Lade Inhalt...

Zum Motiv ternärer Bindungen und seiner Tradition im 18. Jahrhundert

Anhand Johann Wolfgang von Goethes "Stella. Ein Schauspiel für Liebende in fünf Akten"

Seminararbeit 2010 32 Seiten

Germanistik - Literaturgeschichte, Epochen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorbemerkungen

2. Zur Modernität ternärer Bindungen im 18. Jahrhundert
2.1.Das literarische und persönliche Umfeld Goethes
2.2.Autobiographische Bezüge: Die Jahre 1774 und

3. Zum Problem von Gleichartigkeit und Gleichwertigkeit ternärer Bindungen
3.1.Das literarische Motiv des Gegensatzes von geistiger und körperlicher Liebe
3.2.Das literarische Motiv des Gegensatzes von geistiger und körperlicher Liebe in Goethes „Stella“
3.2.1 Fernando
3.2.2 Cezilie
3.2.3 Stella
3.2.4 Stella und Cezilie als empfindsame Frauen

4. Zum Konfliktpotenzial ternärer Bindungen
4.1.Kultur der Gefühle
4.1.1 Kultur der Gefühle bei Goethe
4.1.2 Zur Problematik der Gleichsetzung: Auguste ist nicht Cezilie
4.2.Sich-erkennen-im-Leid
4.3.Ceziliens Verzicht
4.3.1 Der Sublimierungsbegriff
4.3.2 Ceziliens Verzicht als Ausdruck von Sublimierung
4.4.Dieser Schluss!
4.4.1.In der Forschung: Ein Plädoyer auf ternäre Bindungen oder ein Deus ex Machina
4.4.2.Männliche Tragik und weibliche Seelenkraft

5. Schlussbemerkung

Literaturverzeichnis

1. Vorbemerkungen

Ein Herr von Adel heiratet eine Bürgerliche - aus Liebe. Das unkonventionelle Glück wird durch ein Kind gekrönt. Doch kann er in der Ehe nichts als eine Fessel erblicken und flieht - hinaus in die Welt. In der Ferne allerdings kehren die Bedürfnisse wieder: erneut verliebt sich der Herr. Ein Lieben auf Zeit - die inneren Kräfte drängen vorwärts. Was bleibt einem Offizier außer der Krieg? Nun ist die Männlichkeit saturiert, etwas aber fehlt. Er will sie zurück. -Wen? Bald weiß er es selbst nicht mehr. Das muss er auch nicht. Man denkt für ihn: und er bekommt sie beide.

Zweifelsohne gibt der provokante Schluss der ersten Fassung von Goethes „Stella. Ein Schauspiel für Liebende in fünf Akten“1 in vielfacher Hinsicht Anlass zur Diskussion. Wie glaubwürdig erscheint hier Goethes Vorschlag einer Ehe zu Dritt? Wofür steht ein solch moralisch fragwürdiges Ende seinerzeit? Ein Blick in die zeitgenössische Rezeption des Stückes erhellt den Meinungsgraben, der sich über moralischen Wert und ästhetische Leistung der „Stella“ im Publikum auftat.2 Wenn der Hamburger Hauptpastor Goeze ein vernichtendes Urteil darüber sprach, triumphierte der Dichter Wieland geradezu angesichts der glänzend offenbarten Schwäche der menschlichen Existenz.3 Die Figur des Fernando erscheint als Prototyp4 des sich nicht festlegen wollenden, dabei in seinen Empfindungen ganz im Augenblick verharrenden, sich selbst nicht begreifenden Mannes, unruhig auf die nächste amouröse Zerstreuung zielend. Dieses Schwanken zwischen zwei Frauen, diese Anziehung nach beiden Seiten hin, scheint in der Mitte des 18. Jahrhunderts nicht nur literarisch ein präsentes Thema gewesen zu sein. Meist boten gerade reale Verwicklungen eines Mannes in außereheliche Verbindungen den brisanten Stoff, der daraufhin künstlerisch verarbeitet wurde. Auch das Goethe´sche Umfeld lässt sich erfolgreich bemühen - doch vor allem im adligen Milieu galten Mätressen oder Konkubinen als nahezu natürliches Privileg des Mannes. Hingegen gab es nicht selten differenziertere Formen der Beziehung, die ein Mann zu zwei Frauen unterhielt. Nicht immer suchte er allein in der Ehefrau sein geistiges Pendant, dafür in der Geliebten die Erfüllung aller körperlichen Wünsche zu finden.

