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Interkulturelle Öffnung von präventiver Beratung und kurativer Versorgung bei Menschen mit Migrationshintergrund

Hausarbeit 2009 20 Seiten

Sozialpädagogik / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begriffsbestimmungen
2.1 Migration
2.2 Präventive Beratung
2.3 Kurative Versorgung
2.4 Interkulturelle Öffnung

3. Interkulturelle Öffnung von präventiver Beratung und kurativer Versorgung

4. Kriterien in der Umsetzung Interkultureller Öffnung
4.1 Zugangsbarrieren für Menschen mit Migrationshintergrund
4.2 Beispiele für fördernde Kriterien in der Zugänglichkeit
4.3 Strategische Konzepte – Beispiele positiver und negativer Praxis

5. Interkulturelle Öffnung am Beispiel elternorientierter Gesundheitsförderung in einer Berliner Kita
5.1 Projektbeschreibung
5.2 Reflexion zum Projekt

6. Fazit

Quellen

Literatur

Internet

1. Einleitung

Seit Jahren sind gesellschaftliche Wandlungsprozesse in Deutschland hinsichtlich einer ansteigenden kulturellen Vielfalt zu verzeichnen. Neben einem stetig wachsenden Bevölkerungsanteil von Migrantinnen[1] aus unterschiedlichsten Kulturkrei­sen führen globale Wandlungsprozesse, wie z. B. die Globalisierung und europäische Integrationsprozesse, zu dieser Entwicklung. Die veränderte gesell­schaftliche Struktur spiegelt sich in ethnischer Pluralisierung der Bevölkerung wieder, woraus umfangreiche Herausforderungen und Handlungsbedarfe für die verschiede­nen Praxisfelder der Sozialen Arbeit notwendig werden. In der Reformdiskussion der Qualität Sozialer Arbeit unter Berücksichtigung neuer gesellschaftlichen Bedingun­gen nimmt das Thema interkulturelle Öffnung und Forderungen nach interkultureller Kompetenz der Mitarbeiterinnen der Kommunen und sozialen Dienste in der Fach­öffentlichkeit zunehmend eine bedeutende Rolle ein. Im Bezug auf den Gesund­heitsbereich ist festzustellen, dass gesundheitliche und psychosoziale Versorgungs­strukturen von Migrantinnen seltener in Anspruch genommen werden (vgl. Merbach et al. 2007, S. 203), als von Nutzern aus der Mehrheitsgesellschaft und sich die Re­gelsysteme als wenig zugänglich erwiesen haben (vgl. Jungk 2001, S. 8). Daraus stellt sich die Frage, wie Menschen mit Migrationshintergrund in präventive Beratung und kurative Versorgung einbezogen werden können und welche Rolle die Forde­rung nach interkultureller Öffnung dabei spielt.

Die vorliegende Arbeit thematisiert die Anforderungen einer Weiterentwicklung für eine Gesundheitsversorgung, welche sich an der demographischen Entwicklung und Heterogenität der Bevölkerung orientiert, um eine Gleichheit im Zugang zur effekti­ven und effizienten Nutzung von gesundheitlicher Versorgung zu ermöglichen. Gleichzeitig werden adäquate Voraussetzungen der Handlungskompetenzen für Fachkräfte beschrieben. Des Weitern werden Barrieren der Zugänglichkeit, unter Be­rücksichtigung der betroffenen spezifischer Zielgruppen, untersucht.

Zunächst werden im folgenden Kapitel die verwandten Begriffe Migration, präventive Beratung und kurative Versorgung erläutert. Danach erfolgt unter Punkt drei eine Einordnung der Bedeutung interkultureller Öffnung in Bezug auf präventive Beratung und kurativer Versorgung. In Kapitel vier wird auf die Probleme der Zugänglichkeit sozialer Dienste sowie die behindernden und fördernden Kriterien für die interkultu­relle Öffnung eingegangen. Das Beispiel unter Punkt fünf beschreibt ein gelungenes Projekt zur elternorientierten Gesundheitsförderung in einer Berliner Kindertages­stätte (Kita).

