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Der Praxeologiebegriff Dietrich Benners und die Lebensweltorientierung

Hausarbeit (Hauptseminar) 2003 23 Seiten

Pädagogik - Allgemein

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Definition „Praxeologie“

3 Die Idee einer auf Prinzipien beruhenden Pädagogik
3.1 Prinzip der Bildsamkeit
3.2 Prinzip der Aufforderung zur Selbsttätigkeit
3.3 Prinzip der Überführung gesellschaftlicher in pädagogische Determination
3.4 Prinzip der nicht-hierarchischen und nicht-teleologischen Ordnung der menschlichen Gesamtpraxis
3.5 Die Verbindung zur Praxeologie

4 Darstellung der Theorie zur Lebensweltorientierung
4.1 Der Lern-Ansatz von Meyer-Drawe
4.2 Der kommunikative Ansatz von Mollenhauer

5 Die Verbindungslinien zwischen Benners Praxeologie und der lebensweltorientierten Pädagogik

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Schon immer hat es unterschiedliche Auffassungen darüber gegeben, in welchem Verhältnis Theorie und Praxis der Pädagogik zueinander stehen (vgl. dazu z.B. den Zeitschriftenartikel „Das Verhältnis von Theorie und Praxis im Wandel von der prinzipienwissenschaftlichen zur skeptischen Pädagogik“ von Breinbauer (Breinbauer (1994)) oder den Artikel „Auf der Suche nach ihrer Praxis. Zum Gegensatz von ‚ermutigender Pädagogik’ und ‚enttäuschter Erziehungswissenschaft’“ von Flitner (Flitner (1991))).

In dieser Arbeit werde ich mich mit dem Theorie-Praxis-Verständnis von Dietrich Benner auseinandersetzen und näher beleuchten, in welchem Verhältnis sein Konzept einer Allgemeinen Pädagogik zu dem Konzept der lebensweltorientierten Pädagogik, wie sie beispielsweise Käte Meyer-Drawe oder Klaus Mollenhauer vertreten, steht.

Die Arbeit ist überschrieben mit „Der Praxeologiebegriff bei Dietrich Benner und die Lebensweltorientierung“. Doch was bedeutet der Begriff „Praxeologie“? Diese Frage versuche ich im zweiten Kapitel zu klären. Dort wird zuerst eine allgemeine Definition gegeben, bevor auf die Definitionen von Josef Derbolav und Dietrich Benner eingegangen wird. Josef Derbolav habe ich herangezogen, weil sich Benner in seiner „Allgemeinen Pädagogik“ (Benner (2001), S. 22) auf ihn bezieht und meines Erachtens seine Definition der Praxeologie auf Derbolavs Differenzierung der menschlichen Gesamtpraxis in Einzelpraxen fußt.

Im dritten Kapitel gehe ich auf die prinzipiengerichtete Pädagogik Benners ein, da Benner mit einer auf Prinzipien beruhenden Pädagogik sein Konzept der Praxeologie beschreibt. Pädagogik ist seiner Meinung nach nur dann eine menschliche Pädagogik, wenn sie ihre Praxis, aber auch ihre Theorie an den vier beschriebenen Prinzipien ausrichtet und reflektiert. Deshalb sind die Prinzipien grundlegend für das Verständnis des Bennerschen Praxeologiebegriffs.

Mit den Ansichten der lebensweltorientierten Pädagogik (insbesondere mit den Ansichten von Meyer-Drawe und Mollenhauer) beschäftigt sich das vierte Kapitel. Hier geht es darum, aufzuzeigen, mit welchen Grundannahmen die Autoren ihre Pädagogik füllen und die Praxis gestalten wollen. Ich werde explizit auf Meyer-Drawes Begriff des Lernens eingehen, da ihr Bezug zur Lebenswelt an diesem Beispiel deutlich wird. Aber auch der kommunikative Ansatz Mollenhauers weist Parallelen zur prizipiengeleiteten Pädagogik Benners auf, die ich abschließend im fünften Kapitel darstelle. Dieses fünfte Kapitel widmet sich abschließend dem Vergleich der Auffassungen der lebensweltorientierten Pädagogik und den von Benner aufgestellten Prinzipien und seiner mit diesen Prinzipien entwickelten Pädagogik.

