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Die Jungfrau von Orleans - Eine romantische Tragödie (1802)

Muster innerweltlicher Askese

Forschungsarbeit 1985 23 Seiten

Germanistik - Literaturgeschichte, Epochen

Leseprobe

Inhalt

(1)Erfahrung von Geschichte als zentrale Thematik - Korff: dichterische Behandlung der Geschichte - Johanna als ideale Gestalt mit göttlicher Sendung oder als von Notwendigkeiten deformierter Mensch?

(2)Prolog: Aufriß des Problems - Beginn: Zerstörung der Idylle - Erweckung der Heldin (Helm-Motiv) - Ergreifung der geschichtlich notwendigen Aufgabe: Kampf gegen den äußeren Feind - Arbeit für den inneren Frieden - Zeitgeschichte im klassischen Text - himmlische Sendung als historische Notwendigkeit - Ruf des Geistes - der furchtbar bindende Vertrag - Deformation des Menschen: Tötungsgebot und Liebesverbot - Johanna als erhabene Heroine - tragische Strukturierung - Weg in die Vollendung? - Geschichtsphilosophie: Arkadien-Geschichte-Elysium als problematische Projektion

(3)Zum ersten Aufzug: Retardation - Nebenmotive: Dichter und Herrscher - Traum von der Idylle

(4)Bemerkungen zur Methode der Analyse: Entmythologisierung - Oberflächenstruktur des Textes - Stilisierung - Selbstverständnis der Heldin - Urteilsenthaltung

(5)Zum zweiten Aufzug: Streit und Versöhnung - Idealisierung des Historischen - Johanna als Vernichtende - Johannas Gott: Ares - Technik antithetischer Positionierung von Motiven

(6)Zum dritten Aufzug: Feier der Versöhnung - Bedeutung der Gestik - Problematisierung des Liebesverbots - Krieg vs. Liebe - Nihilismus als Folge der sich vernichtenden Extreme - Hamaritia der Heldin

(7)Zum vierten Aufzug: Selbstreflexion Johannas - mundane Ausrichtung - hellenische Diesseitigkeit - Beschuldigung durch den Vater: Entzweiung in der Familie - Bedeutung der Nichtverteidigung

(8)Schicksal als geschichtlich Geschicktes - tragische Strukturierung - Gesetzlichkeit des Geschehens - Funktion der Gefangennahme - Notwendigkeit ihres Todes - poetische Struktur des Schlusses

(9)Noch einmal: Methode - Geschichtstheoretische Deutung - Mangel der vorhandenen Interpretationen - Vorwurf: Stil statt Wahrheit - von Schiller eingeführte poetische Motive

(1)Erfahrung von Geschichte als zentrale Thematik

H. A. Korff ist noch immer zuzustimmen, wenn er die dichterische Behandlung der Geschichte als das zentrale Thema der Schillerschen Dramatik beschreibt.[1] Die Stücke nähren sich an dem großen Stoffe der Geschichte[2], können in poetischer Vertextung freilich vom Historischen nur die allgemeinste Form in den Ausdruck bannen, doch ist ihr Symbolwert verhältnismäßig durchsichtig. Richtig ist auch noch, wenn er die Idee der Totalität: das Menschenschicksal im ganzen darzustellen als Schillersehe Intention nennt.[3] Es geht dem Klassiker in der Jungfrau tatsächlich um die Exemplifizierung der als nicht möglich gedachten allseitigen Realisation menschlicher Bedürfnisse. Richtig ist schließlich, daß das Geschichtliche zentral als Kampf (Das Wesen des Lebens ist daher der Kampf) bestimmt wird.[4]

Ungenauer aber wird Korff, wenn er Johanna die erste ganz ideale Gestalt nennt[5]. Damit verstärkt er einen Deutungstopos, der zentral ist für die Jungfrau-Interpretation in der Literaturwissenschaft (bis auf wenige Ausnahmen, die Analyse von Storz gehört hierher, wird die Hauptfigur einseitig positiv aufgefaßt)[6]. Er gerät damit in Widerspruch zu dem, was er auch sieht: daß Johanna sich durch den mörderischen Fana­tismus ihrer grausamen Kriegsführung auszeichnet.[7] Zu kritisieren ist, daß Korff dies nicht als Widerspruch erlebt und aufdeckt: die reine Hin­gabe an die Idee, was Johanna zur Heiligen mache, kann nicht vorliegen, wenn gnadenlos Krieg geführt wird.[8] Weder ist die Hingabe rein noch ist es eine Idee: beides dürfte in sich das Negative nicht mehr haben. Es ist die Akzeptierung der historischen Notwendigkeit: auf den Angriff mit den gleichen Waffen reagieren zu müssen. Schiller stilisiert die brutale Wirklichkeit, der Text muß ex negativo verstanden werden: was im Stück passiert - auch alles, was Johanna tut - dürfte nicht sein. Deshalb er­füllt sie schon gar nicht eine Sendung, bestände die doch dann in der Bestätigung des Kampfes. Sie löst eine Aufgabe, wobei die Lösung nur tra­gisch möglich ist: das gute Ziel, die Freiheit, ist nur durch Mittel, die Leid verursachen, durch Opfer zu verwirklichen.

