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Das Minarettverbot - ein Fall politischen Aberglaubens?

Diplomarbeit 2010 45 Seiten

Philosophie - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung: Wieso ich mich mit diesem Thema auseinandersetze.

2. Fallbeschreibung: Worum es bei der Abstimmung über die Minarettabstimmung ging.

3. Fragestellungen: Welche Aspekte des Falles will ich philosophisch untersuchen?

4. Philosophie: Ausgangslage der Untersuchung ist die Hypothese, die lautet:
«Die Vernunft ist am Ende. Die Welt ist Glaube und Aberglaube, auch in der Schweiz. Wenn aber die Vernunft am Ende ist, so ist es auch die Freiheit.»
Vorgehen:
4.1. Klärung der Begriffe (anhand von Philosophen):
4.1.1. Vernunft (Kant, Jaspers, Rorty)
4.1.2. Aufklärung (Kant)
4.1.3. Glaube (Jaspers)
4.1.4. Aberglaube
4.1.5. Symbole und Mythen (Cassirer, Barthes)
4.1.6. Zusammenhänge
4.2. Vernunft und Freiheit

5. Praxis:
Verdrängen Glaube und Aberglaube die Freiheit - wenn ja, wo? Lässt sich allenfalls ändern? Diskussion der Begriffe Vernunft, Freiheit, Glaube und Aberglaube in der schweizerischen Demokratie von heute.
5.1. Vernunft und Freiheit
5.2. Aufklärung
5.3. Glauben
5.4. Aberglauben
5.5. Symbole und Mythos
5.6. Diskussion

6. Erkenntnisse:ZuwelcherTheseführendieUntersuchungen?

7. Kreis der Betroffenen: Wem nützen meine Erkenntnisse?

8. Bibliographie:DieverwendeteLiteratur

1. Einleitung

Die Annahme des Minarettverbots durch das Schweizer Stimmvolk am 29. November 2009 hat mich mehr geärgert als irgendein anderes Abstimmungsresultat in meinen bisher 28 Jahren als Stimmbürger dieses Landes. Nie fühlte ich mich der obsiegenden Mehrheit mehr entfremdet als dieses Mal. Bei den allermeisten Abstimmungen, auch solchen zu Verfassungsartikeln, geht es um Sachfragen, für oder gegen die man aus guten oder weniger guten Gründen sein kann. Beim Minarettverbot ging es vordergründig um eine Bauvorschrift, hintergründig aber um Grundsatzfragen der Verfassung - um Rechtsgleichheit, um Religionsfreiheit. Ich bin ein wenig stolz auf die liberale Verfassung der Schweiz, die in ihrer aktuellen Form vor zehn Jahren auch mit meiner Stimme in Kraft gesetzt wurde. In der seit Jahren schwelenden, internationalen Wertedebatte wird immer mal wieder die Frage aufgeworfen, was der Westen eigentlich zu bieten habe, ausser dem materiellen Reichtum. Von den «christlichen Grundwerten» ist dann jeweils die Rede, und auch von den abendländischen Werten. Damit sind die Werte der Aufklärung gemeint, Grundwerten wie Meinungsäusserungs-, Glaubens- und Religionsfreiheit, Rechtsgleichheit und Demokratie? Ich finde es wichtig, dass letztere strikte eingehalten werden, auch wenn Religionsvertreter deren Einschränkung fordern (Stichwort Mohammed-Karikaturen), auch wenn Wirtschaftsführer darüber nachdenken, ob nicht ein autoritäres System (Stichworte China, Singapur) wirtschaftlich erfolgversprechender wäre, und politisch korrekt gesinnte Menschen finden, zarte Seelen müssten vor rüpelhaften Wörtern geschützt werden. Die Prinzipien der Aufklärung sind hohe Werte, die, so meine Überzeugung, gegen ökonomische, religiöse und auch erzieherische Versuchungen unbedingt verteidigt werden müssen. Ich hätte mir ganz einfach gewünscht, dass meine Mitbürgerinnen und Mitbürger diese Grundwerte teilen und dafür einstehen. Das «Ja» zum Minarettverbot ist ein Statement zur politischen Grundhaltung der Schweizerinnen und Schweizer, also zu ihrer Einstellung zur öffentlichen Sache. Es ist deshalb nicht rückgängig zu machen, durch keinen Richterspruch.

