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Vom osmanischen Vielvölkerreich zum türkischen Nationalstaat

Hausarbeit (Hauptseminar) 2008 24 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Zeitalter Weltkriege

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Untergang des Osmanischen Reiches
2.1 Der äußere Zerfall des Reiches bis zum Ersten Weltkrieg
2.2 Zerfall im Inneren - Reformen und ihre Wirkung
2.3 Das Aufkommen der jungtürkischen Bewegung bis

3. Der Erste Weltkrieg und die Folgen
3.1 Kriegsverlauf und innere Entwicklungen
3.2 Von Sèvres nach Lausanne
3.3. Exkurs: Minderheitenproblematik

4. Die Genese des türkischen Nationalstaates

5. Anhang
5.1 Literaturverzeichnis
5.2 Abbildungs- und Tabellenverzeichnis
5.3 Übersichtskarten

1. Einleitung

Das Thema dieser Hausarbeit ist die Entstehung des türkischen Nationalstaates als Folge des Untergangs des osmanischen Vielvölkerreiches. Das Osmanische Reich entwickelte sich innerhalb von nur zwei Jahrhunderten von einem der vielen anatolischen Kleinfürstentümer türkischer Hirtennomaden zu einer Großmacht, die den Gang der Geschichte Europas und der Welt entscheidend mitbestimmte (vgl. Karte 1).

Im ersten Themenblock soll der Untergang „des bedeutendsten Staatswesens eines Turkvolkes“[1] näher beleuchtet werden. Leitfrage soll dabei sein, welche Gründe für den Untergang verantwortlich waren. Sind es in erster Linie äußere Einflüsse gewesen? Oder waren es innere Probleme in der Struktur des Reiches? Die Möglichkeit, dass sich diese beiden Faktoren überlagert haben, soll ebenfalls in Betracht gezogen werden. Betont werden muss dabei schon jetzt, dass zur Mitte des 19. Jahrhunderts die reichsten und am weitesten entwickelten Gebiete des Osmanischen Reiches im europäischen Teil lagen. Weiterhin lebten in diesen Gebieten annähernd 50 Prozent der gesamten Bevölkerung.[2] Über den Zwischenschritt der Entstehung der jungtürkischen Bewegung soll schließlich der Verlauf des Ersten Weltkrieges, der für die Zukunft des türkischen Nationalstaates weitreichende Folgen haben sollte, dargelegt werden. Dabei werden vor allem die Entwicklungen zwischen dem Diktatfrieden von Sèvres und dem Kompromissfrieden von Lausanne ausführlich aufgearbeitet, um so die Konstituierung der türkischen Republik nachvollziehen zu können. Im abschließenden Schritt wird schließlich die innere Entwicklung der Türkei unter ihrem Gründer Mustafa Kemal Atatürk in den ersten Jahren nach dem Vertrag von Lausanne aufgezeigt. Dafür sollen vor allem die wichtigsten Prinzipien von Atatürks Politik erklärt werden, um daraus abschließend auch die Probleme und Komplikationen der Staatsgründung ableiten zu können.

2. Der Untergang des Osmanischen Reiches

2.1 Der äußere Zerfall des Reiches bis zum Ersten Weltkrieg

Der Untergang des Osmanischen Reiches begann symbolisch bereits im Jahre 1683 mit der vernichtenden Niederlage in der Schlacht am Kahlenberg während der zweiten Türkenbelagerung Wiens gegen das deutsch-polnische Heer. Damit fand die Jahrhunderte andauernde osmanische Expansion ihr Ende und das Reich sah sich fortan in der Defensive.[3]

In Europa entwickelte sich ein Bewusstsein, dass die Osmanen doch verwundbar sind. Die auf Initiative von Papst Innozenz XI. 1684 gegründete Heilige Liga aus Habsburg, Polen und Venedig, sowie ab 1686 auch Russland, verwickelte das Osmanische Reich in einen Dreifrontenkrieg, der große Gebietsverluste zur Folge hatte. Am schwersten wog der Verlust des wirtschaftlich starken Ungarn als Folge der Schlacht Mohács im Jahre 1687. Die Reihe der osmanischen Niederlagen wurde erst mit einem französischen Angriff gegen die Habsburger gestoppt.[4] Der 1699 von England initiierte Friede von Karlowitz sollte schließlich den sogenannten Großen Türkenkrieg beenden. Als Folge des Friedensvertrages verloren die Osmanen Ungarn inklusive Siebenbürgen sowie große Teile der heutigen Ukraine.