Was mit diesen wenigen Bemerkungen zur Korffschen Deutung des Schillerschen Spätstückes getroffen ist, muß detailliert ausgeführt und be­gründet werden.

(2)Prolog: Aufriß des Problems

Beschrieben ist, bes. von Bockmann, Liepe, Storz, Rüdiger, Kaiser[9] die Idylle des Anfangs, die aber nur inselhaft sich realisiert. In sie ein­bricht - und das ist der Beginn der Handlung - der Krieg; am Anfang des Stückes steht der Kampf, die Idylle ist nur die Folie, das ersehnte, nicht reale Paradies.

Denn aller Orten läßt der Engelländer

Sein sieghaft Banner fliegen, seine Rosse

Zerstampfen Frankreichs blühende Gefilde. (V. 5 ff.)

Der Prolog schildert die Heldin im Elternhaus, als Hirtin, in einer Außenseiterposition: während die Schwestern heiraten, lehnt Johanna eine Verbindung ab. Der gesund denkende Vater moniert dieses Verhalten als eine schwere Irrung der Natur (V. 62). Hier zu Beginn erscheint schon der Vorwurf, sie habe ein strenges und kaltes Herz (V. 64), der von Jo­hanna später als Selbstvorwurf aufgegriffen wird (Konnt ich dieses Herz verhärtenV. 2596); die Sorel verstärkt ihn nochmals (V. 2632). In poeti­scher, leitmotivischer Vertextung wird auf die einseitige und damit inhu­mane Charakterstruktur der Protagonistin verwiesen.[10] Sie lebt aus­schließlich für eine Vorstellung: die Abwendung der Bedrohung des Vater­landes. Die Besessenheit von ihrer Aufgabe ist sehr theaterwirksam durch die Ergreifung des Helmes gestaltet.[11] Als Bertrand seine Erzählung vom Erhalt des Helmes beendet hat, ruft Johanna rasch und begierig da­nach greifend

Gebt mir den Helm! (V. 191)

Und, als dieser zögert, entreißt (sie) ihm den Helm:

Mein ist der Helm und mir gehört er zu. (V. 193)

Diese Erweckung der Heldin ist strukturidentisch mit der des Deme­trius. Auch er erkennt, als er als Zarensohn erkannt ist, plötzlich seine Aufgabe. In diesem Moment der Plötzlichkeit ist die reflexionslose, un­mittelbare Besessenheit von einem Zweck eingefangen. Erst später, bei entstehenden Widerständen, geraten die zunächst begeisterten Protagonisten in Schwierigkeiten, reflektieren sie über ihre Position. Die Plötzlichkeit verhindert, daß die Helden das Falsche ihres Handelns sehen. Die Handlung des Stückes demonstriert dem Zuschauer ad oculos im Scheitern des Pro­tagonisten, daß gegen Gesetze der Humanität verstoßen wurde. Sowohl Jo­hanna als auch Demetrius greifen zum Schwert, durch das sie selbst um­kommen.

Für die Semantik des Stückes ist in dieser Prolog-Szene wichtig, wie Johanna ihr Vorhaben: das Land des Ruhms, Das schönste, das die ewge Sonne sieht (V. 332) und seinen König zu retten, begründet.

Der König, der nie stirbt, soll aus der Welt

Verschwinden - der den heilgen Pflug beschützt

Der die Trift beschützt und fruchtbar macht die Erde,

Der die Leibeignen in die Freiheit führt ...

Der dem Schwachen beisteht und den Bösen schreckt,

Der den Neid nicht kennt, denn er ist der Größte,

Der ein Mensch ist und ein Engel der Erbarmung

Auf der feindselgen Erde (V. 346 ff.)

