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Zielperspektive Persönliches Budget im Lebensbereich Wohnen für Menschen mit Behinderung

Voraussetzungen zur Reorganisation stationärer Unterstützungsangebote

Masterarbeit 2011 59 Seiten

Pflegemanagement / Sozialmanagement

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

1. Der Lebensbereich Wohnen für Menschen mit Behinderung
1.1. Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit (ICF)

2. Persönliches Budget
2.1. Wandel von der Sachleistung zur Geldleistung
2.1.1. Das Sachleistungsprinzip
2.1.2. Geldleistungsprinzip
2.2. Fallzahlen in der Eingliederungshilfe
2.3. Persönliches Budget in stationären Einrichtungen?
2.3.1. Modellprojekt Personenbezogene Unterstützung und Lebensqualität
2.3.2. Modellversuch und Budgetbemessung
2.3.3. Folgerungen aus dem Modellversuch
2.4. Fazit

3. Reorganisation stationärer Unterstützungsangebote

4. Was sind Organisationen?
4.1. Organisation als System
4.1.1. Differenzierung von Systemen
4.2. Organisation als Kultur

5. Bezugsrahmen für den Wandel
5.1. Wandlungsbedarf
5.2. Wandlungsbereitschaft
5.2.1. Widerstände
5.2.2. Formen von Widerstand
5.2.3. Funktionen von Widerstand
5.3. Wandlungsfähigkeit
5.3.1. Wandlungsfähigkeit und Organisation
5.3.2. Wandlungsfähigkeit und Organisationsstruktur
5.3.3. Notwendigkeit neuer Strukturkonzepte
5.3.4. Fazit

6. Prozessrichtungen bei der Einführung Persönlicher Budgets
6.1. Top Down
6.2. Bottom-Up
6.3. Multiple-Nucleus
6.4. Gegenstromverfahren

7. Change-Konzept
7.1. Change-Management als integrativer Ansatz

8. Voraussetzungen zur Reorganisation stationärer Unterstützungsangebote
8.1. Entschlossenheit der Führung als Bedingung
8.1.1. Visionen, Ziele und Strategien
8.1.2 Exkurs: Wege und Methoden der Strategieentwicklung
8.2. Change – Kommunikation als Erfolgsfaktor
8.2.1. Kommunikationsstrategie
8.3. Netzwerk- und Ergänzungsstrukturen als sinnvolle Strukturprinzipien
8.4. Organisationales Lernen als kultureller Bestandteil

9. Zusammenfassung

Abbildungsverzeichnis

Literaturverzeichnis

Vorwort

Mit der Einführung des SGB IX wurde im Juli 2001 eine zusätzliche Leistungsform zur Gewährung der Teilhabeleistungen für Menschen mit Behinderung ermöglicht. Seit diesem Zeitpunkt haben Menschen, die im Sinne des SGB IX, §2 behindert sind, die Möglichkeit, Teilhabeleistungen in Form des Persönlichen Budgets in Anspruch zu nehmen, (vgl.: Kapitel 2. Persönliches Budget). Hiermit ist keine zusätzliche Leistung beschrieben, sondern eine alternative Form des Leistungsbezugs. Zunächst als Kannleistung definiert, besteht seit dem 01.01.2008 ein Rechtsanspruch auf Inanspruchnahme dieser Form der Unterstützung.

Im Hinblick auf die Beanspruchung Persönlicher Budgets lässt sich aktuell eine zwar verhaltene, jedoch stetig steigende Nachfrage auf Nutzerseite verzeichnen. Vor dem Hintergrund, dass das Persönliche Budget vielseitige Gestaltungsspielräume für Nutzer[1] und Leistungsanbieter ermöglicht, ist mit einer verstärkten Nachfrage nach entsprechenden Angeboten zu rechnen. Für die etablierten Leistungsanbieter wird es in der Folge darum gehen, sich mit dem eigenen Angebotsportfolio auseinanderzusetzen und strategische Überlegungen hinsichtlich der Weiterentwicklung und Flexibilisierung bisheriger Unterstützungsformen vorzunehmen.

