Lade Inhalt...

Die Faszination des Abartigen - Warum Ekel Quote macht

Eine Formatbeschreibung der Erfolgsshow „Ich bin ein Star - Holt mich hier raus“

Hausarbeit 2011 22 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Ekeltheorien und der Versuch einer Definition

3. Formatbeschreibung der Reality-Show „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!“

4. Warum führt Ekel zu Quote?

5. Schluss

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

B- und C-Promis essen Kamel-Schwanz, Krokodil-Penis, Fischaugen und baden in grünem Schleim und Fischinnereien. Das Programm ist teilweise so abartig, dass man eigentlich nicht hinschauen möchte, der Faszination aber gleichzeitig nicht entgehen kann. Wie wären ansonsten die hohen Einschaltquoten zu erklären.

Den Ekel aus der sicheren Entfernung betrachtet, gut geschützt auf dem Sofa zu Hause und schadenfroh den gescheiterten TV-Sternchen beim Blamieren zu sehen, wie aus diesen Verlierern Doppel- oder gar Dreifachverlierer werden. Schnell noch einen Anruf tätigen, Folterknecht spielen und für die Heulsuse des Camps, die zuvor von der Redaktion auserkoren wurde, voten, sodass sie dann auch erneut morgen bei der Dschungelprüfung antreten muss und hoffentlich scheitert, damit die Schadenfreude noch größer ist.

So in etwa funktioniert die Reality-Show „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus“, mit der ich mich in dieser Arbeit näher beschäftigt habe. Mich interessiert die Frage: „Warum macht Ekel Quote?“

Um dies zu erklären, ist es zunächst notwendig zu verstehen, was Ekel ist oder sein kann und wie er wirkt oder wirken kann. Im anschließenden Kapitel folgt eine Formatbeschreibung der Reality-Show „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus“. Die vorausgegangenen Kapitel werden im vierten Kapitel aufgegriffen und vereint und führen zu einer Antwort auf meine Leitfrage.

2. Ekeltheorien und der Versuch einer Definition

Das Lexikon der Psychologie[1] beschreibt „Ekel, (als) ein Gefühl der Abneigung und des Abgestoßenseins, das sich auf Gegenstände, Menschen und auch Verhaltensweisen, auch auf die eigene Person beziehen kann. Ekel ist stark über Körpergefühle (…) definiert (und gehört laut psychoevolutionärer Emotionstheorie) zu den acht primären Emotionen des Menschen.“ Er hat die evolutionsbiologische Funktion uns vor schädlichen Einflüssen, wie verdorbener Nahrung, fernzuhalten.

Die Empfindung des Ekels wird als eine „Gegebenheit der menschlichen Natur, als elementares Reaktionsmuster von eminenter Bedeutung für das physische, geistig-moralische und soziale Leben angesehen.“[2] Sowohl die bereits angesprochene Evolutionstheorie, als auch die empirische Psychologie und die Neurologie fassen Ekel als elementares Gefühl auf. „Für Freud ist Ekel zwar das direkte Gegenteil einer einfachen Naturgegebenheit, nämlich Effekt des Übergangs in die Kultur, ein tendenziell neurotisches Symptom der Verdrängung archaischer Triebregungen. Aber als solcher, als Sublimierungseffekt und zivilisierendes Verbotsorgan steht er doch, mit einem breiten Spektrum unterschiedlicher Ausprägungen, ausnahmslos allen Menschen zu Gebote (...).“ In diesem Zusammenhang spricht Freud auch von einer „hereditären Fixierung“[3].