Es kam allerdings im Folgenden zu weiteren Gebietsverlusten. 1724 gingen Aserbeidschan, Georgien und Ost-Armenien an Persien verloren. Weiterhin fielen die Donaufürstentümer Moldau und Walachei von der Pforte[5] ab und standen fortan unter russischer Oberhoheit. Der Friede von Küçük Kaynarca sollte schließlich den russisch-osmanischen Krieg beenden. Dieser Friede ist gleichbedeutend mit dem Verlust des Großmachtstatus des Osmanischen Reiches.[6] Ein völliger Zerfall des Reiches wurde nur deshalb verhindert, weil die europäischen Großmächte sich um die Aufteilung der Beute uneins waren. Dieses, als orientalische Frage bezeichnete, Phänomen sollte die europäischen Mächte bis fast in die Gegenwart hinein in Anspruch nehmen.[7]

Im ausgehenden 19. Jahrhundert waren es drei weitere Katastrophen, die die Existenz des Osmanischen Reiches nachhaltig bedrohten.[8] Zum einen der Krimkrieg von 1853. Der Zerfall des osmanischen Reiches, von den Medien der damaligen Zeit als „der kranke Mann am Bosporus“[9] persifliert, war der eigentliche Auslöser des Krieges. Die Russen wollten unter dem Vorwand des Schutzes orthodoxer Minderheiten im osmanischen Gebiet ihr Reich weiter ausdehnen. Die geostrategisch relevanten Meerengen des Bosporus und der Dardanellen waren aber die eigentliche Triebfeder des Krieges. Eine Koalition aus dem Osmanischen Reich, Frankreich und Großbritannien, sowie ab 1855 auch Piemont-Sardinien, verhinderte dieses Bestreben jedoch. Im 1856 geschlossenen Frieden von Paris garantierten die europäischen Mächte zwar die Integrität des osmanischen Reiches, de facto verloren die Osmanen jedoch ihren Einfluss auf die Donaufürstentümer. Die formelle osmanische Oberherrschaft war nicht mehr als eine Fassade (vgl. Karte 2).

Die zweite große Niederlage resultierte dann aus Aufständen und Erhebungen auf dem Balkan zwischen 1875 und 1878. Das osmanische Reich geriet erneut in große Bedrängnis, sodass russische Truppen bis vor die Tore von Konstantinopel gelangten. Im am 3. März 1878 geschlossenen Vorfrieden von San Stefano wurden sodann enorme Gebietsverluste der Pforte auf dem Balkan und in Transkaukasien festgesetzt. Dies rief jedoch die anderen europäischen Mächte auf den Plan. Vor allem Großbritannien wollte verhindern, dass Russland über seinen Satellitenstaat Bulgarien Zugang zum Mittelmeer bekam. Eine kriegerische Auseinandersetzung drohte, wurde jedoch durch den von Otto von Bismarck initiierten Berliner Kongress verhindert. Ab dem 13. Juni 1878 kamen Vertreter vom Deutschen Reich, Österreich-Ungarn, Frankreich, Großbritannien, Italien und Russland sowie vom Osmanischen Reich in Berlin zusammen, um die Friedensordnung für Südosteuropa neu festzulegen. Ergebnis war eine fast komplette Revision des Vertrages von San Stefano zu Ungunsten Russlands. Für das Osmanische Reich war der Berliner Kongress zwar ein Fortschritt gegenüber San Stefano, aber dennoch gleichbedeutend mit erneuten Gebietsverlusten. Die Unabhängigkeit von Serbien, Montenegro und Rumänien, die faktische Abtrennung von Bulgarien und Zypern sowie die österreichisch-ungarische Besetzung von Bosnien und der Herzegowina bedeuteten einen Verlust von 210.000 Quadratkilometer sowie einen Rückgang der Bevölkerung um annährend 20 Prozent (vgl. Karte 2).

