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Jugend - Verlierer des 21.Jahrhunderts?

Über das Spannungsfeld von moderner Arbeitswelt und dem Jungsein

Essay 2010 7 Seiten

Soziologie - Kinder und Jugend

Leseprobe

Jugend - Verlierer des 21. Jahrhunderts?

Wenn über nachhaltige, weltweite Entwicklungen und Umbrüche seit den 90-er Jahren des zurückliegenden Jahrhunderts nachgedacht wird, kommen einem spontan das Internet, das Ende des Kalten Krieges aber auch die Globalisierung des Finanzkapitalismus in den Sinn. Diese Phänomene beeinflussen einen weiteren wichtigen weltweit wirkenden Prozess. Es geht um die sich global und rasant verändernden Strukturen der Arbeitswelt, die sich seit den letzten Jahrzehnten deutlich abzeichnen und das Leben von Gesellschaften und Menschen entscheidend mitgestalten. Diesen Menschen, jungen wie alten, ist es nicht möglich sich diesen Veränderungen einfach zu entziehen. Eine bedeutende Frage mit der die Soziologie sich auseinandersetzt, lautet, inwiefern die durch die globalisierte Wirtschaft veränderte Arbeitswelt und ihre Anforderungen an die Menschen sich auf die heutige Jugend in Schule, Universität und auch im Privaten auswirkt, also auf Menschen, die noch nicht in das aktive Arbeitsleben übergegangen sind. Sind die Auswirkungen derart, dass es gerechtfertigt ist, zu sagen, junge Menschen sind die Verlierer der wirtschaftlichen Globalisierung im 21. Jahrhundert? Dieser Frage soll nun im weiteren Verlauf nachgegangen werden.

Wenn über die globalisierte Wirtschaft gesprochen wird, lohnt es sich die Aufmerksamkeit auf ihre Mechanismen zu richten. Diese Mechanismen und die Logik des ungeduldigen Kapitals führen zu einer immer flexibler werdenden Arbeitswelt und dazu, dass sich Menschen, die diesen Bedingungen unterworfen und ausgeliefert sind, zusehends unsicherer werden. Eine weitere Folge dieses Wandels ist auch, dass das traditionelle Bild des Arbeitnehmers zunehmend der Vergangenheit angehört: Lineare und kontinuierliche Berufsbiografien nach dem Verlassen der Schule oder Universität sind nicht nur in Deutschland immer seltener eine Selbstverständlichkeit. Vielmehr setzen sich kurzfristige Arbeitsverhältnisse durch. An die Stelle der Arbeitnehmer, die noch vor wenigen Jahrzehnten eine relativ krisensichere Stelle hatten und diese nicht selten bis zum Rentenalter auch behielten, treten nun, immer dominanter, verunsicherte Arbeitnehmer, die immer häufiger damit rechnen müssen, ihren Job mehrmals im Leben zu wechseln oder für eine lange Zeit keine Anstellung zu finden.

Die sich weiter globalisierende und flexibler werdende Wirtschaft führt somit dazu, dass die Menschen der Industrieländer mit einer enorm konkurrenz- und wettbewerbsorientierten Arbeitswelt konfrontiert sind, in welcher es gilt, ebenfalls flexibel und hoch qualifiziert, also angepasst zu sein, wollen sie nicht scheitern und an den sozialen Rand der Gesellschaft gedrängt werden (vgl. Sennett). Und eine zusätzliche Erhöhung des individuellen Drucks wird durch die anhaltende Idealisierung wirtschaftlichen Wachstums und des gesellschaftlichen Wohlstands verursacht.

In diesem Kontext weist Arne Schäfer 2007 in seinem Aufsatz Jugend im Wandel der Arbeitsgesellschaft auf Untersuchungen der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung hin, die immer wieder den „Zusammenhang zwischen Wirtschaftswachstum und Humankapital“ (vgl. Schäfer) verdeutlichen. So betont er die Erkenntnis der OECD, dass sie „die Verfügbarkeit über qualifizierte und hochqualifizierte Fachkräfte als einen der Hauptfaktoren für gute Wachstumszahlen“ (vgl. Schäfer) betrachtet. Das bedeutet, dass sehr gut, nach Möglichkeit rasch ausgebildete und äußerst wandlungsfähige Arbeitskräfte notwendig sind, die im Rahmen des internationalen Wettbewerbs als unentbehrliche Schlüsselgröße eingesetzt werden müssen.

Und wo, wenn nicht in den Bildungseinrichtungen eines Landes sollen die Menschen die nötige Wettbewerbsfähigkeit erhalten? Es sind hier also diejenigen Institutionen angesprochen, denen die Aufgabe zugewiesen wird, für die oben erwähnte Arbeits- und Wirtschaftswelt tatkräftige Arbeitnehmer auszubilden.

