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Kritik des Mythos einer unbedingten Integrativität von Sport

Vielfalts- und Differenzverhältnisse im Sport und Möglichkeiten ihrer pädagogischen Bearbeitung

Hausarbeit 2011 23 Seiten

Pädagogik - Interkulturelle Pädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Mythos der Integrativität von Sport

3. Sport als Bühne gesellschaftlicher Unterscheidungskämpfe
3.1. Der kulturelle Angebotsraum des Sports
3.2. Die gesellschaftliche Nachfrage nach Sport
3.3. Partizipation am Sport

4. Pädagogische Modelle des Umgangs mit Verhältnissen von Differenz und Dominanz
4.1. Interkulturelle Pädagogik
4.2. Diversity-Ansätze
4.3. Körperliche Erkenntnis von Vielfalt, Differenz und Dominanz

5. Zusammenfassung

Literatur

1. Einleitung

Dem Sport wird im Alltagsverständnis nicht selten eine per se integrative Qualität zugesprochen. Vor dem Hintergrund der im Seminar bearbeiteten Zusammenhänge von Lehren und Lehren in Verhältnissen von Vielfalt, Differenz und Dominanz soll diese idealisierte Vorstellung von Sport und der Mythos seiner unbedingten Integrationskraft einem kritischen, kultursoziologischen Blick unterzogen werden, der gleichsam darauf ausgerichtet wird auszuleuchten, wie solche Verhältnisse in sportpädagogischen Herangehensweisen, entlang sportiver Körperpraxen aufgespürt und zur Reflexion gebracht werden könnten.

Das folgende Kapitel 2 führt in die gängige Vorstellung vom Mythos des Sports als Integrationsidylle ein, zeichnet dessen zugrundeliegenden Ursprünge und Traditionslinien nach und benennt Instanzen, die für ihren Fortbestand verantwortlich gehalten werden können.

Das Kapitel 3 bemüht daraufhin eine (kultur-)soziologische Perspektive auf Sport und markiert innerhalb dessen - quasi als desillusionierende, kritische Reflektion der im ersten Kapitel vorgestellten „Integrationsidylle“ - Verhältnisse von Vielfalt, Differenz und Dominanz. Diese werden vornehmlich auf der Ebene des Körperlichen und des Lebensstils kenntlich gemacht. Bezogen hierauf wird abschließend der Versuch unternommen, grundlegende Möglichkeiten und Grenzlinien einer Integrativität von Sport aufzuzeigen.

Im 4. Kapitel werden wesentliche, im Seminar behandelte, pädagogische Diskurse (interkulturelle Pädagogik & Diversity-Ansatz) vorgestellt, die sich mit konstruktiven Möglichkeiten und Strategien des Umgangs mit Pluralitäts- und Ungleichheitsverhältnissen beschäftigen, wie sie vorab für den Sport kenntlich gemacht wurden. In einer Zusammenschau von Kapitel 3 und der ersten beiden Teile des vierten Kapitels wird in dessen letzten Abschnitt der Ansatz eines reflektierenden und aufklärenden Umgangs mit gesellschaftlichen Vielfalts- und Differenzverhältnissen vorgestellt, der direkt am gesellschaftlich gewordenen Körper der Subjekte ansetzt.

2. Der Mythos der Integrativität von Sport

In der öffentlichen Wahrnehmung haben Sport und Verhältnisse von Vielfalt, Differenz und Dominanz kaum etwas miteinander zu tun. Bei dem Gedanken an Sport kommen nicht selten Attribute in den Sinn, die ihn als einen gesellschaftlichen Bereich kennzeichnen, der Menschen bedingungslos, unter dem formalen Postulat der Offenheit und Gleichheit zusammenbringt, für Verständigung sorgt und quasi aus sich selbst heraus Gemeinschaft und Integration stiftet (vgl. Deutscher Sportbund 2003). Vor allem wenn Menschen verschiedener Nationen und Sprachen gemeinsam Sport treiben und dies störungsfrei abläuft, so wird jenes in der Regel als Nachweis für die besondere Integrationskraft des Sports aufgefasst. Dies geht einher mit dem Anspruch des organisierten Sports, offen für alle Menschen zu sein, jenseits gesellschaftlich dominanter Kategorien wie Herkunft, Religion, Nationalität oder Weltanschauung, selbst wenn oder gerade weil Kommunikation und Teilhabe im Sport wesentlich im und durch das Medium des Körperlichen stattfindet, und die Aktiven sich nur in nachgeordnetem Umfang verbal verständigen müssen.