Zur Bearbeitung der vorliegenden Thematik habe ich den Modultext, aktuelle Fachli­teratur sowie Quellen aus dem Internet herangezogen. Diese Ausarbeitung fasse ich auf Basis der wissenschaftlich erarbeiteten Erkenntnisse in einem Fazit zusammen.

2. Begriffsbestimmungen

Die folgenden Begriffsbestimmungen sollen im Rahmen dieser Arbeit der Orientie­rung dienen und die Absicht verdeutlichen, in welchem Verständnis die vorliegende Thematik erarbeitet wurde.

2.1 Migration

Dem Begriff Migration liegt die lateinische Bezeichnung „migratio `Umzug´“ zugrunde und bedeutet Wanderung (vgl. Meyers Taschenlexikon 1983, S. 249). Als soziologi­scher Begriff steht er „…für alle Formen räumlicher Mobilität von Individuen, (religiö­sen, ethnischen etc.) Gruppen, Minderheiten und Volksteilen…“ (vgl. BPB 2006, o. S.). Dabei handelt es sich aufgrund der verschiedenen Voraussetzungen und Prä­gungen ihrer Herkunft um eine heterogene Gruppe von Menschen. Dabei bestehen Unterschiede in vielfältigen Migrationsformen und -motiven (z. B. Arbeitsmigration, Spätaussiedlerinnen, politische Flüchtlinge) und auch im rechtlichen Status (vgl. Hornung 2004, S. 329). Die (Spät-)Aussiedler aus Osteuropa und Zuwanderinnen aus der Türkei bilden den größten Anteil an der Gesamtbevölkerung neben den Zu­wanderinnen aus den ehemaligen Anwerberstaaten, die jetzt zur EU gehören (Italien, Spanien, Griechenland, Portugal) und den Zuwanderinnen aus den Staaten des ehemaligen Jugoslawiens (vgl. Franzkowiak/Kuhn 2009, S. 65; vgl. Tucci 2008, S. 200). Entsprechend des Migrationsberichtes der Bundesregierung (2006) beträgt die Zahl der eingewanderten. Menschen mit Migrationshintergrund etwa 15,3 Mio. Be­rücksichtigt werden hier Personen, die sowohl selbst zugewandert oder in Deutsch­land in einer Migrantenfamilie aufgewachsen sind (vgl. BAMF 2006, S. 10).

2.2 Präventive Beratung

Als Prävention werden zahlreiche gesundheitliche Maßnahmen bezeichnet, deren Ziel im Entgegenwirken von unerwünschten Verhaltensweisen und Zuständen liegt, wie z. B. gesundheitliche Schädigungen, Risiko erneuter Erkrankung etc. Eine Schwierigkeit besteht darin, dass die begrifflichen Übergänge fließend sind und sie nicht einheitlich angewendet werden (vgl. Franzkowiak/Kuhn 2009, S. 24; vgl. Hafen 2001, o. S.).

In der praktischen Anwendung sind im Kontext von Prävention die Begriffe nach dem nosologischen (krankheitsbezogenen) Strukturmodell von Primär-, Sekundär- und Tertiärprävention und der Gesundheitsförderung zu finden, welche prinzipiell eine Einteilung nach dem Interventionszeitpunkt vornehmen. „Die Primärprävention setzt möglichst früh an und will der Entstehung von Risikoverhalten bzw. Symptomen zu­vorkommen. Die Sekundärprävention zielt auf eine möglichst frühe Erfassung von beobachteten Risiken bzw. Symptomen. Tertiärprävention bezieht sich auf die Linde­rung und Rehabilitation nach erfolgter Krankheit.“ (Hafen 2001, o. S.).

Das Spezifitätsmodell[2] nimmt ergänzend eine andere Kategorisierung vor, die sich expertendefiniert auf Maßnahmen der Bewertung von Risikofaktoren spezifischer Bevölkerungsgruppen und dem Umfang der Gefährdung stützt. Dabei basiert die Durchführung auf den pathogenetischen Erklärungs- und Handlungsansätzen. Unterschieden werden universale, selektive und indizierte Prävention (vgl. Franzkowiak 2008, 199 ff.).