Die dritte Katastrophe wurde schließlich durch die italienische Eroberung von Tripolis im Jahre 1911 ausgelöst. Dies schwächte das Osmanische Reich erneut und führte unmittelbar zum Ersten Balkankrieg im Oktober 1912. Schnelle Siege von Bulgarien, Griechenland und Serbien sowie Montenegro waren die Folge. Der Londoner Vertrag vom 30. Mai 1913 beendete diesen Krieg schließlich mit dem Ergebnis, dass Albanien seine Unabhängigkeit erlangte und Thrakien an Bulgarien fiel. Die ehemalige osmanische Provinz Makedonien wurde zwischen Serbien, Griechenland und Bulgarien aufgeteilt. Der europäische Besitz des Osmanischen Reiches war somit auf geringe Gebiete rund um die Meerengen zusammengeschrumpft. Da Bulgarien jedoch mit dem Modus der Zerstückelung von Makedonien alles andere als Zufrieden war, kam es kurz darauf zum Zweiten Balkankrieg. Die Bulgaren sahen sich nun einer kaum zu bezwingenden Koalition aus Griechenland, Serbien, Montenegro, Rumänien und dem Osmanischen Reich gegenüber und mussten schnell kapitulieren. Bereits am 10. August 1913 sollte der Frieden von Bukarest die Nachkriegsordnung organisieren. Profitieren sollte vor allem Griechenland, das seinen Landbesitz fast verneunfachen konnte. Die Bulgaren mussten hingegen ihren Traum von der Hegemonie auf dem Balkan begraben. Die Osmanen erhielten Ostthrakien zurück, mussten aber dennoch erneut große Gebietsverluste akzeptieren und waren nun am Vorabend des Ersten Weltkrieges vor allem auf Gebiete im asiatischen Raum konzentriert (vgl. Karte 2).

2.2 Zerfall im Inneren - Reformen und ihre Wirkung

Zur Mitte des 19. Jahrhunderts war das Osmanische Reich ein traditioneller Staat im reinsten Wortsinne.[10] Prägend war ein Dualismus zwischen dem Sultan und seinen Lehnsmännern. Das Volk bestand aus zwei Klassen und vier Religionsgemeinschaften. Die herrschende Klasse umfasste den Hof, das Militär, die Bürokratie sowie die islamischen Gelehrten. Die große Mehrheit fand sich in der Unterklasse wieder. Die griechischen und armenischen Christen, die Juden und die Masse der islamischen Bevölkerung. Steuern zahlte allein die Unterklasse, der nicht-muslimische Teil dabei mehr als der muslimische Teil. Dies erklärt sich aus der kulturellen Freiheit, die sich die Nicht-Muslime erkaufen mussten. Ein Staatsbürgerbewustsein gab es dementsprechend nicht.[11] Ebenso keine Wirtschaftseinheit. Die gesamte Ökonomie war auf die militärische Expansion ausgelegt. Neues Land bedeutete neue Lehen und somit neuen Geldfluss. Mit dem Ende der osmanischen Expansion geriet dieses System folgerichtig in eine schwere Krise. Ein Bewusstsein der Reformbedürftigkeit verbreitete sich.[12]

Im Folgenden lässt sich ein deutliches Schema ausmachen. Auf äußeren Druck folgte ausländische Hilfe bzw. ausländische Intervention, die wiederum in Reformen im Inneren mündeten.[13] Anhand von drei Beispielen soll diese These untermauert werden.[14] 1832 besiegte der osmanische Stadthalter von Ägypten Mehmet Ali mit Hilfe von französischen Truppen die Armee der Osmanen bei Konya. Nur durch Hilfe von russischen Truppen konnten die Osmanen den drohenden Sturm auf Konstantinopel verhindern. Der Reformeifer des Sultans war geweckt. Im Zuge einer Vereinheitlichung der Verwaltung wurden viele Lehen liquidiert. Ebenso wurde ein Außenministerium geschaffen. Innenpolitisch relevant war vor allem, dass der rote Fez nun für alle Osmanen verbindlich vorgeschrieben wurde, um religiöse Unterscheidungen nicht mehr anhand der Kleidung zu ermöglichen. 1839 wiederholte sich dieses Schema. Mehmet Ali versuchte sich erneut mit einem Sturm auf Konstantinopel und rieb die osmanischen Truppen dabei sehr schnell auf. Nur eine Koalition bestehend aus England, Russland und Österreich konnte verhindern, dass Kleinasien zur Beute des Ägypters wurde. Als Gegenleistung forderten die europäischen Mächte innere Reformen, um das osmanische Reich besser in den europäisch kontrollierten Weltmarkt integrieren zu können. Die Phase der Neuordnung (Tanzimat) begann. Übergeordnetes Ziel war es, die auseinanderdriftenden Reichsvölker in einem parlamentarischen System zu einen. Erreicht werden sollte dieses Ziel durch die integrative Ideologie des Osmanismus. Die traditionellen Konfessionsgemeinschaften sollten durch einen säkularen und demokratisch legitimierten Territorialstaat ersetzt werden.[15] Wichtigste Errungenschaft war aber zunächst die Durchsetzung der Unverletzlichkeit von Person, Eigentum und Würde unabhängig von Religion und Stand. Ebenso wurden die Steuern vereinheitlicht und Gerichtsverhandlungen nun öffentlich abgehalten. Revolutionär erscheint das Abschaffen der Todesstrafe für den Abfall vom Islam im Jahre 1843.