Im Kontext der Empfindsamkeit, wo wir auch Goethes „Stella“ verorten können, stoßen wir auf eine Liebeskultur, deren „emotionales System für den heutigen Betrachter nur schwer fa[s][s]lich ist“5. Der Duktus vieler Freundschaften, insbesondere in den für das 18. Jahrhundert prägenden Briefkorrespondenzen dokumentiert, changierte zwischen platonischer Ausgewogenheit und leidenschaftlichen Bekenntnissen6. Diese Verbindungen entzogen sich meist eindeutiger Beurteilungen durch Außenstehende, glitten sie doch bewusst ins Diffuse, wenig Greifbare ab.7 In Goethes „Stella“ hingegen wird das Taumeln Fernandos zwischen den beiden Frauen Cezilie und Stella als ein vornehmlich männlicher Mangel an innerer Reife und äußerer Entschlusskraft dargestellt. Spannend ist in diesem Zusammenhang die Untersuchung des Stoffes auf seine autobiographischen Bezüge, über die uns Goethe in seinen umfangreichen Korrespondenzen selbst unterrichtet.8 Nach einer unerwiderten Liebe zu Charlotte Buff befand sich Goethe Anfang des Jahres 1775 wieder in Hochstimmung. Der Grund für seine Zuversicht war die Beziehung zu Lili Schönemann, eine kurze, dafür heftige Episode, aus der sich Goethe schließlich doch zurückzog. Parallel dazu pflegte Goethe ein außergewöhnliches, weil reines Briefverhältnis, dessen Zeugnisse nicht frei von einer gewissen Erotik waren, wie sie so mancher platonischen Beziehung anhaftete.

Im Rahmen meiner Arbeit möchte ich die Bedeutung dieser realen Beziehungen Goethes für seine literarische Produktion anhand der „Stella“ als exemplarisch herausstellen.9 Es existiert ein tragisches Potenzial in Leben und Werk des jungen Goethe10, das auffallend eng an das Thema der Frau/en geknüpft ist.11 Der erste Teil meiner Arbeit verhandelt daher das Motiv ternärer Bindungen im 18. Jahrhundert sowohl im realen wie literarischen Kontext.12 Das Konzept einer Liebe, die auf Erfüllung einerseits und Entsagung andererseits angelegt ist, wende ich anschließend auf die Protagonisten der „Stella“ an. Insbesondere die Sublimierungsleistung der Cezilie soll einer psychologischen Betrachtung unterzogen werden. Ihr Rekurs auf die Sage des Grafen Gleichen nämlich schafft die Voraussetzung für einen scheinbar versöhnlichen Schluss, welcher mit der verwegenen Möglichkeit einer Beziehung zu Dritt schließt. An dieser kühnen Offerte Goethes stießen sich nicht nur zeitgenössische Verfechter der monogamen Ehe, vor allem in der Forschung wird das Ende des Stückes noch immer kritisch diskutiert. Folglich sollen die interessantesten Deutungshypothesen in aller Kürze diskutiert werden, um abschließend ein eigenes ästhetisches Urteil zu wagen.

2. Zur Modernität ternärer Beziehungen im 18. Jahrhundert

2.1. Das literarische und persönliche Umfeld Goethes

Einen ersten Hinweis auf mögliche äußere Vorbilder Goethes erhalten wir durch den Titel des Stückes, der gleichzeitig den Namen der Protagonistin bezeichnet. Man kann mit großer Wahrscheinlichkeit13 annehmen, dass sich Goethes „Stella“ von der Causa Swift14 inspirieren ließ, die zu jener Zeit im literarischen Umfeld15 des Dichters kursierte. Gerade in der Phase denen die Treulosigkeit zu einem inneren Probleme wird. Unter dem gesellschaftlichen Problem der Ehe liegt das menschliche Problem der Treue.“ S. 253.

