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Rechtsphilosophische Grundlagen der Menschenwürde

Seminararbeit 2009 18 Seiten

Jura - Rechtsphilosophie, Rechtssoziologie, Rechtsgeschichte

Leseprobe

INHALT

A. EINLEITUNG

B. PHILOSOPHISCHE BEGRIFFSGESCHICHTE
1. Antike
1.1 Frühantike
1.2 Stoa und Cicero
2. Spätantike und Mittelalter
2.1 Spätantike
2.2 Frühmittelalter
2.3 Spätmittelalter
3. Humanismus und Renaissance
4. Zeitalter der Aufklärung
5. 19. Jahrhundert
6. 20. Jahrhundert
6.1 Aktuelle Entwicklungen
7. Rückblick

C. VERFASSUNGSGESCHICHTE
1.Deutsche Verfassungsgeschichte
1.1 Weimarer Republik
1.2 Nationalsozialismus
1.3 Bundesrepublik Deutschland
1.4 Deutsche Demokratische Republik
2.Inter- und supranationale Verfassungsgeschichte
2.1 Vereinte Nationen
2.1.1 Charta der Vereinten Nationen
2.1.2. Allgemeine Erklärung der Menschenrechte
2.2 Europäische Union
2.2.1 Europäisches Gemeinschaftsrecht
2.2.2 Grundrechtcharta der Europäischen Union
2.2.3 Vertragüber eine Verfassung für Europa

D. FAZIT

E. LITERATURVERZEICHNIS

A. EINLEITUNG

"Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt."

Der Artikel 1 Abs.1 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland, von dem anzunehmen ist, dass er jedem deutschen Bundesbürger bekannt ist, erhebt die Menschenwürde zum ranghöchsten Wert unserer Gesellschaftsordnung. Doch kann jener deutsche Bundesbürger , der das Konzept der Menschenwürde kennt und unterstüzt, auf Anhieb auch sagen, was der Begriff der Menschenwürde bedeutet oder worauf sich die Idee des Würdekonzepts stüzt? Obwohl viele den Menschenwürdebegriff heute für selbstverständlich halten und ihn häufig gebrauchen, ist der Begriff nicht klar und eindeutig definiert, zumal es seit Jahrhunderten immer wieder neue Ansätz hierfür gab. Der Satz der Menschenwürde ist nämlich mit zweieinhalbtausend Jahren Philosophiegeschichte belastet.1 In der Geschichte des abendländischen Denkens wurden verschiedene Vorstellungen davon entwickelt - griechisch-römische, christlich-metaphysische, humanistisch-aufklärerische und vernunftsphilosophische. Die Interpretationsvielfalt des Würdebegriffs ist genauso vielfältig wie es philosophische Lehren und Strömungen gibt und der Vielfaltigkeit der damit verbundenen Menschenbilder sind keine Grenzen gesetzt.2

Im Folgenden sei der Frage nach der Bedeutung der Menschenwürde nachgegangen und der Versuch ergriffen, einen Überblick über die ideengeschichtliche Entwicklung darzulegen. Dabei sei unterschieden zwischen der Würdevorstellung der Antike, der vom Christentum geprägten Spätantike und Mittelater , der humanistischen Renaissance und der Zeit der Aufklärung des ausgehenden 18. Jahrhunderts und schließlich dem 20.Jahrhundert, der Epoche in der die Menschenwürde endlich Eintritt in die Rechtstexte findet, im Anschluss an die Zeit der sozialistischen Arbeiterbewegungen im 19.Jahrhundert.

B. PHILOSOPHISCHE BEGRIFFSGESCHICHTE

Die Würde zu achten und zu schützen ist heute die Hauptparole vieler Kulturen. Der Begriff der Menschenwürde ist allerdindgs hauptsächlich abendländischer Herkunft.3 Wenn man nun die Geschichte des Menschenwürdebegriffs von seinem ersten Vorkommen an verfolgt ist festzustellen, dass er ursprünglich aus der Philosophie stammt.4 Es handelt sich also vorrangig um einen philosophischen Begriff. Um nun den Gehalt der heutigen Menschenwürdegarantie genauer herauszuarbeiten, muss ihrer ideengeschichtlichen Tradition ins Auge gefasst werden.5 Denn sowohl das Verständnis, als auch die Auslegung und Konkretisierung des Menschenwürde-Satzes des Art.1 I GG bereiten jedem Rechtsanwender Probleme bei der Interpretation, weil der Gehalt des Menschenwürde-Satzes ethisch-philosophisch ist und deshalb Grundkenntnisse über die wesentlichen geistes- und ieedngeschichtlichen Strömungen voraussetzt.6

Zu Vorläufern und Grundlagen des Satzes von der Menschenwürde werden dann gleichermaßen der Gerechtigkeitsgedanke der Griechen, die Gleichheitsidee der Stoa, die christliche imago-Dei- Vorstellung, der Humanismus und die Aufkärung und schließlich die materiale Wertethik deklariert.7

1. Antike

Bei dem Versuch, die Idee der Menschenwürde zu definieren, handelt es sich um einen jahrhundertelangen Prozess. Der Begriff der Menschenwürde war schon nämlich schon Gegenstand antiker Philosophie.