„ Persönliche Begegnungen und die Unmittelbarkeit des körperlichen Erlebens beim Sport erleichtern das Kennenlernen und schnelle Näherkommen. [ ... ] Merkmale wie Nationalität, Hautfarbe oder Weltanschauung, die in anderen gesellschaftlichen Zusammenhängen eine wichtige Rolle spielen, verlieren an Bedeutung. Der Sport stellt aber auch deshalb ein wichtiges Instrument für die soziale Integration dar, weil dort einheitliche, definierte Regeln und soziale Normen gelten, die sich weltweit durch Medien und internationale Wettkämpfe etabliert haben. Die Sprache ist in viel geringerem Maße als bei sonstigen Kontaktformen ein ausgrenzendes Element “ (DSB 2003, S. 8).

Im Hinblick auf Menschen mit Migrationshintergrund wird dieses vorgebliche Vermögen des Sports vor allem dann geltend gemacht, wenn es darum geht, die einzigartigen Chancen darzustellen, die sich bezüglich der Integration im Sport im Gegensatz zu anderen gesellschaftlichen Bereichen bietet. Besonders die Lektüre der Tagespresse gibt nahezu täglich Grund zur Annahme, dass hier Dinge möglich sind, die in anderen Gesellschaftsbereichen so nur schwer denkbar wären. Die beispielhaft anzuführende Stilisierung Mesut Ösils zu einer Heldengestalt, die eine gelungene Integration und mehr noch, möglichen sozialen Aufstieg durch Sport wirkmächtig zu symbolisieren vermag, korrespondiert in ihrer politischen und medialen Rhetorik einer weit zurückreichenden Tradition der olympischen Idee PIERRE DE COUBERTINS vom Sport als Medium der (Völker- )Verständigung und ist von der „Hoffnung auf eine «Heilung» der Gesellschaft durch Sport [getragen,] mit der Erwartung, durch ein kultisches Fest zur gesellschaftlichen Konsolidierung beitragen zu können“ (Alkemeyer 2004, S. 12). Sport wird hier zudem als gesellschaftlicher Sonderraum dargestellt, in dem Menschen allein im Werterahmen des „höher, schneller, stärker“ (Coubertin 1959, S. 161) friedlich und gleichgestellt miteinander wetteifern, spielen, sich verständigen und näher kommen können:

„ III

O Sport, Du bist die Gerechtigkeit!

Vergeblich ringt der Mensch nach Billigkeit und Recht In allen sozialen Einrichtungen;

Er findet beide nur bei Dir.

Um keinen Zoll vermag der Springer seinen Sprung zu höhen, Nicht um Minuten die Dauer seines Laufs.

Die Kraft des Leibes und des Willens Spannung ganz allein Bestimmen die Grenzen seiner Leistung.

[ ... ]

IX

O Sport, Du bist der Friede!

Du schlingst ein Band um Völker,

Die sich als Brüder fühlen in gemeinsamer Pflege

Der Kraft, der Ordnung und der Selbstbeherrschung. Durch Dich lernt Jugend selbst sich achten, Und auch Charakter Eigenschaften anderer Völker Schätzen und bewerten.

Sich gegenseitig messen,übertreffen, das ist das Ziel

Ein Wettstreit in dem Frieden. “ (Coubertin 1966, S. 48f.)

Auf diese Ideologie des Sports lässt sich auch heute noch manche Kampagne von Verbänden zurückführen, die den Sport als eine paradiesische, von Zwängen befreite Parallelwelt zur übrigen Gesellschaft stilisieren, in dem Integrationsprozesse gewissermaßen von selbst stattfinden und in dem Lösungen für viele gesellschaftliche Problemlagen unbedingt und als Wesenszug des Sports selbst zur Verfügung stehen. Eine solche dem Sport inhärente Wirkung findet sich in immer neu wiederkehrender Form in Slogans der Sportverbände und Äußerungen (sport-)politischer Entscheidungsträger vorangestellt: Sport verbindet und spricht alle Sprachen (vgl. Deutscher Sportbund 2003). Auch seitens Politik- und Medienvertretern findet sich diese, über Tradition und Konsens kollektiv beglaubigte, Erzählung seiner integrativen Wirkmächtigkeit dankbar mitgetragen, und so liegt es auch Nahe, dass Sport im Nationalen Integrationsplan der BUNDESREGIERUNG (vgl. 2007) Deutschlands ebenfalls eine sehr prominente Rolle einnimmt.

Die Tragfähigkeit dieses Mythos des Sports als ein idyllischer Raum unbedingter Verständigung und Integration erscheint jedoch bereits angesichts nachfolgender Erkenntnisse von SEIBERTH & THIEL zweifelhaft:

„ Zum einen sind Menschen mit Migrationshintergrund in Sportvereinen unterrepräsentiert [ ... ] [ und ] zum anderen finden sich im Sport trotz des hohen Inklusionsgrads genauso wie in jedem anderen Gesellschaftsbereich Phänomene wie Nationalismus, Rassismus und ethnisch-kulturelle Konflikte “ (Seiberth & Thiel 2007, S. 198).

