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Vergleich zweier Matriarchate

Arawak in Südamerika – Minangkabau in Indonesien

Hausarbeit 2008 14 Seiten

Soziologie - Familie, Frauen, Männer, Sexualität, Geschlechter

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begriffsdefinition und Merkmale des Matriarchats

3. Die Arawak und ihre Kultur
3.1 Die Goajiro-Arawak

4. Die Minangkabau und ihre Kultur

5. Vergleich der beiden Stammesgesellschaften

6. Resümee

Literaturangabe

1. Einleitung

Bei der Auswahl eines Themas für meine Hausarbeit im Seminar „Frauenrollen in un­terschiedlichen Kulturen" war für mich das erste Referat dieser Vorlesung ausschlag­gebend. In diesem Referat ging es um die Unterschiede von Matriarchat und Patriar­chat. Über Letzteres war mir persönlich mehr bekannt als über das Matriarchat. Davon ausgehend wuchs mein Interesse mich mit der Gesellschaftsform Matriarchat ausei­nanderzusetzen. Nachdem ich mir Literatur zu diesem Thema ausgesucht hatte und mir einige Begriffsdefinitionen angelesen hatte, wurde ich auf Kritik zu diesem Thema aufmerksam. Die meisten Ethnologen teilen dabei die These, dass es Gesellschaften mit „Frauenherrschaft" nur als eine temporäre Ausnahmeerscheinung gegeben hat, nicht jedoch als stabile, dauerhafte Gesellschaftsform. Cynthia Eller geht sogar davon aus, dass es sich bei Matriarchaten um ein Wunschdenken von Anhängerinnen der Frauenbewegung handelt. In Bezug auf diese Kritik entstand der Wunsch zwei weitest­gehend gut erforschte Stammesvölker, die auch heute noch existieren, näher zu be­trachten. Dabei hat mich vor allem interessiert, ob die beiden Völker[1], die ja geogra­phisch weit voneinander entfernt sind, Gemeinsamkeiten aufweisen, sprich, matriar­chale Merkmale gemein haben. Und wo in der Geschichte ihre Kulturen die Wurzeln haben. Dies stellt für mich die zentrale Fragestellung dieser Arbeit dar. Mit der gossen Distanz impliziere ich, dass beide Völker früher sehr wahrscheinlich nicht miteinander kommuniziert haben können. Wie also hat sich bei beiden Völkern eine matriarchale Struktur gebildet? Da es nach Aussagen von Ethnologen Gesellschaften mit „Frauen­herrschaft" ja scheinbar nur als eine temporäre Ausnahmeerscheinung gegeben hat. Und wenn dem so ist, was hat diese „Ausnahmeerscheinungen" auf zwei verschiede­nen Kontinenten unabhängig voneinander[2] begünstigt?

Im ersten Teil meiner Arbeit möchte ich zunächst einige Begriffe definieren, sowie zent­rale Merkmale des Matriarchats herausarbeiten. Im zweiten Teil beschreibe ich die Kultur der Arawak und die der Minangkabau. Daran anschließend folgt der Vergleich der beiden Stammesgesellschaften basierend auf den, im ersten Teil beschriebenen, matriarchalen Merkmalen. Abschließend erfolgt ein Resümee das verschiedene The­sen beinhaltet.

2. Begriffsdefinition und Merkmale des Matriarchats

Das Matriarchat ist eine Gesellschaftsform, die sich von allen anderen Gesellschafts­formen dadurch unterscheidet, dass sie keine Herrschaftsstrukturen und institutionali­sierte Hierarchien aufweist (Akephalie). Ein Matriarchat wird daher auch als "Regulierte Anarchie" (Max Weber, Christian Sigrist), als "Egalitäre Konsensdemokratie" (Thomas Wagner) oder auch als "Segmentäre Gesellschaft" (Emile Durkheim) bezeichnet.