Es sind progressive humanitäre Inhalte, die als Motiv der Handlung fungieren, was in dem Vers von den Leibeigenen deutlich wird.[12] Be­wußtzuhalten ist für die Einschätzung dieser Forderung, wie es etwa um t800 um die Bauernbefreiung stand. Freilich schon unter Friedrich Wil­helm 1. in Preußen auf landesherrlichen Gütern um 1718 realisiert, war sie sonst ins Stocken geraten. In Österreich war sie von Josef II. 1781 einge­führt worden, 1790 aber wurde sie wieder zurückgenommen. Bekannt ist, daß erst die Steinschen Reformen von 1807 in Preußen die Leibeigenschaft beseitigten[13], in den anderen Ländern des Reichs, bes. im Süddeutschen zog sich das noch hin, z.T. wurde erst 1848 unter revolutionärem Druck eine Änderung herbeigeführt.

Einen solchen Vers: Der König ... Der die Leibeignen in die Freiheit führt, in einer Deutung ernst zu nehmen, kann mit zu einer Um­wertung der bisherigen Auffassungen führen.[14] Sagen läßt sich, daß hier die klassische, das unmittelbare geschichtliche Geschehen stilisierende Ver­textung des späten Schiller durchbrochen ist. Eine solche, vielleicht unbe­wußt-ungewollte Durchbrechung der klassisch-stilisierten Form läßt sich öfter beobachten. Hier erscheint gegen das bewußte Kunstprogramm des klassischen Poeten Zeitgeschichte unmittelbar, verschafft sich ihr Recht:

La Hire zum König:

Ein Schluß des Parlaments erklärte dich

Des Throns verlustig, dich und dein Geschlecht.

Dunois kommentiert:

Ha frecher Stolz des herrgewordnen Bürgers! (V 700 ff )

Die Deutung Korffs von der zentralen Thematik des Schillerschen Dramas: Geschichte zu gestalten, ist hier, ohne daß sie aus der Symbolik herausfiltriert werden müßte, evident zu machen. Der Vers von den Leib­eigenen mußte 1801 eine provozierende Wirkung haben; er konnte als Signal gelten für die politisch argumentierenden Zeitgenossen. Die Ablehnung des Stückes durch Weimars Herzog Karl August, der, wie man aus seinen Brie­fen an Goethe sehen kann, im Sinne seiner Interessen ein kritischer Leser von Literatur war, mag mit von diesen Stellen bedingt sein.[15]

Wer an diese humanistischen Ideale denkt, Freiheit, Republikanismus, könnte mit Recht von einer Sendung der Jungfrau sprechen. Darin allein bestünde sie, im Versuch von deren Realisierung. Von hierher sind die Zei­len des Schlußmonologs des Prologs zu verstehen:

So ist des Geistes Ruf an mich ergangen,

Mich treibt nicht eitles, irdisches Verlangen. (V. 399 f.)

Dieser Ruf des Geistes ist in der Forschung mythisiert worden.[16] Er hat nichts mit Religion zu tun, wie die Kommentatoren der National­ausgabe suggerieren. So bedarf starker Korrektur, was v. Wiese/L. Blumen­thal schreiben. Für sie ist Johanna eine in die Welt gesandte Heilige[17], ihr Sendungsbewußtsein könne nur als religiöser Auftrag verstanden werden[18]. Solche Interpretationen unterscheiden nicht das, was dem handelnden Subjekt bewußt ist, was es von sich hält, von dem, was es im allgemeinen geschichtlichen Prozeß, hier natürlich, soweit er im Stück dar­gestellt wird, tatsächlich ist. Problematisch bleibt besonders die Konse­quenz, die aus dieser Sicht folgt. Wenn gesagt wird, es sei das Schicksal der himmlischen Sendung ... in der Welt überhaupt nicht verstanden zu werden[19], dann ist die zentrale These nicht mehr erfaßt. Hier gibt es keine unverstandene himmlische Sendung; es gibt eine historische, kon­krete Aufgabe: die Befreiung der Bürger vom äußeren Feind und von inne­rer Ungerechtigkeit[20]. Johanna, bzw. ihr Dichter, weist mit dieser Formulierung darauf hin, daß es nicht um individuelles, subjektives Glücks­streben gehen kann, sondern um eine objektive, allgemeine Aufgabe. Der Ruf des Geists ist die blanke Notwendigkeit der Selbstverteidigung zur Bewahrung eines selbstbestimmten Lebens. Geist im emphatischen Sinn kann das nicht sein. Es ist der Ungeist barbarisch verlaufender Geschichte.

Nur nach diesen Klarstellungen läßt sich der Auftrag sinnvoll ent­mythologisieren, den Johanna erhält:

Geh hin! Du sollst auf Erden für mich zeugen.

