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Gender Mainstreaming an deutschen Hochschulen - am Beispiel der Universität Potsdam

von Riccarda J. Schneider (Autor)

Hausarbeit 2011 26 Seiten

Soziologie - Familie, Frauen, Männer, Sexualität, Geschlechter

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Gender-Mainstreaming

2. Gender Mainstreaming an deutschen Hochschulen

3. Gender Mainstreaming an der Universität Potsdam
3.1 Geschlechtergerechte Maßnahmen
3.2 Geschlechterpolitische Akteurinnen und Akteure
3.3 Bilanz15
3.4 Verbesserungen
a) Selbsteinschätzungen der Universität Potsdam
b) Persönliche Anmerkungen

4. Fazit

5. Literatur

6. Links

„Gender Mainstreaming – dieses Zauberwort ist heute in aller Munde.“[1]

An deutschen Hochschulen wird versucht das Gender Mainstreaming-Konzept einzusetzen, um ein geschlechtergerechtes Lernen und Lehren zu implementieren.

In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, wie sieht eine solche Implementierung realpolitisch aus? Wer gibt die Vorgaben für ein Gender Mainstreaming an deutschen Hochschulen? Welchen Nutzen erhofft sich eine deutsche Universität, wenn sie das Konzept anwendet? Gibt es eine Diskrepanz zwischen Vorhaben und Umsetzung?

Und allem voran: In wessen „Munde“ befindet sich das Konzept eigentlich? Wer sind die Akteure und Akteurinnen, die ein Gender Mainstreaming an deutschen Hochschulen verfolgen? Welche Rolle spielen Lehrende und Studierende dabei, wenn sie eigennützig in das universitäre System eintreten, welches Gender Mainstreaming praktiziert?

Diese Fragen möchte ich im Folgenden anhand des Fallbeispiels der brandenburgischen Universität Potsdam erörtern und dokumentieren, welche Maßnahmen bisher ergriffen wurden und kritisch analysieren, welches Potenzial noch ausgeschöpft werden könnte.

Um die Rahmenbedingungen aufzuzeigen, werde ich erstens einen kurzen, allgemeinen Abriss über Gender Mainstreaming an deutschen Hochschulen geben und im Weiteren die Universität Potsdam im Detail beleuchten. Zwecks dessen wird nach den gleichstellungspolitischen Maßnahmen und der Vorstellung der hochschulpolitischen Protagonisten und Protagonistinnen eine Bilanz erfolgen, die sowohl in universitären als auch in eigenen Verbesserungsvorschlägen münden soll und mit einem Fazit abschließt.

Da diese Hausarbeit im Rahmen des Zusatzzertifikats „Interdisziplinäre Geschlechterstudien“ der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Potsdam entstanden ist, entstammt meine Forschungsliteratur der Soziologie und der Bildungspolitik. Das heißt, dass ich Publikationen von Stiftungen und dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend bewusst außen vorgelassen habe und stattdessen mit Publikationen des Bundesministeriums für Bildung und Forschung gearbeitet habe. Für die Erlangung eines Überblicks der Gender Mainstreaming-Strategie an der Universität Potsdam habe ich die universitätseigenen Publikationen und Internetpräsenzen genutzt.

1. Gender Mainstreaming

Gender Mainstreaming[2] ist eine universelle Strategie, die eine Gleichstellung von Frau und Mann zum Ziel hat. Dabei dient der Grundlage dieses Prinzips „eine geschlechterbezogene Sichtweise in alle Handlungsfelder und Entscheidungen einzubeziehen“.[3]

Ursprünglich im Rahmen der Entwicklungspolitik entstanden und auf der 4. Weltfrauenkonferenz der Vereinten Nationen in Peking 1995 diskutiert, wurde Gender Mainstreaming als politisches Diktum im Vertrag von Amsterdam 1999 verankert und in das 3. und 4. Aktionsprogramm der Europäischen Kommission aufgenommen.[4] Die Bundesrepublik Deutschland als Mitglied der Europäischen Union folgte dieser Aufforderung, setzte das Gender Mainstreaming-Konzept verbindlich in ministeriellen Institutionen um und richtete eine Projektgruppe im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend ein, die sich gezielt mit Gender Mainstreaming befassen sollte.

