Lade Inhalt...

Die Problematik um die Autorität in der Erziehung

Hausarbeit (Hauptseminar) 2010 17 Seiten

Pädagogik - Familienerziehung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Der Mythos
2.1 Der Nachweis des Mythos
2.2 Geschichtliche Gründe für die Entstehung des Mythos

3 Das Problem der Begrifflichkeiten
3.1 Autorität - Bedeutung und Wirkung
3.2 Autoritäre Erziehung
3.3 Antiautoritäre Erziehung
3.4 Autoritativer Erziehungsstil

4 Autorität in der Praxis
4.1 Die Suche nach Autorität
4.2 Autorität durch Verständnis, Freiheit und Strafe
4.3 Empirische Beweise

5 Fazit

- Literaturverzeichnis und Internetquellen

1. Einleitung

Ziel der Wissenschaft sollte es sein, den Menschen durch Wissensvermittlung aufzuklären und mündig zu machen. Denn ein mündiger Bürger ist in der Lage sich selbst zu reflektieren und scheut nicht die Auseinandersetzung mit belastenden Themen. Im Erziehungsalltag führt mangelndes Wissen und Vorurteile zu Erziehungsmythen. Einige dieser Mythen wurden im Seminar "Erziehungswissenschaftliche Analysen von Alltagsmythen der Erziehungswirklichkeit" diskutiert.

In dieser Hausarbeit fasse ich den diskutierten Mythos "Die 68er haben Disziplin und Autorität zerstört. Erziehung muss zurück zur Disziplin" auf und beziehe mich explizit auf die Autorität. Fragt man im Bekanntenkreis, recherchiert in Büchern oder im Internet, liest man schnell, dass sich die Eltern und Pädagogen von der Autorität in der Erziehung distanzieren oder sehr kontrovers diskutieren. Vielleicht weil der Missbrauch von Autorität in der Vergangenheit entweder zu Unterdrückung oder zu Anarchie geführt hat. Ein anderer Grund könnte aber auch sein, dass niemand genau weiß, was "Autorität" oder "autoritär" bedeutet.

Somit soll diese Hausarbeit klären, inwiefern und warum, eine Problematik um die Autorität in der Erziehung existiert. Ebenso werden Begriffe zum Thema Autorität wie "autoritär", "autoritativ" und "antiautoritär" aufgefasst und erklärt. Das Ergebnis wird Klarheit zur Thematik und Vorschläge zum richtigen Umgang mit Autorität sein. Zusätzlich sollen im Zusammenhang stehende Irrtümer wie "Nur strenge Eltern besitzen Autorität" (Bischoff, 2005, S.28) und der Irrtum, dass es in der antiautoritären Erziehung keine Regeln gibt, (vgl. Bischoff, 2005, S.23) aufgeklärt werden.

Um die öffentliche Meinung zum Mythos zu analysieren, bietet es sich an, die entsprechenden Meinungen und Diskussionen in Internet-Artikeln nachzulesen. Aber um die möglichst Thematik objektiv einzuschätzen, ist es anzustreben, möglichst unabhängige Quellen wie empirische Untersuchungen von Gerda Volmer, Bernadette Frei oder Experimente von Milgrams zu verwenden. Wie angedeutet, kann man die Unwissenheit der Menschen missbrauchen, indem man Informationen vorenthält, selektiert oder bewertet. Die Folgen sind politisch oder religiös beeinflusste Definitionen und Handlungsanweisungen zum Umgang mit Autorität in der Erziehung. Entsprechend sind bei der Literaturrecherche die Beweggründe des Autors zu berücksichtigen. Aussagen wie: "Autorität zu folgen bedeutet ein Verleugnen der Intelligenz" (Krishnamurti, 1972, S.59) und "[...] daß die Autorität aufs innigste mit dem Mensch-Sein verbunden ist" (Myhre, 1991, S.10) verdeutlichen das große Spektrum der verschiedenen Einstellungen zum Umgang mit Autorität. Und eben jenes Spektrum begründet auch die Kontroversität der Thematik.