In rauhes Erz sollst du die Glieder schnüren,

Mit Stahl bedecken deine zarte Brust,

Nicht Männerliebe darf dein Herz berühren

Mit sündgen Flammen eitler Erdenlust,

Nie wird der Brautkranz deine Locke zieren,

Dir blüht kein lieblich Kind an deiner Brust,

Doch werd ich dich mit kriegerischen Ehren,

Vor allen Erdenfrauen dich verklären. (V. 408 ff.)

Klar ist, was poetisiert ist: indem Johanna sich eine bestimmte Auf­gabe wählt, wird sie einseitig, ihre Funktion als Kriegsführende ist nicht vereinbar mit der Liebe. Liebe und Krieg sind Antipoden. Deshalb dieser furchtbar bindende Vertrag; deshalb die Klage über Diesen furchtbaren Beruf (IV,5). Der Poet will, echt klassisch, das Los des Menschen auf der Erde zeigen: insofern als Johanna sich ihre Idylle hat stören lassen durch die Geräusche des Krieges - genauer: insofern als sie die Aufforderung er­kannte, die in dem englischen Angriff lag: nicht in der Idylle abgekapselt zu leben, konnte sie nur noch die Notwendigkeit, die der Krieg mit sich bringt, erfüllen. Für Liebe im emphatischen Sinn ist da kein Platz.

Das ist auch nicht der Eintritt des Ewigen in die Welt, wie B. v. Wiese die Erweckung der Johanna interpretiert.[21] Es ist die Ergreifung einer primär politischen Aufgabe - wie im Demetrius. Eine Aufgabe, die zwar das Recht auf ihrer Seite hat: es geht um die Abwehr des ungerech­ten Angriffs der Engländer auf Frankreich, die aber nicht verhindern kann, daß die Realisierung dieses Rechts mit großem Leid verbunden ist. Hier ist nichts Göttliches[22] ; Ewiges vielleicht, wenn man darunter Geschichtli­ches versteht und bereit ist zu vermuten, daß der Kampf der Menschen un­tereinander, der Nationen gegeneinander nie wird versöhnend zu schlichten sein. Schiller poetisiert, am historischen Fall verfremdet, stilisiert, doch richtigkeitsscharf (Broch, Tod des Vergil)[23] Geschichte, deren bislang transepochale Strukturen. Im Allgemeinen formuliert: das Stück zeigt (u.a.): die Deformation des Menschen in der Welt und daß diese Deformation selbstverschuldet ist, d.h. wechselseitig, von Menschen einander zugefügt. Argumentiert wird damit vom Poeten gegen die Behauptung vom Spielfeld überirdischer Mächte.[24]

In einer der letzten ausführlichen Interpretationen des Dramas versucht Gerhard Kaiser, Johannas Sendung zu bestimmen. Das Problem läßt sich an Kaisers Kritik der Forschung aufzeigen. Kaiser zitiert aus dem Kommen­tar von Bellermann, das Liebesverbot an Johanna sei ganz und gar auf natürlicher Grundlage erwachsen, denn Johanna könne unmöglich die Krie­gerin des höchsten Gottes sein, also Kraft und Geist vom Wirbel bis zur Zehe, und zugleich Lebendes Weib, also schwach und hingebend, aber die­se natürliche, psychologische Folgerung setzt ja die Unnatur des an sie ergangenen Auftrags voraus[25]. Allerdings und mit hohem Recht: was nicht nur an der Oberfläche des Textes selbst belegbar ist, etwa wenn Jo­hanna vom furchtbar bindenden Vertrag spricht (V. 1600). Die Sendung wird nicht nur von den Mithandelnden (Vater Ribaut, Heer) als unnormal erlebt, sie hat auch in objektiver Betrachtung in sich selbst ihr Gegenteil: indem Johanna ein durchaus richtiges Ziel realisieren will: des Vaterlandes Freiheit vor dem Zugriff der Engländer retten, muß sie Mittel gebrauchen: den erbarmungslosen Krieg, die selbst nicht richtig sein können. Der er­wünschte Friede soll durch sein Gegenteil: den Kampf, hergestellt werden. Das ist ein wirklich tragisches Moment in dem Stück (nicht umsonst geht Kaiser auf diesen Teil des Untertitels: eine romantische Tragödie, nicht ein). Die Schwierigkeiten der Deuter mit der Sendung resultieren mit daraus, daß die einen den Auftrag in sich selbst und ganz für gut halten, die anderen für schlecht. Eine solche einschrittige Argumentation kann die komplexe, tragische Struktur nicht erfassen. Gerade die Verbindung von, abstrakt gesagt, Richtigem und Falschem, konkret: die Verbindung von nö­tigem Befreiungskampf gegen den angreifenden Feind und Tötungsgebot so­wie Liebesverbot macht die tragische Struktur. Der Klassiker, der prin­zipiell an der allseitigen mundanen Entfaltung menschlicher Möglichkeiten festhält, kann die Vertragsbedingungen nicht als emphatisch humane akzep­tieren[26]

