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Das pädagogische Konzept der bewegten Schule

Modifikation für Berufsschule und Betrieb einschließlich der Entwicklung von Leitfäden

Diplomarbeit 2010 110 Seiten

Didaktik - Sport, Sportpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Das Konzept der bewegten Schule - Modifikation für Berufsschule und Betrieb
2.1 Das Konzept der bewegten Schule an allgemeinbildenden Schulen
2.2 Das Konzept der bewegten Schule an berufsbildenden Schulen
2.2.1 Grundlagen
2.2.2 Das Konzept der bewegten Berufsschule
2.2.3 Die aktuelle Situation von Sport und Bewegung in berufsbildenden Schulen
2.3 Das Konzept der bewegten Schule - übertragen auf den Betrieb
2.3.1 Grundlagen
2.3.2 Das Konzept des bewegten Betriebes
2.3.3 Die aktuelle Situation von Sport und Bewegung in Betrieben

3 Zielgruppenanalyse
3.1 Berufsschüler
3.1.1 Spätes Jugendalter
3.1.2 Frühes Erwachsenenalter
3.2 Arbeitnehmer
3.2.1 Mittleres Erwachsenenalter
3.2.2 Späteres Erwachsenenalter

4 Entwicklung von Leitfäden für Berufsschule und Betrieb
4.1 Die bewegte Berufsschule - Leitfaden zur Legitimation
4.1.1 Unterstützung bei der Aneignung beruflicher Handlungskompetenz
4.1.2 Steigerung des psychischen Wohlbefindens
4.1.3 Förderung der persönlichen Gesundheitskompetenz
4.1.4 Verbesserung des Schulimages
4.2 Die bewegte Berufsschule - Leitfaden zur praktischen Umsetzung
4.2.1 Bewegter Unterricht
4.2.2 Bewegte Pause
4.2.3 Bewegtes Schulleben
4.2.4 Bewegte Freizeit/Bewegte Arbeitszeit
4.3 Der bewegte Betrieb - Leitfaden zur Legitimation
4.3.1 Reduktion von Fehlzeiten
4.3.2 Vorbeugen und Reduzieren arbeitsbedingter körperlicher Belastungen
4.3.3 Vorbeugen und Reduzieren arbeitsbedingter psychischer Belastungen
4.3.4 Produktivitätssteigerung
4.3.5 Motivationssteigerung
4.3.6 Verbesserungen auf sozialer Ebene
4.3.7 Aufbau einer persönlichen Gesundheitskompetenz
4.3.8 Imageverbesserung des Unternehmens
4.4 Der bewegte Betrieb - Leitfaden zur praktischen Umsetzung
4.4.1 Bewegter Arbeitsplatz
4.4.2 Bewegte Pause/Bewegter Arbeitsweg
4.4.3 Bewegtes Arbeitsleben
4.4.4 Bewegte Freizeit

5 Ausblick

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1 - Übersicht über die Leitfäden

Abbildung 2 - Das Konzept der bewegten Schule

Abbildung 3 - Beziehung zwischen Bewegungserziehung und Schulsport

Abbildung 4 - Verteilung der Neuzugänge des beruflichen Ausbildungssystems 2006

Abbildung 5 - Das Konzept der bewegten Berufsschule nach See (2007)

Abbildung 6 - Das Konzept des bewegten Betriebes

Abbildung 7 - Übersicht über die Leitfäden

Abbildung 8 - Einführung der Leitfäden für die Berufsschüler

Abbildung 9 - Dimensionen beruflicher Handlungskompetenz

Abbildung 10 - Arten von Fehlzeiten und ihre Ursachen

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1 - Bildungsteilnehmer nach Altersgruppen 2005/2006

Tabelle 2 - Probleme bei der Erfüllung des Stundensolls

Tabelle 3 - Ort der am häufigsten genutzten Sportstätte

Tabelle 4 - Unterrichtsbeispiele für bewegtes Lernen

Tabelle 5 - Analyse der Beanspruchungen Bürokaufmann/Bürokauffrau

Anhänge

Anhang A - Die bewegte Berufsschule - Leitfaden zur Legitimation

Anhang B - Die bewegte Berufsschule - Leitfaden zur praktischen Umsetzung

Anhang C - Der bewegte Betrieb - Leitfaden zur Legitimation

Anhang D - Der bewegte Betrieb - Leitfaden zur praktischen Umsetzung

1 Einleitung

„ Einen gesunden Lebensstil ohne ausreichende Bewegung gibt es nicht. Mehr Bewegung ist der Schlüssel für mehr Lebensqualität - in jedem Alter."

(Ulla Schmidt, 2007)

Diese Aussage der damaligen Bundesgesundheitsministerin ist Ausdruck der grundlegenden Erkenntnis, dass der menschliche Körper auf Grund seiner evolutionsbedingten Konstitution dafür geschaffen ist, sich viel zu bewegen. Er braucht diese Bewegung, und wenn er sie nicht bekommt, neigt er dazu, krank zu werden. Übergewicht, Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, chronische Rückenbeschwerden - dies alles sind zivilisationsbegleitende Krankheiten, die neben einer unausgewogenen Ernährung vor allem Bewegungsmangel als Ursache haben.

Um diesen Gefahren entgegenzusteuern, rief das Bundesministerium für Gesundheit im Juni 2008 den nationalen Aktionsplan IN FORM ins Leben, „Deutschlands Initiative für gesunde Ernährung und mehr Bewegung“. Mit seiner Hilfe soll erreicht werden, „dass Kinder gesünder aufwachsen, Erwachsene gesünder leben und dass alle von einer höheren Lebensqualität und einer gesteigerten Leistungsfähigkeit profitieren“ (Bundesministerium für Gesundheit, 2008, S. 14). Ein pädagogisches Konzept, das schon lange vorher existierte und sich ideal für die Realisierung dieser Ziele der Bundesregierung eignet, ist das Konzept der bewegten Schule der Universität Leipzig. Anliegen dieses Konzeptes ist es, Schulen bewegungsfreundlicher und das Lernen sowie das Schulleben der Schüler bewegter zu gestalten. Während das Konzept im Grundschulbereich bereits erfolgreich erprobt und ausgeformt ist, befassen sich die aktuellen Forschungsarbeiten der Universität Leipzig und der TU Dresden damit, das Konzept auf weiterführende Schulen zu übertragen.

Gilt die Aufmerksamkeit dort bisher vornehmlich den Mittelschulen und Gymnasien, liegt der erste Schwerpunkt der vorliegenden Arbeit auf der Betrachtung der berufsbildenden Schulen. Als Ausgangspunkt dient dabei das Konzept der bewegten Berufsschule nach See (2007), der das bestehende Konzept der bewegten Schule nach Müller (2006) auf die veränderten Rahmenbedingungen berufsbildender Schulen angepasst hat.

Es zeigt sich, dass die Situation des Sports an berufsbildenden Schulen unter besonderen Mängeln bezüglich Lehrplangestaltung, Ausstattung mit Sportstätten usw. leidet, was insgesamt Ausdruck einer geringen Wertschätzung des Faches Sport ist. Ein Grund hierfür sind die Zweifel der Unternehmen am wirtschaftlichen Nutzen des Sportunterrichts. Sport und Bewegung sei „Aufgabe der Vereine“ (Lutter, zitiert in Klausien, 2008, S. 20) und solle die arbeitsrelevanten Inhalte der Berufsschule nicht verdrängen. Diese Auffassung korrespondiert mit dem im europäischen Vergleich geringen Ansehen, den das eigene Gesundheitsmanagement in den deutschen Betrieben bei den Verantwortlichen genießt. Die diesbezüglichen Umfrageergebnisse im Jahre 2008 veranlassten die Gesundheitsmanagementexperten von Skolamed, Deutschland in diesem Bereich als „Entwicklungsland“ einzustufen. (Skolamed GmbH, 2008, S. 1).