Welche Anforderungen werden hierbei an die Leistungsanbieter gestellt und unter welchen Voraussetzungen können entsprechende Leistungsangebote in der Praxis der stationären Eingliederungshilfen installiert werden? Die Vielschichtigkeit dieser Fragestellung übersteigt den Rahmen einer Master-Thesis. Aus diesem Grunde fokussiert die vorliegende Arbeit den Ausschnitt der wesentlichen Voraussetzungen, die für die Umsetzung Persönlicher Budgets in stationären Einrichtungen der Eingliederungshilfen notwendig sind. Hierbei erhebt sie nicht den Anspruch, Detaillösungen für die Praxis zu erarbeiten. Vielmehr wird in den folgenden Ausführungen das Einfluss- und Steuerungspotenzial des Persönlichen Budgets herausgestellt. Im Weiteren werden relevante Bedingungen für eine erfolgreiche Umsetzung in der Praxis identifiziert. Die Analyse folgt hierbei den Funktionslogiken von Organisationen. Zunächst gilt es jedoch, den Rahmen für die weitere Betrachtung zu stecken. Hierzu wird zunächst der Lebensbereich Wohnen für Menschen mit Behinderung skizziert, bevor sich das Kapitel 2. Persönliches Budget, mit den Chancen, Grenzen und Steuerungspotenzialen dieser Leistungsform auseinandersetzt.

1. Der Lebensbereich Wohnen für Menschen mit Behinderung

Im Zuge des Paradigmenwechsels innerhalb der Eingliederungshilfe entstand seit der Psychiatrie-Enquete[2] und den Leitgedanken des Normalisierungsprinzips[3] ein differenziertes und ausgebautes Rehabilitationssystem für Menschen mit Behinderung. Bei genauer Betrachtung wird jedoch deutlich, dass das Wohnangebot für Menschen mit Behinderung in Deutschland, im Unterschied zu anderen westlichen Industrienationen wie den USA, Schweden oder Großbritannien, noch immer weitestgehend institutionell ausgerichtet ist, (vgl. Theunissen, 2007, S. 27ff, Theunissen, Kultig, & Schirbort, 2007, S. 379). Während in den genannten Ländern der Prozess der Deinstitutionalisierung mit einer konsequenten Auflösung von stationären Sondereinrichtungen einherging, vollzog er sich in Deutschland lediglich in einem zunehmenden Verzicht auf Großeinrichtungen zugunsten kleinerer, wohnortnaher und gemeindeintegrierter Wohnformen sowie einem zögerlichen Ausbau ambulanter Unterstützungsformen und Wohnangebote. Trotz starker Impulse zur Dezentralisierung, Ambulantisierung, Differenzierung und Deinstitutionalisierung, wie sie auch heute von der Leistungsform des Persönlichen Budgets ausgehen, dominiert das Prinzip des institutionalisierten Wohnens nach wie vor die Angebotslandschaft, (vgl. Wansing, 2005, S. 148). Gekennzeichnet sind diese Angebote vielerorts durch einheitliche Versorgungsstrukturen und geringe Wahlmöglichkeiten für ihre Nutzer. Neben der einseitigen Kundenorientierung dieser Modelle sind es heute vor allem die öffentlichen Finanzprobleme sowie Faktoren der aktuellen demographischen Entwicklung, welche die derzeitigen Angebotsstrukturen grundsätzlich in Frage stellen. Betrachtet man die hiesigen Entwicklungen im Handlungsfeld der Eingliederungshilfen im Zeitraum der vergangenen dreißig Jahre, so lassen sich deutliche Veränderungen ausmachen. Im internationalen Vergleich erscheinen diese allerdings wenig innovativ. Wie bereits in der Vergangenheit steht die Eingliederungshilfe auch heute vor der Herausforderung, sich an neuen Paradigmen zu orientieren und ihre Angebote zu reorganisieren.

