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Georg Kaisers "Gas"

Sprache und Drama im Rahmen des Expressionismus

Hausarbeit (Hauptseminar) 2011 27 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Formmerkmale des expressionistischen Dramas
2.1 Dramenform
2.2 Szenenanweisungen
2.3 Figurenkonzeption

3 Sprache und Stil
3.1 Farbemblematik
3.2 Neologismen
3.3 Sprachbilder

4 Interpunktion
4.1 Ausrufe- und Fragezeichen
4.2 Gedankenstriche
4.3 Doppelpunkt

5 Dynamik und Tektonik
5.1 Symmetrie und Antithetik
5.2 Gesetz der Dreimaligkeit
5.3 Sprachrhytmus
5.3.1 Stille
5.3.2 Stichomythie

6 Schlussbetrachtung

7 Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Erst im Spätexpressionismus wurde das Drama zu der dominierenden Gattung. Zu den Höhepunkten der expressionistischen Bühnenproduktion gehören die Gas-Dramen, welche zwischen 1916 und 1919 entstandenen. Dabei bilden die Die Koralle, Gas und Gas II eine Trilogie, wenn auch der Autor sie nie zu einer solchen zusammengefasst hat. Aufgrund der komplexen sprachlichen Gestaltung aller drei Werke wird in dieser Arbeit nur Gas, die „schwärzeste und misanthropischste Menschheitsvision des gesamten expressionstischen Dramas“1, untersucht. Gas wurde am 28. November 1918 im Neuen Theater in Frankfurt/ Main uraufgeführt.

Kaiser thematisiert in diesem Drama die Möglichkeit der Etablierung eines sozialistisch orientierten Systems in der Gesellschaft des Industriezeitalters. Zu der Handlung wurde Georg Kaiser vom Streik der Munitionsarbeiter 1918 in Kiel inspiriert. Das Drama ist dementsprechend von dem damaligen Zeitgeist und somit von der expressionistischen Idee einer universalen Revolution geprägt, die durch die Erlöserfigur des Neuen Menschen ausgelöst wird. Kaisers Neuer Mensch gestaltet sich konkret in der Figur des Milliardärsohns, obwohl er im Verlauf des Stückes nie so benannt wird. Der Dramaturg erhebt mit seinem Werk Kritik an der Entmenschlichung durch die Arbeit in Fabriken, das daraus entstehende soziale Elend und gegen den Militarismus.

Das Ziel der Arbeit ist es die linguistischen Besonderheiten des Dramas herauszuarbeiten. Dabei wird nicht chronologisch, sondern nach verschiedenen Ebenen der Analyse vorgegangen. Dazu werden zunächst der Aufbau des Dramas und dessen formale Konzeption untersucht. Anschließend werden die Sprache und der Stil, die Interpunktion und das Zusammenspiel von Dynamik und Tektonik im Kontext des expressionistischen Dramas analysiert.

2. Formmerkmale des expressionistischen Dramas

2.1 Dramenform

Die für den Expressionismus typische Dramenform ist das Stationendrama. Der Bruch mit der traditionellen Dramenform steht für den Bruch mit der vorhergehenden Generation, mit deren Wert- und Moralvorstellungen sich die jungen expressionistischen Künstler nicht mehr identifizieren können. Kaisers Bühnenstück Von morgens bis mitternachts von 1912 trägt eindeutig die dramatische Form eines Stationendramas. Bei Gas fehlen jedoch grundlegende Charakteristika, die für diesen Dramentyp sprechen.

Die typische dramatische Bauform des Stationendramas ist die Reihung einzelner Handlungssequenzen und deren szenisch unverbundene Elemente oder Bilder. So verläuft die Handlung nicht in einer geordneten Reihenfolge. Folglich wird das Simultanitätsprinzip der Lyrik nicht von Kaiser, im Gegensatz zu vielen anderen expressionistischen Dramatikern, übernommen. Er hält an den Einheiten von Handlung, Ort und Zeit fest. Zwar durchläuft der Milliardärsohn mehrere Stationen hinsichtlich der Tatsache, dass er unterschiedlichen Figuren begegnet, die eine andere Position vertreten. Es findet jedoch kein Schauplatzwechsel statt, denn die Handlung spielt sich ausschließlich auf dem Fabrikgelände ab.