2 Definition „Praxeologie“

Bevor ich den Begriff der „Praxeologie“ überhaupt verwende, möchte ich versuchen, eine Definition des Begriffes zu geben.

Etymologisch bedeutet ‚Praxis’ „Erfahrung, tatsächliche Betätigung“. ‚–logie’ deutet auf eine „Wissenschaft von, Lehre von“ hin (Seebold (2002)). So kann man den Begriff der Praxeologie deuten als die Lehre der Praxis.

Im Allgemeinen wird der Begriff mit „Wissenschaft vom Handeln“ (Duden (1997), S. 654) beschrieben. Diese Definition lässt erst einmal darauf schließen, dass die Wissenschaft Handlungsanweisungen bereitstellt und so die Praxis (das Handeln) anleitet.

Josef Derbolav spricht von einer Unterscheidung zwischen „Erkenntniswissenschaften (wie Physik, Biologie, Psychologie, Soziologie, Geistes- oder Gebildewissenschaften usw.) und praktischen Wissenschaften (wie Technik, Ökonomie, Medizin, Pädagogik, Rechts- und Wehrwissenschaften, Journalistik und Szientistik, Kunst- und Religionspraxis). (Dabei; JV) stellen (die praktischen Wissenschaften; JV) wissenschaftliche Reflexionsformen von Aufgaben dar, die sich zur Behebung konstitutiver Notstände bzw. zur Erfüllung zentraler gesellschaftlicher Bedürfnisse konstituiert haben“ (Derbolav (1984), S. 503). Derbolav unterscheidet in der Pädagogik zwischen der Erziehungswirklichkeit und der Erziehungswissenschaft. Die Erziehungswissenschaft soll seiner Meinung nach „die implizite vorwissenschaftlich-normative Theorie dieser Praxis (die der Erziehungswirklichkeit; JV) auf ein reflektiertes Niveau heben und das pädagogische Handeln unter eine kritisch vermittelte Verantwortung stellen“ (ebd., S. 504). Praxeologie wird von Derbolav also definiert als eine Wissenschaft, die wissenschaftlich fundierte Reflexionsformen bereitstellt, an denen sich eine tätige Praxis orientieren kann und an denen die ‚praktischen Theorien’ der Praxis überprüft werden können.

Auch bei Dietrich Benner kann man eine Definition der Praxeologie ableiten, wenn er fordert, dass die „Pädagogik als praktische Wissenschaft von der und für die Erziehung (…) als eine praxeologisch-experimentelle Wissenschaft verstanden werden“ muss (Benner (1972), S. 26). Diese Forderung resultiert aus den damaligen (der Artikel ist von 1972) Tendenzen der pädagogischen Wissenschaft, sich zu einer technologischen Wissenschaft zu entwickeln, die die subjektiven Elemente der Wissenschaft ausklammern wollte und alle Forschung darauf richtete, pädagogische Wirkungen objektiv zu erklären. Benner hat den Wandel der Pädagogik von einer praktischen Wissenschaft zu einer technischen Disziplin in dem oben genannten Artikel beschrieben und fordert von der Pädagogik, sich zu einer praktischen Erfahrungswissenschaft zu erweitern, denn nur so könne sie die ihr gestellten Aufgaben, die erzieherische Praxis anzuleiten und ihr eine Orientierung zu geben, erfüllen (vgl. ebd. S. 25 f.).

Benner beschreibt mit dem Begriff der Praxeologie das praktisch orientierte Verhältnis von Theorie und Forschung und Praxis. Eine praxeologisch ausgerichtete Pädagogik muss also auch nach Benner handlungsleitend und orientierend für die erzieherische Praxis sein und es ihr ermöglichen, auf einer allgemeinen Ebene ihre Praxis reflexiv zu überprüfen.

Somit ist der Begriff, den der Duden gebraucht, zu eng gefasst. Sowohl Benner als auch Derbolav beschreiben mit dem Begriff der Praxeologie eine Reflexionsebene, die sich die Pädagogik zunutze machen kann, um ihre alltägliche Praxis kritisch zu hinterfragen.

