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Erving Goffmans Theorie der Selbstdarstellung - Vorderbühne und Hinterbühne beim Frauenarzt

Seminararbeit 2003 21 Seiten

Soziologie - Kommunikation

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Situationsdefinition

3. Vorderbühne/Hinterbühne

4. Elemente der Selbstdarstellung

5. Das Ensemble

6. Takt als Technik der Eindrucksmanipulation

7. Beispiel: Besuch beim Frauenarzt

8. Conclusio

im Anhang: Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das Hauptziel dieser Arbeit soll eine knappe Darstellung des dramaturgischen Ansatzes von Erving Goffman sein. Darauf aufbauend wird anhand eines Beispiels gezeigt werden, wie sein Modell zur Analyse von sozialen Situationen eingesetzt werden kann. Dabei wird auch (zwar relativ unsystematisch) versucht werden, den systemtheoretischen Ansatz Niklas Luhmanns als Ergänzung und Kontrastfolie heranzuziehen.

Erving Goffman präsentierte seinen dramaturgischen Ansatz mit Theorie der Vorder- und Hinterbühnen erstmals 1959 in dem Buch „The Presentation of Self in Everyday Life“ und Goffman steht theoretisch verankert zwischen dem symbolischen Interaktionismus und der Ethnomethodologie[1].Er bezeichnet seine Ansatz selbst als Soziologie der Gelegenheiten[2] Grundthese seines dramaturgischen Ansatzes ist die, dass wir alle Rollen auf Bühnen spielen. Deshalb beantwortet er die Frage nach dem Funktionieren der Gesellschaft so:

„Die soziale Welt ist eine Bühne, eine komplizierte Bühne sogar, mit Publikum, Darstellern und Außenseitern, mit Zuschauerraum und Kulissen, und mit manchen Eigentümlichkeiten, die dann das Schauspiel dann doch nicht kennt.“[3]

2. Situationsdefinition

Eines der Schlüsselkonzepte Goffmans für die formale soziologische Analyse ist das der sozialen, räumlich fixierten und begrenzten Situation. Das Vorwissen über die Situation, ihre Teilnehmer und die zu erfüllenden gegenseitigen Erwartungen, die nötig ist, um diese Situation erfolgreich bewältigen zu können wird sehr schnell und vor allem in der Anfangsphase einer Begegnung generiert. Goffman nennt diese erste Annäherung um eine Situation einzuschätzen auch “primary frameworks“ und teilt diese Rahmenbedingungen noch einmal in natürliche, die von Determinismus und äußeren Umständen bestimmt sind, und „“social frameworks“, die anfällig für Störungen und von Menschen gestaltet sind und analytisch weit größere Bedeutung haben.

Für den Darsteller ist es besonders zu Beginn wichtig, zu bestimmen, wie er im Folgenden behandelt werden will. Diese ungeschriebenen Regeln, d.h. das Skript oder der Handlungsentwurf müssen dann eingehalten werden da verschiedene Situationen unterschiedliches Verhalten erfordern und deshalb vorab definiert werden müssen. Es wird eine oberflächliche Übereinstimmung und Anerkennung von Verhaltensstrategien unter allen Interaktionsteilnehmern erzeugt um offene Konflikte um unterschiedlichen Ansprüche zu vermeiden. Goffman nennt dies „Arbeitsübereinstimmung“.[4] Diese ist ein notwendiges strukturelles Merkmal von Interaktionen das der Stabilität dient. Dadurch wird das eigene Image und das der anderen geschützt.[5] Um soziale Situationen so schnell wie möglich orientierungsgebend zu erfassen, sind wir ständig damit beschäftigt, z.B. durch Kleidung, Mimik und Körperhaltung Eindrucksmanagement zu betreiben. Mit Goffman gibt es zwei verschiedene Möglichkeiten, sich auszudrücken; zum einen der Ausdruck den man sich selbst gibt (zumeist traditionelle Kommunikation) und zum anderen der Ausdruck, den man ausstrahlt (dieser umfasst auch Handlungen die von den anderen als aufschlussreich gedeutet werden).[6]

