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Der Kurzfilm „Spielzeugland“ als Zugang zum Verständnis der Judenverfolgung und -vernichtung durch heutige Kinder

Essay 2011 6 Seiten

Pädagogik - Medienpädagogik

Leseprobe

„Stehenbleiben! Stehenbleiben! Judensau!“ – Düstere, bassgeladene und zugleich bedrückende Musik begleiten diese Worte. Eine Mutter auf der verzweifelten Suche nach ihrem Sohn. Heinrich heißt er, ein typisch deutscher Name. Zwei Offiziere des Naziregimes empfangen sie mit genau diesen Worten inmitten eines Bahnhofes.

Beim Betrachten dieser Szene überzieht eine Gänsehaut meinen Körper. Ich fühle mit der Mutter, will dass sie ihren Sohn findet, ihn nach Hause bringt und am Klavier spielen lässt. „Ich suche mein Kind!“, so die Mutter. Einer der beiden Offiziere antwortet darauf: „Wo ist denn dein Sternchen? – Die Mutter atmet tief - „Wo dein Stern ist?!“ Den letzten Teil des Satzes mit einer ebenso hassgeladenen wie lauten Stimme.

Diese Szene ist nur eine von vielen Schlüsselszenen aus dem von Jochen Alexander Freydank produzierten Film: „Spielzeugland“.

Aus der Überzeugung heraus, Kinder hätten ebenso ein Anrecht auf die Wahrheit der Geschichte wie Erwachsene, erscheinen in deutschen Buchläden seit Mitte der 80er Jahre immer wieder Bilderbuchgeschichten zur Problematik des Holocaust. Sucht man nach Filmen, welche dieses Thema einem Kind nahebringen sollen, stößt man auf, richtig, nach Überlegung, Recherche und nochmaliger Überlegung kommt man als Erwachsener zu der Annahme man stoße auf nichts was explizit für Kinder geeignet wäre.

Doch betrachtet man das Ausmaß der Ungeheuerlichkeiten dieser Epoche, ist dies schon für Erwachsene kaum aushaltbar. Eine kontroverse Diskussion darüber, ob bereits Kinder im Grundschulalter mit dem Grauen des Hitler-Regimes konfrontiert werden sollten, ist daher nur verständlich. Meiner Ansicht nach haben sowohl Bilderbücher als auch Filme das Potenzial, dazu anzuregen, über ausgewählte Facetten der Geschichte ein Gespräch mit Kindern zu ermöglichen. Sie können eine Grundlage sein, mit ihnen in Kommunikation über die historischen Ereignisse unseres Landes zu treten. Vergeblich sucht man nach geeignetem Material, welches auch Kindern ein Bild der Grausamkeiten in freundlicher und lückenloser Weise aufzeigen kann. Nach erstmaligem Betrachten von „Spielzeugland“ ist man der Annahme, auch dieser Film ist nichts für Kinder, er ist doch viel zu ‚real‘, zu ‚ehrlich‘, zu ‚wahr‘. Inwiefern der Film besondere Merkmale der Sprache im Nationalsozialismus aufgreift, damit zu einem ‚realen‘‚ ‚wahren‘ und ‚greifbaren‘ Medium wird, und ob er letztendlich als Zugang zum Verständnis der Judenverfolgung und Judenvernichtung für Kinder geeignet ist, gilt es im Folgenden zu erörtern.

Ein Spielzeugland, manch einer mag es als einen Ort voller Achterbahnen, Zuckerwattemaschinen, Spielautomaten, Elektroloks und Zuckerbonbons verstehen. Jochen Alexander Freydank definiert diesen Ort aber völlig neu. Stellt sich ein Kind ein Spielzeugland vor, so denkt es an Freude, Freunde und eine eigene Welt, ganz ohne Schule, Stress und Alltag. Es kann einfach nur spielen, frei sein. Freydank ist sich sicherlich bewusst, welche Assoziationen dies im Kopf eines Kindes auslöst. Genau diesen Punkt nutzt er, um der Vorstellung eines Spielzeuglandes ein anderes Gesicht zu verleihen. Einen grausamen Ort, einen Ort an dem Dinge geschehen welche nicht gesehen werden und von denen nur gewusst wird was dort passiert. Es stellt sich die Frage, warum er solch einen wunderschönen Ort als Synonym für Angst und Schrecken verwendet. Ganz einfach, er spielt mit dem Unwissen der ‚Kleinen‘, nutzt also deren scheinbare Unwissenheit und ‚Heile-Welt-Denken‘ um dies als Ansatzpunkt für seine Geschichte zu nutzen.

„Spielzeugland“ ist ein typischer Kurzfilm. Wie bei diesem Genre üblich, beschränkt sich auch „Spielzeugland“ auf das Wichtigste, eine große Erklärung der Umstände oder Hinführung zur Story gibt es in den seltensten Fällen. Ohne Vorwarnung und Einführung in die Situation wird die Handlung auf den Zuschauer losgelassen, dennoch ist sie klar – spätestens, als die Trennung der Menschen in Juden und Nicht-Juden anhand des Judensterns gezeigt wird. Judenstern – Trennung – Menschen, diese drei Begriffe reichen aus, um das eigentliche Thema des Films auf den Punkt zu bringen – Judenverfolgung und die letztlich damit verbundene Vernichtung.

Der Film spielt im nationalsozialistischen Deutschland und erzählt von der Freundschaft zwischen dem deutschen Heinrich Meißner und dem jüdischen David Silberstein. Als der jüdischen Familie Silberstein die Deportation droht (an dieser Stelle des Films wird klar, inwiefern Freydank das Wort Spielzeugland metaphorisiert), greift Heinrichs Mutter zu einer Notlüge und erzählt ihrem Sohn, sein Freund verreise ins Spielzeugland.

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Details

Seiten
6
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656105329
Dateigröße
393 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v187139
Institution / Hochschule
Universität Erfurt
Note
1,0
Schlagworte
kurzfilm spielzeugland zugang verständnis judenverfolgung kinder

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Titel: Der Kurzfilm „Spielzeugland“ als Zugang zum Verständnis der Judenverfolgung und -vernichtung durch heutige Kinder