Ein weiteres Merkmal des Stationendramas ist die Entwicklung des Helden in Konfrontation mit anderen Figuren.2 Der Dramenverlauf zeigt, dass der Milliardärsohn auf seiner Meinung beharrt. Obwohl seine Arbeiter und die der umliegenden Werke streiken und handgreiflich gegen ihn werden, ist er zu keiner Alternative als zu seiner „Schrebergartenvision“3 bereit. Die einzige Entwicklung, die der Protagonist erfährt, wird durch die Explosion ausgelöst. Sie hat für ihn die Funktion eines Bekehrungserlebnisses.

Gas lässt sich also nicht als Stationendrama bezeichnen, da wesentliche Kriterien nicht eingelöst werden. Aufgrund des einmaligen und extraordinären Ereignisses, welches den Konflikt nach sich zieht, hat das Drama jedoch einen leichten Novellencharakter.

2.2 Szenenanweisungen

Obwohl die Szenenanweisungen in Gas nur wenige Sätze umfassen, können auch sie als Merkmalsträger des Expressionismus ausgemacht werden. So sagt Mühlbauer: „Erst von den Expressionisten wird sie [die szenische Anweisung] auch sprachlich dem gesprochenen Wort gleichgeordnet d.h., in derselben dichterischen Sprache formuliert, wie das gesprochene Wort. […] Im expressionistischen Drama erreichte die Emanzipation der Bühnenanweisung, die mit dem Naturalismus eingesetzt hatte, ihren Höhepunkt.“4 Folglich wird seit dem Expressionismus der Nebentext mit dem Haupttext gleichgestellt. Auch Kaiser behandelt die Szenenanweisungen als literarischen Text und verfasst sie in dichterischer Sprache.

Betrachtet man die Szenenanweisungen, so fällt auf, dass besonders auf die Ausgestaltung der Raumformen Wert gelegt wurde. Die vier abstrakt geometrischen Raumformen im expressionistischen Drama sind der geschlossene, der horizontal grenzenlose, der vertikal grenzenlose und erlöste Raum.5 Die Vertikale betont die Erlösersehnsucht nach dem Neuen Menschen. Bildhaft konkretisiert Kaiser die Abgrenzung des Expressionismus vom Naturalismus mit der Szenenanweisung des ersten Aktes: „Quadratischer Raum, dessen Hinterwand Glas ist: Arbeitszimmer des Milliardärsohn. Rechts und links auf den Wänden vom Fußboden bis an die Decke hoch Papptafeln, die Tabellen tragen“ (11)6. Sie läuft auf das Prinzip der Guckkastenbühne hinaus.7 Die strenge Architektonik ist eine Auswirkung des Kubismus und Futurismus und kann auch ein Hinweis auf die nach mathematischen Formeln folgende Technisierung sein. So spielt die Handlung des dritten Aktes in einem ovalen Raum, der ebenfalls eine statisch perfektionierte Form darstellt.

Im Expressionistischen Drama kommen als Zeichen der Isolation häufig Spielräume wie Kerker oder Fabriken vor. Somit ist auch der Schauplatz von Gas, das Fabrikgelände und insbesondere die Betonhalle, ein Mittel um die Isolation der Arbeiter, aber auch des Milliardärsohnes darzustellen. Sie sind räumlich sowie ideologisch nicht aus ihrer Position zu bewegen und somit in gewisser Hinsicht gegenüber ihren Kontrahenten isoliert.8 Eine weitere Funktion des isolierenden Bühnenraums ist, dass die Aufmerksamkeit auf den im Zentrum stehenden Menschen gelenkt wird.