Hier wird die Würde in zwei unterschiedlichen Kontexten gebraucht: zum einen meint Würde die Kennzeichnung einer sozialen Position innerhalb einer Gesellschaft, wobei Würde als Leistung des Einzelnen und als eine Funktion der Gesellschaft verstanden wird. Zum aderen unterscheidet Würde jeden Menschen von der nichtmenschlichen Kreatur, weshalb jedem Menschen Würde zukommt.8 Beide Bedeutungen der Würde wurden in der abendländischen Geschichte fast immer miteinander verbunden. Der Mensch solle sich in seinem Leben seiner angeborenen Würde als Wesensmerkmal durch sein Denken und Tun als Gestaltungsauftrag würdig erweisen.9

Es sei darauf hingewiesen, dass es eine Lehre von der Weltvernunft und dem Anteil aller Menschen an dieser bereits in der Antike gegeben hat, auch wenn zu dieser Zeit kein Bezug zur Metaphysik vorhanden war.10

1.1 Frühantike

Die Idee der uns heute geläufigen Menschenwürde als unverlierbare Wesensbestimmung war nicht allen Zeiten und Kulturen bekannt. So sucht man sie doch vergebens in den Schriften der antiken Griechen und Römer. Für sie war Sklaverei nämlich philosophisch begründbar. Auf der einen Seite bestritten sie , dass alle Menschen die gleiche Würde haben, auf der anderen Seite galt Würde für sie nicht als natürliche Grundausstattung. Für sie kam Würde nicht allen Menschen zu, noch weniger stand sie allen zu.11

Ein eingearteter Würdebegriff ,der gegenüber Bedeutungen von Verdienst, Ruhm, persönlicher Ehre und Ansehen absetzbar wäre, war der griechischen Antike fremd.12

Nach griechisch-römischer Auffassung wird die Würde sodann in zwei unterschiedlichen Kontexten gebraucht. Mit Würde - dignitas et excellentia - ist zum einen das Ergebnis individueller Leistungen und soziale Anerkennung gemeint und zum anderen zeigte Würde sich im Verhalten, Mimik und Gestik, Körperplfege und Bekleidung. Ferner äußerte sich die Würde im Gehen und Sprechen wie in der Ruhe, die sie austrahlte.13

Zusammenfassend ist zu sagen, dass der Erwerb der Würde in dieser Epoche also durch soziale Anerkennung oder aufgrund des gesellschaftlichen Status erfolgte. Ein universales Würdeverständnis hat es in der Griechisch-Römischen Antike nicht gegeben.

1.2 Stoa und Cicero

Erstmals wird der Begriff der Menschenwürde dann durch die griechische Philosophenschule der Stoa benutzt, die Ansätze für ein universalistisches Verständnis von Würde entwickelten.14 Sie betrachten das Universum als einen göttlichen Ordnungszusammenhalt, welcher von einer alles durchdringenden Vernunft beherrscht und gelenkt werde. Und weil alle Menschen ihrer Ansicht nach an dieser Vernunft unabhängig von ihrer sozialen Stellung teilhaben kommt allen eine Würde zu.15 Die Vernunft des Menschen ist nach ihrer Philosophie also Teil der göttlichen Vernunft. Demnach muss der Mensch die vernünftige Weltordnung erkennen, sich von seinen Trieben und Begierden unabhängig machen, sich nur von seiner Vernunft leiten lassen und danach leben.16

Von einer allgemeinen Menschenwürde spricht nachweislich als erster der römische Staatsmann und Politiker Marcus Tullius Cicero (106-43 v.Chr.) in seiner Schrift De Officiis (Vom Rechten Handeln), in der die Würde des Menschen erstmals als Gestaltungsauftrag und Wesensmerkmal hervortritt.17