„Haben wir vor kurzem noch „betreut und gepflegt“, gestern „assistiert und empowert“, so sollen heute Dienst- und Serviceleistungen erbracht werden.“ (Frese, 2010, S. 12)

Der von Frese genannte Service- und Dienstleistungsgedanke hat bis heute vielerorts noch keinen umfassenden Einzug in die alltägliche Praxis im Bereich stationärer Eingliederungshilfen gehalten. Die Einführung der Leistungsform des Persönlichen Budgets kann hier Vehikel zur Etablierung einer entsprechenden Haltung sein. Wenn es Ziel sein soll Menschen mit Behinderung die Nutzung Persönlicher Budgets zu ermöglichen, bedarf es einer differenzierten Angebotslandschaft, die Wahlmöglichkeiten bietet. Unter welchen Voraussetzungen sich bestehende Angebotsstrukturen hierhin gehend transformieren lassen, ist eine zentrale Fragestellung dieser Arbeit.

Bevor die nachstehenden Kapitel in die Thematik des Persönlichen Budgets einführen, gilt es die Personengruppe der Menschen mit Behinderung einzugrenzen. Aufgrund der Problematik der Begrifflichkeit folgt die vorliegende Arbeit keiner exakten Definitionen. Vielmehr wird „ Behinderung “ als komplexes Phänomen verstanden. Diese Komplexität wird in ihrer Vielschichtigkeit am besten durch das System der Internationalen Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit (ICF) erfasst. Es schließt sich eine kurze Einführung in dieses Modell an.

1.1. Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit (ICF)

Das Verständnis von Behinderung hat sich im Verlauf der Geschichte gewandelt. Heute stehen nicht mehr defizitorientierte Ansätze im Vordergrund, sondern vielmehr ein kompetenzorientiertes und ökologisches Verständnis, das die Relativität und Individualität von Behinderung anerkennt. Dieses neue Verständnis von Behinderung drückt sich derzeit, durch die im Jahr 2001 von der Weltgesundheitsorganisation verabschiedete Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit (ICF) aus. Der ICF liegt hierbei ein mehrdimensionales, bio-psycho-soziales Verständnis von Behinderung zugrunde. Behinderung wird hiernach als ein Oberbegriff für Schädigungen oder Beeinträchtigungen auf folgenden Ebenen verstanden:

- Ebene der Körperstrukturen (Organe, Gliedmaßen, etc.) und der Körperfunktionen (Wahrnehmung, Sprache, etc.)
- Ebene der Aktivitäten (Durchführung einer Handlung, Kommunikation)
- Ebene der Teilhabe / Partizipation (Einbezogen sein in die verschiedenen Lebensbereiche). (Vgl. Wacker, Wansing, & Schäfers, 2009, S. 10f).

Diese drei Ebenen beeinflussen sich wechselseitig und sind in Abhängigkeit zu ihren jeweiligen Kontextfaktoren zu sehen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Das bio-psychosoziale Modell von Behinderung der ICF (DIMDI, 2005, S. 23)

Der gesamte Lebenshintergrund eines Menschen, d. h. die Kontextfaktoren seiner Umwelt wie z.B. soziale Beziehungen, Technologien usw. und seiner persönlichen Voraussetzungen, wie Alter, Geschlecht, Bewältigungsstrategien etc., wirken hinderlich oder förderlich bei der Umsetzung individueller Lebensentwürfe.

Behinderung ist nach diesem Modell eine Folge des negativen Zusammenspiels persönlicher, materieller, sozialer und struktureller Voraussetzungen. Ein derartiges Verständnis von Behinderung als „soziale Konstruktion“ (Wacker, Wansing, & Schäfers, 2009, S. 11) berücksichtigt Umweltfaktoren als zusätzliche Kategorie möglicher Teilhabebarrieren. Leistungsträger[4] und Leistungserbringer[5] werden somit vor die Frage gestellt, an welchen Schnittstellen ihre politischen Vorgaben bzw. institutionellen Rahmenbedingungen Teilhabebarrieren für Menschen mit Behinderung darstellen? Die Beantwortung dieser Frage übersteigt bei Weitem die Möglichkeiten der vorliegenden Arbeit und ist auch nicht beabsichtigt. Sie dient gleichwohl dazu, den Auftrag an die Leistungserbringer im Handlungsfeld der Eingliederungshilfe zu begründen, bestehende Teilhabebarrieren zu identifizieren und Handlungsalternativen für Leistungsnehmer zu erweitern.