An dieser Stelle setzt der zweite Schwerpunkt der vorliegenden Arbeit an, denn natürlich muss genügend Bewegung auch über die Schulzeit hinaus in allen Lebensbereichen fest verankert werden. Besondere Bedeutung kommt in diesem Zusammenhang dem Bereich der Arbeitswelt zu, denn dort verbringen Erwachsene einen Großteil ihrer Lebenszeit (Bundesministerium für Gesundheit, 2009). Durch die Anpassung an die Belange der Betriebe wird das Potential, das im ganzheitlichen Konzept der bewegten Schule steckt, über die berufsbildenden Schulen hinaus als Konzept des bewegten Betriebes auch für den Arbeitsalltag nutzbar gemacht.

Dabei besteht Grund zu der Hoffnung, dass sich die bewegte Berufsschule und der bewegte Betrieb gegenseitig stützen, indem

- die Berufsschüler ihre positiven Erfahrungen aus der Schule in den Betrieb übertragen
- die Betriebe ihre Vorbehalte gegenüber dem Sportunterricht an berufsbildenden Schulen aufgeben

Die auffallende Diskrepanz zwischen der theoretischen Erkenntnis über die große Bedeutung von Sport und Bewegung einerseits und ihrem geringen Stellenwert in der Praxis der Berufsschulen und Betriebe andererseits deutet auf ein massives Vermittlungsdefizit hin. Die große Herausforderung besteht also darin, alle Beteiligten, von den Verantwortlichen für den Sportstättenbau und die Lehrplangestaltung über das Lehrpersonal bis hin zum 15jährigen Berufsschüler und seinem betrieblichen Betreuer im dualen Ausbildungssystem vom Sinn und Nutzen von Sport und Bewegung in Berufsschule und Betrieb zu überzeugen.

Bei dieser Überzeugungsarbeit können die Konzepte der bewegten Berufsschule und des bewegten Betriebes mit ihrem ganzheitlichen Ansatz einen wertvollen Beitrag leisten. Es gibt sowohl für die Berufsschule als auch für die Betriebe neben einer Reihe weiterer Argumente jeweils einen spezifischen gewichtigen Grund für ihre Realisierung:

- Die bewegte Berufsschule leistet einen entscheidenden Beitrag bei der Vermittlung der be- ruflichen Handlungskompetenz, die ein zentrales Bildungsziel der Berufsschule darstellt.
- Der bewegte Betrieb hilft auf vielfältige Weise, die Fehlzeiten zu reduzieren und somit den wirtschaftlichen Erfolg der Unternehmen zu erhöhen.

Der Frage, wie es gelingen kann, die vielfältigen und ohne Zweifel überzeugenden Gründe für die praktische Umsetzung der Konzepte der bewegten Berufsschule und des bewegten Betriebes möglichst vielen Beteiligten nahezubringen, widmet sich der dritte Schwerpunkt der vorliegenden Arbeit. Zu diesem Zweck werden für die Berufsschule und für den Betrieb jeweils zwei Leitfäden entwickelt, die die beiden Konzepte argumentativ legitimieren und Anregungen zu ihrer praktischen Realisierung liefern (siehe Abbildung 1). Dabei fiel die Wahl auf die Verwendung von Leitfäden, weil sie optisch ansprechend, übersichtlich, kompakt, informativ und kostengünstig im Druck sind, wodurch sie sich besonders eignen, um in größerer Anzahl vervielfältigt und in Berufsschule und Betrieb eingeführt zu werden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1 - Übersicht über die Leitfäden

Die einzelnen Leitfäden haben unterschiedliche Adressatengruppen, richten sich aber insgesamt an alle internen und externen Beteiligten in Berufsschule und Betrieb. Dabei ist es das erklärte Ziel, diese Personengruppen von den Konzepten der bewegten Berufsschule und dem bewegten Betrieb zu überzeugen und auf diese Weise einen Beitrag für mehr Bewegung und Sport im schulischen und beruflichen Alltag zu leisten.

2 Das Konzept der bewegten Schule - Modifikation für Berufsschule und Betrieb

„ Das rationellste Mittel zur Bekämpfung der Haltungsschäden der Schüler wäre offensichtlich, ihre Arbeit zuändern, so dass sie nicht mehr gezwungen wären, mehrere Stunden am Tag in einer schädlichen Haltung zu bleiben."

(Montessori 1911, zitiert in Greier, 2007, S. 40)

Diese vor knapp 100 Jahren von Maria Montessori geäußerte Kritik an der „Stillsitzschule“ und der daraus resultierende Gedanke, Schulen bewegt zu gestalten, ist noch immer Gegenstand gegenwärtiger pädagogischer Diskussionen, unter anderem in der Sportwissenschaft. Im Vordergrund steht dabei die Frage, wie die durch Bewegungsmangel entstandenen Risiken vermindert und die vielfältigen Chancen durch mehr Bewegung in Schulen realisiert werden können. Eine Antwort hierauf gibt das Konzept der bewegten Schule, das seit Mitte der 90er Jahre „ das Thema sportpädagogischen Denkens und Handelns ist“ (Regensburger Projektgruppe, 2001, S. 12). Wenn die verschiedenen Ansätze und Beiträge zu diesem Thema auch im Detail voneinander abweichen, verfolgen sie alle das gemeinsame Ziel, „mehr Bewegung in die Schule zu bringen, die Schule als Bewegungsraum in den Blick zu nehmen und das gesamte Schulleben bewegter zu gestalten“ (Regensburger Projektgruppe, 2001, S. 12).

War die Verwirklichung dieses Zieles bislang nur für allgemeinbildende Schulen angedacht, sollen im Folgenden Möglichkeiten aufgezeigt werden, wie das Konzept durch Modifikationen an berufsbildenden Schulen und darüber hinaus an Betrieben realisierbar ist.

2.1 Das Konzept der bewegten Schule an allgemeinbildenden Schulen

Grundlage dieser Arbeit bildet das pädagogische Konzept der bewegten Schule nach Müller & Petzold (2006). Ausgehend von der Erkenntnis, dass „Bewegung für die umfassende Entwicklung von Kindern und Jugendlichen von sehr großer Bedeutung ist“ (Müller & Petzold 2006, S. 23), verfolgt dieses Konzept das Ziel, Schulen bewegungsfreundlicher und das Lernen sowie das Schulleben der Schüler bewegter zu gestalten. Basierend auf der Annahme, dass Bewegungen erlernt werden müssen (Grupe & Mieth, 1998, S.67), ergibt sich die Notwendigkeit der Erziehung zur Bewegung, in der die Heranwachsenden lernen sollen, „die Welt über Bewegung zu erfahren und zu gestalten“ (Müller & Petzold, 2006, S. 14). Bewegungserziehung ist somit unter anderem eine wichtige Aufgabe der Schule.