2. Fallbeschreibung

Am 29. November 2009 nahm das Schweizer Stimmvolk die Initiative «Gegen den Bau von Minaretten» an. Lanciert worden war die Initiative aus Kreisen der Schweizerischen Volkspartei (SVP). Den Initianten ging es nur sekundär um ein Bauverbot für Minarette, primär wollten sie ein Zeichen setzen gegen die Ausbreitung des Islams und vor allem dessen negativen Begleitaspekte (gewalttätiger Islamismus, Frauendiskriminierung etc.) in der Schweiz. Man habe «bewusst versucht, eine Stellvertreterdiskussion anzustossen, einen Islamdiskurs anzuregen»[1], erklärte die Zürcher SVP-Kantonsrätin und Juristin Barbara Steinemann im Nachhinein. «Uns ging es gar nicht um die Minarette, das sind bloss Betontürmchen»[2]. Steinemann nannte als Motivation für ihr Engagement, dass ihr die «Aggressivität» von Muslimen im Zusammenhang mit der Forderung nach einem eigenen Friedhof «auf den Geist»[3] gegangen sei.

Dieser Argumentation schlossen sich andere Kreise an. Die bekannte feministische Psychologin und Buchautorin Julia Onken etwa warb mit einem E-Mail an 4000 Frauen kurz vor derAbstimmung für das Minarettverbot, denn «Moscheen sind Männerhäuser. Minarette sind männliche Machtsymbole»[4].

Jugendliche erklärten am Fernsehen, sie hätten für die Initiative gestimmt, weil Burschen muslimischen Glaubens in ihrem Bekanntenkreis gewalttätig seien. Eine junge Frau sagte, sie finde es «schade, dass es auch sehr respektlose muslimische Leute» gebe. Darum habe sie ja gestimmt[5]. «Wir müssen uns doch der Tatsache stellen, dass wir mit der jetzigen Kusch-Politik immer mehr solche verschleierten Frauen sehen werden», begründete ein Leserbriefschreiber sein Ja zur Initiative[6]. Ein anderer Leser brachte einen Werbespot der Unicef gegen die Mädchenbeschneidung mit der Propaganda für die Anti-Minarett-Initiative in Zusammenhang: «Was ist nun verwerflicher? Der Beschneidungsspot oder das Minarettplakat? (...) Ich werde mich für die Minarett­Initiative aussprechen»[7].

Zusammengefasst: Die Motivation vieler Minarettverbots-Befürworter war die Intoleranz, die sie Menschen muslimischen Glaubens zuschrieben oderbeim Zusammentreffen mit solchen erlebt hatten. Dagegen wollten diese Stimmbürger «ein Zeichen setzen» - mit dem Verbot eines Zeichens, oder eines Symbols, das ein Minarett für den muslimischen Glauben ist.

Das «Zeichen setzen» gehört zum Repertoire an politischen Schlagwörtern. Es ist ein diffuser Begriff, der meist für politische Aktionen gebraucht wird, die widersprüchlich oder gar gesetzeswidrig sind. Jüngstes Beispiel für eine solch symbolische Aktion: Eine Initiative, die im Kanton Zürich verlangt, dass Sterbehilfe nur für Menschen möglich ist, die seit mindestens einem Jahr im Kanton wohnen. Diese Bestimmung aber, über die vermutlich dieses Jahr (2010) abgestimmt wird, widerspricht dem übergeordneten Schweizer Strafgesetzbuch, welches Sterbehilfe zulässt, sofern der Helfer keine selbstsüchtigen Motive hat[8].