Vor dem Hintergrund der beschriebenen Entwicklungen erfolgt nachstehend eine Einführung in die Leistungsform des Persönlichen Budgets.

2. Persönliches Budget

„Das persönliche Budget ist … in der Regel ein Geldbetrag, dessen Höhe sich an den Kosten des jeweils zu deckenden Bedarfs orientiert und der an einen behinderten Menschen ausgezahlt wird, damit er die Kosten der Deckung dieses Bedarfs eigenverantwortlich aus dem Budget bestreiten kann.“ (Dörner, Plog, Teller, & Wendt, 2007, S. 522)

Wurden Teilhabeleistungen zuvor ausschließlich als sogenannte Sachleistungen gewährt, z. B. die Finanzierung eines Wohnheimplatzes, besteht heute für die Leistungsnehmer die Option, die von ihnen benötigten Hilfen auch in Form einer Geldleistung zu beanspruchen. Als mögliche Leistungsträger kommen seit 2004, neben den Rehabilitationsträgern im Sinne des §6, SGB IX[6], auch die Pflegekassen und Integrationsämter in Frage. Persönliche Budgets können im Einzelfall als trägerübergreifende Komplexleistung erbracht werden. Trägerübergreifend bedeutet hier, dass Leistungen mehrerer Rehabilitationsträger kombiniert werden können. Die Verordnung zur Durchführung des § 17 Abs. 2 bis 4 des SGB IX (Budgetverordnung – BudgetV.) regelt die Zusammenarbeit der Rehabilitationsträger. Damit erhalten Menschen mit vielschichtigen Unterstützungsbedarfen ein Gesamtbudget, in dem die einzelnen Ansprüche gegenüber verschiedenen Leistungsträgern gebündelt sind. Gemäß §17 Absatz 4 SGB IX „erlässt der nach § 14 [SGB IX (d. Verf.)] zuständige der beteiligten Leistungsträger im Auftrag und im Namen der anderen beteiligten Leistungsträger den Verwaltungsakt und führt das weitere Verfahren durch.“

Bewilligung und Leistung erfolgen für den Leistungsnehmer demnach nachvollziehbar aus einer Hand, (vgl. Wacker, et al., 2005, S. 35).

Mit den Bestimmungen zum Persönlichen Budget wurde für die Leistungsnehmer eine Rechtsgrundlage für mehr Selbstbestimmung in der individuellen Lebensplanung und -führung geschaffen. Sie selber sind nun Adressaten einer direkten Geldleistung. Menschen mit Behinderung befinden sich somit in der Position, in Abhängigkeit ihrer individuellen Fähig- und Fertigkeiten, selbstständig darüber zu entscheiden, an welcher Stelle sie sich die benötigten Unterstützungs- und Teilhabeleistungen einkaufen. Adressaten standardisierter und aktuell immer noch wenig flexibler Leistungsangebote erhalten auf diesem Wege die Möglichkeit, tatsächlich Kunde, Käufer oder gar Arbeitgeber zu werden, (vgl. Bundesministerium für Arbeit und Soziales, 2008).

Unter diesen Voraussetzungen wird die Attraktivität der Leistungserbringer - neben einer Vielzahl weiterer Kriterien – zukünftig wesentlich vom Faktor Flexibilität abhängen. Wie schnell, unkompliziert und passgenau individuellen Bedarfen entsprochen werden kann wird mehr denn je zur zentralen Fragestellung.

2.1. Wandel von der Sachleistung zur Geldleistung

„Unser Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung ändern kann.“ (Francis Picabia).