des Sturm und Drang vollzog sich eine Hinwendung zu erotischen Themenfeldern, dessen

bereitwillige Besetzung nicht zuletzt in der Neuverortung des Verhältnisses von Individualität und Sittlichkeit begründet lag.16 So finden wir in den 1770er Jahren mit den Liebschaften eines Bürger17 oder Jacobi18 prominente Vertreter erotischer Doppelbeziehungen.19 Für deren Popularität spricht ebenso Lessings „Miss Sara Sampson“ von 1755, in deren dramatischer Konzeption, anders als in Goethes „Stella“, die Notwendigkeit des Scheiterns einer solchen Dreiecksbeziehung angelegt ist.20 Allerdings fasst Scherer mit Recht zusammen, dass sich Goethe „aus der Geschichte Swifts, wie aus Lessings Miß Sara […] wesentlich nichts als den äußeren Umriss entnommen hat“21. So plädiert Boyle für eine Suche nach möglichen Impulsen, die der „Stella“ ihre Gestalt verliehen, innerhalb des Goethe´schen Nahbereiches.22

2.2. Autobiographische Bezüge: Die Jahre 1774 und 1775

Mit Erscheinen des Dramas „Götz von Berlichingen“ 1773 erlangte der junge Goethe erstmals nationales Aufsehen. Bereits ein Jahr später avancierte er durch den Briefroman „Die Leiden des jungen Werther“23 zu einem international beachteten und viel gelesenen Autor.24 Er wurde zum Sprachrohr einer ganzen Generation von Leidenden und Enttäuschten stilisiert, die an ihren eigens gesteckten und doch unerreichbar gebliebenen Ansprüchen nach unbedingter Originalität und Schöpfertum scheiterten.25 Diese frühen literarischen Produktionen Goethes zeugen von einer gewissen Dichte an autobiographischen Bezügen.26 Gerade die Jahre 1774 und 1775 sind für ein tieferes Verständnis seines Frühwerkes nicht unwesentlich. Innerhalb jener Schaffensperiode können sie als Schlüsseljahre markiert werden, während derer sich für den Dichter prägende innere Entwicklungen in einer literarisch höchst produktiven Phase niederschlugen.27 Anfang März 1775 schrieb Goethe an Auguste Gräfin Stolberg: „O wenn ich jetzt nicht dramas schriebe ich ging´ zugrund“28. Diese Äußerung fiel in die Zeit, als er an der „Stella“ arbeitete, und lässt sich mit der Zeit der Werbung um Anna Elisabeth [Lilli] Schönemann in Beziehung setzen, die er Anfang Februar 1775 in ihrem Frankfurter Elternhaus kennenlernte.29 Vor allem seine damalige Briefkorrespondenz30 erhellt die konfliktreiche Anlage dieser Beziehung, welche Goethe selbst frühzeitig erkannte.

Überschwänglicher Optimismus31 mischt sich mit Zweifeln an der Dauer dieses Glückszustandes.32 Kontrastiert man seine warmen, zärtlichen Worte der Gräfin Stolberg gegenüber mit den emotionalen Eruptionen, die ihn regelmäßig bei Lili ergriffen, so muss man schlussfolgern: der junge Goethe stand „zwischen zwei Frauen, […] zwischen zwei Lieben“33. Das Treffen auf Lili Schönemann setzte in Goethe ungeahnte Vitalität frei. Als Gegenstück zu der geistig verklärten Briefbeziehung zu Auguste Gräfin Stolberg bot sich mit Lili „zum erstenmal die ganz reale Möglichkeit der Ehe, und darum war die Krise, in der er Lili abwies, die schwerste, und entscheidendste, seines Lebens“34.

3. Zum Problem von Gleichartigkeit und Gleichwertigkeit ternärer Beziehungen

3.1. Das literarische Motiv des Gegensatzes von geistiger und körperlicher Liebe

Eine Variante des Motivs des Mannes zwischen zwei Frauen stellt der „traditionelle[ ] Gegensatz von geistiger und sinnlicher Liebe“35 dar. Trägerinnen dieses Konzeptes sind Frauen, die sich zwar nicht gleichartig, so doch gleichwertig in ihrer Liebe zum Mann positionieren.36 Eine Gleichartigkeit kann konsequenterweise nicht bestehen, da die Frau dem Mann entweder nahezu ausschließlich auf geistiger oder auf körperlicher Ebene zugewandt ist. Bedeutsam erscheint in dem Zusammenhang die Rolle des Mannes als derjenige, der allein den Frauen ihren Handlungsspielraum innerhalb der Dreierkonstellation zuweist.