Hierbei ist nicht nur der Top-Down-Ansatz zur Implementierung des Gender Mainstreaming offensichtlich, sondern auch dass „Geschlecht“ als Strukturkategorie begriffen wird, die Frauen und Männer einschließt; sodass im Gegensatz zur bisherigen Frauenförderung “beide“[5] Geschlechter mit inbegriffen werden, um Geschlechtergerechtigkeit und Chancengleichheit zu erlangen. Das heißt: „das Gender Mainstreaming-Konzept will die unterschiedlichsten Lebensbedingungen von Frauen und Männern zum Ausgangspunkt organisationalen Handelns nach innen und außen machen.“[6]

Folglich ist Gender Mainstreaming eine gleichstellungs- und damit gesellschaftspolitische Strategie, indem sie sich von der Geschlechtsneutralität abwendet, ein ´androzentrisches Weltbild´ und androkratische Strukturen eingesteht und versucht sie paritätisch zu verändern, dadurch dass zum Beispiel Geschlechtsstereotype beseitigt werden sollen. Das Entscheidende ist nicht nur die konsequente Umsetzsetzung auf allen Handlungsebenen, sondern auch die Beteiligung aller – sei es indirekt oder direkt – an diesem Vorhaben. Demgemäß soll eine Veränderung der jeweiligen Organisation erreicht werden, indem eine „qualitative Verbesserung der Entscheidungsprozesse und -abläufe [bewirkt]“[7] werden soll. Damit avanciert Gender Mainstreaming zu einer Methode, die einerseits eine Geschlechterdemokratie anstrebt und andererseits die Geschlechterfrage als Querschnittsaufgabe begreift; „sodass Gender Mainstreaming als sinnvolle Ergänzung, aber auch perspektivische Erweiterung und strategische Verschiebung der bisherigen Gleichstellungspolitik“[8] gesehen werden kann.

2. Gender Mainstreaming an deutschen Hochschulen

Da das Gender Mainstreaming-Prinzip im Bereich der Organisationsentwicklung anzusiedeln ist, findet es auch Verwendung in einer Organisation wie der Hochschule. In der deutschen Hochschullandschaft äußert sich das geschlechterpolitische Konzept vor allem im Bereich der Personalpolitik. Jede Universität hat eine/n so genannte/n Frauen- oder Gleichstellungsbeauftragte/n, die/der die Herstellung von Chancengleichheit für Frauen und Männern in ihren Institutionen erreichen soll, indem die jeweilige Person die Universitätsangestellten und insbesondere die Universitätsleitung mit ihrer/seiner erworbenen Gender-Kompetenz berät.

Erhöhter Bedeutung kommt dies im Zuge des demografischen Wandels und dem Mangel an qualifizierten FacharbeiterInnen zu. Heutzutage kann es sich die universitär-männerdominierte Wissensgesellschaft wortwörtlich nicht mehr leisten, auf gut ausgebildete Frauen in ihrem Wissenschaftsbetrieb zu verzichten. Zur Gewährleistung der Wettbewerbsfähigkeit gegenüber anderen Hochschulen und außeruniversitären Instituten werden Wissenschaftlerinnen verstärkt angeworben, um ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis zu schaffen und sogleich die Rahmenbedingung des § 3[9] und § 6[10] des Hochschulrahmengesetzes zu erfüllen, in welchem die Chancengleichheit von Frauen und Männern rechtlich festgehalten wurde.

Unter Berücksichtigung dessen postuliert eine deutsche Universität nicht nur Geschlechtergerechtigkeit, sondern ist rechtlich dazu bewogen, diese ebenfalls zu praktizieren. Demgemäß erfüllt eine Universität die Gender Mainstreaming anwendet nach Ada Pellert folgende Aufgabenstellungen: Gesellschaftsrelevanz, -distanz und -moderation.[11]

Ähnlich eines „modernen Dienstleistungsbetriebes“[12], in dem die „Hochschulentwicklung als Managementaufgabe“[13] begriffen wird, soll die Ausschöpfung der humanen Ressourcen der jeweiligen Hochschule einen Vorteil auf dem “Hochschulmarkt“ verschaffen. Sogleich bietet die Universität als Ort des Lehrens, Lernens und „als Motor für regionale Strukturentwicklung“[14] dem Standort die Möglichkeit Geschlechterdemokratie sich flächendeckend ausbreiten zu lassen.