Goffman konzentriert sich in seinen Arbeiten hauptsächlich auf den zweiten Aspekt der Ausdrucksmöglichkeit. Der Darsteller verfolgt unterschiedliche Ziele, immer jedoch versucht er, die gemeinsame Deutung der Situation (und damit die geteilte Realität) durch seine Selbstdarstellung bewusst oder unbewusst zu kontrollieren und den von ihm gewünschten Eindruck hervorzurufen. Interessant ist die Asymmetrie des Kommunikationsprozesses die durch die Fähigkeit des Publikums erzeugt wird, den Aspekt der Selbstdarstellung bzw. die Ausstrahlung kritisch zu reflektieren und damit die Möglichkeit, kontrollierte Äußerungen des Darstellers anhand der unkontrollierbaren Eindrücke zu überprüfen.

3. Vorderbühne und Hinterbühne

Weil wir in verschiedenen Situationen verschiedene Rollen einnehmen, werden wir uns immer nur auf spezifische Aspekte unseres Selbst konzentrieren. Wir erwarten in Interaktionen, dass sich auch unser Publikum bzw. die anderen Teilnehmer ihren Rollen gemäß und konsistent verhalten, um einen reibungslosen Ablauf der Situation sicherzustellen.

Dabei müssen Settings und Publikum streng auseinandergehalten werden, um keine Missverständnisse zu riskieren. Mit Joshua Meyrowitz: „Because mergers of situations destroy old definitions, there are many implicit and explicit rules about keeping situations separate.“[7] I Ein uns allen bekanntes Mittel dieser Trennung dürfte das Anklopfen vor dem Betreten eines Zimmers sein, den das Publikum das sich gerade befindet, könnte nicht mit der eigenen Rolle übereinstimmen und der Darsteller wäre gezwungen, seine Selbstdarstellung zu retten, wenn wir in Situationen einfach eindringen. Doch zu diesem Punkt später. In diesem Setting gibt es also zwei Bereiche, die Vorderbühne (d.h. front region) und die Hinterbühne (backstage).

Die Region, auf der die Darstellung stattfindet, wird als Vorderbühne bezeichnet, ihr feststehendes Zeichenrepertoire, das Bühnenbild, ist ein Teil der Fassade.[8] Dort muss sich der Darstellende an gewisse Normen halten, die sich in Höflichkeitsregeln und Anstandsregeln einteilen lassen. Die Regeln des Anstandes wiederum unterscheidet Goffman in zwei Unterkategorien, die moralische (wie z.B. sexuelle Gebote oder Respekt vor dem Eigentum des anderen) und die instrumentale (erstrecken sich auf einforderbare Pflichten).[9] Aufgrund der Fähigkeit des Publikums, die gesamte Vorderbühne ständig kontrollieren zu können, muss sich der Darsteller ständig fragen, welchen Eindruck er erzeugt und ob dieser den Ansprüchen an die Situation genügt. Zu den zu erfüllenden Normen können die richtige Kleidung oder das zur Schaustellen von Arbeitseifer oder auch Langeweile gehören. Das Betonen von Aspekten bei gewissen Tätigkeiten findet, wie später bei den Elementen der Selbstdarstellung noch näher erläutert wird, auf der Vorderbühne statt, die Hinterbühne wird von Goffman so definiert:

„Die Hinterbühne kann definiert werden als der zu einer Vorstellung gehörige Ort, an dem der durch die Darstellung hervorgerufene Eindruck bewusst und selbstverständlich widerlegt wird. (…) Hier kann das, was eine Vorstellung hergibt (…) erarbeitet werden; hier werden Illusionen und Eindrücke offen entwickelt.“[10]

Zurückgezogen vom Publikum dürfen wir unsere Maske fallenlassen, für die Vorstellung proben und unsere Requisiten aufbewahren (Man denke nur an die Schminkkommode einer Frau), die Handlungen dürfen im Widerspruch zur Selbstdarstellung stehen. Oft besteht eine räumliche Trennung der beiden Bühnen, die Hinterbühne grenzt aber oft an die front region an.