Herzen war mir`s da. Empfinde hier, wie mit allmächt`gem Triebe Ein Herz das andre zieht - Und daß vergebens Liebe Vor Liebe flieht.“ Borchmeyers Kommentar, S.977.

Gesetzt den Fall, dass eine der beiden Frauen ihrerseits Ansprüche auf den vollen Umfang einer Paarbeziehung erhebt und damit in den Machtbereich der anderen Frau eindringt, ja, ihn ihr gewissermaßen aberkennt, so ist sie doch vollkommen abhängig vom Verhalten des Mannes und steht überdies in der Gefahr, sich dadurch gänzlich um das Verhältnis zu bringen, welches sie immerhin als die eine von zweien auszeichnet, die dem Mann auf elementarer Ebene geistige oder körperliche Befriedigung schenkt. Aus dieser Abhängigkeit resultiert ein relativ stabiles, wenn auch inflexibles System einer Partnerschaft zu Dritt, dessen Zentrum der Mann bildet. Indem er der Frau ihre spezifische Rolle zuweist, definiert er ferner das Verhältnis derselben als ein spezifisch fixiertes ihm gegenüber. Von vornherein wird so die Frau in ihrem Handlungs- und Entwicklungsspielraum auf eine verengte Perspektive innerhalb der Dreierkonstellation durch den entsprechend größeren Aktionsradius des Mannes festgelegt. Diese Einschränkung der Frauen hat eine das System stabilisierende Funktion, weist gleichzeitig jedoch auf die Inflexibilität des Modells hin. Denn auch der Mann ist an seine Position gebunden, wenngleich diese um ein vielfaches großzügiger und mit mehr Machtoptionen versehen ist. Indem er seine Bedürfnisse an eine Partnerschaft auf zwei Frauen ausweitet, da er sie in einer einzigen Frau nicht zu verwirklichen und befriedigen glaubt, negiert er damit nicht nur den Anspruch auf Ganzheitlichkeit von Partnerschaft als solcher, sondern letztlich auch den der Ganzheitlichkeit der eigenen Persönlichkeit. Ersteres schließt eine Vergleichbarkeit oder Übereinstimmung der jeweiligen Zweierbeziehungen somit aus. Folglich lässt sich auch nur dann von einer Gleichwertigkeit beider Frauen in ihrem Verhältnis zum Mann sprechen, wenn sich diese Gleichwertigkeit durch Ebenbürtigkeit auszeichnet. Zum einen Ebenbürtigkeit der Frauen untereinander, zum anderen müssen auch die Zweierbeziehungen einander ebenbürtig oder äquivalent sein. Welche Bedingungen finden wir nun in Goethes „Stella“ vor?

3.2. Das literarische Motiv des Gegensatzes von geistiger und körperlicher Liebe in Goethes „Stella“

Als eine Variante des Motivs des Mannes zwischen zwei Frauen akzentuiert Goethe in seiner „Stella“ den „traditionellen Gegensatz von geistiger und sinnlicher Liebe“. Die männliche Hauptfigur des Fernando schließt eine Ehe mit der aus dem bürgerlichen Milieu stammenden Cezilie, die er jedoch verlässt und Jahre später eine Beziehung mit der adligen Stella eingeht, aus der er sich ebenfalls löst. Beide Frauen scheinen Trägerinnen von Eigenschaften zu sein, welche für den Mann gleichermaßen anziehend wie unbefriedigend sind, sodass er sich in der einen Partnerschaft nach den Vorzügen der anderen Frau sehnt. Dem intensiven seelischen Austausch zwischen Fernando und seiner Frau Cezilie wird eine ebenso intensive Beziehung auf körperlicher Ebene zwischen Fernando und Stella entgegen gestellt. An diese Konstellation knüpfen sich eine Vielzahl drängender Fragen: Durch welche Merkmale lassen sich die Frauen als voneinander gegensätzlich abgrenzen? Dienen diese charakteristischen Unterschiede einer Polarisierung, einem Antagonismus von Modellen von Weiblichkeit oder stehen sie einander vielmehr antithetisch gegenüber, durch deren Synthese gar eine neue Sicht auf Weiblichkeit im 18. Jahrhundert zu etablieren versucht wird? Welche Haltung nimmt der Mann in diesem Spannungsfeld ein? Ist er nicht als Inhaber der zeitgenössischen gesellschaftlichen wie privaten Diskursmacht tatsächlich ein entscheidender Mitschöpfer dieser dualistischen Ausprägungen von Weiblichkeit? Schließlich: Wie „schuldig“ kann ein Fernando sein, in welchem Maß trägt er zur Entfaltung des tragischen Potenzials innerhalb dieser Dreierkonstellation bei? Nicht alle Fragen können im Rahmen dieser Hausarbeit zufriedenstellend beantwortet werden. Fokussiert werden sollen vor allem die Motivation der Protagonisten als auch das dramaturgische Arrangement Goethes, den Konflikt schließlich in eine scheinbare Lösung zu überführen. Zunächst gilt es, die charakterlichen Dispositionen der auftretenden Personen zu beleuchten.