Storz hat an einer Stelle der Sache nach das Problem verbalisiert, wenn er schreibt, von Johanna werde ein dem sittlichen Gebot widerspre­chende(r) Gehorsam gefordert.[27] Das Liebesverbot wie das Tötungsge­bot widersprechen mit Hegel der Moralität - nicht aber, so ließe sich das begrifflich klarmachen - der Sittlichkeit (als der Notwendigkeit der Selbst­behauptung, also der Geschichte). Unmoralisch wäre es, etwa von einem Vater, seiner Tochter die Heirat zu verbieten. Schiller argumentiert aber nicht in dieser individuellen, subjektiven Dimension allein; es geht ihm um das Objektive, Allgemeine, Politisch-Gesellschaftlich-Staatliche, wobei das Spezifische des Stückes - wie in fast aller tragischen Poesie - darin be­steht, daß die Kollision des Einzelnen mit dem Ganzen, das sich seinen persönlichen Bedürfnissen widersetzt, gestaltet ist.

Was Johanna aufgegeben ist: die Forderung ihres Tages: den Angriff der Engländer abzuwehren - auch dies steht in der klassischen poetischen Theorie nur für jeden Widerstand, mit dem das Subjekt sich herumschlagen muß - ist nur zu lösen, we1ih sie sich nicht als Mensch in der Idee im emphatischen Sinn realisiert. Sie muß sich vereinseitigen (poetisch: darf nicht lieben), sie muß falsch handeln (darf nicht begnadigen, muß töten), eben anders: sie ist unmoralisch, weil sie sittlich ist, das Allgemeine gegen partiale Interessen rettet.

Dieses proton pseudos, die tragische Strukturierung der Sendung nicht ernst zu nehmen, führt zu einseitigen, in sich dann falschen Folge­rungen. Gesprochen wird, in Anlehnung an Ides mythologisierende Deutung[28] davon, daß die Jungfrau den die Geschichte und sich selbst vollen­denden Menschen darstelle[29], daß hier die Vollendung erreicht sei[30]. Kaiser muß, um seine These halten zu können, viel postulieren, was nicht belegt (belegbar) ist, so etwa die Behauptung, romantisch (aus dem Untertitel des Stückes) meine bei Schiller die Überführung des Ideals ins Leben[31] Wo fände die bei dem Klassiker statt?

Das Ideal tritt nicht ins Leben ein; es leuchtet dem Handeln voran, steht als Sollen auf der Fahne, die der Geschichte vorausgetragen wird. So gibt es auch keinen Weg Johannas in die Vollendung[32], der aus Arkadien nach Elysium durch die Geschichte hindurch führte.[33] Was Kaiser in Anlehnung an W. Liede, H. Rüdiger u.a. übernimmt, ist die drei­stufige Auffassung von Geschichte, die aus ursprünglicher, arkadischer, aber noch nicht voll entwickelter Einheit über die Entzweiung in der realen Ge­schichte zu einem elysischen, voll harmonischen Endzustand gelangt. Dieses idyllische Elysium hat Schiller nicht in der Jungfrau entworfen. Deshalb sind Formulierungen wie: es gehe nicht (um) arkadische Suspension von der Geschichte und nicht (um) spielerische Ausgrenzung, sondern (um) Er­füllung der Geschichte in Elysium zu allgemein[34] ; sie gehen am Text vorbei, weil sie eine schnell gefundene dreiphasige Geschichtsphilosophie auf die Dichtung applizieren und damit deren spezifische Strukturierung verdecken.

Kaiser konnte wissen, daß Schiller selbst einen seiner frühen Inter­preten warnte; er schreibt an den Rezensenten Schütz am 22 Jan. 1802: Aber ein poetisches Werk muß, insofern es, auch nur in hypothesi, ein selbstorganisches Ganzes ist, aus sich selbst heraus, und nicht aus allge­meinen, und eben darum hohlen Formen beurteilt werden.[35]

(3)Zum ersten Aufzug

Gegenüber der Bedeutungsfülle des Prologs bedeuten die ersten Szenen des ersten Aktes eine Retardation. Sie schildern das Hoflager des Königs, dessen desolaten Zustand. Ihre dramentechnische Funktion ist damit deut­lich: um so gewaltiger erscheint, was Johanna zur Salvierung dieser Ver­häitnisse leistet.[36] Ihre poetische Dignität gewinnen sie nicht zuletzt durch eine Reihe von Nebenmotiven, welche die große Meisterschaft des späten Schiller in der Textverfertigung zeigen; so etwa die Charakteri­sierung der Dichtung (V. 476 ff. Edle Sänger dürfen nicht ungeehrt von meinem Hofe ziehn):

Drum soll der Sänger mit dem König gehen,

Sie beide wohnen auf der Menschheit Höhen!