Im Folgenden werden die Rechtsbeziehungen zwischen Leistungsnehmer, Leistungserbringer und Leistungsträger für die verschiedenen Leistungsformen vorgestellt. Hier konkretisiert sich das Einfluss- und Steuerungspotential der Leistungsform des Persönlichen Budgets aus der Perspektive „vertraglicher Beziehungen“.

2.1.1. Das Sachleistungsprinzip

Das auch heute noch dominierende Sachleistungsprinzip im Sozialrecht beruht i. d. R. auf Vertragsbeziehungen zwischen mehreren Akteuren. So wird ein Leistungsangebot, beispielsweise ein Wohnplatz, von einem Leistungserbringer, zum Beispiel einer Einrichtung der Eingliederungshilfe, angeboten. Eine leistungsberechtigte Person nimmt dieses Angebot in Anspruch. Die Finanzierung wird von einem Leistungsträger, beispielsweise dem Sozialamt und nicht von der in Anspruch nehmenden Person übernommen. Diese Voraussetzung schwächt eindeutig die Position der Leistungsnehmer. Die Zielperspektive Lebensqualität (vgl. Wacker, Wansing, & Schäfers, 2009, S. 12ff) und ein Verständnis des Leistungsnehmers als Kunde stehen hier im Widerspruch zur Praxis der Refinanzierung im Sachleistungsprinzip.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Leistungsbeziehung nach dem Sachleistungsprinzip (Fritsch, 2008, S. 35)

Im System der Sachleistungen nehmen primär die Leistungsträger steuernden und regulierenden Einfluss. Durch Kostenzusagen für Menschen mit Behinderung sowie durch Vorgaben über Platzzahlen und deren Verteilung beeinflussen sie die Angebotsstrukturen.

Folgt man den Aussagen von Göltz, so haben

„ … diese Steuerungsformen sowohl in Bezug auf die Entwicklung der Fallzahlen, der Angebotsstrukturen als auch der gesetzlichen Veränderungen versagt. Sie führen zu einem ‚Mehr desselben‘, zur Steigerung von Fallzahlen und Kosten, zum Aufbau von stationären Plätzen und – am gravierendsten – sie sorgen für standardisierte Leistungspakete und nicht für bedarfsgerechte Leistungsformen.“ (Göltz, 2008, S. 41)

2.1.2. Geldleistungsprinzip

Die Rechtsbeziehung in der Leistungsform des Persönlichen Budgets gestaltet sich, im Gegensatz zu den Rechtsbeziehungen im Sachleistungsprinzip dadurch, dass die vertragliche Ebene zwischen den Leistungsträgern und den Leistungserbringern wegfällt – man spricht von der Aufhebung des sozialrechtlichen Dreiecksverhältnisses zugunsten einer linearen Rechtsbeziehung.

Die Abbildung 3: Leistungsbeziehung im Rahmen des Persönlichen Budgets (Fritsch, 2008, S. 37) veranschaulicht dieses Konstrukt:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Leistungsbeziehung im Rahmen des Persönlichen Budgets (Fritsch, 2008, S. 37)[7]

2.2. Fallzahlen in der Eingliederungshilfe

Betrachtet man die Entwicklung in der Eingliederungshilfe, so lässt sich eine Steigerung der Fallzahlen zwischen 1991 und 2008 um 120%, von 324000 Leistungsnehmern im Jahr 1991, auf 713000 im Jahr 2008, feststellen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: Empfänger und Empfängerinnen von Eingliederungshilfe für behinderte Menschen (Statistisches Bundesamt, 2008 S. 5)

Nimmt man nun die Fallzahlentwicklung für die Leistungsform des persönlichen Budgets in den Blick, so wird folgender Verlauf deutlich.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 5: Fallzahlentwicklung persönliches Budget. (Statistisches Bundesamt, 2008, S. 11)

Im Jahr 2008 wurden 2321 Budgets in Anspruch genommen. Dies entspricht einem Anteil von 0,325% an der Gesamtzahl der Leistungsempfänger innerhalb der Eingliederungshilfe. Trotz des derzeit zurückhaltenden Interesses an der Leistungsform des Persönlichen Budgets lässt sich dennoch eine kontinuierliche Zunahme der Nutzung verzeichnen. So lag die Steigerung zwischen 2007 und 2008 bei 44 %. Setzt sich diese Entwicklung in ähnlichem Tempo fort, so ist mit einer rasch wachsenden Kundengruppe zu rechnen.

