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Über Meese und Raabe - Zwei Künstler – ein Gedanke?

Essay 2010 6 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Meese und Raabe: Die Liste der sich einander gegenlaufig verhaltenden Merkmale ist lang. Zwei Epochen, auf den ersten Blick zu diferenzierende Auffassungen kunstlerischen Schaffens. Zudem der eine (Meese) Kunstler,der andere (Raabe) hauptsachlich Schriftsteller. In diesem Essay soll es nicht um - scheinbar offensichtliche Unterschiede - sondern um Gemeinsamkeiten im Werk der offenbar nur mit Muhe zu dechiffrierenden Kunstler, vor allem aber deren Werke gehen. Wesentliche Grundlage dieses Essays ist einerseits ein im Rahmen der ARD-Reihe ,,Deutschland Deine Kunstler“ entstandenes Potrait Meeses1 (es zeigt Meeses Kunst und wie sie funktioniert) und andererseits Raabes Werke, aus denen exemplarische Querverweise hergestellt und der ambivalente Charakter beider im Umgang mit dem Topos der „Funktionsweise von Geschichte“ zu Tage gefordert werden soll.

Raabes Werk fur sich eint in vielfacher Hinsicht der Aspekt des Mit- oder Nebeneinanders der Geschichte: Bereits im Anfangskapitel des historischen Romans ,,Das Odfeld[1] [2] “ (ent-)wirft Raabe gewissermafien im doppelten Wortsinn das Schlachtfeld der Geschichte, indem er durch verschiedene Erzahlinstanzen und mit Formen der Raffung, einen „Clash“ ebendieser provoziert. Beinahe unmerklich treffen Szenen aus -1800 Jahren Historie aufeinander[3], eine „Kette von Gedachtnisraumen“[4] entsteht. Auf die Beschreibung eines romischen Schlachtfeldes, dem Odfeld, folgt die Zeit des Dreifiigjahrigen Krieges im Kloster Amelungsborn und eine Beschreibung der Lokalitat (1802) in einem Brief Schillers an Goethe, abgeschlossen von einer Bibelmetapher (Noah):

,, Wie ein Mosaik ist dieser hochartifizielle Text aus einer Fulle von wortlichen und verdeckten Zitaten, literarischen Reminiszenzen, Bibelreferenzen und historischen Quellenfragmenten zusammengesetzt. [5]

Collageartig entwickelt Raabe dabei eine enge Verflechtung durch die Epochen, die dem Leser aus der Jetzt-Perspektive nicht nur als das gewohnte Hintereinander, sondern gerade auch als Nebeneinander[6] (vgl. auch bestimmte Reprasentationsformen der Kindheitserinnerung in Raabes (Werk) Die Akten des Vogelsangs) und Durcheinander der Geschichte erscheint.

Das „woher“ und „warum“ des „Apokalypsen“[7] -Entwurfs in „Das Odfeld“ pragt den (literarischen) Diskurs hier im Speziellen - es wimmelt schier von Verweisen, der Text ist ein Gewebe im eigentlichen Wortsinn. Der Literaturwissenschaftler Hellmuth Mojem sieht gar eine strukturelle Parallelitat in Form einer „Idyllenumschrift“[8] von Ovids Metamorphosen; Rosemarie Haas verweist auf eine Intertextualitatsbeziehung als Hommage an E.A. Poes ,,The Raven“[9].

Mit Blick auf sein Gesamtwerk - man denke beispielsweise an die ,,Chronik der Sperlingsgasse - nimmt hier Raabe als Schriftsteller eine Mittlerfunktion ein, ,,Diskursfaden laufen in den Text hinein und kommen ,,gefarbt aus ihm heraus“. Der literarische Text wird als Knotenpunkt der Diskurse gelesen, er ist kein geschlossenes Werk. Er ist vielmehr Teil der kulturellen Praktiken“ (Basler 2001)[10] und verhandelt so das Prinzip von Wissen und Geschichte - von kulturellem Gedachtnis[11], hier in Form enzyklopadisch musealer und doch getrubter Wissensaufnahme, durch aufeinandertreffende Konfliktlinien verkorpert[12]. Diese ,,getrubte Wissensaufnahme“ konnte ubrigens auch als Unscharfe[13] in der Frage nach einer Ordnung in Zeit und Raum verstanden werden.

Zwei fur den weiteren Vergleich mit Jonathan Meese entscheidende Pramissen fuhrt Jacob in seiner Konklusion auf: Erstens das Postulat zur ,,Teilhabe an (...) Kultur und (...)Geschichte (...) von innen heraus“[14], zweitens den besonderen Charakter der Erzahlung im Sinne von „Experimentalliteratur“[15], die den Prozess des Erinnerns selbst ausstellt.

Der „Bestsellerprofessor“ ECO konnte - er ist ebenfalls Verfasser historischer Romane - mit seinem 2009 erschienenen Werk ,,Die unendliche Liste“ einen weiteren Mosaikstein zur Erklarung des bei Raabe angewandten Verfahrens beisteuern: „Die Liste (ist eine) Moglichkeit unser Wissen zu erweitern, wenn Definitionen nach Substanz nicht mehr

[...]


[1] Benkert, Julia: Jonahan Meese. Ard-Reihe „Deutschland Deine Kunstler“. Das Erste, 2008. Internetquelle: http://www.youtube.com/watch?v=dAqz5nFArnk (Teil 1) und http://www.youtube.com/watch?v=aFk-M2pXvE4&NR=1 (Teil 2). Letzter Aufruf: 30.11.10.

[2] Raabe, Wilhelm: Das Odfeld. Stutgart, 1998.

[3] Ebd. Beginn des Erstes Kapitel.

[4] Jacob, Joachim: Das Ende der Gedachtniskultur. Wilhelm Raabe, „Das Odfeld“. In: Jahrbuch der Raabe- Gesellschaft (2009), hg. von Dirk Gottsche und Ulf-Michael Schneider. Tubingen 2009. S. 113-125. Hier S. 113.

[5] Gehrke, Iris: Trost der Philosophie? Stoische Intertexte in Wilhelm Raabes „Das Odfeld“. In: Jahrbuch der Raabe-Gesellschaft (1995), hg. von Detering, Heinrichu.a.. Tubingen, 1995. S. 88-128 Hier S. 128.

[6] Vgl. ebd. Anm. 4

[7] Vgl. ebd. Anm. 5

[8] Ebd.

[9] Ebd.

[10] Ebd. S. 59.

[11] Vgl. ebd. Anm. 4: Lachmann, Renate: Gedachtnis und Literatur. Intertextualitat in der russischen Modeme. Frankfurt/Main 1990. S. 36.

,,Literatur erscheint unter dem Blickwinkel des Gedachtnisses betrachtet [...] als mnemonische Kunst par excellence, indem sie das Gedachtnis fur eine Kultur stiftet; das Gedachtnis einer Kultur aufzeichnet; Gedachtnishandlung ist; sich in einen Gedachtnisraum einschreibt, der aus Texten besteht; einen Gedachtnisraum entwirft, in den die vorgangigen Texte uber Stufen der Transformation aufgenommen werden.“

[12] Ebd. S. 121.

[13] Vgl. Ullrich, Wolfgang: Die Geschichte der Unscharfe. Berlin, 2002.

[14] Ebd. S. 125

[15] Ebd.

Details

Seiten
6
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656089230
Dateigröße
441 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v184082
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main – Institut für deutsche Literatur und ihre Didaktik
Note
1
Schlagworte
über meese raabe zwei künstler gedanke

Autor

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Titel: Über Meese und Raabe - Zwei Künstler – ein Gedanke?