Hierbei soll die Strategie des Gender Mainstreaming helfen zu erkennen, dass die „Ursache für die Reproduktion von Geschlechterungleichheit in den Hochschulstrukturen und [seinen] Organisationskulturen begründet“ liegt.[15] Gleichsam dem personalstrategischen Konzept des Managing Diversity affirmiert Gender Mainstreaming die menschlichen, physiognomischen Unterschiedlichkeiten und versucht daraus Nutzen zu ziehen.

Gender Mainstreaming als gleichstellungsfördernde Praxis evoziert anzuerkennen, dass Frauen im universitären Betrieb vermehrt in den unteren Entgeltgruppen – sowohl akademisch als auch non-akademisch – beschäftigt sind und dem – im Sinne einer geschlechtergerechten Gesellschaft – ein Gleichgewicht von Männern und Frauen in allen Beschäftigungsgruppen entgegenzustellen ist.

Obwohl Gender Mainstreaming „ein integrativ ausgerichtetes und wirkendes Konzept [ist], das Geschlechterfragen zum selbstverständlichen Bestandteil aller Betrachtungsweisen und Prozesse macht“[16], sollte dennoch beachtet werden, dass in der Anwendung des Konzepts ein ökonomischer Aspekt begründet liegt. Es wäre Utopie zu denken, dass eine Universität ein wirtschaftsfreier Raum sei. Auch hier finden sich Kosten-Nutzen-Abwägungen, sodass das „Gender Budgeting – das heißt, die Integration der Geschlechterperspektive in haushaltspolitische Entscheidungen – [...] [zwar] als integraler Bestandteil der Mainstreaming-Strategie avanciert [ist]“[17], aber vor dem Hintergrund der Mittelvergabe des Landes an die Universitäten und einer Stärkung des Profils der jeweiligen Hochschule gesehen werden sollte.

Dementsprechend ist die Quantität der Einbindung von Frauen und Männern gleichermaßen in die Hochschule das entscheidende Kriterium, um eine gute Evaluation zu erzielen. Denn die „Evaluation bewertet (die Erträge von Forschung, Lehre, Studium und Wissenschaftsadministration nach ökonomischen Rationalitätskriterien und trägt dazu bei, Rechenschaft über die hochschulischen Leistungen abzulegen.“[18] Das heißt, es werden vorrangig die „Studierenden- und Studienabschlusszahlen, Studiensemester oder Seitenumfänge von wissenschaftlichen Publikationen in die Effizienzberechnungen einbezogen.“[19]

Jedoch soll die Politikstrategie des Gender Mainstreaming eine Win-Win-Situation herstellen, die allen beteiligten Personen einen Nutzenvorteil ermöglichen soll; sodass in der Folge die Hochschule als Organisation als auch ihren Beschäftigen und Studierenden einen ökonomischen Vorteil schaffen kann. So gibt es gezielte Programme zur Frauenförderung, die die Studentinnen und (angehende) Wissenschaftlerinnen in Form von Stipendien und/ oder Unterstützung in Form von Mentoring erhalten können.

Hierbei wird ersichtlich, dass Gender Mainstreaming an deutschen Hochschulen nicht einmalig als Implementierungsaufgabe erfolgen kann, sondern eine dauerhafte Strategie der Gleichstellungspolitik ist[20], die nur dann eine „geschlechtergerechte Zukunftsperspektive“[21] und einen „Gewinn für die Lebens- und Arbeitswelt“[22] im Mikrokosmos „Universität“ bieten kann, wenn das Konzept im Top-Down-Ansatz konsequent durchgesetzt wird.

3. Gender Mainstreaming an der Universität Potsdam

Die Universität Potsdam wurde 1991 gegründet und feierte dieses Jahr ihr 20-jähriges Bestehen. Mit ihren 20760[23] Studierenden (unter ihnen 11960 Studentinnen[24] ) ist sie die größte Hochschule des Bundeslandes Brandenburg.