Konstitutiv für die Erhaltung der Darstellung ist natürlich, dass die Hinterbühne für das Publikum nicht zugänglich ist. Besonders eindrucksvoll im Sinne der Selbstdarstellung ist nach Goffman der Übertritt von der Hinterbühne zum Auftritt, diese Trennlinie wird überall in der Gesellschaft sichtbar, sowohl im Privat- als auch im Arbeitsleben. Manche Orte behalten durch ihre Gestaltung auch abseits ihrer Benützung den Charakter von Hinterbühnen bei, als Beispiele seien hier Umkleidekabinen und Sanitäranlagen genannt. Dennoch kann durchaus ein Wechsel der Bühnen stattfinden, eine Vorderbühne kann zu einem bestimmten Zeitpunkt die Funktion der Hinterbühne übernehmen und umgekehrt, oft wird die Vorderbühne nach der Vorstellung zur Hinterbühne umfunktioniert. Daher ist die Bestimmung der jeweiligen Region immer auf eine bestimmte Darstellung zu einem festgelegten Zeitpunkt bezogen. Die Vertrautheit beziehungsweise Informalität, die auf der Hinterbühne erlaubt ist, kann aber unterschiedliche Formen annehmen und graduell, oft abhängig von Alter, Geschlecht, sozialem Status, schwanken. Dieser vertrauliche Umgang zeigt sich z.B. in umgangssprachlichen Ausdrücken, Pfeifen und Aggression. Reine Typen von informellen und formellen sind nach Goffman sehr selten zu finden und dass die Tätigkeit oft einen Kompromiss zwischen diesen beiden Polen darstellt. Ebenso ist nicht erwiesen,

daß die angenehmen zwischenmenschlichen Aspekte des Zusammenlebens – Höflichkeit, Wärme, Freigiebigkeit und Freude an der Gesellschaft anderer – stets für die hinter der Bühne Stehenden reserviert und daß Mißtrauen, Snobismus und zur Schau gestellte Autorität auf die Aktion im Rampenlicht beschränkt seien.[11]

Das Konzept der Vorder- und Hinterbühne darf also nicht moralisierend aufgefasst werden. Eine weitere interessante These Goffmans ist die, dass die Selbstdarstellung auf der Vorderregion so zur Gewohnheit werden kann, dass die Abwendung von dieser hin zu einer entspannter wirkenden Haltung erst recht gespielt wirkt.

[...]


[1] Vgl.: Richter Rudolf:Verstehende Soziologie, 2002, S. 83

[2] vgl.: Erving Goffman: Interaktionsrituale, S. 8,

[3] Dahrendorf Ralf: Vorwort in Wir alle spielen Theater, 2003

[4] Goffman Erving: Wir alle spielen Theater , 2003,S. 13,

[5] Goffman Erving: Interaktionsrituale, 1986, S. 16,

[6] vgl. Goffman Erving: Wir alle spielen Theater, 2003, S. 6,

[7] Meyrowith Joshua: Redefining the Situation 1990, S. 76

[8] Vgl: Goffman Erving: Wir alle spielen Theater, 2003 S. 100,

[9] vgl.: Goffman Erving: Wir alle spielen Theater, 2003

[10] Goffman Erving: Wir alle spielen Theater, 2003, S. 104

[11] ibidem: S. 121

Details

Seiten
21
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638229661
Dateigröße
517 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v18676
Institution / Hochschule
Universität Wien – Institut für Soziologie
Note
2
Schlagworte
Erving Goffmans Theorie Selbstdarstellung Vorderbühne Hinterbühne Frauenarzt Kommunikation Anwesenden

Autor

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