Auch dies ist, ähnlich wie die Leibeigenen-Stelle (V. 394), eine un­mittelbar politisch relevante Anspielung; die erzieherische Intention der Klassiker, ihr humanistisches Programm, wird durch diesen Anspruch: die Aufwertung der Poesie, fundiert.

Ein anderes Thema, das immer wieder umkreist wird, und das die Forschung dazu brachte, in den Jungfrau-lnterpretationen von Arkadien und Elysium zu reden, ist der skizzenhafte Entwurf, eher die Andeutung einer anderen Welt:

Das ist ein Scherz, ein heitres Spiel, ein Fest,

Das er sich selbst und seinem Herzen gibt,

Sich eine schuldlos reine Welt zu gründen

In dieser rauh barbarschen Wirklichkeit (V. 512 ff.)

Oder:

Wir gehen in ein glückliches Land.

Da lacht ein milder nie bewölkter Himmel

Und leichtre Lüfte wehn, und sanftre Sitten

Empfangen uns, da wohnen die Gesänge

Und schöner blüht das Leben und die Liebe. (V. 907 ff )

Hierher gehört auch, was Johanna unvergleichlich am Ende der Schilde­rung ihrer Vision formuliert:

... als Königin

[...]


[1] Geist der Goethezeit, Bd. Il, S. 251.

[2] Ebd. S. 250.

[3] Ebd. S. 252f

[4] Ebd. S. 253.Wir wissen freilich heute, daß auch Korff von den braunen Barbaren nicht ganz unberührt war; trotzdem bleibt das Wort Kampf - wohlverstanden - weiterhin benutzbar; auch Karl Jaspers gebraucht es und schon di4e Römer wussten: vivere militare est.

[5] Ebd. S. 259.

[6] Storz, Jeanne dArc und Schiller. Eine Studie über das Verhältnis von Dichtung und Wirklichkeit, Freiburg 1947.

[7] Korff S. 260.

[8] Korff S. 259

[9] P. Bockmann, Schillers Geisteshaltung als Bedingung seines dramati­schen Schaffens, Dortmund 1925, bes. S. 82; W. Liepe, Schiller und die Kulturphilosophie des 18. Jahrhunderts, zuerst 1941, Neudruck in: W.L., Beiträge zur Literatur- und Geistesgeschichte, Neumünster 1963; G. Storz, Titel s. 6.), H. Rüdiger: Schiller und das Pastorale, in: Euphorion 53, 1959; G. Kaiser: Johannas Sendung. Eine These zu Schillers Jungfrau von Orleans, in JDSG X, 1966, S. 205-236.

[10] Das Motiv wird z.B. noch wiederholt in V.1611: und dieser Panzer deckt kein Herz und in V.1679: dieses Herz mit Unerbittlichkeit bewaffnest du.

[11] An dieser Helm-Episode läßt sich u.a. zeigen, warum Schiller das Epitheton romantisch in den Untertitel aufnahm: es weist auf die wunderbaren, phantastischen Momente des Stückes, dem es nicht um eine blanke Realistik geht, hin. Daß ein braun Bohemerweib (V.171) Bertrand den Helm aufdrängt, daß Johanna ihn für sich reklamiert, hat etwas Ungewöhnliches an sich.

[12] Symptomatisch für den Blickwinkel der bisherigen Jungfrau-Analy­sen ist die Tatsache, daß der Vers: Der König, der nie stirbt z.B. bei B. von Wiese, Schiller, 1959 und Kaiser (Titel A.9) zitiert wird, nicht aber der wesentliche, folgende von der Leibeigenschaft. Die Forderung nach geschichtlich fundierter Deutung ist im übrigen nicht vereinzelt. Schon B.v. Wiese meint bei einer Betrachtung des Storz­schen Buches Das Drama Fr. Schillers Frankfurt 1938, die allzu ungeschichtliche Analyse der Räuber müsse korrigiert werden, oder: eine mehr geschichtliche Betrachtungsweise (müsse) ihre Korrekturen an der Storzschen Deutung anbringen (B.v.W., Schiller-Forschung und Schiller-Deutung von 1937-1953, in: DVjs 27, t953, hier S. 462f.).

