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Der Natureingang am Beispiel eines Sommer- und Winterliedes von Neidhart

Seminararbeit 2009 19 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Der Natureingang bei Neidhart
1. Sommerlied 19
1.1 Aufbau und inhaltlicher Überblick
1.2 Die bewirkte Stimmung
1.3 Der Handlungsraum
1.4 Die erzielte Vorausdeutung
2. Winterlied 6
2.1 Aufbau und inhaltlicher Überblick
2.2 Die bewirkte Stimmung
2.3 Der Handlungsraum
2.4 Die Vorausdeutung

III. Schluss

IV. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Beim Lesen von Minneliedern ist auffallend, dass einige Minnesänger in ihren Liedern gerne einleitend Bezug auf die Natur und deren Erscheinungen nehmen. Die literarische Einleitung mittels Natur- und Jahreszeitenbildern wurde bereits in der antiken Rhetorik verwendet.[1] „Dabei werden Jahreszeiten oft als Folie für den Gemütszustand des lyrischen Ichs beschworen: gleichsinnig, etwa als Erwachen der Natur und der Lebens- und Liebesfreude (Sommerfreude-Minnefreude) […]. Die Jahreszeiten werden in dreifacher Weise eingesetzt: als Natureingang (bes. häufig im 13. Jh.), als Jahreszeitenapostrophe, oft im Natureingang […] und am häufigsten als kurzer Jahreszeitenbezug […].“[2]

Verschiedene Phänomene und Vorkommnisse der Natur als Einleitungstopos werden dabei genutzt, um eine Stimmung zu etablieren. Bei Neidhart von Reuental haben diese Mittel allerdings eine viel weitreichendere Bedeutung: „Die ersten sommerlichen Natureingänge gestaltet Dietmar […], motivlich erweitert dann etwa Walther […]. Neidhart baut den […] Natureingang zum gattungsstiftenden Prinzip aus und erweitert diese Grundelemente nochmals […].“[3]

Hier erscheinen besonders die Unterschiede zwischen Sommer- und Winterliedern interessant, da die Liebe in die Natur und in die Jahreszeit eingebettet ist.[4]

Welche große Rolle der Natureingang in seinen Liedern spielt, soll in dieser Arbeit anhand zweier Lieder Neidharts, dem Sommerlied 19 und dem Winterlied 6, aufgezeigt werden.

In der Forschung wurde der Begriff der Naturlieder im Minnesang u.a. von Günther Schweikle ausgearbeitet. Intensiv beschäftigten sich mit dem Natureingang Anna Kathrin Bleuler, Barbara von Wulffen, Wolfgang Adam und Jessica Warning. Motive der Erotik bei Neidhart behandelte u.a. Bruno Fritsch; Richard Alewyn stellte Überlegungen zum Naturalismus bei Neidhart an. Eine neuhochdeutsche Übersetzung, die hier herangezogen wird, lieferte Siegfried Beyschlag. Auffallend ist, dass zum Natureingang der Sommerlieder weit mehr Forschungsliteratur vorhanden ist, als zu den Winterliedern.

II. Der Natureingang bei Neidhart

Der Natureingang im Minnesang wird an den Anfang der Lieder gestellt und kann mehrere Strophen lang sein. „[Außerdem] […] müssen einige, später bei der Interpretation zu präzisierende Wirklichkeitsmerkmale vorhanden sein, die eine bestimmte Zeit des Jahres ankündigen.“[5] Der Natureingang soll nun anhand zweier unterschiedlicher Beispiele untersucht werden.

1. Sommerlied 19

1.1 Aufbau und inhaltlicher Überblick

Das Sommerlied 19 enthält sechs Reienstrophen mit je sieben ungleichlangen Versen nach dem Paarreimschema aa,bb,ccc.

„Als Hauptthema des Liedes wird wohl die ,Ankunft des Sommers’ aufgefasst.“[6]

Insgesamt lässt sich jedoch eine Teilung in drei Themen feststellen: Strophe I bis zum Anfang der dritten Strophe gibt eine Beschreibung der Natur am Sommeranfang ab, der zweite Teil der dritten Strophe stellt einen „adressierten Appell“[7] an junge Mädchen dar, die Strophen IV bis VI enthalten ein Streitgespräch zwischen Mutter und Tochter in wörtlicher Rede.