Da ihr bereits zum dritten Mal das Prädikat TOTAL E-QUALITY verliehen wurde und die ehemals amtierende Präsidentin Prof. Dr.-Ing. Dr. Sabine Kunst dieses auf die Selbstevaluation als Steuerungsinstrument[25] zurückgeführt hatte und sie seit 2008 das Grundzertifikat im Rahmen des „audit familiengerechte hochschule“ der Hertie-Stiftung erhalten hat, soll im Folgenden dargestellt und untersucht werden, welche Maßnahmen diese junge Universität auf ihrem Weg zur Geschlechtergerechtigkeit und Chancengleichheit unternommen hat und in welchen Projekten das Gender Mainstreaming-Konzept zur Programmmethode wurde.

Ebenfalls sollen die Tätigkeiten der universitären Akteurinnen und Akteure wie dem Koordinationsbüro für Chancengleichheit mit der derzeitig geschäftsführenden Gleichstellungsbeauftragen Barbara Schrul, der Senatskommission für Chancengleichheit (CGK), den dezentralen Gleichstellungsbeauftragten und auf studentischer Seite dem ASTA der Universität Potsdam näher beleuchtet werden und gezeigt werden, wie die Gender Mainstreaming-Strategie angewendet wird.

3.1 Geschlechtergerechte Maßnahmen

„Die Universität steht für Chancen- und Familiengerechtigkeit, Internationalität, Toleranz und Nachhaltigkeit. Dies wird auch weiterhin durch innovative, überregional sichtbare Konzepte und Programme deutlich zum Ausdruck kommen.“[26]

In diesem Auszug des Leitbildes der Universität Potsdam befindet sich – mit dem Verweis auf „überregional sichtbare Konzepte“ – ein indirekter Vermerk auf die Anwendung des Gender Mainstreaming-Konzeptes innerhalb ihrer Strukturen und Handlungsfeldern.

Als Strategie wird das Gender Mainstreaming in der Gleichstellungsarbeit der Universität Potsdam verwendet und in kooperierende Projekte mit anderen Einrichtungen einbezogen. An dieser Stelle wären die Beteiligung der Universität Potsdam am „Zukunftstag für Mädchen und Jungen in Brandenburg“, die Initiative BrISaNT[27] (Brandenburger Initiative Schule und Hochschule auf dem Weg zu Naturwissenschaft und Technik), die die MINT-Projekttage (Schnuppertage für Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufen 7–13), das GirlsProject (MINT*Schnupperwochen für Mädchen der Jahrgangsstufen 10–13) und die Semesterakademie (für frühstudierende Schülerinnen und Schüler) beinhaltet, und die ehemalige Teilnahme an JUWEL[28] zu nennen. In diesen Projekten sollen insbesondere Schülerinnen in ihrem Interesse für Naturwissenschaften gestärkt werden.

Obgleich Gender Mainstreaming an Frauen wie Männer gerichtet ist, finden sich an der Universität Potsdam verstärkt frauenfördernde Maßnahmen[29], um Studentinnen, Nachwuchswissenschaftlerinnen und Professorinnen in den Mainstream zu bringen, in dem sie im Verhältnis zu ihren männlichen Mitstreitern nach wie vor unterrepräsentiert sind. Das heißt, es werden gezielt Programme für Frauen durchgeführt, um die Geschlechterungleichheit zu beheben, die wiederum konstitutiv für die Herstellung von Geschlechtergerechtigkeit ist. Die jeweiligen universitären Programme richten sich nach dem Status der Teilnehmerin. So hat die Universität Potsdam das Projekt „Mentoring für Frauen - Gemeinsam Zukunft gestalten“ ins Leben gerufen, in dem eine Studentin in der Funktion der Mentee zwölf Monate von einem/einer Mentor/in betreut wird, um eine „Sensibilisierung zum Thema Gender-Mainstreaming, Know-how für die Bewerbungsphase, Einblicke ins Projektmanagement sowie Schulungen ihrer kommunikativen und sozialen Kompetenzen [zu] erhalten“[30], Mittel in Höhe von 100950 Euro für Brückenstipendien eingeworben, „die eine finanzielle Unterstützung für Studentinnen, Promovierende und Nachwuchswissenschaftlerinnen zur Überbrückung vor dem (Wieder-)Einstieg in eine wissenschaftliche Tätigkeit oder Qualifikation bzw. zum Abschluss noch laufender Qualifikationsvorhaben im Kontext der Vereinbarkeit von Beruf, Studium und Familie [ermöglichen soll][31] “ und das Stipendium „Frauen für Frauen“ eingerichtet, bei dem „es sich um eine finanzielle Förderung [handelt], die jeweils zur Hälfte durch privates Engagement an der Hochschule und durch den Deutschen Akademischen Austauschdienst gewährleistet wird.“[32]