[13] Im Oktoberedikt von 1807; dem ersten Gesetz zur Bauernbefreiung (die persönlichen Verhältnisse der Landbewohner betreffend). Daß Schiller dies Motiv: Befreiung, emphatisch nahm, darf gar nicht betont wer­den. Schließlich endet der Tell pointiert mit solcher Erklärung.

[14] Ein solches Ernstnehmen freilich wäre nicht zu verwechseln mit einer Deutung, die auf Biegen und Brechen aus dem Text Politisches holt. Es geht hier weder um eine materialistische noch um eine ideologie­kritische oder sozialgeschichtliche Analyse: nur um den Versuch zu sagen, was das Schillersche Drama für sich ist und für uns sein könnte.

[15] Karl Augusts Äußerungen über die Jungfrau in K. Hase (Hrsg.), Literarischer Nachlaß der Frau Caroline von Wolzogen, Bd. 1,2. Aufl. Leipzig 1867, S. 437-442. Karl August befürchtet zunächst, daß Schil­lers Bearbeitung des Stoffes, zumal bei Personen, die das Voltaire­sche Poem fast auswendig wissen (438), nicht bestehen kann. Eine Lektüre des Stückes verändert seine Meinung: Schillers Mädchen von Orleans hat gewiß in seiner Art das schönste Ensemble, und poeti­sche Verdienste, wie sie selten anzutreffen sind, eine Wärme herrscht in diesem Poem, das auch denjenigen nicht kalt bleiben lasset, der nie christlicher Mythologie einen Geschmack abgewinnen konnte, und der nie ein Interesse an einer Person oder Heldin zu fassen vermoch­te, die durch nicht menschliche Inspiration zu dem wurde, was sie merkwürdig macht. Die betrübte deutsche Sprache ist in die schön­ste Melodie gezwungen, deren sie fähig ist. (438f.) Allerdings, er hofft, daß Schiller sich entschließen (möchte) sein schönes und uns so werthes Werk erst drucken zu lassen, ehe er es der Bühne einver­leiben ließ, bei dieser Gelegenheit könnte er noch einem oder dem andern Vers nachhelfen, einige Ausdrücke mildern (440), wobei er freilich wieder übersieht, daß der Druck das Werk nach der Praxis des 18. Jh.s für alle Bühnen frei machte, Schiller aber aus finanziellen Gründen darauf sehen mußte, noch vor der Publikation möglichst viel Aufführungsrechte an einzelne Bühnen zu verkaufen.

[16] Wie Schiller Geist in diesem Drama gebraucht, zeigt der Vers: ... in der zitternden Hand regiert / Das Schwert sich selbst, als wär es ein lebendger Geist. (V.1685f.) Oder, als Johanna die Hei­ratsangebote ablehnt, sagt Karl, ihre Hand fassend: Dich treibt des Geistes Stimme jetzt, es schweigt / Die Liebe in dem gotterfüllten Busen. (V. 2233f.) Die These der antiken Denkweise findet hier eine Verstärkung: der den Busen füllende Gott ist Ares.

[17] Schillers Werke, NA Bd. 9, S. 391.

[18] Ebd. S. 390

[19] Ebd. S. 397.

[20] Hier trifft die Literaturbetrachtung in der DDR Richtiges, wenn sie darauf hinweist, daß auch die Jungfrau die Affinität Schillerscher Schriften zu Befreiungsbewegungen belege; vgl. z.B. Geschichte der deutschen Literatur von den Anfängen bis zur Gegenwart, hrsg. v. H.-G. Thalheim ..., Bd. 7, Berlin 1978, S. 258.

[21] B. von Wiese, Schiller, Stuttgart 1959, S. 737

[22] Von Göttlichem läßt sich allenfalls im antik-griechischen Sinn reden (woran von Wiese aber hier nicht denkt): es ist die Notwendigkeit des Krieges, der Gott Ares, von dem Johanna ergriffen wird dieser Gott - und das macht das Tragische dieser romantischen Tragödie aus - gerät in (tödlichen) Konflikt mit der Göttin Aphrodite. Diese antike Fundierung wäre einer der letzten Interpretationen des Dramas entgegenzuhalten (A. Gutmann: Schillers Jungfrau von Orleans: Das Wunderbare und die Schuldfrage, in: Zeitschrift für deutsche Philolo­gie 88, 1969, 560-583). Die Verfasserin versucht eine Näherung an den Sinnkern, indem sie biblische Gegenstücke (S. 572) sucht, das Stück also, echt positivistisch vorgehend, in die Tradition biblischer Vorbilder (S. 576) rückt: Das schwer zu deutende in Schillers J. v. O. kann nämlich nur mit Hinblick auf biblische Vorbilder er­klärt werden. (S. 561). Dies kann doch nicht z.B. zur Lösung der Schuldfrage (S. 567) führen, daß man noch eine[!] Parallele zwi­schen Jesus und Johanna (S. 581) findet. Unerfindlich bleibt, wie die Hrsg. einer so angesehenen Fachzeitschrift den Druck solcher Parallelpositivismustheorien befördern können.

