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Theorien des Spiels

Beispiele, Unterschiede und Parallelen und die Bedeutung für kindliche Bildungsprozesse

Ausarbeitung 2010 8 Seiten

Pädagogik - Familienerziehung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Funktionsorientierte Spieltheorie: Spiel als biologische Funktion

2. Phänomenologische / Strukturdynamische Spieltheorie: ROLF OERTER

3. Bedeutung für kindliche Bildungsprozesse

Zusatz für Pädagogen, Erzieher, Lehrer und Therapeuten

Literaturverzeichnis

Grundsätzliche gibt es zwei Betrachtungsweisen des Spiels: Eine funktionsorien- tierte, welche die vielfältigen Funktionen des Spiels in Leben und Entwicklung beleuchtet, und eine phänomenologische / strukturdynamische Betrachtungs- weise, welche versucht, die typischen Merkmale zu benennen, die Spiel zu Spiel machen.

1. Funktionsorientierte Spieltheorie: Spiel als biologische Funktion

Zunächst möchte ich Spiel aus der Perspektive der ethologischen Forschung betrachten. Dieser Ansatz ist zunächst funktionsorientiert. GROOS nennt drei biologische Funktionen des Spiels. Erstens sagt er, dass Spiel der Einübung diene. Damit meint er, dass im Spiel Verhaltensweisen eingeübt werden, die zu einem späteren Zeitpunkt wichtig werden. Zum Beispiel üben junge Katzen, die mit einem Wollknäuel spielen, das Jagen der Beute, welches später ein überlebens- wichtiges Verhalten darstellt. Somit ist Spiel ein Teil der Selbstausbildung. Hier ist eine zaghafte Parallele zu SCHÄFER zu sehen, denn durch die Wahl des Begriffs ‚Selbst(aus)bildung’ deutet sich rudimentär die Entwicklung der Spieltheorie zu einem Bildungsansatz an.

Als zweite biologische Funktion gibt GROOS die Ergänzung an. Dies ist ein inte- ressanter Gedanke, denn im Spiel kann die Realität um Wünsche, Träume, Vorstellungen ergänzt werden, welche einem im Alltag verwehrt bleiben, zum Beispiel wenn ein kleines Mädchen Prinzessin spielt. SCHÄFER beschreibt diese Funktion treffend und poetisch als ein „Durchkosten von Lebensmöglichkeiten“. Die dritte und letzte biologische Funktion des Spiels nach GROOS ist die der Erho- lung. Er möchte damit herausstellen, dass Spiel einen Gegensatz zum Ernstleben bildet und der Entspannung dient. HASSENSTEIN - ein Vertreter der neueren etho- logischen Forschung - wundert sich, dass sich in der Evolution eine Verhaltensweise durchgesetzt hat, die offensichtlich Stoffwechselenergie ver- braucht und meist keinem unmittelbaren Zweck dient. Er erklärt sich dies so: Durch die Offenheit in Wahrnehmung und Verhalten im Spiel wird vermutlich ein großer, unspezifischer Informationsgewinn ermöglicht. Die Wahrscheinlichkeit ist groß und wichtig, dass darin auch Informationen enthalten sind, die zum Erhalt der Art im größeren Sinne gebraucht werden könnten. Damit zielt HASSENSTEIN auf eine höhere Ebene des Funktionalismus ab.

Auch PORTMANN beschreibt die Funktion des Spiels sehr schön, wenn er sagt, dass Spiel vielfältige Außenbeziehungen ermöglicht. SCHÄFER teilt diese Meinung und fügt dem Gesagten den wichtigen Aspekt hinzu, dass diese vielgestaltigen Außenweltbeziehungen zur Ausdifferenzierung der Innenwelt des Individuums beitragen. Somit bringt Spiel inneren Reichtum.

BALLY beschreib sehr anschaulich, wie sich der Spielprozess gestaltet und vom Nicht-Spiel unterscheidet. In von ihm sogenannten „gespannten Feld“ haben alle Dinge nur ein Merkmal; Raum, Zeit, Wahrnehmung und Motorik sind einseitig auf die Erreichung des Instinktziels ausgerichtet. Im sogenannten „entspannten Feld“ - welches dem Spiel entspricht - sind räumliche und zeitliche Aspekte gelockert. Den Dingen am Wegrand wird mehr Beachtung geschenkt. Es werden nach ver- schiedenen Handlungsaufforderungen geschaut und Handlungsalternativen ausprobiert. Handelnd entfalten sich am Ding eine Vielzahl an Merkmalen, die unterschiedlich getönt sind und das Individuum unterschiedlich stimmen. PORTMANN berichtet, dass Tiere sehr wohl zwischen diesen beiden Feldern unter- scheiden und weiß einige Beispiele dazu zu nennen. Blaukehlchen und Amseln beispielsweise singen die kunstvollsten Lieder, wenn diese keinem Zweck dienen. Subjektiv ‚kunstvoll’ meint objektiv Lieder mit großer Komplexität und höheren Feinheiten.