3 Die Idee einer auf Prinzipien beruhenden Pädagogik

Um die Forderung, einer erzieherischen Praxis auf einer allgemeinen Ebene Orientierung und Reflexion zu bieten, verwirklichen zu können, muss eine allgemeine Pädagogik entwickelt werden, die sich nicht versteht als eine konkrete Handlungsanweisungen gebende Disziplin, sondern die sich nach einem Grundgedanken richtet, der sich im menschlichen Handeln selbst schon befindet.

Benner geht in seiner Allgemeinen Pädagogik von sechs Grundpraxen aus, die konstitutiv für das menschliche Zusammenleben sind. Es sind die Praxen der Ökonomie, der Ethik, der Politik, der Kunst, der Religion und der Pädagogik. Da Benner zufolge diese sechs Grundpraxen grundlegend für das menschliche Dasein sind, die Praxen unter sich aber nicht in einer gegebenen, vorher festgesetzten Ordnung und Harmonie zueinander stehen, ist es notwendig, eine praxeologische Theorie zu entwerfen, die jedoch nicht die menschlichen Handlungsvollzüge in die einzelnen Praxen einzuordnen versucht, sondern die nach dem Verhältnis der Einzelpraxen und der sich daraus ergebende Einheit menschlichen Handelns fragt. (vgl. Benner (2001), S. 22 ff.)

Benner geht davon aus, dass diese einzelnen Praxen der menschlichen Gesamtpraxis in einem nicht-teleologischen und nicht-hierarchischen Verhältnis zueinander stehen müssen (er hat also ein anderes Verständnis von der Ordnung der Einzelpraxen zueinander als Derbolav, der der politischen Praxis einen Primat einräumt (vgl. dazu Benner (1976))). Die nicht-hierarchische Verhältnisbestimmung der einzelnen Praxen der menschlichen Gesamtpraxis entlehnt Benner Eberhard Gruber, der sich in seiner Abhandlung „Nichthierarchische Verhältnistheorie und pädagogische Praxis“ mit dem Marxschen Begriff des Wesens und dessen Auseinandersetzung mit der es umgebenden Natur befasst. Dabei wird festgestellt, dass ein Wesen, welches nur für sich allein lebt und in keinem Verhältnis zu anderen Wesen steht, ein „Unwesen“ sein muss und nicht existieren kann (vgl. Gruber (1997), S.17 ff.). Ein Wesen, das also kein Unwesen ist, tritt in Auseinandersetzung mit anderen Wesen und seiner Umwelt. In dem Moment aber, in dem es dies tut, wird es gleichzeitig zum Gegenstand der es umgebenden Umwelt. Somit ist dieses Wesen ins Verhältnis mit anderen Wesen gesetzt und drückt dadurch, dass es an der Natur teilnimmt und gleichzeitig auch Natur für ein anderes Wesen ist, eine nicht-hierarchische Verhältnisbestimmung aus. Diese ist insofern wichtig, da ein Wesen auf die Koexistenz mit anderen Wesen angewiesen ist, da es sonst zu einem „Unwesen“ werden würde – und somit seine Existenz bedroht wäre (vgl. ebd., S. 17-26).

Eben diese Gedanken sind auch auf die einzelnen Praxen der menschlichen Gesamtpraxis übertragbar. Benner geht es darum, dass die sechs Grundpraxen konstitutiv für das menschliche Leben sind und dass jede einzelne Praxis angewiesen ist und Auswirkungen hat auf die jeweils anderen Praxen. Keine der Praxen kann für sich eine Überordnung beanspruchen, da sie in Abhängigkeit steht zu den anderen Praxen und auch nicht ihre Erkenntnisse ohne weiteres auf die anderen Bereiche der menschlichen Gesamtpraxis anwenden kann.

Benner sieht den Ursprung einer Praxeologie darin, dass die Inhalte der einzelnen Praxen nicht mehr weiter in einer Anerkennung unmittelbarer Tradition standen, „sondern die Weitergabe von Tradition immer zugleich im Kontext einer veränderten Aneignung“ stand (Benner (2001), S. 24). Dies nennt er das „Zerbrechen des praktischen Zirkels von Tradition und Reproduktion des gesellschaftlichen Daseins, von Sitte und Handlungslegitimation“ (ebd., S. 24). Infolge dieser Veränderung der Aneignung der menschlichen Praxis kam es zu einem Bedürfnis nach Handlungsorientierung.