Symbole sind generell Orientierungspunkte des öffentlichen Lebens; Symbole vermitteln Identifikation und Orientierung in einer komplexen Welt. Individuen lesen an ihnen ab, was gut und was schlecht ist - der Apfel von Mac bedeutet gut, das Windows-Fenster schlecht; Grün ist gut, SVP schlecht; FCZ ist gut, GC schlecht; das Kreuz steht für gut, der Halbmond für schlecht. Und umgekehrt, natürlich.

Symbole (so lautet der umgangssprachliche Begriff; ob er treffend ist, wird sich im Rahmen dieser Untersuchung weisen) scheinen an Gewicht zu gewinnen. Bekannt ist der Fall einer jungen, muslimischen Frau aus Luzern, die sagt, sie könne nicht Basketball spielen ohne dabei ein Kopftuch zu tragen - «sonst ginge ein Teil meiner Persönlichkeit verloren»[9].

Nicht nur die SVP und die christlich-fundamentalistische EDU kämpfen gegen Symbole, auch der nüchterne Bundesrat. Um die Rassisten weiter aus der Öffentlichkeit zu drängen schlägt ervor, rassistische Symbole, etwa das Hakenkreuz, zu verbieten, nachdem bereits rassistische Äusserungen untersagt sind.

3. Fragestellungen

Die Annahme der Minarettinitiative verleitet zur Frage: Ist eine Gesellschaft, die symbolische Abstimmungen durchführt oder Symbole verbietet, eine aufgeklärte? Oder ist dies Ausdruckvon Glauben und Aberglauben? Und: Ist es vernünftig, Symbole zu verbieten?

4. Philosophie

Meine Arbeitsthese aufgrund des geschilderten Falles der Abstimmung über die Minarett-Initiative lautet:

«Die Vernunft ist am Ende. Die Welt ist Glaube und Aberglaube, auch in der Schweiz. Wenn aber die Vernunft am Ende ist, so ist es auch die Freiheit.»

Um die Hypothese zu überprüfen, gilt es zuerst die Begriffe zu klären.

4.1. Die Begriffe

4.1.1. Vernunft

Allgemein meint Vernunft das Vermögen, den Bereich der Sinne, der Natur zu übersteigen[10]. Der Begriff durchzieht die Geschichte der Philosophie, seit die Griechen von den Vorsokratikern bis zu Aristoteles ihn im vierten Jahrhundert v. Chr. prägten. Für den Rationalismus (Descartes, Leibniz, Spinoza) war die Vernunft das Mittel, um die Welt zu erkennen.

Von Immanuel Kant (1724-1804) stammen die ausführlichsten Gedanken darüber, was Vernunft ist, wozu sie dient und wo ihre Grenzen liegen («Kritik der reinen Vernunft», «Kritik der praktischen Vernunft» und «Kritik der Urteilskraft»). Er lokalisiert die menschliche Vernunft im Bereich des Scheins, sie bewegt sich über dem Gebiet einer Welt, die jenseits aller Erfahrung liegt. Kant braucht das Bild einer Insel und des sie umgebenden Meeres, um Verstand und Vernunft zu definieren und voneinander abzugrenzen. Kant trennt die beiden Begriffe voneinander. Der Verstand beschäftigt sich mit den Dingen auf der Insel, die sinnlich erfahrbar (aber nicht an sich erkennbar) sind. Die Vernunft startetvon hier aus und macht Entdeckungen, die im nächsten Moment wieder verschwinden, wie Wellen im Meer. Kurz: Die Welt der Vernunft ist das Gedachte, das über die direkte Erfahrung hinausgeht.

Im Vergleich zu den Rationalisten schränkt Kant die Rolle der Vernunft ein; für ihn besteht ihre Aufgabe darin, die Erkenntnisse noch einmal «zu bearbeiten und unter die höchste Einheit des Denkens zu bringen»[11]. Er bezeichnet die Vernunft als «Vermögen der Prinzipien»[12].