Zur Umsetzung Forschungsorientierter Gleichstellungsstandards der Deutschen Forschungsgesellschaft (DFG) nimmt die Universität Potsdam an dem Berliner ProFiL-Programm für Postdoc-Wissenschaftlerinnen und dem Professorinnenprogramm des Bundesministeriums für Bildung und Forschung teil. Indes werden Programme des Career Service angeboten und die Frauenförderung wird bei der Mittelvergabe berücksichtigt.[33]

Das Koordinationsbüro für Chancengleichheit der Universität Potsdam erstellt eine jährliche Chronik, die über die universitäre Gleichstellungsarbeit informiert und deren Umsetzung in universitären Ereignissen berichtet. Des Weitern werden Informationsmaterialien erstellt und Stellungsnahmen veröffentlicht, die Hinweise zur Implementierung des Gender Mainstreaming und der Gleichstellungsarbeit an der Universität Potsdam geben.

Im Bereich der Lehre wurde eine W3-Professur für Geschlechtersoziologie an der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät geschaffen, das Zusatzzertifikat „Interdisziplinäre Geschlechterstudien“ eingeführt, das den Studierenden Gender-Kompetenzen vermitteln soll und das Netzwerk „Interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung/Geschlechterstudien“ gegründet, das die Geschlechterforschung an der Universität Potsdam stärken und etablieren soll.

Ein weiteres – von Studierenden geschaffenes und vom universitären Koordinationsbüro für Chancengleichheit betreutes – Netzwerk ist das Elternnetzwerk, das studierenden Eltern helfen soll, eine Vereinbarkeit zwischen Studium und Familie zu erreichen. Dabei wird – gemäß dem Gender Mainstreaming-Ansatz – versucht Mütter wie Väter zu berücksichtigen. Hierfür hat die Universität Regelungen in der Prüfungsordnung geschaffen, Eltern-Kind-Räume an jedem der drei Universitätskomplexe eingerichtet, den Universitätskindergarten „klEinstein“ gegründet, einen Campusspielplatz gebaut, eine ausleihbare mobile Kinderecke inklusive vermittelnden Betreuungspersonal geschaffen, das jährlich stattfindende einwöchige Sommercamp für Kinder von Hochschulangehörigen in Zusammenarbeit mit dem Bündnis für Familie Babelsberg im Lindenpark ausgerichtet, das Programm „Paten für UniKids“ initiiert, eine jährliche Familienmesse organisiert und den berufsbegleitenden Masterstudiengang „Unternehmens- und Steuerrecht“ an der Juristischen Fakultät geschaffen, der in Teilzeit studiert werden kann.

Diese Programme machen deutlich, dass die Universität Potsdam zur Schaffung einer Geschlechterdemokratie ihren Fokus auf die Work-Life-Balance (von Studium und/ oder Beruf und Familie) richtet. Die Hochschule begründet diese Ausgerichtetheit mit folgenden Worten:

„Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist eigentlich ein geschlechtsunabhängiges Problem. Die Erfahrung zeigt jedoch, dass es in der Regel Frauen sind, die auf eine berufliche Karriere ganz oder teilweise verzichten. Für den Wissenschaftsbereich ist aus zahlreichen Studien bekannt, dass der entscheidende Karriereeinbruch für junge Wissenschaftlerinnen mit der oft nicht lösbaren Alternative Kinder oder Karriere verbunden ist.“[34]