Der Inhalt einer Praxeologie hat Benner zufolge zwei Aufgaben:

- Den Entwurf eines Begriffs der menschlichen Gesamtpraxis
- Arbeit an den Begriffen der jeweiligen Einzelpraxen.

Benner verfolgt in seiner „Allgemeinen Pädagogik“ die beiden Aufgaben und unternimmt mit dem Plan einer prinzipiengeleiteten Pädagogik den Versuch, die in viele Einzeldisziplinen ausdifferenzierte Pädagogik mit ihrer eigenen pädagogischen Praxis zu konfrontieren und gleichzeitig nach dem Verhältnis der Pädagogik zu den anderen konstitutiven menschlichen Einzelpraxen (Ökonomie, Ethik, Politik, Kunst und Religion) zu fragen. Benner entwirft vier Prinzipien, die der pädagogischen Praxis als Reflexionskriterien dienen sollen.

Die beiden ersten Prinzipien (Prinzip der Bildsamkeit und Prinzip der Aufforderung zur Selbsttätigkeit) bilden die Bearbeitung der Frage nach den Begriffen der Einzelpraxis (der Pädagogik), während die beiden letzten Prinzipien (Überführung gesellschaftlicher in pädagogische Determination und die nicht-hierarchische und nicht-teleologische Ordnung der menschlichen Gesamtpraxis) die Frage nach dem Begriff der menschlichen Gesamtpraxis in ihrem gesellschaftlichen Zusammenhang klärt.

3.1 Prinzip der Bildsamkeit

Eines der beiden konstitutiven Prinzipien pädagogischen Denkens und Handelns ist das Prinzip der Bildsamkeit. Benner geht davon aus, dass eine pädagogische Interaktion nur dann legitim ist, wenn sie dem Educandus ermöglicht, selbst an seiner Bildsamkeit (und somit an seinem Erziehungs- und Bildungsprozess) mitzuwirken. Denn nur über diese Mitwirkung kann der Educandus zu seiner Bestimmung finden.

Diese Bestimmung findet der Educandus durch rezeptive und spontane Leiblichkeit, Freiheit, Geschichtlichkeit und Sprachlichkeit. Benner geht hier darauf ein, dass der Mensch bzw. der Educandus seine Bestimmung durch einen Lernprozess nur dann finden kann, wenn er sich auf eigene Erfahrungen berufen kann. Dies ist die Rezeptivität, die sich durch körperliche und gedankliche Prozesse vollziehen kann. Jedoch macht sich der Mensch die Bestimmungen, die sich im Laufe der Zeit, also in der menschlichen Geschichtlichkeit, aus seiner Gattung herausgebildet haben, auch zueigen. Er lernt also nicht nur über die von ihm selbst gemachten Erfahrungen. Er findet zu seiner Bestimmung, indem er die immer schon gemachten Erfahrungen verinnerlichen kann und so in seine eigene Erfahrungswelt aufnehmen kann (vgl. Benner (2001), S. 75 ff.).

Mit Spontaneität wird das Überschreiten der Rezeptivität beschrieben. Der Mensch geht über die Geschichtlichkeit hinweg und gibt sich eine eigene Bestimmung. Er ist in der Lage, aus seinen gemachten Erfahrungen künftige Ergebnisse seines Handelns zu antizipieren. Hieraus ergab sich für den Menschen die Möglichkeit pädagogischer Praxis: Der Mensch kann seine Bestimmung nur durch Selbstbestimmung erlangen. Alle pädagogischen Prozesse sind Versuche, den Menschen an seiner Selbstbestimmung zu beteiligen. Pädagogische Prozesse verlieren den Anspruch im Bennerschen Sinne pädagogisch zu sein, wenn der Educandus von der Mitwirkung ausgeschlossen wird.

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Details

Seiten
23
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638229944
Dateigröße
532 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v18712
Institution / Hochschule
Universität Trier – FB Pädagogik
Note
3
Schlagworte
Praxeologiebegriff Dietrich Benners Lebensweltorientierung

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