Das Modell der bewegten Schule nach Müller und Petzold lässt sich nach inhaltlich- organisatorischen Gesichtspunkten in die drei Bereiche bewegter Unterricht, bewegte Pause und bewegtes Schulleben untergliedern, welche miteinander in Verbindung stehen und einen wechselseitigen Bezug zur bewegten Freizeit aufweisen (siehe Abbildung 2). Im bewegten Unterricht finden eine Entwicklungsförderung und eine Lernunterstützung durch bewegungs- orientierte Erfahrungsmöglichkeiten statt, die durch spielerische Bewegungsaktivitäten in der bewegten Pause und das Gestalten und Erleben von Bewegungssituationen im bewegten Schulleben ergänzt werden. Fundament des Modells und somit Grundlage für eine bewegte Schule ist ein qualitativ hochwertiger Schulsport, der durch fachlich qualifizierte Pädagogen in möglichst drei Einzelstunden pro Woche erteilt werden soll (Müller & Petzold, 2006, S. 34).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2 - Das Konzept der bewegten Schule (Müller & Petzold, 2006, S. 33)

Ein Schwerpunkt des sächsischen Modells der bewegten Schule ist, dass es „explizit ein Gegenüber von Bewegungserziehung und Schulsport begründet“ (Laging, 2006, S. 7). Bewegungserziehung und Sportunterricht müssen dabei ein „sinnvolles Miteinander bei durchaus Eigenständigkeit in den Zielen, Inhalten und Methoden bilden“ (Müller & Petzold, 2006, S. 34) und dürfen nicht konkurrieren. So können einerseits die Inhalte der Bewegungserziehung den Sportunterricht ergänzen und erweitern und andererseits der Sportunterricht vielfältige Impulse für die einzelnen Bereiche der Bewegungserziehung liefern. Eine gesonderte Stellung nimmt das bewegte Schulleben ein, da es Aktivitäten der Bewegungserziehung und des Schulsports integriert (siehe Abbildung 3).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3 - Beziehung zwischen Bewegungserziehung und Schulsport (Müller & Petzold, 2006, S. 34)

Während das pädagogische Konzept der bewegten Schule für den Grundschulbereich bereits entwickelt und erprobt ist und sich nachweislich positiv auf die Entwicklung der Kinder auswirkt (vgl. Müller, 2003), befassen sich die aktuellen Forschungsarbeiten der Universität Leipzig und der TU Dresden damit, das Konzept in Mittelschulen und Gymnasien einzuführen und dauerhaft zu etablieren. Anlass der Ausweitung des Konzeptes über die Grundschulen hinaus war die Überlegung, dass die vielfältigen Gründe und Argumente für mehr Bewegung selbstverständlich auch in weiterführenden Schulen Gültigkeit haben. Dabei wurde allerdings mit den allgemeinbildenden Schulen bislang lediglich ein Teil der weiterführenden Schulen in Betracht gezogen. Dem Bereich der berufsbildenden Schulen wurde in diesem Zusammenhang wenig Beachtung geschenkt, obgleich der Gedanke, mehr Bewegungsaktivitäten in die Berufsschule zu integrieren, nicht weniger überzeugend erscheint. Diese Ausweitung des Konzeptes der bewegten Schule auf den berufsbildenden Bereich wird im Folgenden vorgenommen.

2.2 Das Konzept der bewegten Schule an berufsbildenden Schulen

2.2.1 Grundlagen

Vergleicht man die Anzahl der Schüler allgemeinbildender Bildungsgänge mit denen der beruflichen Bildungsgänge, so wird deutlich, dass den berufsbildenden Schulen in der Altersgruppe vom 16. bis zum 25. Lebensjahr zahlenmäßig eine wesentliche Bedeutung zukommt (siehe Tabelle 1). Daraus ergibt sich, dass eine Ausweitung des Konzeptes der bewegten Schule auf den Bereich der berufsbildenden Schulen bei einer Zielgruppe von gut 2,4 Millionen Schülern mit einem enormen Potential verbunden ist.

Tabelle 1 - Bildungsteilnehmer nach Altersgruppen 2005/2006 (Autorengruppe Bildungsberichtserstattung 2008, S. 230)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Will man dieses Potential ausschöpfen, muss das bestehende Konzept der bewegten Schule modifiziert und auf die Besonderheiten der berufsbildenden Schulen angepasst werden. Hierzu ist zunächst eine Analyse der institutionellen Rahmenbedingungen berufsbildender Schulen erforderlich, die sich insbesondere durch die im Vergleich zum allgemeinbildenden Schulsystem große Heterogenität der Organisationsstrukturen auszeichnen.

Grundsätzlich ist der Aufbau der berufsbildenden Schulen durch die Aufteilung in drei Sektoren gekennzeichnet, die sich nach Bildungsziel und rechtlichem Status der Schülerinnen und Schüler unterscheiden. Im dualen System und im Schulberufssystem werden hauptsächlich Bildungsgänge durchgeführt, die einen qualifizierenden beruflichen Abschluss vermitteln. Dem Ü bergangssystem hingegen werden Maßnahmen außerschulischer Träger und schulische Bildungsgänge zugeordnet, die keinen qualifizierenden Berufsabschluss anbieten. Hierzu gehören unter anderem teilqualifizierende Angebote, die auf eine anschließende Ausbildung als erstes Jahr angerechnet werden können oder Voraussetzung zur Aufnahme einer vollqualifizierenden Ausbildung sind (Autorengruppe Bildungsberichtserstattung, 2008, S. 99). Abbildung 4 liefert einen Überblick über die Verteilung der Schüler auf die drei Sektoren berufsbildender Schulen im Jahr 2006.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4 - Verteilung der Neuzugänge auf die drei Sektoren des beruflichen Ausbildungssystems 2006 (Autorengruppe Bildungsberichtserstattung, 2008, S. 275)

Ein wesentlicher Aspekt für die Modifikation des Konzeptes der bewegten Schule für die berufsbildenden Schulen ist die Unterscheidung zwischen vollzeitschulischer und teilzeitschulischer Berufsausbildung. Während die Schulen des Schulberufssystems und des Ü bergangssystems das ganze Schuljahr über täglich besucht werden und somit eine große organisatorische Ähnlichkeit zu allgemeinbildenden Schulen aufweisen, findet der Unterricht im dualen System berufsbegleitend und daher lediglich ein- bis zweimal pro Woche oder in Form eines mehrwöchigen Blocks statt. Ergänzt wird dieser theoretische Teil der dualen Berufsausbildung durch den praktischen Teil, der im Betrieb, also außerhalb der Institution Schule erfolgt. Charakteristisch für die duale Berufsausbildung ist demnach die partnerschaftliche Verteilung der theoretischen und praktischen Berufsausbildungsaufträge auf eine staatlich getragene Berufsschule einerseits und einen privatwirtschaftlich organisierten Betrieb andererseits. Dem Lernort Betrieb kann und muss dabei die tragende Rolle beigemessen werden, da auf ihn etwa drei Viertel der Ausbildungszeit entfallen (Greinert zitiert in Klausien, 2008, S.12).

Abbildung 4 zeigt, dass der Sektor der dualen Berufsausbildung im Jahr 2006 mit einer Anzahl von über 550.000 Schülern die meisten zu verzeichnen hat. Dass die Schüler der dualen Berufsausbildung einen Großteil ihrer schulfreien Zeit im Betrieb verbringen, sah See (2007) als Hauptanlass, das bestehende Konzept der bewegten Schule dementsprechend abzuwandeln.