Es gibt Erkenntnisse der Vernunft, die a priori - das heisst frei von jeder Erfahrung - in uns sind. Das gilt insbesondere für Raum und Zeit, die nicht wegzudenken sind. Unsere Vernunft besitzt nicht nur Grenzen, sie ist teilweise auch in sich widersprüchlich. Kant beschreibt in der «Kritik der reinen Vernunft» vierAntinomien des menschlichen Geistes. Wir können z.B. nicht entscheiden, ob unsere Welt endlich oder unendlich sei. Beides lässt sich mit unserer Vernunft schlüssig beweisen. Die beiden Ergebnisse widersprechen sich aber fundamental. Daraus schliesst Kant - im Unterschied zu den Rationalisten -, dass die menschliche Vernunft nicht fähig sei, die Welt vollständig zu erkennen. Insbesondere lässt sich nach ihm auch nicht beweisen, dass es Gott gibt, aber auch nicht, dass es ihn nicht gibt.

Der Verstand, «das Vermögen der Erkenntnisse»[13], dient der Vernunft als Basis. Diese kann sich mit der eigenen Erfahrung auseinandersetzen. «Dass all unsere Erkenntnis mit der Erfahrung anfange, daran ist gar kein Zweifel»[14], schrieb Kant. Aber die Erfahrung wird mit unserer Vernunft wahrgenommen, und diese ist durch bestimmte apriorische Eigenheiten (also Eigenheiten freijeder Erfahrung) geprägt. Die Erkenntnisfähigkeit prägt die Wahrnehmung der Objekte - und nicht umgekehrt: Kants «kopernikanische Wende in der Metaphysik». Der Mensch kann «die Dinge an sich» nicht erkennen - nur seine Bilder davon.

Kant unterschied die theoretische Vernunft (das Denken) und die praktische Vernunft (das Handeln). Die theoretische Vernunft ist die Grundlage für die Wissenschaft und prüft die aus der Erfahrung gewonnenen Erkenntnisse auf ihre Vollständigkeit. Sie stellt den empirischen Erkenntnissen das Ideal absoluter Vollständigkeit entgegen. Dieses fordert die Wissenschaftler auf, sich mit einer Situation mangelnder Erklärungen nie zufrieden zu geben, sondern weiter zu bohren. Für alle empirischen Wissenschaften formulierte Kant dieses zugrundeliegende Prinzip: Die Suche nach Einheit folgt dem transzendentalen Gesetz der Homogenität (Gleichartigkeit) des Mannigfaltigen, die Suche nach grösstmöglicher Ausbreitung dem Gesetz der Spezifikation, der Verschiedenartigkeit[15].

Die praktische Vernunft betrifft das Handeln des Menschen. Praktische Vernunft bei Kant bedeutet konkret die Fähigkeit, unabhängig von sinnlichen Bestimmungsgründen, Trieben, Bedürfnissen und Leidenschaften, Empfindungen des Angenehmen und des Unangenehmen handeln zu können.[16] Mit dem Mittel der Vernunft suchte Kant nach einer Moral mit allgemeiner und objektiver Gültigkeit. Alle «sittlichen», also moralischen Begriffe hätten «völlig a priori in der Vernunft ihren Sitz und Ursprung»[17], schrieb Kant. Von der Erfahrung abhängige Moral-Prinzipien schloss er aus.

Der Mensch ist nach Kant zwar ein vernunftbegabtes, aber ein endliches und kein reines Vernunftwesen[18]. Die Frage ist, wie dieses Wesen den Weg zu einem moralischen Handeln findet. Kant hat dafür den kategorischen Imperativ entwickelt: «Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde»[19]. Wichtig ist der Begriff der Maxime: Er steht für einen Grundsatz des Handelns - Prinzipien, nach denen man sein Leben als Ganzes führt, also auch Grundaspekte des Zusammenlebens[20]. Kant hat den kategorischen Imperativ mehrmals formuliert. Die zweite Fassung lautet so: «Handle so, dass du die Menschheit sowohl in der Person eines jeden anderen jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloss als Mittel brauchst»[21]. Damit postuliert Kant den Anspruch aufMenschenwürde: Der Mensch darf von den anderen nicht als Mittel benützt werden.