Laut Walter Benjamin „gibt (es) keinen Menschen, der frei von Ekel wäre. (Es ist lediglich) denkbar, dass einer nie im Leben dem Anblick, dem Geruch oder sonstigen Sinneseindrücken begegnet, der seinen Ekel hervorruft.“[4]

Lothar Penning beschreibt Ekel „(…) als einen sozialen Mechanismus, der kulturell bedingt und pädagogisch vermittelt, sich den primitiven Brech- und Würgereflex zunutze macht, um die vorrational erworbene, soziale Basisidentität zu schützen.“[5]

Dieser kulturgeschichtliche und sozialwissenschaftliche Aspekt des Ekels soll an einem Beispiel verdeutlichet werden: „Ein erstes Tabu, mit dem das Kind konfrontiert wird, bezieht sich auf die Ausscheidungsorgane und ihre entsprechenden Produkte. Im Rahmen der Sauberkeitserziehung bzw. des Toilettentrainings lernt das Kind (…) dass seine Exkremente ‚bä’, ‚pfui’ oder ‚igitt’ sind. Dabei sieht es das angewiderte Gesicht seiner Erzieher ebenso, wie es auch ihre erhobene Stimme hört und ihre körperliche Zurückweisung spürt. Damit gerät des Kind erstmals in eine beschämende Konfliktlage. Gerade Babys besitzen nämlich eine ganz natürliche Neigung, sich in einer ausgesprochen lustvollen Weise mit schmutzigen Sachen zu beschäftigen. Dabei kann es sich (…) um Kot handeln. Die Angst vor Strafe oder Liebesentzug, den häufigen Konsequenzen bei solchen Untaten, bewirkt eine mehr oder weniger starke Hemmung. Das Kind stellt sich fortan in einer widersprüchlichen Weise auf Schmutz ein. Vordergründig lehnt es ihn ab, (…). Insgeheim hat es aber weiterhin Spaß an der Urmaterie.“[6]

In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, ob das Kind, das mit seinem Kot spielt, weiterhin mit diesem spielen würde, wenn seine Mitmenschen, besonders seine Erziehungspersonen, dies akzeptieren oder gar für gut heißen würden. Das Kind, das nie im Leben dem Anblick, dem Geruch oder sonstigen Sinneseindrücken begegnet, die seinen Ekel hervorrufen, ist dann wohl, zumindest in diesem Zusammenhang, frei von Ekel. Ähnlich verhält es sich mit Spezialitäten wie Gehirn aus frisch geöffnetem Affenschädel, frittierten Taranteln, gegorenem Hering, der nach Faulgasen stinkt, Haggis, einem mit Haferflocken gefüllten Schafsmagen und Black Pudding, einem Gericht aus Fleischresten und Fett. Diese Spezialitäten entstammen unterschiedlichen Esskulturen, deren Mitglieder in ihrer Erziehung mit diesen Speisen aufwuchsen. Sie empfinden im Gegensatz zu den meisten deutschen Menschen keinen Ekel für dieses Essen.

In den frühsten Kindheitsjahren ist, wie eben beschrieben, noch keine Spur von Ekel vor den eigenen Exkrementen zu erkennen. Das Kleinkind bringt seinen Exkrementen großes Interesse entgegen, beschäftigt sich gerne mit ihnen und ist stolz auf sie. „Unter dem Einfluss der Erziehung verfallen die koprohilen Triebe und Neigungen des Kindes allmählich der Verdrängung; das Kind lernt sie geheim halten, sich ihrer schämen und vor den Objekten derselben Ekel empfinden. Der Ekel geht aber, streng genommen, nie so weit, dass er die eigenen Ausscheidungen träfe, er begnügt sich mit der Verwerfung dieser Produkte, wenn sie von anderen stammen.“[7]

Für die psychoanalytische Entwicklungspsychologie entstehen Ekel und Scham durch den Abwehrmechanismus der Reaktionsbildung: „Um das Wiederauftauchen von Verdrängtem zu verhindern, wird das Gegenteil des unerwünschten Gedankens, Wunsches oder Affektes im Bewusstsein fixiert.“[8]

Für das Kind, das gerne mit seinem Kot spielt, bedeutet dies, dass die Freude an der Betätigung mit den Exkrementen, die von der Umwelt nicht geduldet wird, verdrängt wird. Um diese Verdrängung sicherzustellen entwickelt sich das Gegenteil, nämlich Ekel und das Kind wird sich von diesem Moment an dem üblen Geruch der Exkremente bewusst.