Für die aktuelle Zurückhaltung in Bezug auf die Inanspruchnahme des Persönlichen Budgets lassen sich unter anderem folgende Gründe identifizieren:

- mangelnde Beratungspraxis und Aufklärung
- Unsicherheiten auf Leistungsnehmerseite
- unklare Verwaltungsabläufe
- fehlende Unterstützungsnetzwerke
- mangelnde Angebote durch Leistungserbringer
- unzureichende politische Vorgaben und Sanktionen für die Leistungserbringer.[8]

2.3. Persönliches Budget in stationären Einrichtungen?

„Ein selbstbestimmtes Leben nach den eigenen Vorstellungen leben und an der Gesellschaft teilhaben zu können, ist ein Bürgerrecht. Das sozialpolitische Ziel, gleiche Chancen für alle Bürger/innen einer Gesellschaft zu schaffen, muss also grundsätzlich für jede Person, ungeachtet der Art und des Ausmaßes ihrer Beeinträchtigung realisierbar sein.“ (Wacker, Wansing, & Schäfers, 2009, S. 109)

Der Anspruch auf ein Persönliches Budget besteht somit gleichermaßen für alle Menschen mit Behinderung. Besonders für die Personen, denen eine geistige Behinderung zugeschrieben wird, lassen sich jedoch, im Kontext der aktuellen Institutions- und Angebotslandschaft, deutliche Zugangsbarrieren zu dieser Leistungsform identifizieren. Menschen mit einer entsprechenden Behinderung verfügen häufig nicht über die notwendigen persönlichen, materiellen und sozialen Ressourcen, um die sich erweiternden Gestaltungsspielräume im Rahmen des Persönlichen Budgets selbstständig nutzen zu können, (vgl. Wacker, Wansing, & Schäfers, 2009, S. 18). Gefordert ist hier eine Angebotsstruktur, die Leistungsnehmern und ihren rechtlichen Vertretern, sowohl realistische als auch für sie brauchbare Wahlmöglichkeiten bietet. Für die Leistungserbringer bedeutet dies einerseits die Veränderung bestehender sowie die Implementierung zusätzlicher Angebote. Die Modularisierung stationärer Leistungen, die Einrichtung entsprechender Fachdienste, die Vernetzung mit anderen Leistungserbringern und die Verzahnung privater, ambulanter und stationärer Hilfen sind hier zukünftige Denk- und Handlungskategorien, um nutzbare Angebote gestalten zu können, (vgl. Fritsch, 2008, S. 88f).

Erste Erfahrungen zur Umsetzung des Persönlichen Budgets in stationären Wohnformen stehen aus dem Modellprojekt „Personenbezogene Unterstützung und Lebensqualität / PerLe“ zur Verfügung, deren wissenschaftliche Begleitung durch die Fakultät für Rehabilitationswissenschaften und Rehabilitationssoziologie der Universität Dortmund erfolgte. Im Folgenden werden die zentralen Aussagen des Modellprojekts vorgestellt.

2.3.1. Modellprojekt Personenbezogene Unterstützung und Lebensqualität

Ist ein persönliches Budget im stationären Bereich umsetzbar? Welche Bedingungen müssen dabei für Nutzer, Mitarbeiter und Organisationen geschaffen werden? Welchen Nutzen können die beteiligten Akteure daraus ziehen? Vor dem Hintergrund dieser Fragestellungen startete im Sommer 2003, im Rahmen des Forschungsprojektes „ Personenbezogene Unterstützung und Lebensqualität (PerLe)“, ein Modellversuch zur Einführung eines Persönlichen Budgets in einer stationären Einrichtung für Menschen mit geistiger Behinderung. Im Rahmen des Projektes PerLe wurde ein Budgetmodell entwickelt und erprobt, das als bundesweit einzigartiges Konzept explizit auf Menschen mit geistiger Behinderung im stationären Wohnbereich ausgerichtet ist.