Kant hat den Imperativ «kategorisch» genannt: Dieser gilt immer. «Jedes vernünftige Wesen muss so handeln, als ob es durch seine Maximen jederzeit ein gesetzgebendes Glied im allgemeinen Reiche der Zwecke wäre»[22], schrieb der Philosoph. Leider sei dies aber nicht der Fall, hat er selbst festgestellt: «Das praktische Gesetz ist die Gesetzmässigkeit, die herrschen würde, wenn bei allen vernünftigen Wesen die Vernunft die volle Gewalt über unseren Willen hätte, und nicht unsere Neigungen»[23]. Neigungen und Erfahrungen stehen also der «Sittlichkeit», der Einhaltung der Moral im Wege.

Eine Handlung, die moralisch ist, nannte Kant eine «Handlung aus Pflicht». Eine solche hat ihren moralischen Wert nicht in der Absicht, welche durch sie erreicht wird, sondern in der Maxime, nach der sie beschlossen wird[24]. Der kategorische Imperativ, also der Massstab um die Moralität seines Handelns festzustellen, kann also nur angewandt werden, wenn es für die zu beurteilende Tat keine einschränkenden Vorbedingungen gibt.

In seiner «Tugendlehre» reicherte Kant die Pflicht um zwei Prinzipien an, um Ziele, die frei sind von empirischer Zufälligkeit: die fremde Glückseligkeit als Sozialverpflichtung und die eigene Vollkommenheit als Verbindlichkeit für sich selbst[25]. Moralisches Handeln beinhaltet also diese beiden Zwecke.

Der kategorische Imperativ ist das eine der beiden Prinzipien der praktischen Vernunft, die Autonomie des Willens das andere[26]. Gemeint ist die Fähigkeit, sich nach selbst gesetzten Grundsätzen zu bestimmen[27]. Moralität als Autonomie heisst, sich seine Bedürfnisse und gesellschaftlichen Abhängigkeiten einzugestehen, sie sogar zu bejahen und sie doch nicht als letzten Bestimmungsgrund des Lebens zuzulassen. Autonomie bedeutet, mehr als ein blosses Bedürfnis- und Gesellschaftswesen zu sein und zu einem eigentlichen Selbst zu finden, dem moralischen Wesen, der reinen praktischen Vernunft[28]. Mit anderen Worten: Ausgangspunkt zu einer moralischen Handlung ist das Subjekt.

Der kategorische Imperativ ist das universelle Prinzip, das für alle Menschen, unabhängig ihrer Situation und ihres Glaubens gültig ist, nach dem Kant suchte. Er widerlegte bereits in seiner «Kritik der reinen Vernunft» den bis dato gültigen Begriff der Metaphysik, wonach Seele, Welt und Gott als erkennbare Gegenstände der Betrachtung gegeben seien. Die Existenz Gottes aber kann nach Kant weder bewiesen noch widerlegt werden. Daher kann der Mensch zum vernünftigen und folglich auch zum moralischen Handeln sich nicht auf einen Gott berufen und abstützen. Moralität folgt nicht dem Glauben, sondern geht ihm voran[29]. Kants kategorischer Imperativ befreite die Moral vom Glauben und aus den Fängen der Kirche.

Um die Frage «was soll ich tun?» zu beantworten, hat Kant zwei weitere, weniger verbindliche Kategorien des Handelns entwickelt: den technischen Imperativ der Geschicklichkeit und den pragmatischen Imperativ der Klugheit, zusammen hypothetische Imperative genannt. Diese spielen, wie wir sehen werden, in der alltäglichen Praxis, etwa bei politischen Entscheiden, häufig eine Rolle. Die hypothetischen Imperative gelten unter einschränkenden Vorzeichen, nach dem kausalen Muster «wenn ich x will, so muss ich y tun». Wer reich werden will, muss dafür sorgen, weniger Ausgaben als Einnahmen zu haben. Oder wer gesund bleiben will, soll aufhören zu rauchen[30]. Wer nach diesen Mustern handelt, handelt zwar nicht moralisch, aber vernünftig.