Bei der Definition von Matriarchat schließe ich mich Frau Göttner-Abendroth an, die Matriarchat weder als Frauenherrschaft, noch als eine Kultur oder Gesellschaft in de­ren Mittelpunkt Frauen oder Mütter stehen, definiert. Denn in dieser Art gab und gibt es das nicht. Gerade matriarchale Gesellschaften zeichnen sich dadurch aus, dass sie herrschaftsfrei sind.[3]

Die Sichtweise im Matriarchat beschreibt folgende Merkmale: Das Leben wird in Zyklen angesehen, der Glaube stellt die Wiedergeburt in die vorher bewohnten Sippe dar; Es besteht keine Hierarchie; Autorität wird durch Erfahrung erlangt; Die Natur wird als Ge­schenk betrachtet und als dieses auch entsprechend gewürdigt, sie wird nicht durch unnötigen Verbrauch ausgebeutet; Es besteht ein Kooperationsdenken, Entscheidun­gen werden gemeinsam besprochen und umgesetzt.[4]

Frau Göttner-Abendroth beschreibt vier Merkmale des Matriarchats:

1. Soziale Merkmale:

- Matrilinearität: oder Mutterfolge, bezeichnet in der Ethnologie, Anthropo­logie und Biologie ein System, das die verwandtschaftlichen Verhältnis­se und die sonstigen Rechtsverhältnisse, etwa in Bezug auf das Erb­recht, nur über die Abstammung von der Mutter bildet. Matrilinear ge­gliederte Familiensysteme weisen zum Großteil das so genannte Avun- kulat auf. In diesen Systemen übernimmt der Onkel die Vaterrolle für die Kinder seiner Schwester.

- Matrilokalität: ist dann gegeben, wenn die Tochter (manchmal auch der Sohn) ihr Leben am Wohnort ihrer Mutter verbringt, auch wenn sie in­zwischen erwachsen ist und selbst Kinder hat. Matrilokalität ist manch- mal mit der so genannten Besuchsehe verbunden, d.h. der Ehemann lebt nicht im Haus seiner Ehefrau, sondern besucht sie regelmäßig. Matrilokalität setzt Matrilinearität voraus. Aber nicht alle matrilinearen Ethnien haben matrilokale Wohnsitzregeln.
- Uxorilokalität: Der Ehemann siedelt zum Wohnsitz der Ehefrau über.
- Die Menschen leben in der Großfamilie die als Clan bezeichnet wird.
- Mehrere Clans bilden eine Sippe (Dorf).
- Mehrere Dörfer bilden einen Stamm.
- Die soziale Vaterschaft dominiert die biologische.
- Es besteht sexuelle Freiheit und Erotik.[5]

2. Politische Merkmale:

- Das Gleichgewicht in matriarchalen Gesellschaften beruht auf dem poli­tischen Mittel der Konsensbildung. Dabei werden alle Entscheidungen von allen in Einigungsprozessen getroffen, die zu Einstimmigkeit führen, sowohl auf der Ebene der beiden Geschlechter und des ganzen Clans, als auch auf der Ebene des Dorfes und des Stammes.[6]
- Segmentäre Gesellschaft; Dieser Begriff wurde von Emile Durkheim ge­prägt und beschreibt, dass diese Gesellschaften aus mehreren, tenden­ziell gleichartigen und gleichrangigen Teilgebieten (Segmenten) beste­hen, in denen das Abstammungselement das dominierende Ordnungs­prinzip darstellt, und die sich weiter in Subsegmente verschiedener Größenordnung untergliedern (z.B. Clane in Familien). Es können meh­rere gegliederte Strukturen von Gruppen verschiedener Größenordnung nebeneinander bestehen. Dieses Prinzip der Verschachtelung von Segmenten gewährleiste die weitgehende Selbstregulierung von Koope- rations- und Konfliktbeziehungen ohne die Einschaltung eines perma­nenten staatlichen "Regulierungszentrums". Dies ermöglicht die größt­mögliche Flexibilität und Dezentralisierung der politischen Organisation.[7]
- Es besteht Geschlechtssymmetrie, Frauen und Männer haben ver­schiedene Wirkungsfelder inne. Die Frauen vor allem bei der Produktion und der Reproduktion, die Männer stärker in der Politik und bei der Re­präsentation des Clans nach Außen. Die Kontrolle bei den zentralen In­stanzen ist so verteilt, dass ein Konsens nötig ist. Die Balance der Ge­schlechter brachte Stabilität und Innovationsfähigkeit, sie bot Frauen und Männern zugleich Chancen und Sicherheit, daher waren vermutlich auch beide Geschlechter lange daran interessiert.[8]