Demzufolge versteht die Universität Potsdam die Maßnahmen zur Schaffung einer familiengerechten Hochschule als „elementar für die Verbesserung der Arbeitsplatzsituation und der Karrierechancen aller Hochschulangehörigen und Studierenden mit Kindern.“[35] Die Hochschule sieht sich in diesem Verständnis in Einklang mit der Hochschulrektorenkonferenz und der Annahme, dass „die Vereinbarkeit von Beruf und Familie bzw. Studium und Kindererziehung die Motivation und Arbeitszufriedenheit, den Abbau von Stress und die damit einhergehenden Fluktuations- und Krankheitsquoten [bewirken würde].“[36]

Der Zusammenhang von „Geschlecht“ und „Familie“ im Hochschulbetrieb der Universität Potsdam findet sich in der Teilnahme und Ausrichtung zahlreicher universitärer Initiativen wieder. So ist die größte brandenburgische Hochschule Teilnehmerin im Landesprogramm „Kinder und Karriere“, welches die „Förderung von Frauen und Familie“[37] vorsieht und Initiatorin des Netzwerks „Familienfreundlichkeit an Brandenburger Hochschulen“, das „der Vernetzung, dem Austausch von Informationen und Erfahrungen und der gemeinsamen gegenseitigen Unterstützung zur Schaffung von Projekten und Maßnahmen zur Familienförderung an Brandenburger Hochschulen [dient]“[38] und hat die Wanderausstellung „Frauen in der Wissenschaft – zwischen Karriere und Familie“ kreiert, die zu diversen Anlässen wie der „Langen Nacht der Wissenschaften“ und – zwecks des allgemeinen Wahrnehmens in der Hochschulöffentlichkeit – des Öfteren in den Universitätsgebäuden der Universität Potsdam ausgestellt wird. Die Aufsteller umfassen insgesamt fünfzehn Porträts von universitären Professorinnen, Nachwuchsforscherinnen, wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Studentinnen, die über ihre persönliche Vereinbarkeit von Familie und Beruf/ Studium berichten. Mittlerweile wurden die weiblichen Porträts um neun männliche erweitert, die die gleichen Statutsgruppen beinhalten und deutlich machen sollen, dass auch Männer von der ´Vereinbarkeitssorge´ betroffen sind.

Hierbei zeigt sich, dass Gender Mainstreaming zwar mittels Top-Down-Ansatz von der Hochschulleitung implementiert wird, dass jedoch zur Realisierung ein Bottom-Up-Impuls aller oder zumindest diverser Hochschulangerhöriger förderlich ist. Zur Erlangung dessen ist eine Sensibilisierung aller Beteiligten nötig. Die Universität Potsdam versucht dies im Rahmen von Interventionen und Aktionen zu erreichen.

Hierbei sind die Maßnahmen eher als partizipierende Aktivitäten gestaltet. An dieser Stelle sei auf den Fotowettbewerb „CampusLEBEN-LEBENszeit“, die hochschulweite Online-Umfrage "Geschlechtergerecht – Familiengerecht – Chancengleich“ durch das Potsdamer Evaluationsportal (PEP)[39] und die Gestaltung der „Frauenpolitischen Woche“ rund um den Internationalen Frauentag verwiesen.

Eine universitäre ´Innovation´ im Bereich des Gender Mainstreaming ist definitiv der 2010 publizierte „Leitfaden zur Anwendung einer gendergerechten Sprache. Empfehlung der Senatskommission für Chancengleichheit (CGK) an der Universität Potsdam“. In dieser Publikation wird eine Sensibilisierung für alle Potsdamer Hochschulangehörigen mittels eines geschlechtersensibleren Umgangs mit der deutschen Sprache nahe gelegt. Dazu heißt es in der Chronik der Gleichstellungsarbeit der Universität Potsdam 2010:

„Geschlechtergerechte Sprache ist ein wichtiger Baustein in der Gender-Mainstreaming-Strategie, um die unterschiedlichen Ausgangssituationen von Frauen und Männern sichtbar zu machen. Damit ist sie ein effizientes Mittel zur Gleichstellung von Frauen und Männern und ein entscheidender Beitrag zur Erreichung von Geschlechtergerechtigkeit an der Hochschule.“[40]

3.2 Geschlechterpolitische Akteurinnen und Akteure

Bildmalerisch gesprochen bedarf eine Strategie wie Gender Mainstreaming Menschen, die ihr Leben einhauchen. In der Hochschullandschaft sind das die universitären Angehörigen vom Präsidium und den Dezernaten über die Kommissionen zu den Fakultäten und anderen Einrichtungen. Ausnahmslos alle Beschäftigten und Mitwirkende sind an einem Ge- oder Misslingen von Gender Mainstreaming in den universitären Strukturen beteiligt.

Allen voran befindet sich das universitäre Koordinationsbüro für Chancengleichheit mit ihren Mitarbeiterinnen, die Kommission für Chancengleichheit (CGK) und die jeweiligen dezentralen Gleichstellungsbeauftragten der Juristischen, Philosophischen, Humanwissenschaftlichen, Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen und der Mathematisch- und Naturwissenschaftlichen Fakultät.

Hierbei erlangt insbesondere das universitäre Koordinationsbüro für Chancengleichheit nicht nur eine repräsentative Bedeutung, sondern erhält vielmehr eine Schnittstellenfunktion. Diese zeigte sich beispielsweise in dem 2010 stattgefundenen Gespräch der Gleichstellungsbeauftragten der Universität Potsdam, Barbara Schrul, und der damals amtierenden Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kultur, Dr. Martina Münch, in dem „unter anderem die Umsetzung der Qualitätsstandards zur Chancengleichheit, die am 18. November unterzeichnet wurden, und die Novellierung des Brandenburger Hochschulgesetzes (BbgHG) [thematisiert wurde].“[41] Dagegen werden in inner- und außeruniversitären Treffen wie dem Informationsaustausch zwischen der universitären Gleichstellungsbeauftragten und der AG eLEARNiNG der Universität Potsdam, in dem „die Schnittstellen der AG und Gleichstellungspolitik diskutiert und die Absicht formuliert [wurde], künftig enger zusammenzuarbeiten“[42] oder dem Erfahrungsaustausch zwischen der universitären Gleichstellungsbeauftragten und dem Büro für Gleichstellung der Universität Leipzig, bei dem „der Umstand [interessierte], dass das dortige Büro von einem Studenten (Georg Teichert) geführt wird“[43], die Vernetzung und Horizonterweiterung deutlich. Ebenfalls gehören öffentliche Stellungnahmen der Gleichstellungsbeauftragten und die Präsenz in Form von Ständen wie am Hochschulinformationstag (HIT), im „Rahmen der Infobörse für Frauen im Stadthaus Potsdam“[44] oder am Tag der offenen Tür am Zentrum für Lehrerbildung der Universität Potsdam zum Tätigkeitsfeld des universitären Koordinationsbüros für Chancengleichheit. Insbesondere bei letzteren haben die Gleichstellungsbeauftragte und ihre Mitarbeiterinnen die Möglichkeit angehende LehrerInnen für einen geschlechtergerechten Umgang mit späteren Schülerinnen und Schüler zu sensibilisieren.

[...]


[1] Dorn, Charlotte, 2004: Gender Mainstreaming in Aus- und Weiterbildung. Chancen und Wege der Realisierung. Reader zur Fachtagung. Bremen: Universität Bremen, S. 5. (http://www.bwu-bremen.de/iwp/multiqua/TRANSFER/READER.PDF. Abgerufen am 5.6.2011.)

[2] Eine Definition des Gender Mainstreaming befindet sich in: Blome, Eva/ Erfmeier, Alexandra/ Gülcher, Nina/ Smasal, Kerstin/ Smykalla, Sandra, 2005: S. 96.

[3] Jansen, Mechthild M./ Röming, Angelika/ Rohde, Marianne (Hrg.), 2003: S. 7.

[4] Siehe ebenda, S. 7.