Mit der Einführung eines umfangreichen Gesundheitsbegriffes der Weltgesundheits­organisation (WHO) werden viele präventive Maßnahmen unter der Bezeichnung Gesundheitsförderung angeboten (vgl. ebd.; vgl. Homfeldt/Sting 2006, S. 16 f.). Formuliert wurde 1986 in der Ottawa-Charta die Betonung auf den Prozess der Ver­besserung von sozialen Lebenslagen, wobei die Befähigung zur Selbstverantwor­tung, die Aktivierung personaler sowie sozialer Ressourcen und die politische Ver­antwortlichkeit hervorgehoben wird (vgl. Merbach et al. 2007, S. 333).

Alle dargestellten Modelle sowie die Gesundheitsförderung haben das Ziel, Krank­heiten zu vermeiden, Gesundheit zu erhalten und zu fördern. Die jeweiligen Handha­bungen dienen der Umsetzung differenzierter Strategien der Ansprache, der Zu­gangsbedingungen sowie der Realisierung von Präventionszielen, wobei bisher die Einordnung nach nosologischen Gesichtspunkten überwiegt (vgl. Franzkowiak 2008, 199 ff.).

2.3 Kurative Versorgung

Eine kurative Versorgung im Sinne des SGB V ist prinzipiell kausal orientiert, d. h. es liegt bereits eine Krankheit oder Schädigung vor. Das Ziel kurativer Versorgung ist die Beendigung eines Krankheitszustandes, die Vermeidung dessen Verschlimme­rung, der Linderung von Krankheitsbeschwerden sowie der Vermeidung weiterer Krankheitsfolgen. Grundsätzlich ist sie als Maßnahme in den konzeptionellen Be­zugsrahmen des bio-medizinischen Krankheitsmodells (Modell der Krankheitsursa­chen, des -verlaufes und der Krankheitsmanifestation) eingeordnet. Deren Leistun­gen werden entsprechend der Begutachtungsrichtlinien nach ICD[3] klassifiziert (MDS 2005, S. 9 ff.).

2.4 Interkulturelle Öffnung

Im Rahmen dieser Arbeit orientiert sich das Verständnis von Kultur an der Verwen­dung des erweiterten Kulturbegriffs, der Kultur nicht auf Ethnie oder Nationalität eines Volkes bzw. Nation begrenzt, sondern Kultur als Aushandlungsprozess und dabei immer als gesellschaftliches Konstrukt eines permanenten wechselseitigen Dialoges von Gruppeninteressen versteht. Diesem strategischen Ansatz liegt die Auffassung zugrunde, einen dynamischen Prozess der Reflexivität unter Berücksich­tigung mehrerer heterogenen Systemebenen (z. B. transnationale Strömungen wie Weltreligionen) einzugehen, welcher Prozesse der Abgrenzung von kultureller Zuge­hörigkeit, deren Festschreibung oder Identitätszuweisung ausschließt (vgl. Marx 2006, S. 7 f.; vgl. Handschuk/Schröer 2002, S. 1 ff.) und nicht auf die uneinge­schränkte Assimilation von Migrantinnen in einer Aufnahmegesellschaft besteht.

Interkulturelle Öffnung soll meines Erachtens als Konsequenz interkultureller Orien­tierung verstanden werden, die als Ausdruck einer sozialpolitischen Haltung die vor­handene multikulturelle Staatsgesellschaft widerspiegelt. Die Anerkennung verschie­dener Gruppen, Individuen und Interessen, denen unterschiedliche Kommunikations- und Repräsentationsmittel zu Verfügung stehen, bilden einerseits die Grundlage der Umsetzung universeller Partizipation und damit Teilhabe an der Gesellschaft. Ander­seits ist eine selbstreflexive Haltung gegenüber der eigenen Kultur aller Beteiligten ein weiteres wichtiges Kriterium. Nur unter diesen Voraussetzungen können „die Belange von Minderheiten, Migrantinnen […] wahrgenommen und […] die sozialen Ungleichheiten entlang der kulturellen Konstruktion von Geschlecht und Ethnizität in den Blick genommen werden.“ (vgl. Handschuk/Schröer 2002, S. 2). Eingeschlossen wird hier die „Notwendigkeit von Lern- und Veränderungsprozessen bei und zwischen Mitgliedern der so genannten Aufnahmegesellschaft wie der [Migrantin­nen].“ (vgl. Eppenstein/Kiesel 2008, S. 25).