1853 sollte sich das dargelegte System erneut wiederholen. Nur 18 Tage nach dem Waffenstillstand im Krimkrieg kam es zu einem neuerlichen Reformschub. Der Zugang zum Staatsdienst stand nun auch Nicht-Muslimen offen. Ebenso wurden Nicht-Muslime nun auch bei Gerichtsversammlungen als Zeugen zugelassen. Die wichtigsten Reformen gab es allerdings im Handels- und Strafrecht. Dort wurde das islamische Recht teilweise gebrochen und somit die Klasse der Herrschenden ebenso für Nicht-Muslime geöffnet.

Die wirtschaftlichen Folgen dieser drei Reformschritte waren sehr folgenreich. Zunächst konstituierte sich langsam eine gewisse Rechtssicherheit, die Investitionen erheblich erleichterte. Ein langsam wachsender Binnenmarkt war die Folge. Verheerend wirkte sich jedoch schon zu dieser Zeit die große Abhängigkeit vom europäischen Ausland aus. Die Europäer sicherten sich zahlreiche Konzessionen und überschwemmten gleichzeitig das osmanische Reich mit ihren Industriegütern. So wurde zum einen das Entstehen einer eigenen osmanischen Industrie verhindert und zum anderen auch das Aussterben des traditionellen osmanischen Handwerks stark begünstigt.

Innere Unruhen waren die logische Schlussfolgerung. 1859 kam es zu einem ersten Putschversuch, der jedoch unter Führung einer neoosmanischen Bewegung niedergeworfen wurde. Reformen blieben so weiterhin Reformen im Sinne des Auslandes und der Minderheit der herrschenden Klasse des osmanischen Reiches. Also in erster Linie Reformen im militärischen Sektor, um das Reich überhaupt erhalten zu können. 1876 kam Abdülhamid II. (1842-1918) auf den Thron des Sultans. In Zeiten großen äußeren Drucks musste er seine Reformbereitschaft im Inneren signalisieren und stimmte daher einer liberalen Reformbewegung zu, die am 23. Dezember 1876 eine Verfassung einsetzte und damit ein parlamentarisches System schuf. Als Folge der Niederlage des Osmanischen Reiches gegen Russland von 1877/1878 und dem damit verbundenen Strom von muslimischen Flüchtlingen vom Balkan kündigte Abdülhamid dieses System auf und regierte in relativer äußerer Stabilität fortan quasi autoritär. Begründet wurde dies vor allem damit, dass die säkularisierenden Reformen als Ursache aller Katastrophen überhaupt dargestellt wurden. Abdülhamid trieb die Modernisierung von oben auf die Spitze und erwarb sich so den Ruf als der letzte Despot des Osmanischen Reiches.[16] Wirtschaftlich war das Reich aber am Ende. Die permanenten Unruhen und Kriege sowie die damit verbundenen militärischen Reformen waren nur durch Anleihen im Ausland zu finanzieren. 1870 wurden bereits 80 Prozent der Staatseinnahmen zur Zinstilgung benötigt.[17] Der erste Staatsbankrott im Jahre 1875 war die logische Konsequenz. Ab 1881 setzten Frankreich und England eine internationale osmanische Staatsschuldenverwaltung ein und zogen fortan sämtliche Steuer- und Feudalabgaben direkt ein.[18]

[...]


[1] Matuz (2006), S. 3

[2] Cf. Fisch (2002), S. 228

[3] Cf. Matuz (2006), S. 185

[4] Cf. op. cit., S. 188

[5] Von 1718 bis 1922 übliche Bezeichnung für die osmanische Regierung, cf. ibid.

[6] Cf. op. cit., S. 202

[7] Cf. op. cit., S. 203

[8] Cf. Fisch (2002), S. 230ff

[9] Angeblich in einem Gespräch mit britischen Diplomaten von Zar Nikolaus I. geprägter Ausdruck. Cf. Matuz (2006), S. 180

[10] Cf. Seufert (2006), S. 69

[11] Cf. ibid.

[12] Cf. op. cit., S. 70

[13] Cf. ibid.

[14] Cf. op. cit., S. 71ff

[15] Cf. Adanir (2000), S. 10

[16] Cf. Seufert (2006) S. 76

[17] Cf. Matuz (2006), S. 246

[18] Cf. op. cit., S. 76

Details

Seiten
24
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783656098133
ISBN (Buch)
9783656098010
Dateigröße
1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v184986
Institution / Hochschule
Universität Vechta; früher Hochschule Vechta – Institut für Geschichte und historische Landesforschung
Note
1,0
Schlagworte
Türkei; Osmanisches Reich;

Autor

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