedanken Lösungsvorschläge aufzeigen zu können. Darauf fußend soll dann das spezielle Fundament politischer Ordnung einer demokratischen Republik abgeleitet werden, für das Tocqueville sich ausspricht. Ein Fazit fasst schließlich die wichtigsten Thesen zusammen und bewertet abschließend das Wirken Tocquevilles, auch hinsichtlich der von Vossler und Barloewen angesprochenen Widersprüche.

2. Kernelemente im Denken Tocquevilles

2.1 Tocqueville über die Freiheit

Das erste wichtige Element im Denken von Alexis de Tocqueville ist die Freiheit. Aber nur wenn geklärt werden kann, welche Art bzw. welche Interpretation von Freiheit Tocqueville wirklich meint, werden alle seine weiteren Gedanken in Richtung Gleichheit, Verfassung und Revolution klar. Zunächst erscheint ein Blick auf den historischen Kontext wichtig. Hier ist eine Krise der Gesellschaft des nachrevolutionären Frankreichs in den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts auszumachen, die Tocqueville erfahren und in seinen Werken auch formuliert hat. Dabei beobachtet er, dass es nach der Revolution, anders als in Amerika, nicht zur Etablierung einer Republik gekommen ist. Statt Freiheit sind Instabilität und Orientierungslosigkeit die entscheidenden Merkmale Frankreichs zu dieser Zeit. Tocqueville interpretiert Gewalt als das typischste Synonym für Politik.[10] Innerhalb dieser Gesellschaft war es nun Tocquevilles Ziel, eine neue Ordnung zu finden und zu postulieren. Er geht dabei von der Annahme aus, dass diese Ordnung nicht allein von Institutionen getragen werden kann, sondern dass sich diese Ordnung im Denken, Handeln und vor allem auch in den Gewohnheiten der Bürger Frankreichs festsetzen muss.[11] Dies kann im Sinne Tocquevilles nur erreicht werden, wenn sich alle Bürger am Gut der Freiheit orientieren. Aber welche Freiheit meint Tocqueville nun?

Sein Verständnis von Freiheit ist zunächst sicherlich auch vom Wissen um die ehemalige Souveränität der Adelsschicht bzw. von seinem aristokratischen Ursprung her geprägt. Freiheit im aristokratischen Sinne bedeutet deshalb den Besitz von bestimmten Vorrechten oder Privilegien. Je mehr Privilegien man auf sich vereinen kann, desto freier ist man. Diese aristokratische Freiheit basiert aber auf den Prinzipien der natürlichen sozialen Abhängigkeiten und der natürlichen sozialen Hierarchien.[12] Diese Grundlagen sind aber mit dem Voranschreiten der Revolution getilgt worden. Der Begriff der Freiheit im demokratischen Sinne geht also davon aus, dass man frei ist, ohne dafür Vorrechte zu benötigen. Alle Bürger sind somit von Natur aus unabhängig, soziale Hierarchien existieren nicht mehr. Tocqueville unterscheidet hier die wilde Freiheit, die es gestattet, alles zu tun, was möglich erscheint und die geregelte Freiheit, die es gestattet, alles zu tun, was vernünftig erscheint. Die geregelte Freiheit ist also im Gegensatz zur wilden eine normativ beschränkte Freiheit.[13] Tocqueville ist sich sicher aber auch bewusst, dass der vernünftige Gebrauch der Freiheit nur schwer zu vermitteln bzw. zu erlernen ist. All diese Vorüberlegungen führen schließlich zu Tocquevilles speziellem Freiheitsbegriff, den vor allem Hereth deutlich herausarbeitet:[14]

Zunächst wird betrachtet, was Freiheit nicht ist. Freiheit wird dabei nicht als Freiheit von etwas betrachtet. Freiheit umfasst auch nicht den Raum, in dem man beliebige Handlungen frei ausführen kann. Freiheit ist ferner kein auf den privaten Gebrauch beschränktes Gut und ebenso wenig die Summe von Rechtsgarantien und Verfassungsartikeln. All diese Definitionen sind aber Voraussetzungen für den Freiheitsbegriff, den Alexis de Tocqueville geprägt hat. Grundlegend ist die Annahme, dass Freiheit gleichzusetzen ist mit einer ganz besonderen Art der Lebensführung. Tocqueville schreibt der Freiheit also hier eindeutig eine existentielle Qualität zu. Ferner betont er, dass Freiheit sich im Bereich der Praxis abspielt. Dies impliziert zum einen, dass die Vorstellung von Freiheit verloren gehen muss, wenn man ihren Gebrauch nicht mehr kennt oder vernachlässigt. Zum anderen aber auch, dass Freiheit im theoretischen Diskurs nur sehr schwer zu erfassen ist. Hier betont Tocqueville weiter, dass Freiheit seine spezielle Bedeutung je nach historischer Situation anders entfaltet. Dies mag erklären, warum der Autor von „Über die Demokratie in Amerika“ den Begriff der Freiheit nie in allgemeinen Begriffen definiert, er sagt vielmehr, dass man „den Geschmack der Freiheit erfahren“[15] muss.

[...]


[1] Cf. Hereth (1979), S. 11

[2] Cf. Campagna (2001), S. 66

[3] Cf. Herb (2004), S. 59

[4] Cf. Barloewen (1978), S. 18

[5] Cf. Hereth (2001), S. 17

[6] Ibid.

[7] Cf. Vossler (1973), S. 251

[8] Cf. Barloewen (1978), S. 12

[9] Cf. Vossler (1973), S. 11

[10] Cf. Hereth (2001), S. 21

[11] Cf. op. cit., S. 22

[12] Cf. Campagna (2001), S. 96

[13] Cf. op. cit., S. 100

[14] Cf. Hereth (2001), S. 23-34

[15] Zitiert nach Hereth (2001), S. 26

Details

Seiten
20
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783656082583
ISBN (Buch)
9783656082897
Dateigröße
515 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v183804
Institution / Hochschule
Universität Vechta; früher Hochschule Vechta – Institut für Bildungs- und Sozialwissenschaften
Note
1,0
Schlagworte
alexis tocqueville über verhältnis freiheit gleichheit

Autor

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Titel: Alexis de Tocqueville