"Aber es geht die gesamte Frage nach dem rechten Handeln an, immer vor Augen zu haben, wie sehr die Natur des Menschenüber dem Vieh und denübrigen Tieren steht. Jene empfinden nichts au ß er der Lust und stürzen zu ihr mit aller Leidenschaft, der Geist des Menschen aber nährt sich durch Lernen und Denken, erforscht oder treibt immer irgend etwas und l äß t sich durch Freude am Sehen und H ö ren leiten. [...] Daran erkennt man, da ß k ö rperliche Lust nicht recht des Vorranges des Menschen würdig ist und da ß man sie geringschätzen und zurückweisen mu ß . Wenn es aber einen gibt, der etwas der Lust einräumt, so mu ß er in ihrem Genu ß sorgsam Ma ß halten. [...] Und wenn wir bedenken wollen, welche Auszeichnung und welche Würde in unserer Natur liegt, wer wir auch einsehen, wie h äß lich es ist, in Ausschweifungen sich gehen zu lassen undüppig und weichlich zu leben, und wie ehrenvoll, sparsam, enthaltsam, streng und nüchtern."18

Der Mensch soll sich also frei machen von seinen Trieben, und Leidenschaften und sein Verhalten kraft seiner Vernunft an einem Gesetz ausrichten, das sich nur ihm als Mensch offenbart. Denn der triebgesteuerte Mensch wird dem laut Cicero dem Tier gleichgestellt.19

Basierend auf den Thesen und Lehren der Stoiker (Cicero eingeschlossen) kam somit allen Menschen, im Gegensatz zur Griechisch-Römischen Antike, erstmals eine allgemeine Würde unabhängig von sozialer Anerkennung und gesellschaftlichen Status zu. Die stoische Idee, dass alle Menschen eine eigene Würde besitzen, kam anschließend im frühen Christentum zu voller Entfaltung und blieb im gesamten Mittelalter lebendig, wo aus der Gottesebenbildlichkeit des Menschen und der Erlösungstat Christi auf die Vorranstellung des Menschen vor allen übrigen Geschöpfen geschlossen wurde.20

Der theoretisch forcierte universalitstische Gleichheitsgedanke der Stoa muss als modern und weit in die Zukunft weisend gelten.21

2. Spätantike und Mittelalter

Die Spätantike und das Mittelalter werden geistig dominiert von den chrislichen Lehren über den Menschen als Gottes Kreatur, von der Erbsünde und der Erlösung.22

2.1 Spätantike

Am Ausgang der Antike taucht im Werk des Theologen Aurelius Augustinus (354-430) die Frage der Willensfreiheit auf.

"Gott hat aber auch jener Kreatur die Freigiebigkeit Seiner Güte nicht vorenthalten, von der Er im Voraus wusste, dass sie sündigen und im Willen zur Sünde verharren werde, und hat sie dennoch ins Dasein gerufen. So wie ein durchgehendes Pferd immer noch besser ist als ein Stein, der nicht durchgeht, weil ihm eigener Antrieb und Sinn mangeln: so ist auch ein Gesch ö pf, das mit freiem Willen sündigt, vorzüglicher als eines, das nicht sündigt, weil es den freien Willen nicht bestizt. [...]"23

Allerdings geht es Augustinus hierbei weniger um den Menschen und seine Willensfreiheit, sondern vielmehr um die Verteidigung des christlichen Monotheismus gegen die gnostische Vorstellung seiner Zeit. Das Böse ist für ihn ist nämlich das Werk des Menschen und nicht das Werk Gottes. Die Fähigkeit, Böses tun zu können, ist die notwendige Bedingung der Fähigkeit, Gutes tun zu können.24 Dies bedeutet, dass Gott den Menschen mit einer Moral ausgestattet hat, sodass er durch seine Möglichekeit des freien Willens das Gute, aber auch das Böse wählen kann. Genau mit dieser Wahlfreiheit verbindet Augustinus die Würde.

Wie wir sehen formt sich die Würde zur Zeit der Spätantike zu einem religiösen Begriff und erlangt die ersten metaphysischen Bezüge.

2.2 Frühmittelalter

Es war den Menschen bereits in der frühen Antike klar, dass ihnen Würde gegeben war. Bereits Cicero erkannte allen Menschen eine Würde zu, die er auf deren Vernunftnatur gründete, an der jeder Einzelne sein Leben ausrichten sollte.