Kant ähnlich sieht der Existenzphilosoph Karl Jaspers (1883-1969), dessen Ausführungen zum Glauben weiter unten eine Rolle spielen, in der Vernunft eine Kraft, welche die «unablässige Erweiterung des Bewusstseins» will[31]. Das will sie bei Kantja auch - aber die praktische Vernunft leitet bei ihm das Handeln an.

4.1.2. Aufklärung

Dazu zählt ohne Zweifel ein anderer Begriff: die Aufklärung. Kant hat dafür die griffigste und bekannteste Definition geliefert: «Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschliessung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen»[32]. Dies zu tun, sah Kant als Ziel für alle. Ein Mensch könne zwar für einige Zeit die Aufklärung für sich aufschieben, aber darauf zu verzichten, heisse vor allem für seine Nachkommenschaft die «heiligen Rechte der Menschheit» mit Füssen zu treten.

Aufklärung erfordere nichts als Freiheit, «und zwar die unschädlichste unter allem, was nur Freiheit heissen mag, nämlich die: von seiner Vernunft in allen Stücken öffentlichen Gebrauch zu machen», schrieb Kant. Der öffentliche Gebrauch der Vernunft könne «Aufklärung unter Menschen zustande bringen». Kant fordert den öffentlichen Gedankenaustausch, den Diskurs, der alles in Frage stellen kann und die Teilnehmenden wiederum zum Denken anregt.

Der Privatgebrauch aber dürfe «öfters sehr enge eingeschränkt sein»[33]. Unter «Privatem» verstand KantAbhängigkeitsverhältnisse: Ein Angestellter, der eine bestimmte Arbeit ausführen muss, ein Beamter, der einen Entscheid der Regierung realisieren oder ein Offizier, der den Befehl seines Vorgesetzten ausführen muss. In solchen Situationen sei es «nicht erlaubt, zu räsonnieren, sondern man muss gehorchen»[34]. Grund: Sonst könne keine Arbeit, keine militärische Operation ausgeführt werden. Ist der Kriegsdienst aber vorüber, so dürfe dem Offizier nicht verwehrt werden, Fehler zu kritisieren, und zwar öffentlich. Die theoretische Trennungvon öffentlichem und privatem Gebrauch der Vernunft ist bei Kann zentral. «Dass aber ein Publikum (dh. die Öffentlichkeit) sich selbst aufkläre (...) ist, wenn man ihm nur Freiheit lässt, beinahe unausbleiblich»[35].

Die Aufklärung richtete sich im Wesentlichen gegen die geistige Bevormundung durch die Kirche und absolute Monarchen und mündete 1789in die Französische Revolution, welche die politischen Ideale der Aufklärung postulierte: Freiheit, Brüderlichkeit und Gleichheit vor dem Gesetz.

Richard Rorty (1931-2007) hat Kants Vernunftbegriff rund 200 Jahre später zumindest teilweise kritisiert. Interessant im Zusammenhang mit der Fragestellung dieserArbeit ist Rorty, weil ervorschlug, aufgeklärte, demokratische Gesellschaften mit dem Mittel der Sprache zu reformieren.

Rorty bezog sich auf Freud und plädierte dafür, dass man ernsthaft in Betracht ziehen müsse, dass es «kein zentrales Selbst namens „Vernunft" gibt»[36]. Rorty zweifelte an der Unterscheidungvon moralischem (im Sinne der praktischen Vernunft) und klugem (situationsbezogenem) Verhalten. Er pochte darauf, dass «Personen nicht in Vernunft und Leidenschaft gespalten werden sollten»[37]. Hierin zeigt sich eine gewisse Aufklärungskritik. Die Aufklärung hatte bekanntlich die Gefühle, die menschlichen Leidenschaften, kaum in ihre Überlegungen einbezogen. Und er versuchte zu zeigen, dass «das Vokabular des Aufklärungsrationalismus zwar für die Anfänge der liberalen Demokratie entscheidend war, aberjetzt zum Hindernis für die Erhaltung und Verbesserung demokratischer Gesellschaften geworden ist»[38] (was er dann allerdings nicht konkret ausführte). Stattdessen schlug Rorty ein «Vokabular» vor, das «um Vorstellungen von Metapher und Selbsterschaffung kreist»[39]. Anders gesagt, man solle ein eigenes Vokabular schaffen, wie ein Dichter.