2.2.2 Das Konzept der bewegten Berufsschule

In Anlehnung an das Konzept der bewegten Schule nach Müller & Petzold (2006), das sich ausschließlich auf allgemeinbildende Schulen bezieht, hat See (2007) eine Modifikation des Konzeptes vorgestellt, die auf die speziellen Bedingungen der berufsbildenden Schulen eingeht. Er nennt es das Konzept der bewegten Berufsschule, betrachtet aber über die Berufsschule im engeren Sinne hinaus alle Formen der berufsbildenden Schulen. Dabei werden neben der vollzeitschulischen Ausbildung auch die Besonderheiten der dualen Berufsausbildung berücksichtigt, indem er die betriebliche Seite der dualen Berufsausbildung in sein Modell integriert. See liefert die Erkenntnis, dass die einzelnen Bereiche der bewegten Schule um den Bereich der bewegten Arbeitszeit ergänzt werden müssen, wenn das Konzept erfolgreich auf berufsbildende Schulen übertragen werden soll (siehe Abbildung 5). Seine Modifikation wird somit sowohl den vollzeitschulischen Sektoren des Schulberufssystems und des Übergangssystems als auch dem teilzeitschulischen Sektor des dualen Systems gerecht.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 5 - Das Konzept der bewegten Berufsschule nach See (2007, S. 61)

Die nähere Betrachtung und Ausgestaltung der einzelnen Teilbereiche der bewegten Berufsschule erfolgt im Zusammenhang mit der Erstellung des Leitfadens zur praktischen Umsetzung des Konzeptes der bewegten Berufsschule in Kapitel 4.2.

2.2.3 Die aktuelle Situation von Sport und Bewegung in berufsbildenden Schulen

Das Fundament des Konzeptes der bewegten Schule besteht sowohl in den allgemeinbildenden als auch in den berufsbildenden Schulen aus einem qualitativ hochwertigen und umfangreichen Schulsport. Betrachtet man die Situation von Sport und Bewegung in berufsbildenden Schulen, muss daher in erster Linie der Schulsport in den Fokus gerückt werden.

Der Lehrplan

Die gegenwärtig gültigen Rahmenpläne des Faches Sport an berufsbildenden Schulen der verschiedenen Länder sind inhaltlich weitestgehend modernisiert und berücksichtigen die aktuelle didaktische und bildungspolitische Diskussion (Kultusministerkonferenz, 2004, S. 2). Die neuesten Pläne reflektieren somit deutlicher als bisher die Situation der Berufsschüler, indem die beruflichen Beanspruchungen und Belastungen fast durchgehend im Sportunterricht thematisiert und die Möglichkeiten der Gesundheitsförderung durch sportliche Aktivitäten betont werden. Dies führt teilweise sogar dazu, dass die Benennung des Faches Sport um den Zusatz „Gesundheitsförderung“ ergänzt wird (Kultusministerkonferenz, 2004, S. 2).

Aufgrund der oben genannten Heterogenität der berufsbezogenen Ausbildungsgänge unterscheiden sich deren Rahmenpläne bezogen auf die Anzahl an Sportstunden stark voneinander. Um ein aussagekräftiges Bild des Sportstundenumfangs an berufsbildenden Schulen darzustellen, muss an dieser Stelle erneut zwischen beruflichen Vollzeit- und Teilzeitschulen differenziert werden.

An den beruflichen Vollzeitschulen wird dem Fach Sport offiziell eine hohe Bedeutung beigemessen. So wird es beispielsweise im Lehrplan des Saarlandes als „integraler Bestandteil einer ganzheitlichen Bildung und Erziehung“ gesehen, der dabei einen „unaustauschbaren Beitrag zum Leitziel der allgemeinen und beruflichen Bildung leistet, indem die Schülerinnen und Schüler Handlungskompetenz für Sport, im Sport und durch Sport erwerben“ (Lehrplan Sport berufliche Vollzeitschulen Saarland, 2003, S. 2). In den beruflichen Vollzeitschulen erfährt der Sportunterricht daher „regelmäßige Berücksichtigung“ (Kultusministerkonferenz, 2004, S. 2) und ist mit meist zwei Wochenstunden zwar unter der von Müller & Petzold (2006) geforderten Anzahl von drei Wochenstunden, aber - zumindest formal - fester Bestandteil des Lehrplans.

Die Situation an den beruflichen Teilzeitschulen stellt sich weitaus schwieriger dar, da hier lediglich ein Viertel der Ausbildungszeit, also ca. anderthalb Tage pro Woche, auf den schulischen Teil entfällt. Das Fach Sport ist in Teilzeitschulen mit einem Umfang von einer Wochenstunde in der Regel zwar ebenfalls vorhanden, steht aber oftmals in Konkurrenz zu anderen allgemeinbildenden Fächern des Wahlpflichtbereichs, ist im Vergleich zum Sportunterricht der Vollzeitschulen sehr umstritten und wird somit nicht umsonst auch als „Stiefkind des Schulsports“ (Witzel, 1984) bezeichnet Erfüllung des Stundensolls Hinzu kommt, dass das ohnehin knapp bemessene Stundensoll des Sportunterrichts berufsbildender Schulen, insbesondere der Berufsschulen des dualen Systems, häufig nur unzureichend erfüllt wird. Untersuchungen zeigen, dass zwischen theoretischem Stundensoll auf der einen und tatsächlichen Unterrichtsstunden auf der anderen Seite eine hohe Diskrepanz besteht. Exemplarisch sei hier eine Studie über den Sportunterricht an beruflichen Schulen Nordhessens erwähnt, in der über 1000 Klassen beruflicher Teilzeit- und Vollzeitschulen auf die Erfüllung des Stundensolls untersucht wurden. Die Ergebnisse zeigen, dass in beruflichen Vollzeitschulen lediglich 76 Prozent der untersuchten Klassen den in der Stundentafel vorgesehenen Unterricht erhalten, während 93 Prozent (!) der Teilzeitschulklassen komplett auf den Sportunterricht verzichten müssen (Müller, 2002, S. 3 - 13).

Dieses Problem wird auch vom Deutschen Sportbund aufgegriffen, der in seinem Bericht zur Situation des Sportunterrichts in Deutschland (SPRINT Studie, 2005) unter anderem folgende Gründe für die Nichterfüllung des Stundensolls darstellt:

Tabelle 2 - Probleme bei der Erfüllung des Stundensolls in Prozent (Deutscher Sportbund 2005, S. 48)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Ergebnisse zeigen die Hauptgründe für Schwierigkeiten im Hinblick auf die Erfüllung des Stundensolls beim Sportunterricht in den verschiedenen Schulformen. Auf die Frage, wo diesbezüglich die größten Probleme der Berufsschulen bestehen, benannten 20,4 Prozent der Schulsportbeauftragen einen Mangel an geeigneten Sportstätten und 19,2 Prozent einen Mangel an Sportlehrern. Dass Sportstunden häufig zum Ausgleich vom Unterrichtsausfall anderer Fächer zweckentfremdet werden und nicht gesicherter Bestandteil des Curriculums sind, wurde mit 20,6 Prozent als häufigster Grund für die Nichterfüllung des Stundensolls an Berufsschulen genannt. Dies alles kann im Wesentlichen auf den geringen Stellenwert des Fachs Sport zurückgeführt werden, der im eklatanten Widerspruch zu der Bewertung in dem oben genannten Lehrplan des Saarlandes steht.