Bei einer Untersuchung der Verben und ihrer Form fällt auf, dass sie häufig in der Partizipialform gebraucht werden oder sogar ganz entfallen. Dementsprechend heißt es in der Szenenanweisung des ersten Aktes: „Draußen Schornsteine dicht und steil, in geraden Strahlen Feuer und Rauch vorstoßend. Tanzmusik einschallend“ (11). Dieses Prinzip der Verknappung lässt sich in fast allen Szenenanweisungen finden. Das Bühnenbild des vierten Aktes wird ohne ein einziges Verb beschrieben:

Betonhalle; rund, dunsthoch. Von der Kuppel st ä ubendes Bogenlampenlicht. In der Mitte schmale steile eiserne Tribüne. Arbeiter in Versammlung; viel Frauen. Stille.

(39)

Anhand des Verwendens von Sätzen im Nominalstil wird ebenso eine sprachliche Verknappung erreicht. Besonders im vierten Akt wird diese Methode auffallend häufig verwendet. Auf die Anweisung „Wühlende Bewegung nach Ausgängen - Tumult in Brausen“ folgt zuerst eine „Totenstille“, dann „Summendes Suchen nach ihm“, „Bewegung in Wachsen“ und endet schließlich in der Nominalphrase „Schon Gasse vor ihm“ (45). Durch das Abwechseln von kurzen Redeanteilen des Milliardärsohnes und den knappen Szenenanweisungen werden die Hektik und die Aufregung der Masse sprachlich dargestellt.

Die Szenenanweisungen des fünften Aktes weichen deutlich von den vorhergehenden Akten ab, denn sie sind sprachlich-formal uneinheitlich gestaltet. Hier kommt expressionistische Stilistik mit naturalistischer Detailtreue vor. Der Akt wird folgendermaßen eingeführt:

Backsteinmauer - von der Explosion teilweise abgetragen und geschw ä rzt . Darin breites Eisentor - halb aus den Angeln geworfen. Schutthalde. Drau ß en Soldat mit Bajonett auf dem Gewehr. Milliard ä rsohn - im Schutz der Mauer stehend - Tuch um den Kopf. Hauptmann wartet mitten. (52)

Das Prädikat entfällt in den ersten beiden Sätzen. Stattdessen werden die Gegenstände mit Partizipialkonstruktionen beschrieben. Der d]ritte Satz ist bis zum Wortsatz verknappt und besteht folglich aus nur einem Wort. Der vierte Satz enthält kein Verb. Der folgende Satz wird mithilfe einer Partizipialform verkürzt. Diese bis auf das Nötigste reduzierte Darstellung ist typisch für den Expressionismus. Die Verknappung der Form und die Konzentration auf das Wesentliche hat eine Verdichtung der inhaltlichen Aussage zur Folge, die auf das ablaufende Geschehen hinweist.9 Zusätzlich bildet der sprachlich verkürzte Ausdruck die Prinzipien technischer und ökonomischer Rationalität nach.

Einen Gegensatz dazu bilden sprachlich weit ausholende Szenenanweisungen, die naturalistisch wirken: „Draußen wird der Soldat von einem anderen Soldaten abgelöst. Lärm erhebt sich von tausend Stimmen.“ (52). Geradezu bildlich wird die bürgerkriegsähnliche Streitversammlung dargestellt:10 „Von neuem hat sich von draußen der Tumult erhoben und tobt, bis der Regierungsvertreter vom Tor weggeht“ (53).

Auch das Gebärdenspiel ist genau vorgeschrieben. In der Szenenanweisung wird die Gestik des weißen Herren folgendermaßen beschrieben: „DER WEISSE HERR bläst durch die hohle Hand“ (12). Dadurch wird die Nichtigkeit der menschlichen Versuche durch den technischen Fortschritt sich Glück zu verschaffen bildlich dargestellt. Ebenso ist die Gebärde des Offiziers zu Beginn des dritten Aktes aufschlussreich: „Er sucht nach den Türen - pocht an die Teile der Vertäfelung“ (28). Dies kann als ein Anzeichen auf seine Gefangenheit im Ehrenkodex des Militärs ausgelegt werden, aus welcher er sich nicht mehr befreien kann.11

2.3 Figurenkonzeption

Die obersten Gebote des expressionistischen Dramas sind, wie anhand der Szenenanweisungen schon gezeigt wurde, die Abstraktion und Reduktion bei gleichzeitiger Ausdruckssteigerung. Auch die Figuren aus Gas sind dieser Maxime folgend konzipiert.