2. Der Mythos

2.1 Der Nachweis des Mythos

Wolfgang Bergmann schreibt im Vorwort seines Buches "Gute Autorität: Grundsätze einer zeitgemäßen Erziehung": "dieses Buch wollte ich vor zehn Jahren schon schreiben unter dem Titel "Du sollst Vater und Mutter ehren[...]." Es wurde nichts daraus! Kein Verlag wagte sich an das Thema "Autorität in der Kindererziehung" heran,..." (Bergmann, 2006, S.7). Diese Aussage des Autors war der Anlass zur Untersuchung des gesellschaftlichen Diskurses bezüglich der Autoritätsthematik. Es scheint als würde die "Autorität pauschal diffamiert" (Myhre, 1991, S.7) und so liest man auch in dem Schriftstück "Autorität - gestern, heute, morgen" von Alfred Stückelberger: "Autorität? -altmodisch -erledigt - paßt nicht mehr in unsere Zeit" (Stückelberger, 1969, S.5). Ob die Annahmen der Autoren auch einen Alltagsmythos darstellen, zeigt die Analyse von Zeitungsartikeln und Internet-Blogs. Im "SPIEGEL SPECIAL 12/1997" fasst sich der Autor recht kurz und schreibt: "Autorität ist out" (siehe Internetquellen). "Die Weltwoche" wird diesbezüglich konkreter und beantwortet die Frage warum "[...]Autorität als problematisch gilt," mit der Antwort, dass man mit Disziplin und Autorität eine braune Vergangenheit beschwört (vgl. Die Weltwoche Ausgabe 05/07, siehe Internetquellen). Wer "heute ein Loblied auf Tugenden wie Disziplin, Autorität und Gehorsam anstimmt, gerät schnell in den Verdacht, ein Ewiggestriger zu sein" (Buchtipp von Petra Fleckenstein, siehe Internetquellen).

Die dargestellten Meinungen zeigen auf, dass Autorität tatsächlich ein schwieriges und gern umgangenes Thema ist. Doch eine öffentliche Meinung wird erst zu einem Mythos, wenn der Sachverhalt fragwürdig ist. Obwohl viele Autoren ausdrücken, dass die Gesellschaft Probleme hat sich mit Autorität in der Erziehung zu beschäftigen, muss man doch feststellen, dass zum Beispiel Hermann Horn schon 1963 die "unbestreitbare Notwendigkeit der Autorität in der Erziehung" (Horn, 1963, S.40) unterstreicht. Doch auch aktuell trauen sich namenhafte Schriftsteller an die erwähnte Thematik. So veröffentlichte außer Wolfgang Bergmann mit seinem Buch: "Gute Autorität" auch der scharf diskutierte Bernhard Bueb die Streitschrift: "Lob der Disziplin". Letztgenanntes Werk wurde durchweg positiv bewertet, so kommentiert Frank Steglein von der "NEUE RUHR ZEITUNG ": "Mit seiner Streitschrift für radikale Umkehr in der Erziehung hat der frühere Lehrer Bernhard Bueb einen Nerv getroffen" (amazon.de- Pressekommentare, siehe Interentquellen). Aktuell scheint ein Teil der Öffentlichkeit den Autoritätsdiskurs zu suchen. Sogar ein "Autoritätsverlust" wird thematisiert (vgl. Frei, 2003, S. 174). Im Rückblick bestätigt es sich, dass es Probleme im Diskurs über die Autorität und mit der Autorität in der Erziehung gibt. Doch wie in der Einleitung erwähnt, genügt es nicht, die Existenz eines Mythos zu bestätigen, wichtiger sind die Gründe für deren Entstehung und die Schaffung von Klarheit und Verständnis zur diffusen Thematik.

2.2 Geschichtliche Gründe für die Entstehung des Mythos

Wie die obigen Zitate vermuten lassen, sind die Ursachen des Mythos es in der Geschichte zu suchen. Eine positive Sicht auf die Autorität hatten Pestalozzi und Gottfried Keller. Sie haben beide in jungen Jahren ihre Väter verloren und beschrieben ihre Sehnsucht nach väterlicher Führung. Auch bei J.J. Rousseau hätte die mütterliche Autorität vermutlich zur Beruhigung seines Geistes und als Hilfe auf seinen Irrfahrten gedient (vgl. Stückelberger, 1969, S.17). Doch Rousseau selbst war es, der dann aber vom moralkritischen und selbstregulierenden Organismus sprach (vgl. Myhre, 1991, S.30). Erste negative Sichtweisen erlangt 1771 der junge Leopold Mozart, welcher sich der väterlichen Autorität entzogen hat, weil er sein Leben der Musik statt der Buchbinderei widmete und dafür fast mit seinem Leben bezahlen musste (vgl. Stückelberger, 1969, S.17). Diese Beispiele verdeutlichen bereits in früherer Geschichte, dass zu viel oder zu wenig Autorität gefährlich ist und machten diesen Begriff streitbar (vgl. Stückelberger, 1969, S. 17).

Extremere Ausprägungen des Autoritätsdiskurses findet man im Jahre 1919, als sich in Amerika eine Bewegung mit dem Namen: "Die neue Erziehung" durchsetzt. Die Programme dieser Bewegung verweigerten den Gebrauch von Autorität. Sie forderten die natürliche, unbeeinflusste Entwicklung der Kinder (vgl. Myhre, 1991, S.30f). Den Höhepunkt dieser Entwicklung bildet der Engländer Alexander S. Neills, welcher 1921 an der Summerhillschule sein spezielles Schulprogramm wie folgt beschrieb: "[...]schaffe die Autorität ab. Lass die Kinder sie selbst sein. Moralisiere nicht. Versuche niemanden zu verbessern. Zwinge niemanden zu etwas" (Myhre, 1991, S.31). Neills befreit die Erziehung gänzlich von der Autorität. Die Grundlage dieser Pädagogik sollte im späteren Verlauf der Geschichte nochmals als "antiautoritäre Erziehung" von Bedeutung sein.