Mangel an geeigneten Sportstätten

Obwohl die grundlegende Bedeutung von Sportstätten für die Ausübung des Schulsports evident erscheint, wurde in der vom Deutschen Sportbund durchgeführten SPRINT-Studie festgestellt, dass Berufsschulen insgesamt nur unzureichend mit Sportstätten ausgestattet sind. Auffallend ist dabei, dass Berufsschulen bei der Nutzung von nicht überdachten Sportstätten unter dem Durchschnitt aller Schulformen liegen (Deutscher Sportbund 2005, S. 67). Anders stellt sich die Situation bei der Nutzung von Gymnastik- und Fitnessräumen dar. Über 22 Prozent aller Berufsschulen sind mit Gymnastikräumen und gut ein Drittel mit Fitnessräumen ausgestattet, was dem höchsten Wert aller Schularten entspricht und bezogen auf die gesundheitlich orientierte Zielsetzung der Rahmenpläne in Berufsschulen überaus sinnvoll ist. Unverständlich ist dagegen, dass 46 Prozent aller Berufsschulen nicht über Sportstätten für den Schwimmunterricht verfügen. Es könnte daher gut möglich sein, dass einige Schüler während ihrer gesamten Berufsschulzeit keine einzige Unterrichtsstunde im Schwimmen erhalten.

Die am häufigsten genutzten Sportstätten der Berufsschulen sind Dreifachhallen, von denen sich gut 44 Prozent nicht auf dem Schulgelände befinden, was bedeutet, dass in vielen Fällen auf Sportstätten angrenzender Schulen ausgewichen werden muss. Dies hat wiederum Zeitverluste zur Folge, die ebenfalls dazu führen, dass das ohnehin knapp bemessene Stundensoll des Sportunterrichts an Berufsschulen nicht eingehalten werden kann.

Tabelle 3 - Ort der am häufigsten genutzten Sportstätte in Prozent (Deutscher Sportbund, 2005, S. 57)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Trotz des überdurchschnittlichen Vorhandenseins von Gymnastik- und Fitnessräumen bleibt festzuhalten, dass die Verantwortlichen zu einem Umdenken und der damit verbundenen Einsicht geführt werden müssen, Sportstätten als festen Bestandteil der Schulentwicklung zu sehen. Eine Behebung des Sportstättenmangels würde den zeitlichen Umfang und die Wirksamkeit des Schulsports verbessern und zu einer positiveren Einstellung der Schüler führen.

Mangel an qualifiziertem Lehrpersonal

Da die Qualität des Schulsports in hohem Maße von der Qualifikation der Lehrkräfte abhängt, ist diese ein entscheidender Faktor für den Aufbau eines sportlichen Klimas an der Schule. Die Situation der Sportlehrkräfte ist in allen Sektoren der berufsbildenden Schulen bedenklich. Laut der SPRINT-Studie des Deutschen Sportbundes sind an Berufsschulen in über 19 Prozent fehlende Sportlehrkräfte Ursache für die Nichterfüllung des Stundensolls. Dieser Wert liegt mit Abstand über dem aller anderen Schulformen und spiegelt unter anderem die Ausbildungssituation der Lehrkräfte berufsbildender Schulen wider. War hierfür zum Zeitpunkt der vom Deutschen Sportbund durchgeführten Umfrage hauptsächlich die mangelnde Attraktivität des Lehrerberufs aufgrund der schlechten Reputation berufsbildender Schulen verantwortlich, werden zukünftig diesbezüglich noch erheblich größere Probleme auf die berufsbildenden Schulen zukommen:

Durch die Umstellung von Diplom- auf Bachelor- und Masterstudiengänge befinden sich die Lehramtsstudiengänge, die zum Unterrichten an berufsbildenden Schulen qualifizieren1, in einem unübersichtlichen Umbruchprozess, der die Qualität der Ausbildung maßgeblich beeinflusst. Fest vorgeschriebene Stundenpläne und begrenzte Wahlmöglichkeiten führen dazu, dass an den Universitäten bisher anerkannte nicht-wirtschaftliche Wahlpflichtfächer wie Sport entweder gar nicht mehr, oder in stark reduziertem Ausmaß gelehrt werden. Die langfristigen Folgen dieses Problems sind offensichtlich: Nicht genügend und schlechter ausgebildete Lehrkräfte im Wahlpflichtfach Sport bewirken mehr Unterrichtsausfälle und didaktisch-methodisch weniger guten Sportunterricht. Ziel muss es also sein, die Lücke zwischen Sportlehrerangebot und -bedarf zu schließen und die angehenden Lehrer qualitativ hochwertig auszubilden.

Geringer Stellenwert des Faches Sport in der Berufsausbildung

Das Fach Sport wurde 1969 in die Stundentafeln der berufsbildenden Schulen aufgenommen und hat insbesondere an den beruflichen Teilzeitschulen seit jeher mit Kritik zu kämpfen, die in ihrer Stärke über alle Schularten hinweg einzigartig ist. Ausgangspunkt für diese Kritik ist der Zweifel der Unternehmen und ihrer Interessenvertreter an dem wirtschaftlichen Nutzen des Sportunterrichts. Sport und Bewegung sei „Aufgabe der Vereine“ (Lutter, zitiert in Klausien, 2008, S. 20) und solle die arbeitsrelevanten Inhalte der Berufsschule nicht verdrängen, so die Vertreter der Wirtschaft. Pädagogen und Sportwissenschaftler stehen diesem Standpunkt äußerst kritisch gegenüber, indem sie zu Recht argumentieren, dass der Sportunterricht als ein unverzichtbarer Teil des dualen Systems zu sehen ist, der für eine ganzheitliche Entwicklung sowie für die Gesundheit und das Lernen der Schüler von großer Bedeutung ist. Darüber hinaus sehen sie die berufsschulische Ausbildung als letzte Möglichkeit, Jugendliche und junge Erwachsene für den Sport zu begeistern und zum lebenslangen Sporttreiben anzuregen (Brauweiler, zitiert in Klausien, 2008, S. 16). Stand der Dinge ist jedoch, dass Sportstunden oftmals als überflüssige Last empfunden werden, daher nicht fest im Lehrplan der Schüler verankert sind und darüber hinaus zum Ausgleich vom Unterrichtsausfall anderer Fächer zweckentfremdet werden.

Die Verantwortlichen der Ausbildungsbetriebe müssen überzeugt werden, dass das Sporttreiben der Jugendlichen im Sportunterricht neben seiner Bedeutung für eine gesunde, ganzheitliche Entwicklung der Heranwachsenden auch für die Betriebe von großem Nutzen ist und daher einen „unbestrittenen und unaustauschbaren Platz des ganzheitlichen Bildungsangebotes“ des schulischen Teils der Berufsausbildung einnehmen muss (Deutscher Sportbund, 2002, S. 2).

Fazit

Zusammenfassend muss festgestellt werden, dass die aktuelle Situation von Sport und Bewegung an berufsbildenden Schulen bei Weitem nicht zufrieden stellend ist.

Bereits im Jahre 2002 beklagte der Deutsche Sportbund die „sehr problematische und unverbesserte“ Situation (Deutscher Sportbund, 2002, S. 2), und stellte für die zukünftige Qualitätssicherung des Schulsports an berufsbildenden Schulen folgende Forderungen auf:

- den Sport an allen Berufsschulen als Pflichtfach sichern beziehungsweise verankern
- das Stundensoll des Schulsports erfüllen
- dem Bau der erforderlichen Sportstätten an beruflichen Schulen Vorrang einräumen
- das Studienfach Sport im Rahmen des Lehramtes für berufliche Schulen in allen Ländern einrichten
- Fort- und Weiterbildung der Lehrer intensivieren

Dieser Forderungskatalog benennt inhaltlich im Wesentlichen die oben aufgeführten Mängel bezüglich Lehrplänen, Sportstätten, Lehrkräften und Stundenplangestaltung. Es ist offensichtlich, dass all diese Probleme neben ihren jeweils spezifischen Gründen vor allem eine gemeinsame Ursache haben, und zwar den mangelnden Stellenwert des Faches Sport an berufsbildenden Schulen. Nur wenn es gelingt, die Verantwortlichen für die Lehrplanrichtlinien, für die Stundenplangestaltung, die Einteilung des Vertretungsunterrichtes, den Sportstättenbau, die Lehreraus- und Weiterbildung und die duale Ausbildung in den Betrieben vom Sinn und Nutzen von Sport und Bewegung zu überzeugen, sind hier substantielle Verbesserungen zu erwarten.

