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Nationalsozialistische Erziehung in der Schule

NS-Ausleseschulen als Nachfolger früherer Landerziehungsheime?

Hausarbeit 2007 16 Seiten

Leseprobe

Gliederung:

Einleitung

I. Pädagogische Reformbestrebungen seit dem Ende des 19. Jahrhunderts
1) Die bildungspolitische Situation im ausgehenden 19. Jahrhundert
2) Hermann Lietz und dessen Landerziehungsheime

II. NS-Ausleseschulen
1) Die drei Typen der NS-Ausleseschulen
2) Die Nationalpolitischen Erziehungsanstalten (Napola)

III. Vergleich von Napola-Vorgängereinrichtungen und Napol

Zusammenfassung

Literatur- und Quellenverzeichnis

Einleitung

Mit der sogenannten “Machtergreifung” Adolf Hitlers im Januar 1933 und der damit einhergehenden festen Etablierung des Nationalsozialistischen Regimes in Deutschland, erfuhr auch das deutsche Schulwesen einen Wandel in primär ideologischem Hinblick. So beschreibt Hitler in seinem Werk “Mein Kampf” seine Vorstellungen von der kommenden Jugend wie folgt: „In meinen Ordensburgen wird eine Jugend heranwachsen, vor der sich die Welt erschrecken wird. Eine gewalttätige, herrische, unerschrockene, grausame Jugend will ich [...] Es darf nichts Schwaches und Zärtliches an ihr sein [...] Stark und schön will ich meine Jugend [...] So kann ich das Neue schaffen.”1

Diese radikalen und erschreckenden Äußerungen des “Führers” werfen die Frage auf, inwieweit sich das bestehende Schulsystem tatsächlich im Sinne des NS-Regimes verändert hat und auf welche Vorgänger bei der Schaffung insbesondere der NS-Ausleseschulen zurückgegriffen werden konnte. Wo liegen hier Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu vorherigen Institutionen und Erziehungsmethoden, wie beispielsweise denen der reformpädagogischen Bewegung. In meinen Ausführungen werde ich dabei speziell auf die von Hermann Lietz geschaffenen Landerziehungsheime als mögliche Vorgängermodelle von NS-Ausleseschulen eingehen, um so mögliche Parallelen aufzuzeigen. Danach werde ich mich verstärkt den Nationalpolitischen Erziehungsanstalten zuwenden, um deren eigentliche Besonderheiten herauszustellen.

Neben der Frage nach dem Aufbau der Institutionen und den Erziehungsmethoden zu nationalsozialistischer Zeit im Vergleich mit früheren Anstalten, werde ich ebenfalls die Auswahlkriterien an Nationalpolitischen Erziehungsanstalten mit denen der Landerziehungsheime vergleichen, um weiteren möglichen Gemeinsamkeiten nachzugehen. Die Frage, was wirklich neu geschaffen und was tatsächlich nur von Vorgängereinrichtungen übernommen wurde, soll den eigentlichen Leitfaden dieser Hausarbeit bilden.

I. Pädagogische Reformbestrebungen seit dem Ende des 19. Jahrhunderts

1) Die bildungspolitische Situation im ausgehenden 19. Jahrhundert

Die am Ende des 19. Jahrhunderts einsetzende Industrialisierung und das damit verbundene Aufkommen neuer Industriezweige, die immer spezialisierterer Facharbeiter bedurften, waren der Grund für die Schaffung neuer Fachschulen, die zu den allgemeinbildenden Schulen hinzukamen. Auch die Hochschulen und Universitäten wurden durch Fachhochschulen ergänzt und in ihrem Lehrangebot um die verschiedensten Subdisziplinen erweitert. Im Bereich höherer Schulen dauerte der Kampf der Gymnasien, die für ihr Berechtigungsmonopol eintraten, auch nach dem Amtsantritt Kaiser Wilhelms II. weiter an.2

Auf einer vom preußischen Kultusminister im Jahre 1890 einberufenen Schulkonferenz in Berlin, klagte der neue Kaiser über die Weltfremdheit der Gymnasien und die mangelnde körperliche Ertüchtigung der Gymnasiasten. Statt junge Griechen und Römer zu erziehen, forderte Wilhelm II. national eingestellte junge Deutsche heranzubilden. Ab 1892 fanden die Forderungen Wilhelms II. tatsächlich Beachtung in den Lehrplänen der preußischen Gymnasien. Den Leibesübungen und dem Deutschunterricht der neueren und neuesten deutschen Geschichte unter militaristisch-nationaler Ausrichtung wurden fortan mehr Beachtung geschenkt, weshalb besonders die alten Sprachen große Einbußen machen mussten. Da der Kampf um das Berechtigungsmonopol der allgemeinen Hochschulreife damit aber keineswegs beendet war, bedurfte es noch einer zweiten Konferenz im Jahre 1900, welcher ein Erlass folgte, der das Monopol für nichtig erklärte. In der Folge ging die Zahl der Gymnasien erheblich zurück, wohingegen sich die Anzahl der Realgymnasien und Oberrealschulen stark vermehrten. Besonders die Schaffung sogenannter Reformschulen nahm zu. So kam es sogar zu zwei neuen Schulformen, dem Reformgymnasium wie dem Reformrealgymnasium.3

2) Hermann Lietz und dessen Landerziehungsheime

Neben vielen anderen reformpädagogischen Bestrebungen, wie der Kunsterziehungsbewegung, sticht vor allem die Landerziehungsbewegung hervor. Als Gründer der Landerziehungsheime gilt Hermann Lietz (1868-1919), der im Jahre 1868 als Kind eines Landwirtes auf Rügen geboren, stark durch seine Kindheit auf dem Land geprägt wurde. In seiner Gymnasialzeit in Greifswald und Stralsund bedrückte ihn vor allem der stupide Wissensdrill, den das veraltete Kollegium auf die Schüler ausübte.4 In seinen Lebenserinnerungen schreibt er darüber: „Von einer Kunst der Erziehung, von Liebe zur Jugend und Sorgsamkeit für sie war kein Hauch zu verspüren.”5