Interkulturelle Öffnung ist prinzipiell eine Herausforderung für die gesamte Gesell­schaft und als Bestandteil von gesellschaftlichen Integrationsprozessen setzt sie kompetentes berufliches Vorgehen, in der Behandlung von Migrationsthemen vor­aus, um Migrantinnen in angemessener weise als Adressantinnen Sozialer Arbeit ge­recht zu werden Aus diesem Grunde sind neben kulturelle Aspekten auch relevante Gesichtspunkte in Migrationsverläufen, Migrationsformen, Migrationsmotiven und der ausländerrechtliche Status zu berücksichtigen (a. a. O., S. 29). Dadurch wird das „Interkulturelle“ unverzichtbares Qualitätskriterium, das der Orientierung für die ge­sundheitsbezogenen Sozialen Dienste sowie einer professionellen Entwicklung und Ausdifferenzierung Sozialer Arbeit dienen kann (vgl. Eppenstein/Kiesel 2008, S. 18; vgl. Schröer 2007, S. 1. ff.; vgl. Hinz-Rommel 1995, S. 9. ff.).

Auf diese Weise geht Interkulturelle Öffnung über eine Anpassung der Gesundheitsversorgung an kulturelle Vielfalt hinaus und berücksichtigt generell den Ansatz, der auf Anerken­nung (diversity) (vgl. Albrecht 2007, S. 14) sowie auf einer wertschätzenden und respektierenden Haltung basiert (vgl. Franzkowiak/Kuhn 2009, S. 82).

3. Interkulturelle Öffnung von präventiver Beratung und kurativer Versorgung

Das bestehende Regelsystem der gesundheitlichen Versorgung in Deutschland be­ruht auf der vollkommenen Einbeziehung aller Bevölkerungsgruppen in das existie­rende Versorgungsangebot. Eine Betrachtung des Bevölkerungsanteils mit ausländi­scher Herkunft zeigt, dass Chancen des Zugangs zur gesundheitlichen Versorgung nicht gleich verteilt sind (vgl. Eichler 2008, S. 18; vgl. Hornung 2004, S. 329). Allge­mein kann nicht gesagt werden, dass der Gesundheitszustand von Migrantinnen schlechter als derjenige der Aufnahmegesellschaft ist, aber es liegen einige Beson­derheiten und spezifische gesundheitliche Risiken vor (vgl. Homfeldt/Sting 2006, S. 110). Problematisch in der Bearbeitung dieser Thematik ist auch, dass es eine Viel­zahl einzelner Studien zu spezifischen Aspekten gibt, aber keine ausführliche migrantinnenspezifische Gesundheitsberichterstattung (vgl. Franzkowiak/Kuhn 2009, S. 71 f.).

[...]


[1] Zur besseren Lesbarkeit wird in dieser Arbeit in der Regel die weibliche Anredeform verwendet. Männer sind aber in gleicher Weise gemeint und angesprochen. Ebenso wird zur besseren Lesbarkeit anstatt dem Begriff „Menschen mit Migrationshintergrund“ meist der Begriff „Migrantinnen“ verwendet.

[2] „Das Spezifitätsmodell ist in den angloamerikanischen Theorien und Systemen von Mental Health, Health Care, Health Care Social Work und Cilinical Social Work weit verbreitet.“ (vgl. Franzkowiak 2008, S. 200).

[3] International Classification of Diseases (WHO 2009, o. S.).

Details

Seiten
20
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783656090496
ISBN (Buch)
9783656090250
Dateigröße
547 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v184264
Institution / Hochschule
Hochschule Koblenz (ehem. FH Koblenz) – Sozialmedizin
Note
1,0
Schlagworte
Prävention Migration Kuration Interkulturelle Öffnung

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Titel: Interkulturelle Öffnung von präventiver Beratung und kurativer Versorgung bei Menschen mit Migrationshintergrund