[...]


1 Zitiert wird im Folgenden, soweit nicht anders gekennzeichnet, nach: Borchmeyer, Dieter (Hrsg.): „Stella. Ein Schauspiel für Liebende. (Erste Fassung)“. In: Borchmeyer, Dieter (Hrsg.): Goethe, Johann Wolfgang von: Sämtliche Werke, Briefe, Tagebücher und Gespräche. Dramen 1765-1775. Bd.4. Frankfurt am Main: Deutscher Klassiker Verlag 1994. S.531-574.

2 Vgl. Borchmeyers Kommentar, S.987.

3 So urteilt Johann Melchior Goeze: „Die Hurer und Ehebrecher, also noch vielmehr diejenigen, welche Hurerei und Ehebruch schminken und reizend vorstellen, wird Gott richten.“ Dagegen Christoph Martin Wieland: „Unser Goethe hat sich der Welt durch seine Stella wieder herrlich geoffenbart.“ In: Freywillige Beyträge zu den hamburgischen Nachrichten aus dem Reiche der Gelehrsamkeit, 23.2.1776. Hamburg: Schröder 1776.

4 Bei Korff ist es der „Typus des romantischen Freibeuters“, den er „in den Zusammenhang mit der sensualistischen Kultur des Rokoko“ stellt. Als Beispiele dienen ihm „Casanova, Don Juan [Mozart!] und […] aus dem Umkreise der Sturm- und- Drang-Gestalten […], Ardinghello“. Korff, Hermann August (Hrsg.): Geist der Goethezeit. Versuch einer ideellen Entwicklung der klassisch-romantischen Literaturgeschichte. 1.Teil: Sturm und Drang. 7., unveränderte Auflage. Leipzig: Kohlers und Amelang 1964. S.248.

5 Borchmeyers Kommentar, S.989.

6 Ebd., S.989f. Goethes Brieffreundschaft mit Auguste Gräfin zu Stollberg, welche er nie persönlich kennenlernte, liest sich als eine feinsinnig codierte Form der Freundschaft mit einem unverkennbaren erotischen Potenzial.

7 Bereits hier gerät die Frage nach Authenzität und Wahrheitsgehalt des im Brief vermittelten Gefühls oder Gegenstandes zum Problem. Oftmals nutzten Absender und Empfänger den Brief zur Stilisierung der eigenen Aussagen, was oft in Verbindung einer Inszenierung ihrer selbst als empfindsame Personen stand. Der unmittelbare Transport intimer Botschaften stand dessen Reflexionspotenzial zum Teil entgegen und verlieh so manchem Briefverkehr einen stark artifiziellen Charakter. Dazu: Anton, Annette C.: Authenzität als Fiktion. Briefkultur im 18. Und 19. Jahrhundert. Stuttgart, Weimar: Metzler 1995.

8 So schrieb er Mitte März 1775 an Johanna Fahlmer: „Ich bin müde über das Schicksal unsres Geschlechts von Menschen zu klagen, aber ich will sie darstellen, sie sollen sich erkennen, wo möglich wie ich sie erkannt habe, und sollen wo nicht beruhigter, doch stärker in der Unruhe sein.“ Borchmeyers Kommentar, S. 979.

9 Vgl. Boyle, Nicholas: Goethe. Der Dichter in seiner Zeit. Band I 1749-1790. Frankfurt am Main und Leipzig: Insel Verlag 2004. S.11. Bereits in seinem Vorwort macht Boyle auf die Untrennbarkeit von Leben und Werk des Dichters aufmerksam und markiert dessen Aufhebung als ein zentrales Anliegen seiner Arbeit.