[...]


[1] Die Begriffe Nutzer, Adressat, Kunde, Klient und Leistungsnehmer werden in der vorliegenden Arbeit synonym für den Personenkreis der Menschen mit Behinderung verwandt. Dies dient einzig und allein dem Lesefluss und ist nicht Ausdruck einer bestimmten Haltung. Die Diskussion um diese Begrifflichkeiten muss an anderer Stelle geführt werden.

[2] „1971 schlug die Geburtsstunde der ‚Psychiatrie-Enquete‘: Eine durch den Deutschen Bundestag eingesetzte Kommission trug bis 1973 umfangreiches Material über die Situation der psychiatrischen Versorgung in Deutschland zusammen. Die Enquete-Kommission dokumentierte die ‚menschenunwürdigen Unterbringungsbedingungen in den psychiatrischen Krankenhäusern‘ und machte Lösungsvorschläge zur Weiterentwicklung der Versorgungsmöglichkeiten und Behandlungsformen“. (LVR)

[3] Das Normalisierungsprinzip beschreibt die Maxime, dass das Leben von Menschen mit Behinderung so normal wie möglich verlaufen soll. „ Entwickelt wurde der Normalisierungsgedanke in den 50er Jahren von dem Dänen Bank-Mikkelsen. Der Schwede Bengt Nirje arbeitete das Normalisierungsprinzip aus und strebte durch konkrete Zielsetzungen die Umsetzung in die Praxis an. Wolf Wolfensberger entwickelte es in den 60er Jahren in den USA und Kanada weiter. In Deutschland gilt Walter Thimm als der Verfechter des Normalisierungsprinzips.“ (Wikipedia a)

[4] Der Begriff der Leistungsträger bezieht sich im Kontext dieser Arbeit auf die finanziellen Träger der Eingliederungshilfen für Menschen mit Behinderung.

[5] Der Begriff Leistungserbringer steht in dieser Arbeit für die Organisationen im Handlungsfeld der Eingliederungshilfen, welche konkrete Dienstleistungen für den Personenkreis der Menschen mit Behinderung erbringen.

[6] (1) Träger der Leistungen zur Teilhabe (Rehabilitationsträger) können sein, die gesetzlichen Krankenkassen, die Bundesagentur für Arbeit, die Träger der gesetzlichen Unfallversicherung, die Träger der gesetzlichen Rentenversicherung, die Träger der Alterssicherung der Landwirte, die Träger der Kriegsopferversorgung und die Träger der Kriegsopferfürsorge im Rahmen des Rechts der sozialen Entschädigung bei Gesundheitsschäden, die Träger der öffentlichen Jugendhilfe und die Träger der Sozialhilfe. (Vgl. Bundesamt der Justiz, 2010)

[7] Der Begriff des Nutzers in der originalen Abbildung wurde, aus Gründen der Vereinheitlichung, durch den des Leistungsnehmers ersetzt.

[8] Ergebnisse der Fachtagung: „Inklusive Leben mit dem Persönlichen Budget“. Eine Veranstaltung des Kompetenzzentrums Persönliches Budget des Paritätischen. 07.12.2010

Details

Seiten
59
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656088028
ISBN (Buch)
9783656088677
Dateigröße
1.3 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v184159
Institution / Hochschule
Universität Witten/Herdecke
Note
2,3
Schlagworte
Persönliches Budget Wohnen Menschen mit Behinderung Reorganisation Modularisierung Kay Ullrich Eingliederungshilfe Zukunft Sozialmanagement Paradigmenwechsel SGB IX SGB XI

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Titel: Zielperspektive Persönliches Budget im Lebensbereich Wohnen für Menschen mit Behinderung