Seine folgendes Studium der Theologie in Halle und Jena brachte ihm dagegen die Möglichkeit seine Gedanken freier zu entfalten. Durch den Einfluss von Rudolf Eucken, Paul de Lagarde, Wilhelm Rein und dem englischen Cecil Reddie reifte Lietz zu einem Erzieher mit eigenen Vorstellungen pädagogischen Wirkens heran. Nachdem Lietz bereits Erfahrungen als Lehrer in der Übungsschule Reins gesammelt hatte, gründete er 1898 das erste von drei Landerziehungsheimen. Dabei stand vor allem die “New School of Abbotsholme” von Reddie als Vorbild bereit, aber auch die Fröbelschule in Keilhau brachte wichtige Anregungen zur Gründung des neuen Erziehungsheims auf dem Lande. Das erste Landerziehungsheim entstand in Ilsenburg im Harz, wobei sich Lietz am äußeren Rahmen von “Abbotsholme” orientierte. Sein Grundkonzept bestand dabei von Anfang an in der Kombinierung von geistiger mit körperlicher Arbeit. So begann ein jeder Tag um 6:30 Uhr mit einem Dauerlauf, anschließendem Frühstück bei gesungenem Lied und einem Leitwort aus Bibel oder Literatur. Dann folgte der vormittägliche, fünfstündige wissenschaftliche Unterricht, welcher bis zum Mittag reichte. Nach einer Freizeit ging es dann zu den praktischen Arbeiten im Garten, in der Werkstatt oder auf dem Felde, wenn nicht zufällig noch die musische Ausbildung mit in diese Zeit fiel. Am Abend versammelten sich dann alle, nach eingenommenem Abendessen, in der Kapelle oder einem freien Platz in der Natur zur Abendandacht, bei der ein Abendlied gesungen und durch den Heimleiter etwas vorgelesen oder erzählt wurde.6

Lietz löste bald nach Beginn seiner Tätigkeit im ersten Landerziehungsheim das Präfektensystem durch das Familienprinzip ab. Das sollte die Annäherung zwischen Erzieher und Zögling fördern, wobei Lietz, oder andere Heimleiter nach ihm, »wie ein Hausvater unter den Seinen« seinen Schützlingen gegenüber stehen sollte. So könnte man Lietz als »pater familias«7 und seine Schüler und Angestellten als seiner Obhut anvertrauter Familie bezeichnen. Lietz selbst bezeichnete sich als Erzieher auch gern als Sämann, der geduldig darauf warten müsse, was letztendlich aus seiner Arbeit hervorginge.

In der Folgezeit entwickelte sich die praktische Arbeit neben dem Unterricht immer mehr zum eigentlichen Mittelpunkt des Heimlebens. Daneben standen allerdings auch Wanderungen und Reisen auf dem Lehrplan, um Weltkenntnis und Weltaufgeschlossenheit der Schüler zu schulen. Wie schon das erste Heim in Ilsenburg so wurden auch die beiden nachfolgenden Heime in Haubinda (1901) und Bieberstein (1904) ohne eigene Mittel finanziert, was auf Lietzens mächtigen Einfluss hinweist. Besonders auffallend war bei der Gründung der Heime der mit der Zeit entstandene Stufenaufbau der Heime. Nachdem nämlich Ilsenburg zu eng geworden war, zog Lietz mit den älteren Schülern nach Haubinda in das neue Heim, wo diese am neuen Heim mitarbeiten konnten, um dieses vollends fertig zu stellen und einzurichten. Bei der Gründung des dritten Heimes in Bieberstein vollzog sich dieser Prozess ein weiteres Mal. So entstand mit der Zeit eine dreiteilige Stufeneinteilung von dem Heim für die Kleinen in Ilsenburg über das Heim der Flegeljahre in Haubinda bis zum Heim des eigentlichen Jünglingalters in Bieberstein.

[...]


1 Adolf Hitler (1935): Mein Kampf. München, in: Johannes Leeb [Hrsg.] (1998): »Wir waren Hitlers Eliteschüler«, Ehemalige Zöglinge der NS-Ausleseschulen brechen ihr Schweigen, München, S. 11.

2 Vgl. Weimer, Hermann u. Jacobi, Juliane (1992): Geschichte der Pädagogik, Berlin/New York, S. 179.

3 Vgl. Ebd, S. 179ff.

4 Vgl. Röhrs, Hermann (1998): Die Reformpädagogik - Ursprung und Verlauf unter internationalem Aspekt, Weinheim, S. 147f.

5 Lietz, Hermann (1935): Lebenserinnerungen, Weimar, S. 18. In: Röhrs, a. a. O., S. 148.

6 Vgl. Röhrs, a. a. O., S. 147 f.

7 Lat. pater familias = Hausherr im alten Rom, dem alle Angehörigen der Familie, aber auch die Sklaven und Bediensteten, unterstanden und er für diese zu sorgen, wie auch im Hause gesetzliche Befugnisse über jene inne hatte.

Details

Seiten
16
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783656091899
ISBN (Buch)
9783656091936
DOI
10.3239/9783656091899
Dateigröße
500 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v184393
Institution / Hochschule
Universität Potsdam – Department Erziehungswissenschaften
Note
1,3
Schlagworte
Nationalsozialismus Landerziehungsheime Hermann Lietz Erziehung Bildung Zweiter Weltkrieg

Autor

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