Der zweite, viel extremere Gebrauch von Autorität fand ab 1933 unter dem totalitären System der Nationalsozialisten statt. Sie wollten mit Ihrer Pädagogik unbedingten Gehorsam erreichen. Als höchste Autorität des Landes stellte sich der Führer dar, "deshalb musste das individuelle Gewissen dem Willen des Führers weichen" (Myhre, 1991, S.25). Diese Autorität wurde missbraucht, um Rassentheorien zu indoktrinieren (vgl. Myhre, 1991, S.25). In der Folge kostete der so erreichte Gehorsam Millionen Menschen das Leben.

Doch auch nach dem 2. Weltkrieg wurde man im Gebrauch von Autorität nicht unbedingt sensibel. Die Marxistisch-Leninistische Weltanschauung der DDR-Regierung ließ keine Abweichungen einzelner Individuen zu. Disziplin, Gruppenkonkurrenz sowie die systematische Anwendung von Symbolen und Ritualen wurden ähnlich wie im Nationalsozialismus benutzt, um eine bestimmte Ideologie zu indoktrinieren (vgl. Myhre, 1991, S.25). G. Sielski (DDR-Autor) fasst in seinem politisch beeinflussten Buch "Kritik der antiautoritären Erziehung" seine Einstellung zur Erziehung so zusammen: "[...] die Offensive der marxistisch-leninistischen Pädagogik (...) gegen den Antikommunismus in Schulpolitik, Pädagogik und Jugenderziehung des Imperialismus mit ständig höherer Qualität weiterzuführen" (Sielski, 1977, S.176). Zusammenfassend kann man sagen, dass in totalitären Systemen die Autorität gern damit begründet wird, dass die staatstragende Partei die richtige Sicht vertritt und "diejenigen, die dies bezweifeln, werden mit der ganzen Macht bearbeitet, über die die Behörden durch einen effektiven Propaganda- und Überwachungsapparat verfügen" (Myhre, 1991, S.11).

In der Bundesrepublik Deutschland formierte sich, ursprünglich aus Angst vor neuen totalitären Systemen, eine radikale politische Bewegung, welche die antiautoritäre Pädagogik des erwähnten S. Neills als "Brechstange gegen die bestehende Gesellschaft und die öffentliche Schule" (Myhre, 1991, S.31) anwendete. Neills Buch von 1969 "Theorie und Praxis der antiautoritären Erziehung. Das Beispiel Summerhill" wurde zum "Faktor in einem politischen und ideologischen Machtkampf" (Myhre, 1991, S.31). Dieser Machtkampf gewann an Bedeutung, er wies mehr und mehr linksradikale bis marxistisch-leninistische Tendenzen auf. In den sogenannten Kinderläden wurden die Kinder sich selbst überlassen und man gab linksradikales Gedankengut weiter. Moralische und religiöse Werte der Gesellschaft wurden verhöhnt. Im "Kampf" gegen das System und die Gesellschaft versuchte man paradoxerweise das autoritätsnihilistische Gedankengut den Menschen autoritär zu indoktrinieren (vgl. Myhre, 1991, S.43f.).

Diese Beispiele zeigen auf wie zu viel oder gar keine Autorität immense Schäden anrichtet. "Autorität ist nur in Misskredit geraten durch deren falschen Gebrauch" (Stückelberger, 1969, S.26). "Autorität ist der Geschichtlichkeit unterworfen" (Horn, 1963, S.12).

Mit einem Blick auf die Geschichte ist es also verständlich, dass Autoren besorgt sind und öffentlich über den Nutzen oder Unnütz der Autorität schreiben. "Verstanden und missverstanden als ein komplementäres Element affirmativen Gehorsamserziehung" (Volmer, 1990, S.IX) ist Autorität einer Demokratie nicht zuträglich (vgl. Volmer, 1990.S. IX). Es bestätigt den Mythos, dass Autorität ein problematisches Thema ist, wenn nicht sogar ein Tabuthema. Doch auch hinsichtlich der Begrifflichkeiten scheinen Missverständnisse zu existieren.

[...]

Details

Seiten
17
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656100027
ISBN (Buch)
9783656099901
Dateigröße
517 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v186876
Institution / Hochschule
Helmut-Schmidt-Universität - Universität der Bundeswehr Hamburg
Note
1,3
Schlagworte
Autorität Erziehung Mythos autoritär antiautoritär Kinderläden autoritativ Erziehungsstil Sechziger Jahre Milgram Milgram-Experiment

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Die Problematik um die Autorität in der Erziehung