Ist Ekel also nun doch nicht, wie Freud behauptet „hereditär“, sondern, wie Penning in seiner Dissertation erläutert, nur „kulturell bedingt und pädagogisch vermittelt“?

Es ist möglich, dass Kinder noch keinen Ekel vor ihren Exkrementen empfinden, weil sie sich des üblen Geruchs nicht bewusst sind. Das bedeutet jedoch nicht, dass sie bis zum Ende der Sauberkeitserziehung gar keine Ekelgefühle haben.

Der Geruchssinn eines Säuglings ist so gut ausgebildet, dass er seine Mutter nach der Geburt am Geruch erkennt. Des Weiteren können Säuglinge verschiedene Geschmacksempfindungen unterscheiden. Sie reagieren auf Süß mit angeregtem Saugen und Lecken und machen ein eher angeekeltes Gesicht bei bitteren, saueren und salzigen Substanzen, die sie auch sogleich mit ihrer Zunge aus dem Mund schieben. Die Vorliebe für das Süße und die Abneigung gegenüber dem Bitteren scheinen also angeboren. Dies konnte das Forschungsteam von Charles Zuker (1999), das die beiden Geschmacksrezeptoren für süß bzw. bitter nachweisen konnte und deren genetische Codierung entschlüsselte, beweisen.[9]

Somit ist alles, was nicht süß ist, für ein Kleinkind zunächst verdächtig und wird im Zweifelsfall angewidert wieder ausgespuckt.

Letztere Beobachtung spricht ebenso wie der immergleiche Gesichtsausdruck des Ekelns, „weite Mundöffnung – begleitet von anderen Zeichen im Mienenspiel, die auf Spucken, Herauswürgen und Erbrechen verweisen“[10], für Freuds These.

Dieser Gesichtsausdruck lässt sich, wie bereits erwähnt, ebenfalls bei Säuglingen beobachten,

wenn diese gefüttert werden und kann nicht durch „einen sozialen Mechanismus, der kulturell bedingt und pädagogisch vermittelt“[11] wird, begründet werden.

Neben der Geschmacksempfindung des Bitteren führt auch das Überfüttern des Säuglings zu einem angeekelten Gesichtsausdruck, der sich mit dem von Kolnai angesprochenen „Ekel vor dem wuchernden Leben“[12], der eben beispielsweise durch den übertriebenen Genuss von Speisen zustande kommen kann, erklären lässt. Da der Säugling unabhängig von seinen Bezugspersonen handelt, spricht dies wiederum für Freuds These.

Wenn man diese Beobachtungen mit der psychoevolutionären Emotionstheorie verbindet, kann man das Verhalten des Säuglings als Schutzreaktion deuten. Danach zählt Ekel zu den acht primären Emotionen, die auf physiologischen Mechanismen beruhen, die sich im Laufe der Evolution zur Bewältigung von grundlegenden Anpassungsproblemen, wie Nahrungsaufnahme, Fortpflanzung, Schutz etc. herausgebildet haben. Solche Mechanismen sind automatisch ablaufende „Programme“, die auf bestimmte Reize reagieren.

Die bereits angesprochene Reaktion auf Ekel soll nun etwas ausführlicher behandelt werden. „Die Erfahrung des Ekels ist nur in einem bestimmten Moment und in einer bestimmten Szene. Sie ist singulär und nicht subsumierbar. Damit steht sie in enger struktureller Verwandtschaft mit der ästhetischen Erfahrung des Schönen und Erhabenen, die etwa von Kant als radikal einzigartig aufgefasst wird.“[13] Diese strukturelle Verwandtschaft wird ebenfalls in der kürzesten, einzig unumstrittenen und dennoch fast völlig vergessenen Basisdefinition des Ekels deutlich: „ Das Ästhetische ist das Feld jenes Gefallens, dessen schlechthin Anderes der Ekel ist“.[14]

Nur bleiben ekelhafte Objekte, anders als die ästhetischen schönen, nicht dort ruhen, wo sie vom Subjekt aus einiger Distanz beobachtet werden können, sondern drängen sich diesem auf, sodass „die Objektwelt agiert, und das nicht mehr autonome Subjekt (…)“ zum heteronomen Objekt wird. Dabei kann der Ekel durch Geruch, Tastsinn, Auge oder Intellekt ausgelöst werden und schlägt stets auf „das ganze System der Nerven“ über.[15]

