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„Andere Räume“ von Michel Foucault

Exzerpt 2009 3 Seiten

Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen

Leseprobe

Foucault bezeichnet unsere Epoche als die des Raumes, welcher als „Netz, das seine Punkte verknüpft und sein Gewirr durchkreuzt“ (S. 34) erklärt werden kann. Die heutige Problematik von Unruhen betrifft mehr den Raum als die Zeit. Dazu fügt er einen historischen Abriss über den Raum ein: Im Mittelalter war der Raum ein „hierachisiertes Ensemble von Orten“ (S.34). Gemeint ist die Dualität wie städtische und ländliche oder geschützte und offene Orte. „Es war diese Hierarchie, diese Entgegensetzung, diese Durchkreuzung von Ortschaften, die konstituierten, was man grob den mittelalterlichen Raum nennen könnte: Ortungsraum“ (S.34). Durch Galilei wurde Raum zu einem Punkt in ihrer Bewegung, wodurch die Ausdehnung die Ortung ersetzte. Heute ist Raum vielmehr eine Lagerung anstatt Ausdehnung und wird anhand der Nachbarschaftsbeziehungen zwischen Punkten oder Elementen definiert in Form von Reihen, Bäumen und Gittern. Daraus ergibt sich eine Problematik: Neben der Speicherung der Infos oder Rechnungsteilresultate in Maschinen sieht er auch ein demographisches Problem. Nicht nur der entstandene Platzmangel durch Überbevölkerung wird immer problematischer, sondern hinzu kommt die Frage wie Menschen zusammen wohnen sollen (Klassen, Zweck etc.). Raum wurde noch nicht komplett entsakralisiert, da er noch in Gegensätze gesehen wird (öffentlich-privat, kulturell-nützlich, Freizeit-Arbeit) und zusätzlich mit Qualitäten aufgeladen ist.

Er unterteilt Räume in zwei Kategorien: den „Raum des Innen“ (S.35) und den „Raum des Außen“ (S.35). Dem „Raum des Innen“ schreibt er die Räume der Träume zu und der Leidenschaften. Der „Raum des Außen“ ist heterogen. „Wir leben innerhalb einer Gemengelage von Beziehungen, die Platzierungen definieren, die nicht aufeinander zurückzuführen und nicht miteinander zu vereinen sind.“ (S.36). Ihn interessieren jene Räume, welche die Eigenschaft haben, sich auf alle anderen Platzierungen zu beziehen. Er unterteilt sie in zwei Typen: Die Utopie und die Heterotopie. Utopien sind Platzierungen ohne reellen Ort, er beschreibt sie als „Perfektionierung der Gesellschaft“ (S.36). Heterotopien hingegen sind reelle Orte und realisierte Utopien, die tatsächlich geortet werden können. Diese zwei Typen können auch eine Mischform bilden (z.B. der Spiegel). Im Folgenden kommen sechs Grundsätze zu Heterotopien: „Es gibt wahrscheinlich keine einzige Kultur auf der Welt, die nicht Heterotopie etabliert“(S. 37). Er bezieht sich auf Urgesellschaften, welche „Krisenheterotopien“ besitzen.

„Krisenheterotopien“ sind privilegierte, geheiligte und verbotene Orte für Menschen im Krisenzustand (menstruierende Frauen, Alte etc.), die keine geographische Fixierung besitzen. Sie werden heute durch „Abweichungsheterotopien“ abgelöst, wohin Individuen mit Abweichungen der Norm gesteckt werden (Gefängnis, Klinik etc.).(vgl. S. 37). Als nächstes kommt hinzu, „[...] dass eine Gesellschaft im Laufe ihrer Geschichte eine immer noch existierende Heterotopie anders funktionieren lassen kann“(S. 38). Früher war der Friedhof mitten im Zentrum des Ortes integriert, heute wird er ausgelagert, da Tod mit Krankheit verbunden wird und seit den Zeiten des Atheismus und der Individualisierung, jeder einen Platz auf dem Friedhof erhalten kann. „Die Heterotopie vermag an einem einzigen Ort mehrere Räume, mehrere Platzierungen zusammen fügen, die an sich unvereinbar sind“ (S.38). Beispiele sind das Theater, das Kino und der Garten. Er findet seinen Ursprung im Orient. Der Garten wurde in vier Teile geteilt, welcher jeweils einen Teil der Welt repräsentiert. In der Mitte befindet sich meist ein Brunnen als „Nabel der Welt“. Diese Anordnung des Gartens findet man auch in Orientteppichen wieder. „Die Heterotopien sind häufig an Zeitschnitte gebunden“ (S.38). Dabei unterscheidet er zwischen ewigen Heterotopien wie z.B. Museen und Bibliotheken, die Zeit und Form von Kunst oder Wissen zusammenfassen und temporären Heterotopien, wie z.B. Feste oder Feriendörfer. „Die Heterotopien setzen immer ein System von Öffnung und Schließung voraus.“(S. 39). Sie sind nicht für alle einfach zugänglich, bzw. setzen sie eine gewisse Erlaubnis des Betretens voraus, oft in Form eines Vollzugs gewisser Gesten. Jeder kann sie betreten, er wird jedoch dadurch ausgeschlossen (Illusion). Eine Heterotopie hat immer die Funktion, zwischen zwei extremen Polen zu liegen. Als Beispiel nennt er hierfür einerseits den Illusionenraum, zu dem das Bordell gehört und die Kompensationsheterotopie, zu der Kolonien zählen. Zuletzt fügt er hinzu, dass das Schiff die Heterotopie schlechthin für ihn ist.

Foucault bringt einem seine Grundthesen durch viele Beispiele und einer guten Gliederung auf eine einfache Art näher. Schwächen dieses Textes sind unter anderem die Zahlreichen Definitionen und Begriffe, die er anführt. Besonders gut hat mir der Witz in ihm gefallen. Er benutzt auch einfachere Worte und Satz-Konstruktionen, sodass man die Hauptaussagen einfach erkennen kann. Verblüffend neu war für mich der Gedanke des Raumes der Utopie in Form des Spiegels.

Literatur: Foucault, Michel (2005, orig. 1966): Andere Räume. In: Wentz, Martin (Hrsg): Stadt-Räume. Frankfurt a.M./New York, Campus, S. 65-72

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Details

Seiten
3
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783656097341
Dateigröße
427 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v184815
Institution / Hochschule
Technische Universität Darmstadt – Soziologie
Note
2,3
Schlagworte
andere räume michel foucault

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Titel: „Andere Räume“ von Michel Foucault