Hier sieht man, dass die von HASSENSTEIN vorgeschlagene Betrachtungsweise des Spiels auf der höheren Ebene des Funktionalismus auch wichtige Beiträge zur Phänomenologie des Spiels liefert: Denn eines der zentralsten Merkmal des Spiels, die unter anderem BALLY durch seine Theorie deutlich macht, ist seine Zweckfreiheit.

2. Phänomenologische / Strukturdynamische Spieltheorie: ROLF OERTER

Nun möchte ich den spieltheoretischen Ansatz von OERTER vorstellen. OERTER ist in der Handlungspsychologie zuhause und konzipiert Spiel als eine besondere Form der Handlung. Was ist also eine Handlung? Und welche besondere Form hat das Spiel? Zu einer Handlung gehören nach OERTER vier Elemente: Ein Ziel, die Handlung selbst, ein Ergebnis und eine Folge. Zum Beispiel: Eine Person möchte ein Glas Milch trinken (Ziel); sie geht zum Schrank, öffnet diesen, holt ein Glas heraus, stelle es auf den Tisch etc. (Handlung); nachdem sie die Handlung ausge- führt hat, ist die Milch im Bauch der Person (Ergebnis) und sie verspürt keinen Durch mehr (Folge).

Spiel als besondere Form der Handlung hat höchstens drei, manchmal nur zwei der genannten Elemente. Es besteht aus dem Ziel, der Handlung und manchmal auch einem Ergebnis. Das Spiel hat also keine Folgen! Diese Aussage OERTERS sehe ich parallel zu dem Merkmal der Zweckfreiheit, die mehrere Autoren dem Spiel zuschreiben, zum Beispiel SCHEUERL und SCHÄFER. Es ist meiner Meinung nach eines der wichtigsten Aspekte der Phänomenologie des Spiels, anhand derer man Spiel von Nicht-Spiel unterscheiden könnte.

Ein Spiel für eine solche Spielhandlung wäre, wenn ein kleines Mädchen mit seinem Puppengeschirr so tut, als ob es eine Tasse Milch trinken würde. Das Ziel ist, Milch-Trinken zu spielen. Die Handlungen sind das Nehmen des Tässchens, das Eingießen der Milch, das Führen des Tässchens zum Mund etc. Nur: Das Ganze findet ohne echte Milch statt. Gib es also ein Ergebnis? Als Ergebnis könn- te festgehalten werden, dass sich das Kind mithilfe der Handlung das Milch- Trinken vorstellen kann.

Ich finde es gut, dass OERTER mit seinem Konzept das Moment der Zweckfreiheit aufgreift und herausstellt, dass das Kind im Spiel auf die Lust an der Handlung fokussiert und nicht auf ein Handlungsziel. Es bleibt anzumerken, dass die Be- griffe ‚Ziel’, ‚Ergebnis’ und ‚Folge’ keine ausreichende Definition erfahren und dass sich ihre Abgrenzungen im Fluss des psychischen Geschehens als schwam- mig erweisen.

Zur Illustration meines Gedankengangs soll ein weiteres Beispiel dienen. Die ihm angehängten Überlegungen erheben keinen Anspruch auf Wissenschaftlichkeit, sondern sollen lediglich zum Nachdenken anregen: Gibt es Ziel, Ergebnis und Folge bei einem Kind, dass mit einer Rassel spielt? Eine sehr gewagte Behauptung wäre, dass das Ziel des Spiels der Spaß daran ist. Ist das Ergebnis, dass es das Geräusch vernimmt? Und die Folge die Freude über den Effekt? Wenn dem Spiel ein Spieltrieb zugrunde liegt, so wie SCHILLER und FREUD es annehmen, dann müsste das Spiel doch wieder den Theorien zugeordnet werden, die ihm eine Zweckmäßigkeit unterstellen. Dann würde das Spiel auf gleicher banaler Stufe stehen wie alle anderen Handlungen, die einer Triebbefriedigung dienen.