3. Ökonomische Merkmale:

- Matriarchale Gesellschaften sind geprägt durch Acker- und Gartenbau.
- Wirtschaftsform der Subsistenzwirtschaft; Damit wird eine Form be­schreiben, die in der Regel in lokalen und regionalen Einheiten auf die Selbstversorgung und Erarbeitung des Lebensunterhaltes ausgerichtet ist, die jedoch keineswegs in sich autark sein muss. Der Aspekt der Vernetzung spielt eine wichtige Rolle.
- Land und Haus stellt kein Privatbesitz dar, es ist Gemeinschaftsbesitz.
- Die Frauen haben die Kontrolle über die wesentlichen Lebensgüter.
- Ideal ist Verteilung und Ausgleich; Dieser Ausgleich wird durch gemein­schaftliche Feste erreicht. Es handelt sich um so genannte Ausgleichs­gesellschaften. Was von den Einzelnen je nach Talent in Subsistenz­wirtschaft geschaffen wird (Handwerk, Landwirtschaft, Gartenbau) kommt allen zugute, indem es den Bedürfnissen der Mitglieder entspre­chend verteilt wird.
- Zwischen Arbeits- und Freizeit wird nicht unterschieden, weil Menschen sich gern mit dem beschäftigen, was sie gut können, bzw. was dem so­zialen Gefüge dient.[9]

4. Weltanschauliche Merkmale:

- Es besteht der Glaube, dass die Menschen in der eigenen Sippe wie­dergeboren werden. Woraus sich ihr Kult der Ahninnen und Ahnen ergibt.
- Die Mutter Erde als Urgöttin ist heilig und wird verehrt.[10]

[...]


[1] Die Arawak in Südamerika und die Minangkabau in Indonesien.

[2] Dass sie unabhängig voneinander waren setze ich hiermit einfach mal voraus. Sozusagen als These, der ich im laufe dieser Arbeit nachgehen möchte.

[3] Vgl. Göttner-Abendroth 1989 S. 183f

[4] Vgl. Sichtweise im Matriarchat aus: http://hannelore.org/grossegoettin/matriarchat.htm

[5] Vgl. Göttner-Abendroth 1997 S. 19 vgl. auch Rentmeister S. 220f

[6] Vgl. Göttner-Abendroth 1997 S. 19

[7] Vgl. Sigrist S. 39

[8] Vgl. Göttner-Abendroth 1997 S. 19

[9] Vgl. Göttner-Abendroth 1997 S. 19

[10] Vgl. Göttner-Abendroth 1997 S. 19 vgl. auch Rentmeister S. 221

Details

Seiten
14
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783656098881
ISBN (Buch)
9783656099079
Dateigröße
563 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v184850
Institution / Hochschule
Evangelische Hochschule Ludwigsburg (ehem. Evangelische Fachhochschule Reutlingen-Ludwigsburg; Standort Ludwigsburg)
Note
1,3
Schlagworte
Vergleich zweier Matriarchate Arawak in Südamerika Minangkabau in Indonesien Frauenrollen in unterschiedlichen Kulturen soziologische und ethnologische Erklärungsansätze

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