10 Korff stellt die Problematik der Treue als zentral im Jugendwerk Goethes heraus, wenn er sagt: „Hinter der Oberfläche des Ardinghello steht die Tiefe des Faust und weiter die Tragik aller jener Goethe´schen Gestalten, in denen die Treulosigkeit zu einem inneren Probleme wird. Unter dem gesellschaftlichen Problem der Ehe liegt das menschliche Problem der Treue.“ S. 253.

11 Zum tragischen Potenzial beim jungen Goethe Dumiche, Beatrice: Weiblichkeit im Jugendwerk Goethes. Die Sprachwerdung der Frau als dichterische Herausforderung. Würzburg: Königshausen & Neumann 2002.

12 Welche zeitgenössischen prominenten Verbindungen lassen sich finden, in denen ein Mann eine Beziehung zu seiner Ehefrau und Geliebten unterhält? Inwieweit werden diese Verhältnisse in der Literatur aufgegriffen und auf welche Weise erfolgt deren Aktualisierung?

13 Scherer, Wilhelm: Bemerkungen über Goethes Stella. In: Ders.: Aufsätze über Goethe. 2. Auflage. Berlin: Weidmännische Buchhandlung 1900. S.126. Vgl. Borchmeyers Kommentar, S.983f.

14 Der englische Schriftsteller Jonathan Swift [1667-1745] hatte ein Verhältnis mit Esther Vanhomrigh und Esther Johnson. Diese Dreiecksbeziehung endete in einem Eifersuchtsdrama, sodass Swift schließlich die Beziehung zu Esther Vanhomrigh beendete. Die literarische Verarbeitung seiner Liebschaften stellt das posthum veröffentlichte Journal to Stella [1710-1723] dar, innerhalb dessen beide Frauen unter den Pseudonymen Vanessa (als Akronym von Esther Vanhomrigh, hebräisch: Stern) und Stella geführt wurden (lateinisch: Stern). Dazu sehr ausführlich: Scherer, 128ff.

15 Vor allem Johann Gottfried Herders [1744-1803] Präferenz für den Autor Swift ist bekannt. Dazu : Boyle, S. 125.

16 Vgl. Sauder, Gerhard (Hg.): Theorie der Empfindsamkeit und des Sturm und Drang. Stuttgart: Metzlersche Verlagsbuchhandlung 2003.

17 Gottfried August Bürger [1747-1794] heiratete zwar 1774 Dorothea Leonhart, doch unterhielt er ebenso zärtlichen Kontakt zu deren Schwester Auguste, genannt Molly. Vgl. Borchmeyers Kommentar, S.984.

18 Eine enge Freundschaft unterhielt Goethe zur Familie Jacobi. Friedrich Heinrich Jacobis [1743-1819] Ehefrau Betty von Clermont wusste von der Beziehung ihres Mannes zu seiner Jugendfreundin Johanna Fahlmer. Letztere suchte die Ehe der Jacobis zu unterstützen und freundete sich mit Betty an, sodass rein äußerlich von einer friedlichen Koexistenz beider Frauen an der Seite Jacobis gesprochen werden kann, wenngleich es innere Spannungen gegeben hat. Dazu Borchmeyers Kommentar, S.984f.

19 Auch der geistliche Rat eines Johann Caspar Lavater [1741-1801] zu ähnlich pikanten Angelegenheiten wurde gewünscht. Dieser berichtet von einem jungen Fräulein von Geusau, welches gemeinsam mit ihrer Freundin Caroline von Palm den Freund S. zu heiraten beabsichtigte. Lavater, um dessen geistlichen Rat sie sich bemühten, sprach sich entschieden dagegen aus. Da Goethe und der Pfarrer befreundet waren, ist die Kenntnis Goethes von dieser Episode möglich. Dazu: Borchmeyers Kommentar, S. 984f.