„Wenn wir das Subjekt als die Instanz verstehen, die es fertig bringt, sich stets von Objekten abzugrenzen, dann greift eine Öffnung zwangsläufig auch aufs Subjekt über. Die Schutzhülle des Subjekts (…) reißt und gibt das Subjekt einen Augenblick lang der Außenwelt preis. Unwillkürlich, beinahe automatisch tun sich die Körperöffnungen auf, die Augen, der Mund, selbst die Poren weiten sich einen halben Augenblick lang, bis das Auge wieder blinzelt, der Kopf sich wendet und das porös gewordene Subjekt sich wieder verschließt. Die aus den Fugen geratende Welt zwingt sich dem aus den Fugen geratenden Subjekt auf, lässt nicht von ihm, dehnt sich in seiner unendlichen Elastizität und bleibt, unendlich klebrig, an ihm haften.“[16]

[...]


[1] Städtler, Thomas (1998): Lexikon der Psychologie. Wörterbuch, Handbuch, Studienbuch. Stuttgart: Kröner.

[2] Menninghaus, Winfried (2002): Ekel. Theorie und Geschichte einer starken Empfindung. 1. Aufl. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

[3] Freud, Sigmund (1977): Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie und verwandte Schriften. 288.-297. Tausend. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag.

[4] Benjamin, Walter: Zur Moral und Anthropologie. In: Gesammelte Schriften, Bd. 6, S. 54–89.

[5] Penning, Lothar (1984); Kulturgeschichtliche und sozialwissenschaftliche Aspekte des Ekels.

[6] Titze, Michael (1999): Die heilende Kraft des Lachens. Mit therapeutischem Humor frühe Beschämungen heilen. 3. Aufl. München: Kösel.

[7] Freud, Sigmund (1913): Geleitwort zu „Der Unrat in Sitte Brauch, Glauben und Gewohnheitsrecht der Völker“ von John Gregory Bourke, Leipzig: Ethnologischer Verlag, in GW 14.

[8] Schenk-Danzinger, Lotte (1995): Entwicklungpsychologie. 23., unveränd. Wien: Österreich. Bundesverl.

[9] Groß, Michael: Der Quelll der Bitternis. In: Spektrum der Wissenschaft, 7/2000, S. 16–22.

[10] Darwin, Charles (1965): The Expression of the Emotions in Man and Animals, Chicago: The University of Chicago Press.

[11] Penning, Lothar (1984); Kulturgeschichtliche und sozialwissenschaftliche Aspekte des Ekels.

[12] Kolnai, Aurel (1929): Der Ekel, in: Jahrbuch für Philosophie und phänomenologische Forschung, hg. Von Edmund Husserl, Bd. 10, Halle (Saale): Max Niemeyer, S. 515-569.

[13] Chaouli Michel (1999): EKEL. Oder: Wie sich van Goghs Ohr entfaltet. Untersuchung eines peinlich körperlichen Begriffs. In: Die Zeit 1999, 15.07.1999. Online verfügbar unter http://www.zeit.de/1999/29/199929.t_ekel_.xml, zuletzt geprüft am 09.12.2011.

[14] Menninghaus, Winfried (2002): Ekel. Theorie und Geschichte einer starken Empfindung. 1. Aufl. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

[15] Kant, Immanuel (1907): Anthropologie in pragmatischer Hinsicht, in KGS, hg. Von der Königliche Preußischen Akademie der Wissenschaften, Berlin: Georg Reimer, Bd. 7.

[16] ebd.

Details

Seiten
22
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656100041
ISBN (Buch)
9783656100218
Dateigröße
578 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v186870
Institution / Hochschule
Universität Koblenz-Landau
Note
2,0
Schlagworte
faszination abartigen warum ekel quote eine formatbeschreibung erfolgsshow star holt

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Die Faszination des Abartigen - Warum Ekel Quote macht