Es lässt sich deutlich erkennen, dass es Anstrengungen in der Bildungspolitik gibt, die versuchen sich den neuen Erfordernissen anzunehmen, indem sie sich bemühen, die Bildungssysteme anzupassen. „Dazu gehören zunächst die Bemühungen um eine Verkürzung der schulischen und hochschulischen, zum Teil auch der beruflichen Ausbildung“ (vgl. Lüders ). Damit ist die immer wieder virulent werdende Bildungsdebatte in Deutschland berührt. Ständige Veränderungen in den einzelnen Bundesländern, die aufgrund des Föderalismus in der Bildungspolitik für flächendeckende Uneinheitlichkeit sorgen, führen immer wieder zu Auseinandersetzungen. In diesen wird von einer zunehmend größer werdenden Zahl von Menschen eine Vereinheitlichung der Bildungslandschaft zugunsten höherer Bildungsqualität in der Bundesrepublik gefordert - Laut einer aktuellen Forsa- Umfrage sind es 80 Prozent der Bundesbürger. Erst im Juli 2010 hat die Entscheidung gegen einen gemeinsamen Grundschulunterricht bis Klasse sechs in Hamburg erneut gezeigt, dass tatsächlich die Mehrzahl der Menschen mit zahlreichen Bildungsplänen der Landesregierungen nicht einverstanden ist. Ein weiterer Versuch einer Vereinheitlichung im Schulsystem auf Bundesebene, die bis zum Jahr 2016 in allen Ländern umgesetzt sein soll, ist Gy8. Die Schüler werden nach diesem Modell in allen Ländern das Abitur nach zwölf Jahren ablegen. Auch die Diskussion über eine frühere Einschulung von Kindern hat hier ihren Platz.

Enorme Veränderungen können nach Beginn der Bologna - Reformen ebenso an den Hochschulen beobachtet werden, „also die Einführung von Studiengebühren, von Bachelor- und Masterstudiengängen und die Modularisierung [die] unter anderem ausdrücklich auf eine Verkürzung der Ausbildung [hinwirken]“(Lüders). Hier mag die Vereinheitlichung des europäischen Hochschulwesens eine sinnvolle Idee sein. Doch zeigten die Bildungsstreiks in der vergangenen Zeit nicht nur auf Deutschlands Straßen, dass Studierende mitunter unzumutbaren Studienbedingungen ausgesetzt sind. Als Reaktion der Betroffenen zeigt sich dann nicht selten ein Studierverhalten, dass sich darin äußert, unter schlicht rationalen Überlegungen zu den erforderlichen Scheinen zu kommen oder schnell ein Auslandssemester in das Studium einzubauen, was sich äußerst gut in der Bildungsbiografie macht, da es darum geht, andere Konkurrenten bei Bewerbungen um Arbeitsplätze auszustechen.

Es wird also deutlich, dass jungen Menschen in einer wenig zufriedenstellenden Bildungslandschaft und in immer kürzer werdenden Bildungsgängen mehr Wissen vermittelt werden soll. Teilweise überholtes Schul-Wissen wird mit vermeintlich moderneren, auf die realen Bedingungen zugeschnittenen Inhalten angereichert und muss nun von den Lehrenden vermittelt und von den Lernenden verarbeitet und reproduziert werden. Daraus resultieren für die Lernenden nicht selten Wochenstundenzahlen, wie man ihnen in der Arbeitswelt der Erwachsenen begegnet. Und wenn, wie zum Beispiel im Jahre 2003 bei der Vereinigung der Bayrischen Wirtschaft über „ eine verst ä rkte Ausrichtung des Bildungssystems an wirtschaftliche Erfordernisse bis hin zu einer weitgehenden Ö konomisierung der Steuerung des Bildungssystems “ (Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft 2003, S. 324) nachgedacht wird, sollte nicht vergessen werden, darüber zu reflektieren, welche langfristigen Konsequenzen das für junge Menschen, die später zu den Erwachsenen der Bevölkerung werden, haben wird. Schäfer weist in einem Aufsatz darauf hin, dass diese Konsequenzen von der Soziologie noch zu wenig erforscht worden sind, als dass sie gedankenlos in Kauf genommen werden können (vgl. Schäfer).

So also verändert die globalisierte Wirtschaft die Arbeitswelt. Diese Arbeitswelt benötigt flexiblere Menschen, welche in den Bildungseinrichtungen eine an die neuen Bedingungen angepasste Ausbildung erhalten sollen. Zwar gibt es in der Bildung Unternehmungen, Anpassungen vorzunehmen, die Betroffenen äußern aber in Protesten ihren Unmut, unter anderem über die auf den föderalen Strukturen basierende Bildungspolitik der Länder sowie den europaweiten Veränderungen im Hochschulwesen.

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Details

Seiten
7
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656114055
Dateigröße
456 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v187353
Institution / Hochschule
Universität Potsdam
Note
1,3
Schlagworte
jugend verlierer jahrhunderts über spannungsfeld arbeitswelt jungsein
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Titel: Jugend - Verlierer des 21.Jahrhunderts?