Eine Betrachtung des Verhältnisses von Sport und Gesellschaft unterstreichen den Zweifel an der Stichhaltigkeit des Integrationsmythos zusätzlich. Nach SOEFFNER & ZIFONUM (vgl. 2008, S. 134ff.) stellt Sport ein Spiegelbild der Gesellschaft dar und lässt sich gleichzeitig als eine Eigenwelt mit spezifischen Regeln und Logiken, Sinnmuster, Codes und Symboliken charakterisieren. Als derart fest in die Gesellschaft eingewobener Teilbereich kann Sport nicht unabhängig von gesellschaftlichen Konstruktionen, Diskursen, Praktiken und Ordnungen betrachtet werden. Er wird von Personen betrieben, die sich herrschenden gesellschaftlichen Praktiken, Ordnungen und Deutungsweisen nicht entziehen können. Demgemäß muss Sport als etabliertes Phänomen einer jeden westlichen Kultur[1] ebenfalls durch Verhältnisse von Vielfalt, Differenz und Dominanz geprägt sein, die hier auch ihre Spuren hinterlassen.

[1] Kultur wird hier in einem weiten, nicht nur auf die Bereiche der so genannten Hochkultur (klassische Musik, Theater, Ballett etc.) beschränkten Sinn verstanden. Es geht entlang einer weiten kultursoziologischen Perspektive vielmehr um die Erschließung aller sinnhaften Dimensionen des Sozialen, die unter den Kulturbegriff subsumiert werden. Auch wird Kultur dabei nicht als ein Phänomen verstanden, dass an einer Ländergrenze enden muss, sondern in ihrer Ausdehnung quer zu geografischen Räumen markiert werden kann. Kultur umfasst in dieser Sicht das gesamte, von Ungleichzeitigkeiten, Inkohärenzen und auch Widersprüchen gekennzeichnete Gefüge aus Wissensordnungen, zu Kodes geordneten Symbolen, expressiven Formen, Deutungsmustern und sinnhaften sozialen Praktiken (zum Beispiel des Arbeitens, Spielens, Unterrichtens, Lernens oder Liebens), in denen und mittels derer die sozialen Interaktionen vollzogen werden und die gesellschaftlichen Akteure ihre geteilten Wirklichkeitsdeutungen herstellen (vgl. Hörning 1997). Kultur wird beispielsweise von dem französischen Ethnologen CLAUDE LÉVI-STRAUSS (1989, S. 15) als das gesamte „Ensemble der symbolischen Systeme“ einer Gesellschaft definiert oder von dem US-amerikanischen Kulturwissenschaftler CLIFFORD GEERTZ (1994, S. 9) als das von den Menschen „selbstgesponnene Bedeutungsgewebe“ verstanden, in das sie sich in ihren Praktiken selber verstricken und zu dessen aktiven Trägern und Unterworfenen sie werden.

3. Sport als Bühne gesellschaftlicher Unterscheidungskämpfe

Vergleicht jemand Sportarten miteinander, so werden diese und ihre Aktiven schon in der Alltagswahrnehmung mit bestimmten Lebensstilen, sozialen Lagen oder Milieus verknüpft (vgl. Schmidt 2007, S. 162). Lassen Sportformen wie Wellenreiten und Kegeln schon im Vergleich in ihren körperlichen Betätigungsweisen eine große Differenz erkennen, so sind es häufig gerade sehr ähnliche Bewegungsformen wie Kunstradfahren und Freestyle-BMX oder Turnen und Parkour, denen im Alltagsverständnis jeweils Gemeinschaften von Aktiven zugeordnet werden, die sich aus Regionen des Raumes sozialer Positionen (vgl. Bourdieu 1982, S. 277ff.) der Gesellschaft speisen, die sehr weit voneinander entfernt liegen. Gleiches gilt für stilistisch differente Aufführungsweisen einer Sportart wie DOUGLAS BOOTH am Beispiel des Wellenreitens sehr anschaulich dargestellt hat (vgl. Booth 2003, S. 316f.). In dieser Weise bürgen sportliche Tätigkeiten immer auch eine soziale Signifikanz und bieten damit eine Art gesellschaftliche Repräsentationsbühne, die es seinen Aktiven ermöglicht, soziale Unterschiede zu symbolisieren. Ungleich zu vielen anderen kulturellen Räumen werden im sportlichen „Theater der Distinktionen“ (Gebauer 1986, S. 113) jedoch weniger Text oder Sprache verwendet, sondern es sind der Körper und seine Bewegungen, Gesten und Haltungen, die im Sport als das „privilegierte Handlungs- und Darstellungsmedium“ (Bröskamp & Alkemeyer 1996, S. 8) des Sozialen im Vordergrund stehen.