Es ist das Ziel der vorliegenden Arbeit, mit Hilfe der vorgestellten Leitfäden und ihrer theoretischen Begründung einen Beitrag zu dieser notwendigen Überzeugungsarbeit zu leisten, um den genannten Mängeln auf breiter Front zu begegnen.

Dabei werden zwei Argumentationslinien verfolgt:

- Die Leitfäden für die bewegte Berufsschule haben das Ziel, die Beteiligten direkt vom Wert von Sport und Bewegung an berufsbildenden Schulen zu überzeugen.
- Die Leitfäden für den bewegten Betrieb zielen zunächst einmal darauf ab, die Verantwortlichen in den Betrieben vom Nutzen der bewegten Gestaltung des Berufsalltages zu überzeugen. Wenn dies allerdings gelingt, wird das Schulfach Sport vom Ballast zu einer willkommenen Vorbereitung auf den bewegten Betrieb, und die Geringschätzung und der Widerstand seitens der Ausbildungsbetriebe wird sich auf mittlere Sicht in Zustimmung verwandeln.

2.3 Das Konzept der bewegten Schule - übertragen auf den Betrieb

Die Globalisierung, die Internationalisierung, der Wandel der Märkte sowie die Entwicklung zur Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft zwingen viele Betriebe zu großen Umstrukturierungs- prozessen, die mit hohen Kosten verbunden sind. Zusätzlich belastet die aktuelle Weltwirtschafts- krise die meisten Branchen, was sich ebenfalls negativ auf die Umsätze und Gewinne auswirkt.

Die Folge sind steigende Erwartungen und Anforderungen der Betriebe an ihre Mitarbeiter, die sich zunehmend mit Forderungen nach mehr Leistung, mehr Flexibilität und Anpassungsfähigkeit konfrontiert sehen. Dies hinterlässt jedoch Spuren. Krankheitsbedingter Arbeitsausfall, eingeschränkte Leistungsfähigkeit und körperliche sowie psychische Gesundheitsrisiken sind einige der möglichen Konsequenzen, die verdeutlichen, dass seitens der Unternehmen in ihrem eigenen Interesse Handlungsbedarf bezüglich Verbesserung der gesundheitlichen Situation ihrer Mitarbeiter besteht. Einen möglichen Ansatz, mit dieser Situation umzugehen, stellt das Konzept des bewegten Betriebes dar, das den Unternehmen praxisorientierte Lösungen anbietet, um auf die aktuellen Gesundheitsprobleme adäquat reagieren zu können.

2.3.1 Grundlagen

Anders als in den Schulen gibt es in Betrieben keine vorgeschriebenen Curricula, die zu einer verbindlichen Umsetzung von Sport- und Bewegungsaktivitäten verpflichten. Zwar gibt es gesetzliche Rahmenbedingungen, die verlangen, dass sich Unternehmen für die „Gesunderhaltung aller Mitarbeiter engagieren sollen, die länger und häufiger krank sind“ (Sozialgesetzbuch IX, § 84 Abs. 2), doch ist es den Betrieben vollkommen freigestellt, ob und in welchem Maße sie ihren Mitarbeitern Spielraum für Maßnahmen zur Gesundheitsförderung gewähren.

Nach Meinung der verschiedenen Protagonisten des Gesundheitsmanagements wie zum Beispiel der Arbeitsschutzvertreter, Krankenkassen, Betriebsärzte oder Vertreter der Arbeitnehmer, sollte der betrieblichen Gesundheitsförderung in Zukunft jedoch eine hohe Priorität eingeräumt werden. Der renommierte Zukunftsforscher Nefiodow geht sogar davon aus, dass „Gesundheit zum bedeutendsten Wirtschaftsfaktor der kommenden Jahre wird“, da der Produktivitäts- fortschritt als wichtigste Quelle des Wirtschaftswachstums wesentlich von der Gesundheit beeinflusst wird (Nefiodow, 2006, S. 94). Demnach wäre eine gesamte wirtschaftliche Weiterentwicklung grundsätzlich erst dann möglich, wenn ein hohes Gesundheitsniveau erreicht ist.

Gesundheit hat jedoch nicht nur einen hohen Wert für die Volkswirtschaft, sondern ist vor allem auch für den wirtschaftlichen Erfolg jedes einzelnen Unternehmens von zunehmender Bedeutung. Das wachsende Interesse an dem Thema „Arbeit und Gesundheit“ (Badura, 2009, S. v) ist ein Beleg für die zunehmende Erkenntnis, dass gesunde Mitarbeiter eine „wichtige Voraussetzung für effizientes Arbeiten und wettbewerbsfähige Kostenstrukturierungen“ für Betriebe sind (Gerlach, 2005, S. 1). Sport und Bewegung gehören in diesem Zusammenhang zu den entscheidenden Faktoren, wenn es um Maßnahmen zur Erhaltung und Förderung der Mitarbeitergesundheit geht.

In der Praxis werden in den Betrieben zwar einige dieser Maßnahmen angeboten, die jedoch meist losgelöst voneinander existieren und nicht aufeinander abgestimmt sind (Emmermacher, 2008, S. 2). Mangelnde Effektivität und Wirksamkeit sind die Folge.

Eine Möglichkeit, die Gesundheit der Mitarbeiter durch Sport und Bewegung mit einem ganzheitlichen Konzept in allen Bereichen des Betriebes zu fördern, stellt die Modifikation des Konzeptes der bewegten Schule auf den Betrieb dar, wie sie im Folgenden vorgestellt wird.

2.3.2 Das Konzept des bewegten Betriebes

Bewegte Schule im Betrieb - was auf den ersten Blick paradox erscheint, kann bei näherer Betrachtung als große Chance gesehen werden, Sport und Bewegung über die berufsbildenden Schulen hinaus in den Betrieben zu verankern. Ähnlich wie vor einigen Jahren, als die Frage aufkam, warum das Konzept der bewegten Schule nach der erfolgreichen Entwicklung und Erprobung in den Grundschulen nicht auf weiterführende Schulen übertragen wird (Müller & Petzold, 2006, S. 9), stellt sich heute die Frage, warum die Berufsschüler im betrieblichen Teil ihrer Ausbildung beziehungsweise mit dem Einstieg in das Berufsleben auf Sport und Bewegung verzichten sollten. „Eine Erweiterung von Bewegung und Sport durch das Konzept der bewegten Schule hat nicht nur in der Berufsschule positive Auswirkungen auf die Auszubildenden, sondern kann - richtig ausgeführt - auf lange Sicht auch zum Erreichen von unternehmerischen Zielen beitragen und so zu Wettbewerbsvorteilen führen“ (See, 2007, S. 39).

Vor diesem Hintergrund sollte geprüft werden, ob das zweifellos hohe Potential des Konzeptes der bewegten Schule auch in den Betrieben ausgeschöpft werden kann. Hierzu ist wiederum eine Modifikation des Konzeptes der bewegten Schule erforderlich, die auf die verschiedenen Bereiche des Betriebes eingeht, ohne dabei auf die etablierte Struktur des ursprünglichen Konzeptes der bewegten Schule zu verzichten.