20 Es sei angemerkt, dass ein Vergleich von Goethes „Stella“ mit Lessings „Sara“ nur auf stofflicher Ebene gerechtfertigt ist. Allein durch die Intrigen der Nebenbuhlerin Marwood qualifiziert sich das Lessing´sche Stück zur Tragödie. Mellefont nämlich erwägt einzig aus dem Gefühl der Verantwortung heraus die Rückkehr zu Marwood, während in Fernando mit dem Wiedersehen Cezilies eindeutig Gefühle echter Zuneigung entstehen, die sich nicht aus der Tatsache ihrer beider Verbundenheit über Luzie speisen: „Fernando sie bei der Hand fassend, ansehend, sie umarmend: Nichts, nichts in der Welt soll mich von dir trennen! Ich habe dich wieder gefunden.“ [S.559].

21 Scherer, S.130.

22 Auch bei Boyle tauchen die Episoden eines Lavater, Jacobi und Bürger auf. Für ihn illustrieren sie ebenfalls die Modernität ternärer Bindungen. „Trotzdem müssen wir die Quelle für Stella […] nicht in diesen äußeren Vorbildern suchen, sondern in dem eigenen Erleben Goethes 1775.“ Boyle, S.256.

23 Borchmeyer, Dieter (Hrsg.): Goethe, Johann Wolfgang von: Sämtliche Werke, Briefe, Tagebücher und Gespräche. Romane I: Die Leiden des jungen Werthers. Die Wahlverwandtschaften u.a. Bd.8. Frankfurt am Main: Deutscher Klassiker Verlag 1994.

24 Beide Werke stellte der Autor in den Dienst des Sturm und Drang. Als nationale Werke konzipiert, traf besonders der emotional gefärbte „Werther“ den Nerv der Zeit, da er sich an einer durch die Empfindsamkeit geprägten nationalen Öffentlichkeit orientierte.

25 Vgl. Boyle, S.204. Der reife Goethe beschreibt diesen umfassenden Erfolg später wie folgt: „Die Wirkung dieses Büchleins war groß, ja ungeheuer, und vorzüglich deshalb, weil es genau die rechte Zeit traf. Denn wie es nur eines geringen Zündkrauts bedarf, um eine gewaltige Mine zu entschleudern, so war auch die Explosion, welche sich hierauf im Publikum ereignetem deshalb so mächtig, weil die junge Welt sich schon selbst untergraben hatte, und die Erschütterung deswegen so groß, weil ein jeder mit seinen übertriebenen Forderungen, unbefriedigten Leidenschaften und eingebildeten Leiden zum Ausbruch kam.“ Boyle, S.204.

26 So scheint der „Werther“ eindeutig inspieriert durch Goethes Aufenthalt in Wetzlar 1772. Hier machte er Bekanntschaft mit Johann Christian Kestner, Angehöriger der Hannover´schen Delegation, und dessen Verlobten Charlotte Buff, Tochter eines Amtsmannes des Deutschen Ordens. Den ganzen Sommer pflegte er regelmäßig Kontakt zu den Buffs, wohlwissend, dass seine Gefühle nicht erwidert wurden. Trotz des Nebenbuhlers blieb das offizielle Verhältnis von Kestner zu Goethe herzlich. Nach der Rückkehr nach Frankfurt blieb Goethe mit beiden in Briefkontakt. Einen zweiten Impuls dürfte der Freitod des gemeinsamen Bekannten Karl Wilhelm Jerusalem gegeben haben, welcher sich aus einer unglücklichen Liebe befreit hatte. Überdies hatte Kestner Jerusalem seine Waffe zur Verfügung gestellt. Vgl. Boyle, S.160-164.