Für Rorty ist die Sprache der Kitt der Gesellschaft, die Menschen sprechen in Metaphern, und die Sprache ist kontingent, also zufällig. Da gibt es keine Vernunft, an der man sich festhalten kann; auch die eigene Position könnte falsch sein. «Da Wahrheit eine Eigenschaft von Sätzen ist, da die Existenz von Sätzen abhängig von Vokabularen ist und da Vokabulare von Menschen gemacht werden, gilt dasselbe für Wahrheiten.»[40] Wahr ist, was sich als Ergebnis einer Debatte herausstellt.[41]

Bürgervon Rortys utopischer Gesellschaft ist eine Person, die einen Sinn hat für die Kontingenz der eigenen Sprache zu den Überlegungen zur Moral und damit des Gewissens. Rorty nennt eine solche Person «liberale Ironikerin»[42]. Das Gegenteil dazu sind Leute mit «gesundem Menschenverstand» - die alles Wichtige unbefangen in Begriffen des abschliessenden Vokabulars beschreiben, das sie und ihre Umgebung gewohnt sind[43]. Also Leute, die wissen, was gut und recht ist.

Zugleich bezieht sich Rorty in seiner Grundhaltung klar auf die Aufklärung und Kants vernünftigen Menschen: «In ihrer Idealform wäre die Kultur des Liberalismus eine durch und durch aufgeklärte und säkulare Kultur. In ihr bliebe keine Spur von

Göttlichem, weder in Form einer vergöttlichten Welt noch eines vergöttlichten Selbst»[44]. Die Menschen in dieser Kultur denken selbst, ohne Bevormundung einer Religion, und ohne Glauben an irgendeine höhere Instanz.

4.1.3. Glaube

Was aber ist Glauben? Wie ist er definiert? Der Existenzphilosoph Karl Jaspers (1883­1969) hat sich mit dem Verhältnis von Vernunft und Glauben beschäftigt. Er formulierte sehr klar, was den Glauben auszeichnet: etwas, das «nicht ein Wissen von etwas ist, das ich habe, sondern die Gewissheit, die mich führt»[45]. Der Glaube, durch den jemand glaubt, ist untrennbar verbunden mit dem Glaubensinhalt, den er sich vorstellt. Glaube kann nicht durch einen Gedanken erzwungen werden: «Glaube ist die Kraft, in der ich mir gewiss bin aus einem Grunde, den ich wohl bewahren, aber nicht herstellen kann»[46].

Dies gilt für das, was Jaspers «Glaube überhaupt»[47] nennt. Voraussetzung für den spezifischen «Offenbarungsglauben» ist die «unmittelbare, zeitlich und räumlich lokalisierte Kundgabe Gottes»[48] und «Glaube überhaupt». Diesen Glauben gibt es im Christentum, aber auch in anderen Religionen - im Judentum und im Islam etwa. Von aussen gesehen stehen die «Offenbarungsreligionen» nebeneinander, «während von innen gesehen jede sich (...) als die einzige und ganze Wahrheit» begreift[49]. Die Religionen kommen also unweigerlich in Konflikt miteinander, wenn es um die Frage nach dem wahren Glauben geht.

Der Weg zur Vernunft ist für einen Menschen ausschliesslich ein aktiver; vernünftiges Handeln - das steht für sich. Bezüglich des Glaubens aber ist der Mensch passiv: Die christliche Offenbarung wird nur dem zuteil, dem Gott die Gnade gibt, sie glauben zu können. Nicht der Mensch kann Gott suchen, sondern allein Gott ergreift den Menschen, den er sich auserwählt»[50] Und: Die Offenbarung als Handlung Gottes kann nicht hinterfragt werden. «Sie ist zu gehorchen»[51].