In der ersten Strophe wird ein frühsommerlicher Tag gepriesen, der den Menschen Frohsinn und Freude bringt (I, 1-3). Im Gegensatz dazu wird der Winter gescholten, der die Blumen auf der Heide pflückte (I, 4-6), welche nun wieder blühen (I, 7).

In der zweiten Strophe wird beschrieben, wie sich der Monat Mai mit Vogelgesang morgens und abends (II, 1-3) ankündigt (II, 5) und sommerlicher Jubel zum Tanzen lockt (II, 6-7).

Die Veränderung der Natur wird in der dritten Strophe weiter erläutert: Der Wald hat sein Laub wieder zurück, das ihm vom Winter genommen wurde (III, 1-3). Daraufhin werden junge Mädchen aufgefordert, sich schön zu machen und zu schmücken und beim Tanz mit den Männern zu flirten (III, 4-7).

Ab der vierten Strophe beginnt die wörtliche Rede eines Mädchens, die in ein Streitgespräch mit der Mutter führt. Zuerst bekundet es seinen Willen und seine Vorfreude zum Springen beim Tanz (IV, 1-2), für den es sich ohne Verzicht schmücken wolle (IV, 3-4). Außerdem gesteht es, dass es einen Ritter mit beiden Augen heimlich angesehen hätte (IV, 5.7).

Die direkte Rede des Mädchens geht über in die fünfte Strophe. Hier wendet es sich an die Mutter und bittet diese, nicht zornig zu werden, es halte sich ansonsten immer an den mütterlichen Rat (V, 1-3). Die Mutter antwortet, dass es hierfür zu spät sei (V, 3), und versagt der Tochter das Tanzkleid und die Schuhe (V, 5-6).

In der sechsten Strophe erwidert die Tochter daraufhin, dass sie für den Mann, den sie sich ausgesucht hätte, gerne darauf verzichten würde (VI, 1-3). Die Mutter fragt hierauf nach der Herkunft des Mannes, der ihr Einvernehmen zerstören wolle, (VI, 4-6) und bittet die Tochter, ihrem Rat zu folgen (VI, 7).

Wie hier, in einer Dialogszene im Streit zwischen Mutter und Tochter, treten in den Sommerliedern nur Frauen auf. Die Sängerrolle bleibt jedoch genauso wie die der Dörper weitgehend passiv und es besteht kein nennenswerter Konkurrenzkampf mit einem Ritter.[8]

1.2 Die bewirkte Stimmung

„Wichtigste Funktion der Naturmotivik ist die Einführung in die Stimmungslage eines Liedes“[9]. Neidharts Sommerlied 19 beginnt mit den Worten Wol dem tage (I, 1), wodurch sofort deutlich wird, dass ein Tag gepriesen werden soll, weil er allen Menschen hôchgemüete, also überaus frohe Stimmung und vröide bringt (I, 2-3). Dabei steht auch die Zeiteinheit „Tag“ als Metapher für Liebeshoffung.[10] Damit wird gleich zu Beginn des Liedes die Stimmung, die bewirkt wird, wörtlich benannt. Daraufhin wird der Grund für die Hochstimmung geliefert: Der Winter ist nun vorüber und hatte den Menschen ze leide die Blumen auf der Heide gepflückt (I, 5-6). Dadurch wird auch dem Gefühl, das unmittelbar mit der winterlichen Jahreszeit in Verbindung gebracht wird, ein Name gegeben: Kummer und Leid. Auffallend ist, dass als Tempus für die Naturdarstellung des Winters das Präteritum verwendet wird. Umgekehrt erfolgt die Schilderung der Naturvorgänge des Sommers im Präsens. Dies betont nochmals, dass der Winter und die mit ihm verknüpfte Stimmung tatsächlich vergangen sind, der Sommer mit seinen positiven Effekten hingegen nun allgegenwärtig ist. „Den trüben Tagen des Winters wird der schöne Glanz der jetzigen Jahreszeit gegenübergestellt.“[11] Es folgt eine detaillierte Beschreibung der frühsommerlichen Umgebung: [ bluomen] st ênt […] in liehter ougenweide (I,7) . „Dieses Bild gehört fest zum formelhaften Bestand der Jahreszeitenschilderung in der mittelhochdeutschen Lyrik und wird unzählige Male – oft in leicht variierter Form – von Minnesängern wiederholt.“[12] Adjektive wie liecht (I,7) betonen die Intensität des Lichtes und der Helligkeit im frühen Sommer[13]. Den visuellen Veränderungen in der Natur folgen akustische Phänomene: vogele singen über al (II,2), und ihr Gesang mit den Attributen Grôzen schal (II,1), süez genauso wie der zeitliche Aspekt, nämlich mit den âbent und den morgen, werden beschrieben (II, 3). Auch die Vögel, denen menschliche Gefühle zugeteilt werden[14], müssen mit dem Ende des Winters nun nicht mehr leiden, denn ende h ât ir sorge (II, 4). Zudem wird die Umgebung noch weiter illustriert: Mit den Worten Nu ist der walt schône geloubet (III, 1-2) wird die Vorstellung eines locus amoenus abgerundet:

„ [Es] […] wird ein locus amoenus […] entworfen und der Minneproblematik als Folie, im Gleichklang […] vorangestellt. Requisiten des frühlingshaft- oder sommerlich-schönen Naturbildes sind walt, böume, heide und anger mit bluomen, gras, klê und vogellîn.“[15]

Mit einem solchen Ort werden o.g. Gefühle und Stimmungen wie Freude, Frohsinn, Heiterkeit, aber auch Lust assoziiert; „Frühlingsgefühle“ werden geweckt, wenn es heißt: sumerlîch geschreie daz enhoeret niemen, erne reie (II, 6-7). Der Natureingang der frühsommerlichen Jahreszeit mit seinen Naturerscheinungen erfüllt hier also seine Funktion als Erzeuger einer bestimmten Stimmung. Diese löst auch den Appell an die jungen Mädchen aus, sich stolzelîchen zu zieren, ir gewant zu ridieren und an die man mit einem ougen zu zwieren (III, 4-7).

[...]


[1] Vgl. Adam, Wolfgang: Die „wandelunge“. Studien zum Jahreszeitentopos in der mittelhochdeutschen Literatur. Heidelberg, 1979, S. 36.

[2] Schweikle, Günther: Minnesang. 2., korrigierte Auflage. Stuttgart, Weimar, 1995 (Metzler Bd. 244), S. 131.

[3] Schweikle, 1995, S. 203.

[4] Alewyn, Richard: Naturalismus bei Neidhart von Reuental, in: Brunner, Horst (Hg.): Neidhart. Darmstadt, S. 37 -76, S. 47.

[5] Alewyn, S.47.

[6] Bleuler, Anna Kathrin: Überlieferungskritik und Poetologie. Strukturierung und Beurteilung der Sommerlieder Neidharts auf der Basis poetologischen Musters (Münchner Texte und Untersuchungen zur deutschen Literatur des Mittelalters 136). Tübingen, 2008, S. 47.

[7] Ebd.

[8] Fritsch, Bruno: Die erotischen Motive in den Liedern Neidharts (Göppinger Arbeiten zur Germanistik 189). Göppingen, 1976, S. 20.

[9] Schweikle, 1995, S. 203.

[10] Vgl. Schweikle, 1995, S. 204.

[11] Adam, 1979, S. 50.

[12] Adam, 1979, S. 37.

[13] Vgl. ebd.

[14] Vgl. Adam, 1979, S. 54.

[15] Schweikle, 1995, S. 203.

Details

Seiten
19
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783656100515
ISBN (Buch)
9783656100782
Dateigröße
386 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v184919
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Deutsche Philologie
Note
2
Schlagworte
Minnelyrik Natureingang Neidhart Minnesang
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