3.1. Der kulturelle Angebotsraum des Sports

Im Anschluss an PIERRE BOURDIEU lassen sich die vielgestaltigen Formen von Sport „als eine Art Angebot verstehen, das auf eine bestimmte gesellschaftliche Nachfrage stößt“ (Bourdieu 1992, S. 91). Die Angebotsseite des Sports kann dabei als „Raum der Sportarten“ (ebd. S. 193) verstanden werden, in dem die zahlreichen sportlichen Betätigungsformen in einem relationalen Beziehungsgefüge zueinander positioniert sind. Entlang der wachsenden Anzahl unterschiedlicher Körperpraktiken zeigt der Angebotsraum eine zunehmend komplexe Binnenstruktur, deren hierarchische Ordnung auf die Verhältnisse der Sportarten zueinander gründet (vgl. ebd. S. 195). Bezieht sich das BOURDIEU’sche Verständnis dieses Gefüges wesentlich auf Sportarten des traditionellen Modells des vereinsmäßig organisierten Wettkampfsports, so muss dieses für eine treffende Beschreibung des aktuellen Sportraums um die Betrachtung sportlicher Praktiken als stilisierende Elemente einer alltäglichen Lebensführung erweitert werden. Entlang sozialer Prozesse der Expansion, Inklusion und Differenzierung und einer Etablierung von Sportivität als legitimes Muster in der Alltagskultur entwickelt der Angebotsraum des Sportes in Anschluss an ROBERT SCHMIDT (2002, S. 31) ab Ausgang der 80er Jahre eine kaum überschaubare Heterogenität, die im bisher gültigen Modell des vereinsmäßig organisierten und wettkampforientierten Vereinssports nicht mehr aufgeht und die Herausbildung eines neuen, präsentatorisch- inszenatorischen Sportmodells kennzeichnet. Es bildet sich nach SCHMIDT in der Konvergenz von Pop- und Sportkultur ein neuer kultureller Angebotsraum popkulturell-sportlicher Kulturpraxen heraus, in denen Bedeutungsstiftung wesentlich als Performanz, entfernt von Texten, Bildlichkeit und Sprache, dem ‚Sprechen’ des Körpers in körperpraktischen Aufführungen zugeschrieben wird (vgl. ebd., S. 112). Gegenüber Wettkampf und Leistung, stehen hier Aufführungen von körperlich ästhetischer Kompetenz mit Aspekten wie Gestik, Aussehen und Erscheinung im Vordergrund, deren vermehrte Beanspruchung öffentlicher Räume und Symbiose mit Mode und Freizeitkonsum die Grenzen der Sportkultur zu anderen kulturellen Arealen, wie denen der Popkultur hin öffnen und in Überschneidungen mit diesen eine präsentatorische Sportlichkeit zum festen Bestandteil einer Stilisierung der alltäglichen Lebensführung werden lassen (vgl. ebd., S. 32). Seinen gesellschaftlichen Nachfragern, also den sportlich Aktiven, steht der so erweiterte Sportraum als vielgestaltiger und „eigenständiger Möglichkeitsraum körperlicher Stilistiken“ (Schmidt, 2009, S. 164) und Ausdrucksformen zur Verfügung. Transformationsprozesse im Gefüge der Sportarten und sportiven Praktiken und Stilistiken sind dabei - hier wiederum nach BOURDIEU - stets „eingebettet in ein umfängliches Feld von Auseinandersetzungen, die die Definition des legitimen Körpers und des legitimen Gebrauchs des bzw. Umgangs mit dem Körper zum Gegenstand haben“ (Bourdieu 1986, S. 99). Derart konkurrierende Vorstellungen legitimer körperlicher Praxis finden sich „neben den Vereins- und Verbandsfunktionären, Trainern, Sportlehrern und sonstigen Anbietern von Gütern und Dienstleistungen des Sportbereichs, neben [...] Kirchenvertretern, Medizinern und [...] Erziehern [...] auch [durch] die Richter über Geschmack und Eleganz, die Modemacher, usw.“ (ebd.) artikuliert.

[...]

Details

Seiten
23
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656088226
ISBN (Buch)
9783656620587
Dateigröße
625 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v184193
Institution / Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg – Pädagogik
Note
1,3
Schlagworte
kritik mythos integrativität sport vielfalts- differenzverhältnisse möglichkeiten bearbeitung

Autor

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