[...]


[1] Barbara Steinemann, indirekt zitiertvon Ruedi Baumann, in «Minarettverbot: von Watt-Regensdorf auf die Weltbühne», in «Tages-Anzeiger», 1.12.2009

[2] ebenda

[3] ebenda

[4] Julia Onken, zitiert in «Minarette sind Macho-Symbole», SonntagsBlick, 15.11.2009

[5] Eileen Bianchet gegenüber der «Tagesschau», SF1, 30.11.2009

[6] Beat Künzli im «Oltner Tagblatt», 4.11.2009

[7] anonym in der «Aargauer Zeitung», 12.10.2009

[8] Daniel Schneebeli, Rechtswidrige Vorlage wird dem Volk wohl vorgelegt, «Tages­Anzeiger», 13.1.2010

[9] Sura al-Shawk, zitiert von Dario Venutti in: Wenn die Religion ins Spiel kommt, «Tages­Anzeiger», 28.11.2009, S. 39

[10] Otfried Höffe, Immanuel Kant, S. 178

[11] Immanuel Kant, Kritik der reinen Vernunft, Reclam, 1966, Seiten nummeriert nach der Originalausgabe von Hartknoch, Riga, 1787,B355

[12] ebenda, B 356

[13] ebenda, B 137

[14] ebenda, B 1

[15] Otfried Höffe, Immanuel Kant, Becksche Reihe Denker, überarbeitete Auflage, 2007, S. 170/171

[16] ebenda, S. 178

[17] Kant, Kritik der praktischen Vernunft. Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, Werkausgabe Band VII, Suhrkamp 1974, IV 411

[18] Ottfried Höffe, Immanuel Kant, Becksche Reihe Denker, überarbeitete Auflage, 2007, S. 182

[19] Kant, Kritik der praktischen Vernunft. Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, Werkausgabe Band VII, Suhrkamp 1974, IV 421

[20] Otfried Höffe, Immanuel Kant, Becksche Reihe Denker, überarbeitete Auflage, 2007, S. 191

[21] Kant, Kritik der praktischen Vernunft. Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, Werkausgabe Band VII, Suhrkamp 1974, IV 429

[22] ebenda, BA 83

[23] Ralf Ludwig, Kant für Anfänger. Der kategorische Imperativ, dtv, 1995, S. 54

[24] Kant, Kritik der praktischen Vernunft. Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, Werkausgabe Band VII, Suhrkamp 1974, BA 13

[25] Kant, Die Metaphysik der Sitten, Werkausgabe Band VIII, Suhrkamp 1974, TL 13

[26] Höffe, Immanuel Kant, Immanuel Kant, Becksche Reihe Denker, überarbeitete Auflage, 2007, S. 176

[27] ebenda, S. 201

[28] ebenda, S. 205

[29] ebenda, S. 206

[30] ebenda, S. 188/189

[31] ebenda

[32] Immanuel Kant, Beantwortung der Frage: Was istAufklärung?, 1784, NDS-Unterlagen, S.1

[33] ebenda, S. 2

[34] ebenda, S. 2

[35] ebenda

[36] Richard Rorty, Kontingenz, Ironie und Solidarität, Suhrkamp Taschenbuch, 1989, S. 68

[37] ebenda, S. 89

[38] ebenda, S. 84/85

[39] ebenda, S. 85

[40] ebenda, S. 49

[41] ebenda, S. 96

[42] ebenda, S. 111

[43] ebenda, S. 128

[44] ebenda, S. 85

[45] Karl Jaspers, Der philosophische Glaube angesichts der Offenbarung, Piper, 1962, S. 49

[46] ebenda

[47] ebenda

[48] ebenda

[49] ebenda

[50] ebenda, S. 51

[51] ebenda, S. 55

Details

Seiten
45
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656108153
ISBN (Buch)
9783656206002
Dateigröße
489 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v187216
Institution / Hochschule
Universität Luzern
Note
Schlagworte
minarettverbot fall aberglaubens

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