[5] An dieser Stelle verweisen die Anführungszeichen auf die Normativität einer Zweigeschlechtlichkeit und einer heterosexuellen Matrix. Ein so genanntes drittes Geschlecht und Identifikationsformen wie Transsexualität finden bisher wenig Beachtung in der Problematisierung des Gender Mainstreaming.

[6] Jansen, Mechthild M./ Röming, Angelika/ Rohde, Marianne (Hrg.), 2003: S. 35.

[7] Siehe ebenda, S. 54.

[8] Kahlert, Heike, 2003: S. 40.

[9] http://www.bmbf.de/pub/HRG_20050126.pdf, S. 3.

[10] http://www.bmbf.de/pub/HRG_20050126.pdf, S. 4.

[11] Kahlert, Heike, 2003: S. 23.

[12] Siehe ebenda, S. 27.

[13] Siehe ebenda, S. 29.

[14] Siehe ebenda, S. 27.

[15] Siehe ebenda, S. 42.

[16] Siehe ebenda, S. 46.

[17] Jansen, Mechthild M./ Röming, Angelika/ Rohde, Marianne (Hrg.), 2003: S. 124.

[18] Kahlert, Heike, 2003: S. 28.

[19] Siehe ebenda, S. 28.

[20] Vgl. Jansen, Mechthild M./ Röming, Angelika/ Rohde, Marianne (Hrg.), 2003: S. 180.

[21] Siehe ebenda, S. 8.

[22] Siehe ebenda, S. 8.

[23] Universität Potsdam. Public Relations and Public Information Office of the Universität Potsdam, 2011: S. 2.

[24] Siehe ebenda, S. 2.

[25] http://www.uni-potsdam.de/u/gleichstellung/Stellungnahme%20UP-30-06-2008.pdf.

[26] http://www.uni-potsdam.de/leitbild/leitbild-uni-potsdam.pdf.

[27] http://www.brisant.uni-potsdam.de/FlyerBrISaNT.pdf.

[28] http://www.uni-potsdam.de/u/gleichstellung/Chronik2005.pdf, S. 3.

[29] 1996 hat die Universität Potsdam Frauenförderrichtlinien (FER) verabschiedet. (Vgl. Altmiks, Peter (Hrsg.), 2000: S. 81.)

[30] http://www.uni-potsdam.de/u/gleichstellung/Chronik2006.pdf, S. 2.

[31] http://www.uni-potsdam.de/u/gleichstellung/Chronik2010.pdf, S. 2.

[32] http://www.uni-potsdam.de/u/gleichstellung/Chronik2009.pdf, S. 13.

[33] http://www.uni-potsdam.de/u/gleichstellung/Chronik2005.pdf, S. 4.

[34] Schrul, Barbara (Hrsg.), 2005: S. 17.

[35] Siehe ebenda, S. 7.

[36] Siehe ebenda, S. 7.

[37] http://www.uni-potsdam.de/u/gleichstellung/Chronik2009.pdf, S. 17.

[38] Siehe ebenda, S. 15.

[39] http://www.uni-potsdam.de/u/gleichstellung/Chronik2008.pdf, S. 1.

[40] http://www.uni-potsdam.de/u/gleichstellung/Chronik2010.pdf, S. 3.

[41] http://www.uni-potsdam.de/u/gleichstellung/Chronik2010.pdf, S. 2.

[42] http://www.uni-potsdam.de/u/gleichstellung/Chronik2010.pdf, S. 11.

[43] http://www.uni-potsdam.de/u/gleichstellung/Chronik2010.pdf, S. 3.

[44] http://www.uni-potsdam.de/u/gleichstellung/Chronik2010.pdf, S. 17.

Details

Seiten
26
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656100690
ISBN (Buch)
9783656100362
Dateigröße
415 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v184864
Institution / Hochschule
Universität Potsdam – Professur für Geschlechtersoziologie
Note
1,3
Schlagworte
Gender Mainstreaming Universität Potsdam Gleichstellungspolitik an deutschen Hochschulen Geschlechterdemokratie Geschlechtergerechtigkeit

Autor

  • Riccarda J. Schneider (Autor)

    6 Titel veröffentlicht

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