In diesem Sinne gliedert das folgende Modell den Betrieb in die drei Bereiche bewegter Arbeitsplatz, bewegte Pause/bewegter Arbeitsweg und bewegtes Arbeitsleben, die miteinander in Verbindung stehen und einen wechselseitigen Bezug zur bewegten Freizeit aufweisen (siehe Abbildung 6).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 6 - Das Konzept des bewegten Betriebes

Ziel des bewegten Arbeitsplatzes ist es unter anderem, die kognitive Leistungsfähigkeit aller Teilnehmer durch mehr Bewegung zu steigern und durch verschiedene Maßnahmen eine Haltungskonstanz zu vermeiden. Ergänzt wird der bewegte Arbeitsplatz durch die bewegte Pause und den bewegten Arbeitsweg, in denen insbesondere den durch die Arbeit entstandenen physischen und psychischen Belastungen entgegengewirkt werden soll. Das bewegte Arbeitsleben hat zum Ziel, als Ausgleich zum Arbeitsalltag zu dienen und das Wohlbefinden sowie die Teamfähigkeit der Teilnehmer zu steigern.

Während diese Bereiche des bewegten Betriebes inhaltliche Parallelen zu denen der bewegten Schule aufweisen, unterscheiden sich ihre Fundamente wesentlich voneinander, da etwas Vergleichbares zum fest verankerten Sportunterricht der Schulen im Betrieb nicht existiert. Anstelle des Schulsports, der als „ die Grundlage für eine bewegte Schule “ angesehen wird (Müller & Petzold, 2006, S. 34), muss das Fundament des bewegten Betriebes auf andere Weise gebildet werden. An erster Stelle sind in diesem Zusammenhang die Auszubildenden zu nennen. „Haben Lehrlinge durch die Teilnahme an der bewegten Berufsschule ein Bewusstsein für die Bedeutung von Bewegung entwickelt, Gefallen an Bewegung, Sport und Spiel gefunden und Übungen zur Kompensation beruflicher Belastungen erlernt, so besteht die Möglichkeit, dieses Bewusstsein und Wissen auch in den Betrieb zu tragen“ (See, 2007, S. 40). Wenn es den Lehrkräften der berufsbildenden Schulen gelingt, die Auszubildenden von dem Konzept der bewegten Berufsschule zu überzeugen und sie zu Bewegungsaktivitäten über die bewegte Berufsschule hinaus zu motivieren, kann den Berufsschülern im Anschluss daran auch das Konzept des bewegten Betriebes vorgestellt und vermittelt werden2. So könnten die Auszubildenden eine Vermittlerrolle einnehmen, indem sie ihre in der Berufsschule erworbenen Kenntnisse über die Bedeutung und Umsetzung des Konzeptes des bewegten Betriebes nutzen, um dieses in den Unternehmen zu verbreiten.

Ein weiterer Zugang zur Einführung des Konzeptes des bewegten Betriebes eröffnet sich durch Weiterbildungs- und Informationsveranstaltungen in den Unternehmen. Durch die Verbreitung von Informationen zur Legitimation und Umsetzung des bewegten Betriebes 3 kann es gelingen, eine Akzeptanz seitens der Teilnehmer zu erreichen, die zur Teilhabe am bewegten Betrieb motiviert und darüber hinaus zu einer Verbreitung des Konzeptes unter Kollegen, Mitarbeitern und Vorgesetzten befähigt.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das Konzept des bewegten Betriebes mit seinen Bereichen bewegter Arbeitsplatz, bewegtes Arbeitsleben, bewegte Pause/Bewegter Arbeitsweg und bewegte Freizeit theoretisch in der Lage ist, Sport und Bewegung in die Unternehmen zu tragen. Insbesondere ist auch das in bisherigen Maßnahmen zur Gesundheitsförderung fehlende Kriterium der ganzheitlichen Betrachtung des Betriebes (Emmermacher, 2008, S. 2) im Konzept des bewegten Betriebes gewährleistet Auf die praktische Ausgestaltung der oben genannten Bereiche des Betriebes wird im Zusammenhang mit der Erstellung des Leitfadens zur Umsetzung des Konzeptes des bewegten Betriebes in Kapitel 4.4 näher eingegangen.

2.3.3 Die aktuelle Situation von Sport und Bewegung in Betrieben

Sport und Bewegung in Betrieben sind als Maßnahmen des betrieblichen Gesundheitsmanagements zu verstehen, so dass ihre Situation in engem Zusammenhang mit der des betrieblichen Gesundheitsmanagements steht.

Der „Heath Benefits-Studie“ des Beratungsunternehmens Mercer zufolge ist die aktuelle Entwicklung des betrieblichen Gesundheitsmanagements auf europäischer Ebene insgesamt positiv zu bewerten. Zu dieser Aussage kam Mercer, nachdem Fragebögen von mehr als 800 europäischen Unternehmen in 24 Ländern ausgewertet wurden. Das Ergebnis zeigt, dass die Ausgaben für betriebliche Gesundheitsleistungen pro Mitarbeiter im vergangenen Jahr in Europa um durchschnittlich 5 Prozent gestiegen sind und rund 62 Prozent der befragten Unternehmen überzeugt sind, dass sich diese Investitionen in betriebliche Gesundheitsleistungen auszahlen.

Auf deutscher Ebene fällt die Beurteilung über die aktuelle Situation des betrieblichen Gesundheitsmanagements jedoch nicht annähernd so positiv aus. Das auf Gesundheitsmanagement spezialisierte Unternehmen Skolamed kommt in einer Befragung aus dem Jahr 2008 auf Basis der Antworten von 300 Unternehmen aller Branchen zu dem Schluss, dass Deutschland im betrieblichen Gesundheitsmanagement noch „Entwicklungsland“ ist (Skolamed GmbH, 2008, S. 1). Während 50 Prozent der befragten Unternehmen angeben, nicht zu wissen, wie viel Geld in das betriebliche Gesundheitsmanagement investiert wird, sagen 67 Prozent sogar, dass die betriebswirtschaftliche Wirkung von Maßnahmen zum Gesundheits- management gar nicht erfasst wird.

Diese Ergebnisse verdeutlichen, dass das Thema Gesundheitsförderung in der Prioritätenliste der meisten Führungskräfte in Deutschland weit hinten rangiert. Ursachen hierfür sind unter anderem Zeit- und Innovationsdruck sowie geringe Budgetvorgaben, die dazu zwingen, mit immer weniger Mitarbeitern immer mehr zu leisten. Zudem bestimmen kurzfristiges Denken und Handeln den heutigen unternehmerischen Alltag, so dass Planungshorizonte selten über einen Zeitraum von ein bis zwei Jahren hinausgehen. Gesundheitsschutz und Gesundheitsförderung werden oftmals „nicht als Chance begriffen, sondern als Ballast betrachtet, gegen den es zwar kein logisches Gegenargument gibt, der jedoch schwer ‚greifbar’ ist und allzu gern bei Einspargedanken in den Vordergrund rückt.“ (Emmermacher, 2008, S. 2)

Ein bewegter Betrieb wäre in hohem Maße geeignet, die Gesundheit der Mitarbeiter langfristig zu schützen und zu fördern, und könnte darüber hinaus zu weiteren Wettbewerbsvorteilen führen4. Vor diesem Hintergrund besteht eine große Herausforderung darin, die deutschen Unternehmen davon zu überzeugen, das Thema Gesundheitsförderung und zu deren Realisierung das Konzept des bewegten Betriebes in ihre Planungen zu integrieren. Hierzu muss bei den Verantwortlichen die Einsicht geweckt werden, dass Sport und Bewegung als integrale Bestandteile ihres Betriebes geeignet sind, den wirtschaftlichen Nutzen zu erhöhen. Durch konkrete und übersichtlich dargestellte Argumente, die den Nutzen betrieblichen Gesundheitsmanagements belegen, kann es gelingen, dieses Thema in der Prioritätenliste weiter nach oben zu schieben und eine positive Einstellung gegenüber dem Konzept des bewegten Betriebes zu erreichen. Der in Kapitel 4.3 vorgestellte Leitfaden zur Legitimation des bewegten Betriebes hat den Anspruch, diese Argumente zu liefern und ansprechend darzustellen.