27 Wenn Goethe im Zuge des Erfolgs von seinem „Werther“ von einer „Generalbeichte“ spricht, die er mit diesem Roman abgelegt hätte, dann klingt diese Aussage im Spiegel der zwei folgenden Jahre reichlich frisiert. Entgegen dieser gefärbten Erinnerung war es alles andere als ein persönlicher Befreiungsschlag für den plötzlich beliebten Dichter gewesen. Im Oktober 1774 brach eine drückende Zeit an, der Erwartungsdruck des Publikums war kolossal. Frankfurt war als Stätte des Rückzugs und der Neubesinnung zu eng geworden. Die aktivierte Bekanntschaft zu Karl Ludwig von Knebel [1744-1834] erwies sich als folgenreich: Dieser führte Goethe bei Carl August, Herzog von Sachsen-Weimar, ein. Unter Voraussetzung einer baldigen Versöhnung mit Wieland, versprach dieser ihm eine Stellung bei Hofe. Im Dezember kehrte Goethe nach Frankfurt zurück, wo ihn der Tod einer engen Freundin, Susanna von Klettenberg [1723-1774], ereilte. Dennoch begann eine literarisch produktive Zeit, motiviert durch allerhand neu geknüpfte Kontakte und fleißige Korrespondenzen [zu Bürger, Boie, Jacobi]. Als nachhaltig erweist sich der Briefkontakt zu Auguste Gräfin Stolberg, der im Januar 1775 einsetzt, ebenso wie die Bekanntschaft mit Lili Schönemann. In diese Zeit fallen die Stücke „Erwin und Elmire“ sowie die „Stella“. Im März 1775 erscheint eine negative Rezension in Wielands „Teutschem Merkur“ über ein Stück des mit Goethe befreundeten Schriftstellers Jakob Michale Reinhold Lenz [1751-1792], welche Goethe erneut an Wielands Haltung zweifeln und in einen allgemeinen Pessimismus angesichts der nationalen Aufgaben verfallen lässt. Vgl. Boyle, S.229-239.

28 Borchmeyers Kommentar, S.979.

29 Weiterhin spricht für den Leben-Werk-Zusammenhang, dass Goethe Lili Schönemann ein Exemplar des Erstdruckes mit Widmung zukommen ließ. Folgende Widmungsverse erreichten Lili Schönemann: „Im holden Tal, auf schneebedeckten Höhen War stets dein Bild mir nah; Ich sah`s um mich in lichten Wolken wehen, Im

30 Goethe unterhält sie unter anderem zu Gräfin Stolberg, Johanna Fahlmer, Friedrich Jacobi, Sophie von La Roche, Lavater, Charlotte von Stein. Vgl. Borchmeyers Kommentar, S.979ff.

31 Wie er ihn in einem Brief an Johanna Fahlmer Mitte März 1775 ausdrückt: „In mir ist viel wunderbares neues, in drei stunden hoff ich Lili zu sehn. […] Nehmen sie das Mädgen an ihr Herz, es wird euch beiden wohltun.“ Borchmeyers Kommentar, S.979.

32 Vgl. Boyle, S.234. Interessant ist hier der Gedanke Boyles, es sei nicht die persönliche Eignung bzw. Nichteignung Lilis als Partnerin gewesen, die Goethes Zweifel nährten, sondern deren familiäre Eingebundenheit in die lokalen Traditionen Frankfurts. Als Calvinisten waren die Schönemanns eng mit der Geschichte Frankfurts verwoben. Auch ihre unpolitische Haltung mag Goethe abgeschreckt haben.

33 Ebd., S. 256.

34 Boyle, S.236. Boyle sieht in der Bindung Goethes zur Gräfin Stolberg keine reale Partnerschaft, vielmehr begreift er sie im Kontrast zur präsenten Lili als Möglichkeit einer rein geistigen Beziehung. Diese idealisierte, mit sakralen Eigenschaften versehene Liebe hatte ihren Reiz nicht etwa durch ihre Gebundenheit an eine Person, sondern sie bot das Eindringen in eine Art Sehnsuchtszustand, den Goethe in einer offiziellen Bindung nicht mehr hätte erreichen können. Vgl. S.256f.

35 Frenzel, Elisabeth: Motive der Weltliteratur. Ein Lexikon dichtungsgeschichtlicher Längsschnitte. 6., überarbeitete und ergänzte Auflage. Stuttgart: Kröner 2008. S.500.

36 Für Frenzel gilt es als literarisch glaubwürdiger, dass ein Mann der Liebe zu zwei einander im Status gleichenden Frauen eher fähig ist. Sie begründet ihre These mit den Erfahrungen der schreibenden Generation um 1800, deren reale Liebeserlebnisse oftmals Eingang in literarische Produktionen fanden. Vgl. S.494.

Details

Seiten
32
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656104360
ISBN (Buch)
9783656104810
Dateigröße
970 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v187085
Institution / Hochschule
Technische Universität Dresden – Germanistik
Note
Schlagworte
Goethe Verhältnis Dreiecksbeziehung Aufklärung ternäre Bindungen Empfindsamkeit Romantik Werther Frühwerk Stella Erotik Sublimierung

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Zum Motiv ternärer Bindungen und seiner Tradition im 18. Jahrhundert