Um seine zentralen Argumente hervorzubringen, bezieht sich OERTER auf die Tätigkeitstheorie nach LEONTJEW. Dieser nimmt innerhalb seiner Theorie drei Ebenen an. Die erste ist die der Operationen. Das sind unbewusste, automatisch ablaufende Handlungen, zum Beispiel gehen, atmen, die Finger öffnen und schließen beim Greifen. Die zweite Ebene ist die der Handlungen. Diese sind bewusst und zielgerichtet auf ein Objekt oder eine Person, zum Beispiel ‚die Milchflasche aus dem Kühlschrank holen’. Auf der letzten Ebene befinden sich die Tätigkeiten. Diese kann man nicht direkt beobachten wie die Handlungen. Sie stellen einen sinngebenden Rahmen für die Handlungen dar, zum Beispiel ‚Durst löschen’ oder ‚viel trinken, weil das gesund ist’.

OERTER überträgt diese Theorie auf die Spielhandlungen und nennt die dritte Ebene den ‚übergeordneten Gegenstandsbezug’ (im Folgenden kurz ÜG). Mit Gegenstand sind hier sowohl Objekte als auch Thematiken gemeint. OERTER meint also, dass sich in Spielhandlungen unbewusst übergeordnete Thematiken ausdrücken. Die allgemeinste Form dieses ÜG ist die Thematisierung der Exis- tenz in der Welt. Aus diesem Thema lassen sich spezifischere ableiten, zum Beispiel Entwicklungs- und Beziehungsthematiken oder Ereignisse. Hier wird sichtbar, dass es nach OERTER im Spiel nicht nur um die Bewältigung von Trauma- ta geht, wie es die psychoanalytische Sicht von FREUD versteht. Sondern es geht auch - oder vor allem - um eine allgemeines Interesse an der Welt, um die Verar- beitung von bedeutenden, aber nicht traumatischen Erlebnissen. Diese Sicht wird innerhalb der Psychoanalyse durch ANNA FREUD eingeleitet, die nicht jedes Kin- derspiel für einen Ausdruck des Unbewussten hält. Sie ist außerdem zu finden bei OERTER, WINNICOTT und SCHÄFER.

Nun lässt OERTER seine Theorie aber nicht im Raum stehen. Ich finde es gut, wie er sie hinterfragt und abzusichern sucht. Er fragt zum Beispiel, warum die The- men des ÜG unbewusst sind. Bei der Beantwortung grenzt sich OERTER von dem psychoanalytischen Begriff des Unbewussten ab und zieht Erkenntnisse der Kognitionswissenschaften heran. Modelle der Informationsverarbeitung besagen, dass das Arbeitsgedächtnis nicht viele Elemente gleichzeitig bewusst fassen kann. Die kindliche Kapazität diesbezüglich ist noch geringer. Ein zweiter Be- gründungsansatz besagt, dass sich ein Thema des ÜG aus vielen Einzelerfahrungen speist, die noch verinselt im kindlichen Gedächtnis gehalten werden. Drittens hat das Kind sehr oft noch keine kognitiv-affektiven Schemata ausgebildet, mit deren Hilfe es neue Ereignisse bewerten könnte.

OERTER fragt sich weiter, wie die unbewussten Thematiken Eingang in das Spielgeschehen erhalten. Dazu führt er an, dass der ÜG wie ein Langzeitspeicher für kognitiv-affektive Strukturen fungiert. Diese Strukturen können ins Ungleichgewicht geraten und erzeugen dadurch einen Handlungsdruck.

Diese abstrakte Erklärung würde ich gerne mit eigenen, einfachen Worten wie- derholen: Eine Erfahrung ist eine Wahrnehmung, welche immer aufgrund (1) ihrer kognitiven Information und (2) ihrer affektiven Qualität im Gedächtnis gespei- chert wird. Verschiedene Erfahrungen können subjektiv als unvollständig, diskrepant, ambivalent oder ungefestigt erlebt werden. Zum Beispiel wenn einem kleinen Kind die Hände gewaschen werden, erlebt es dieses spektakuläre, vielsei- tige Element des Wassers. Später, wenn diesem Kind Gelegenheit dazu gegeben wird, wird es spielend seine kognitiv-affektiven Schemata mit dem Phänomen Wasser ausbauen.

OERTERS Ansatz ist eher der strukturdynamischen Betrachtungsweise zuzuord- nen. Er beschreibt, wie das Spielgeschehen durch die unbewusste Themen das ÜG gesteuert werden. Als strukturdynamische Merkmale sind vor allem die von ihm herausgefilterten Übersetzungsregeln und die dialektischen Begriffspaare „An- eignung“ - „Vergegenständlichung“ und „Objektivierung“ - „Subjektivierung“ zu nennen.

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Details

Seiten
8
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656089841
Dateigröße
436 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v184315
Institution / Hochschule
Universität zu Köln – Humanwissenschaftliche Fakultät
Note
1,0
Schlagworte
Spiel spielen Spieltheorie Bildungsprozess Schäfer Oerter Kind kindlich Bildung bilden

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Titel: Theorien des Spiels