3 Zielgruppenanalyse

Bevor mit der Argumentation für mehr Bewegung in Berufsschule und Betrieb sowie mit Vorschlägen zur Umsetzung der bewegten Berufsschule und des bewegten Betriebes begonnen werden kann, müssen die motorischen Voraussetzungen der jeweiligen Zielgruppen geklärt werden. Dieses Kapitel soll somit die Grundlage für eine sinnvolle Argumentation für Bewegung in Berufsschule und Betrieb schaffen und Folgerungen für die sportliche Betätigung in den jeweiligen Lebensphasen und somit für die Umsetzung der Konzepte der bewegten Berufsschule und des bewegten Betriebes aufzeigen. Dabei wird unterschieden zwischen Schülern der berufsbildenden Schulen einerseits und Arbeitnehmern im Betrieb andererseits. Grundlage bei der Differenzierung der einzelnen Lebensphasen stellen dabei die Entwicklungsphasen der motorischen Ontogenese nach Winter (1998, S. 237 - 349) dar. Auf eine geschlechtsspezifische Unterscheidung wird im Folgenden verzichtet, da diese für die Anregung des Umdenkprozesses in Berufschule und Betrieb zu differenziert ausfallen würde und daher auch bei der Gestaltung der Leitfäden nicht berücksichtigt wird.

3.1 Berufsschüler

Betrachtet man die Altersstruktur der Schüler berufsbildender Schulen, so fällt auf, dass im Vergleich zu den Schülern allgemeinbildender Schulen eine relativ hohe Heterogenität innerhalb der einzelnen Jahrgangsstufen besteht. Die Schülerinnen und Schüler der verschiedenen Sektoren berufsbildender Schulen sind im Durchschnitt zwar 19,6 Jahre alt (Bundesministerium für Bildung und Forschung, 2008, S. 139), doch gibt es bezüglich des Alters eine Streuung, die von 13 bis über 30 Jahre reicht (Autorengruppe Bildungsberichterstattung, 2008, S. 277). Aus sportmotorischer Sicht bedeutet dies, dass für die Zielgruppenanalyse der Berufsschüler hauptsächlich zwei Entwicklungsphasen der motorischen Ontogenese betrachtet werden müssen, um die Lebensphase der Berufsschüler darzustellen: Das späte Jugendalter (ca. 14. bis 19. Lebensjahr) und das frühe Erwachsenenalter (ca. 19. bis 30. Lebensjahr).

3.1.1 Spätes Jugendalter

Nach Wollny (2007, S. 229 - 232) und Hartmann & Senf (1997, S. 197 - 200) ist das späte Jugendalter unter anderem durch folgende Merkmale gekennzeichnet:

- Ende der Wachstums- und Reifungsprozesse und somit körperliche Ausreifung
- Zunehmende Stabilisierung
- Aufbau einer eigenen Identität
- Ansteigende Lern- und Leistungsbereitschaft

Als Konsequenz bedeutet dies für das Konzept der bewegten Berufsschule, dass die Jugendlichen sich überwiegend in einem belastungsfähigen Alter befinden, wobei dennoch Rücksicht auf die körperliche Entwicklung genommen werden muss. Ein alters-, entwicklungs- und leistungs- gerechtes, freudbetontes Üben kann in diesem und in nachfolgenden Altersetappen die körperliche Leistungsfähigkeit steigern und auf einem bestimmten Niveau erhalten (Hartmann & Senf, 1997, S. 199). Das späte Jugendalter bietet zudem die Chance, dass Schüler Bewegung als einen Teil ihrer eigenen Identität verstehen, der damit einen festen Bestandteil ihres Lebens bildet Die ansteigende Lern- und Leistungsbereitschaft kann und sollte genutzt werden, um das Konzept der bewegten Berufsschule zu vermitteln, um somit eine sportliche Identität bei den Berufsschülern zu wecken. Die Einführung des Konzeptes der bewegten Berufsschule kann zudem einen Beitrag leisten zu dem Ziel, dass „die Jugendlichen für die Bedeutung von selbstverantwortlichem Bewegen im späteren Berufs- und Familienleben zu sensibilisieren sind“ (Müller & Petzold, 2006, S. 32).

3.1.2 Frühes Erwachsenenalter

Das frühe Erwachsenenalter ist motorisch gesehen durch die „relative Erhaltung der hohen Leistungsfähigkeit geprägt“ (Hartmann & Senf, 1997, S. 180). Während die motorische Leistungsfähigkeit somit vergleichsweise konstant bleibt, finden in dieser Lebensphase große Veränderungen der Lebensläufe statt (Wollny, 2007, S. 233). Zu den Lebensaufgaben im frühen Erwachsenenalter zählen:

- Abschluss der Berufsausbildung
- Aufnahme der Berufstätigkeit
- Ablösung von der Herkunftsfamilie
- mögliche Familiengründung

Für die Umsetzung des Konzeptes der bewegten Berufsschule bedeutet dies, dass es in der Lebensphase des frühen Erwachsenenalters aus motorischer Sicht ohne Einschränkungen durchgeführt werden kann. Der Übergang von der Berufsausbildung zur Aufnahme der Berufstätigkeit kann und sollte genutzt werden, um die Idee des Konzeptes der bewegten Berufsschule in veränderter Form in die Betriebe zu tragen. Da das Sportengagement im frühen Erwachsenenalter zwischen den beiden Polen „generelles sportliches Desinteresse“ und „Berufssport“ liegt (Wollny, 2008, S. 233), muss versucht werden, das Interesse zum Sporttreiben in der Freizeit zu wecken und Sport in den Berufsalltag integrieren. Wie bereits in Kapitel 2.3.2 erwähnt, bietet sich in diesem Zusammenhang das Konzept des bewegten Betriebes an, da es in der Lage ist, Sport und Bewegung in alle Bereiche des Betriebes und darüber hinaus in die Freizeit zu tragen. Hier ergibt sich zudem die Chance, den Zeitpunkt der Ablösung von der Herkunftsfamilie und der eigenen Familiengründung zu nutzen, um Sport und Bewegung über eine bewegte Gestaltung der Freizeit im Alltag junger Familien zu verankern.

[...]


1 so auch der Diplomstudiengang Wirtschaftspädagogik an der Universität Leipzig

2 Detailliertere Informationen zur Einführung der Konzepte sind dem Kapitel 4 zu entnehmen

3 hierzu dienen die Leitfäden zur Legitimation und Umsetzung des bewegten Betriebes in Kapitel 4.3 sowie 4.4

4 siehe dazu Ausführungen im Kapitel 4.3

Details

Seiten
110
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656096740
ISBN (Buch)
9783656096665
Dateigröße
18.5 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v184699
Institution / Hochschule
Universität Leipzig
Note
Schlagworte
Bewegter Betrieb Bewegte Pause Bewegung Unternehmen Berufsschule Gesundheit Fehlzeitenvermeidung

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Titel: Das pädagogische Konzept der bewegten Schule