[23] Zürich 1958, S. 154; Broch betont hier die Erkenntnisaufgabe der Kunst, die dort vergessen sei, wo die Schönheit sich als Selbst­zweck vordrängt.

[24] H. Koopmann, Schiller Bd. Il, Stuttgart 21977, S. 66.

[25] Kaiser, Titel s. A. 9) S. 205, die zitierte Bellermann-Stelle in: Schillers Werke, Bd. V, Leipzig o. J., S. 7. B.v. Wiese spricht diese Deformation in einem, man darf wohl sagen, gestelzten Satz an, wenn er schreibt: Was die Gottheit hier dem Menschen zumutet, besteht in dem völligen Hinter-sich-lassen seiner naturhaft verstan­denen Menschheit (Schiller, Stuttgart 1959, S. 738). Im übrigen hat­te Bellermann schon betont, daß der Konflikt in dem Widerspruch der weiblichen Natur gegen die Strenge der göttlichen Forderung bestehe (SchillersWerke, Bd. 5, Leipzig o.J. S. 11). Wobei auch er nicht auf den naheliegenden Gedanken kommt, zu trennen zwischen dem, was die Protagonistin als göttliche Forderung erlebt und dem, was Sache ist. Zumindest ist bei den Denkern das Göttliche immer ein Christlichgöttliches.

[26] Allenfalls ist Johanna als erhabene Heroine zu beschreiben, die im Sinne der theoretischen Äußerungen des Poeten den physischen Wider­stand als notwendig erlebt und freiwillig sich unterwirft (wie die Formulierung in der Schrift Über das Erhabene heißt). Sie trainiert ihre moralische Kultur und übt Resignation in die Notwendigkeit. Allerdings täte man gut daran, eine blanke Applikation der theore­tischen Schriften auf die poetischen zu vermeiden: denn die Poesie vermag als Problematisierung dessen, was die Theorie selbstbewußt behauptet, begriffen zu werden.

[27] G. Storz: Der Dichter Friedrich Schiller, Stuttgart 1959, S. 363.

[28] Ide (Zur Problematik der Schiller-lnterpretation. Überlegungen zur Jungfrau von Orleans, in: Jb. der Wittheit zu Bremen 8, 1964) spricht im Hinblick auf die Jungfrau vom Inbild des menschlichen Selbst, von der Verwandlung der Persönlichkeit ins Zentrum des personalen Selbst. Was heißt das? Nicht umsonst gehört Ide zu den Gründern des Bremer Kollektivs, die Literaturgeschichte von einem materialistischen Standpunkt aus behandeln wollen. Solche Formulie­rungen sind in sich so schwach, daß der Prozeß, den die Sache gegen ihre falsche Erfassung führt, sie ins Wanken bringen muß.

[29] Kaiser, Titel A. 9), S. 207.

[30] Ebd. S. 208.

[31] Ebd. S. 210.

[32] Ebd.

[33] Ebd. S. 213.

[34] Ebd. S. 214.

[35] Kritisch zu Gerhard Kaiser auch W. Müller-Seidel: Man gewinnt den Eindruck, als sei G.K. vordringlich an Idylle, übertragischer Versöh­nung und Vergötterung interessiert - auf Kosten einer Tragik, deren Unbedingtheit es doch erst einmal sichtbar zu machen gilt. (JDSG 20, 1976, S. 343, A.24).

[36] Auf diese dramenökonomische Funktion weist F. Martini hin (Schillers Abschiedsszenen, zuerst 1973 in der Fs.G. Storz, jetzt: F.M., Geschich­te im Drama - Drama in der Geschichte, Stuttgart 1979, S. 251).

Details

Seiten
23
Jahr
1985
ISBN (eBook)
9783656092407
ISBN (Buch)
9783656092537
Dateigröße
549 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v184436
Institution / Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen
Note
sehr gut
Schlagworte
jungfrau orleans eine tragödie muster askese

Autor

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Titel: Die Jungfrau von Orleans - Eine romantische Tragödie (1802)