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„Raumsoziologie“ von Martina Löw und Gabriele Sturm

Exzerpt 2009 4 Seiten

Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen

Leseprobe

Exzerpt über „Raumsoziologie“ von Martina Löw und Gabriele Sturm

Erst seit wenigen Jahren wird der Raumbegriff in der Soziologie durch Texte, wie von Lefêbvre, analysiert. „Alle neuen Ansätze gehen von der Kernvorstellung aus, dass Raum nicht länger als naturhaft gegebener materieller Hinter- oder erdgebundener Untergrund sozialer Prozesse unveränderbar und für alle gleichermaßen existent angenommen werden kann“ (Löw/Sturm 2005, S.31). Im 19. Jh. Ging man beim Raumbegriff noch von „zweidimensionalen Behälterräumen“ (ebd. 2005, S.31) aus, die auch leer sein konnten.

Anfang des 20. Jahrhunderts beginnen Émile Durkheim und Georg Simmel das Verhältnis von Gesellschaft und Raum zu analysieren. Die Fragestellung wandelte sich von „ontologisierenden, objektivistischen Perspektiven auf den Gegenstand hin zu einer epistomologischen Betrachtungsweise“ (ebd. 2005, S. 32). Durch Émile Durkheim wurde erstmals der Umgang mit Raum und Zeit als Ordnungssystem thematisiert, welcher erst erlernt werden muss und dadurch als Produkt der Sozialstruktur kausal erschließbar wird. Zudem löst er sich von der Annahme, dass es einen homogenen Raum gibt. Simmel bringt zu dem neuen Raumbegriff ein Gesellschaftskonzept hinzu, in dem Raum, Zeit und Substanz sozialen Ursprungs seien. Er entwarf eine Doppelsicht auf den Raum: „Raumbedingungen einer Vergesellschaftung“ vollziehen sich durch Wechselwirkungen von Menschen. Simmel unterscheidet fünf Raumqualitäten: „Ausschließlichkeit und Einzigkeit, Zerlegbarkeit durch Rahmung/Grenzziehung, Fixierung von Inhalten, sinnliche Nähe und Distanz, Bewegung/ Ortsveränderung“ (ebd. 2005, S.33). „Raumgestaltungen“ unterscheidet er für moderne Gesellschaften in vier Raumgebilde: Den Staat, Gebietshoheit, Häuser und den leeren Raum. (vgl. ebd. 2005, S.34)

Lefêbvre verbindet den relationalen Raumbegriff mit einer Kapitalismuskritik und umkreist die Frage, wie Raum inhaltlich bestimmt werden kann. Ihmzufolge ist Raum ein sozialer, welcher nicht Produkt der Gesellschaft ist, sondern jede Gesellschaft ihren spezifischen Raum hervorbringt.

Raum entsteht durch:

Räumliche Praxis (Produktion und Reproduktion von Raum)

Die allgemeine Wahrnehmung von Räumen

Repräsentation von Raum (ihre kognitive Entwicklung)

Konzeptualisierter Raum durch z.B. Architekten

Raum der Repräsentation (ihre komplexe Symbolisierung)

Bilder und Symbole durch räumliche Praktiken

(vgl. ebd. 2005, S.36f)

Harvey geht davon aus, dass die Ausweitung von Macht auf der Fähigkeit basiert, die Produktion von Raum zu beeinflussen. Durch den Aspekt der Raumkontrolle entsteht eine Konvertierbarkeit von Raum, Zeit und Geld. „David Harvey kommt deshalb zu dem Schluss, dass die postmoderne Entwicklung am exaktesten als <time-space-compression> beschrieben wird. Durch immer schnellere Transporttechnologien und durch neue Kommunikationstechnologien rückt die Welt näher zusammen“ (ebd. 2005, S. 39). Löw sieht bei Harvey die Kritik, dass verschiedene Räume als Produkt sozialen Handelns auf einen Fleck der Erde undenkbar bleiben.

Nach dem Wiederaufbau der Soziologie nach dem Zweiten Weltkrieg ging es darum Stadtstrukturmodelle mit ihrer räumlichen Verteilung von Nutzung und Bevölkerungsgruppen weiterzuentwickeln. Es entstand das Gebiet der ökologischen Soziologie, welche jedoch über Georg Simmels doppelte Realität des Raumes und dem Behälterraumkonzept nicht hinaus geht. Erst Läpple schlussfolgert in seinem Essay über Raum, dass dieser weder ein „neutrales Gefäß noch passive Resultate körperlicher Objekte sein durfte, sondern auch die gesellschaftlichen Kräfte einbeziehen müsse, die die Raumstruktur gestalten“ (ebd. 2005, S. 40f). Er entwickelte den MatrixRaum mit vier Komponenten:

Das materiell-physische Substrat gesellschaftlicher Verhältnisse

Die gesellschaftliche Interaktions- und Handlungsstrukturen

Ein institutionalisiertes und normatives Regulationssystem

Das materielle Substrat verbundene räumliche Zeichen- und Symbolsystem

Es kam in den letzten Jahren zu einer Homogenisierungsbewegung aufgrund der Globalisierung, mit ihrer weltweiten finanziellen Verflechtung, neuen Verflechtungs- und Kommunikationsmittel. Von nun an wird die Konstitution von Räumen als „lokal und global wechselwirkendes Phänomen“ analysiert (vgl. ebd. 2005, S. 41).

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Details

Seiten
4
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783656097334
Dateigröße
471 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v184816
Institution / Hochschule
Technische Universität Darmstadt – Soziologie
Note
2,3
Schlagworte
raumsoziologie martina gabriele sturm

Autor

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Titel: „Raumsoziologie“ von Martina Löw und Gabriele Sturm