Erst das Christentum brachte seine Vorstellungen jedoch zu voller Reife25 ; einen Einfluss auf die gesellschaftlichen Verhältnisse nahm das Bewusstsein der Würde sodann erst im Frühmittelalter, dem Zeitalter des frühen Christentums.26 Nach der christlichen Theologie war Würde vom Menschen nicht zu erlangen, denn sie war ihm bereits von Gott mitgegeben.27 Sie gründete nach christlichem Verständnis auf dessen Gottesebenbildlichkeit, somit also darauf, dass Gott den Menschen bei seiner Schöpfung nach seinem Ebenbild formte und an seiner göttlichen Vernunft und Macht teilhaben lies.28 Diese Ansicht steht eng in zusammenhang mit der Bibelstelle aus dem 1.Kapitel des Buches Genesis (Genesis 1, 26-27).29 Der Mensch nimmt, begabt durch Geist, Verstand und freien Willen, dieser imago-Dei-Lehre30 zufolge eine einzigartige Sonderstellung unter Gottes Geschöpfen ein, der er sich freilich gewachsen zeigen muß und die er verfehlen kann, wie auch später bei Thomas Von Aquin deutlich wird.31

Theophilos Von Antiochien liefert für die vorangegangenen Thesen den frühesten Beleg aus der zweiten Hälfte des zweiten Jahrhunderts. Die Würde des Menschen liegt, wie bereits erwähnt, in seiner Gottesebenbildlichkeit und darin, dass Gott ihm die Schöpfung unterstellt und zu seinen Diensten gegeben hat. Man muss die Würde nicht erwerben, da sie ihm im Schöpfungsgefüge verliehenen Status gegeben ist, man kann sie dementsprechend auch nicht verlieren.32 Das Menschensein war Geschenk Gottes, welches weder erworben noch verloren werden konnte.33

[...]


1 H. Dreier, Grundgesetz Kommentar, S. 144, Rn.1.

2 F. J. Wetz, Die Würde des Menschen ist antastbar, S. 14.

3 F. J. Wetz, Die Würde des Menschen: antastbar?, S. 5.

4 P. Tiedemann, Was ist Menschenwürde, S. 51.

5 J. Reiter, Menschenwürde als Maßstab, S. 6.

6 H. Dreier, Grundgesetz Kommentar, S. 143, Rn. 1.

7 C. Starck, JZ 1981, S. 457.

8 J. Reiter, Menschenwürde als Maßstab, S. 6.

9 F. J. Wetz,Die Würde des Menschen: antastbar?, S. 5.

10 H. Schambeck, in: Merten/Papier, Handbuch der Grundrechte, Bd. I, § 8, Rn. 10 f.

11 F. J. Wetz, Die Würde des Menschen ist antastbar, S. 16.

12 Vgl. V.P ö schl, Art. Würde (I), in:Geschichtliche Grundbegriffe, Bd. 7, S. 637 ff.

13 F. J. Wetz, Die Würde des Menschen: antastbar?, S. 5.

14 H. Dreier, Grundgesetz Kommentar, S. 144, Rn. 4.

15 F. J. Wetz, Die Würde des Menschen ist antastbar, S. 20.

16 P. Tiedemann, Was ist Menschenwürde, S. 52.

17 F. J. Wetz, Die Würde des Menschen: antastbar?, S. 6.

18 M. T. Cicero, Über die Pflichten, S. 91.

19 P. Tiedemann, Was ist Menschenwürde, S. 53.

20 F. J. Wetz, Die Würde des Menschen ist antastbar, S. 21.

21 H. Cancik, Gleichheit und Freiheit. Die antiken Grundlagen der Menschenrechte, S. 190 ff.

22 H. Dreier, Grundgesetz Kommentar, S. 145, Rn. 5.

23 A. Augustinus, De libero arbitrio III, 15.

24 P. Tiedemann, Was ist Menschenwürde, S. 59.

25 F. J. Wetz, Die Würde des Menschen: antastbar?, S. 6.

26 J. Messner, in: FS Geiger, S. 221.

27 H. Kohl, in: FS Piper, S. 13.

28 F. J. Wetz, Die Würde des Menschen: antastbar?, S. 6.

29 P. Tiedemann, Was ist Menschenwürde, S. 54.

30 L. Scheffczyk,Die Frage nach Gottesebenbildlichkeit in der modernen Theologie, S.IX ff.

31 H .Dreier, Grundgesetz Kommentar, S. 145, Rn. 5.

32 P. Tiedemann, Was ist Menschenwürde, S. 54.

33 W. S. Glaeser, Der freiheitliche Staat ddes Grundgesetzes, S. 37.

Details

Seiten
18
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783656084150
ISBN (Buch)
9783656084372
Dateigröße
540 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v183876
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg – Juristische Fakultät
Note
12 Punkte
Schlagworte
Menschenwürde Europäische Union

Autor

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Titel: Rechtsphilosophische Grundlagen der Menschenwürde