Anhand des Figurenverzeichnisses werden die Typisierung und die eindimensionale Gestaltung deutlich. Die handelnden Figuren tragen keine Eigennamen, sondern lediglich geschlechtstypische und genealogische Merkmale oder Berufsbezeichnungen, wie „Schreiber“ oder „Mädchen“. Es werden keine Personen oder Menschen im herkömmlichen Sinne, sondern überindividuelle Figuren dargestellt. Dies ist mit der Auffassung zu begründen, dass den Expressionisten nicht das Individuum wichtig war, sondern die Bruderschaft, das Kollektive.

Ein weiterer Grund für die fehlende Individualität der Figuren ist, dass die Figuren als Ideenträger des Dichters dienen.12 Um Gedanken und Ideen auszudrücken spielt Individualität keine Rolle. Die Abstraktion wird durch die Nummerierung der Arbeiter und der Schwarzen Herren noch verstärkt. Damit wird gezeigt, dass die Menschen zu einer Nummer im System degradiert werden. Der Verzicht auf eine Psychologisierung ist ein im expressionistischen Drama konventionelles Gestaltungsmittel zur Abstraktion.13

Ein weiteres Mittel, welches die Auflösung der Identität von Figuren für den Rezipienten bewirkt, ist die Vereinigung der schwarzen Herren zu einer einzigen Figur. Nicht nur ihre Namen, sondern auch ihr äußeres Erscheinungsbild, ihre Einstellung sowie ihre Sprache sind identisch. Mit unterschiedlichen syntaktischen Mitteln wird ihre Einigkeit hergestellt. Das Aussehen des zweiten schwarzen Herrn wird folgendermaßen beschrieben: „im Anzug dem erstem schwarzen Herren gleichend, wie alle noch Kommenden so übereinstimmen - schädelnackt“ (31). Der vierte und der fünfte schwarze Herr sind sogar Geschwister, die sich auch „sehr ähnlich“ sehen und beide „dreißigjährig“ sind. Auf die gegenseitigen Frage, die der dritte, vierte und fünfte schwarze Herr gleich formulieren („Wie steht es bei Ihnen?“) antworten sie alle in der gleichen Weise: „Keine Hand wird gerührt!“ Dabei greifen der vierte und fünfte schwarze Herr die Formulierung des ersten schwarzen Herrn auf.

Als der Milliardärsohn den Arbeitern mitteilt, dass das Gaswerk geschlossen werden soll, wird die Einheit der schwarzen Männer durch die Verschmelzung der offenen Sätze zu einem Fragesatz sprachlich aufgezeigt:

ERSTER SCHWARZER HERR. - - Wir sollen - -

DRITTER SCHWARZER HERR. - - auf Gas - -

FÜNFTER SCHWARZER HERR. - - verzichten - -?? (36)

Sie nehmen bruchlos den Gedanken des Vorsprechers auf. Durch die vor- und nachgestellten Gedankenstriche wird der gemeinsam verbindliche Gedanke noch stärker betont. Schlapp vergleicht die fünf schwarzen Herren aufgrund ihres kumulativen Satzund Sprachaufbaus mit einer fünfköpfigen Hydra.14

[...]


1 Benson, Renate: Deutsches expressionistisches Theater. Ernst Toller und Georg Kaiser. New York: Lang 1987 (=Kanadische Studien zur deutschen Sprache und Literatur; Bd. 38). S. 223.

2 Vgl. Schlapp, Peter: Georg Kaisers "GAS I". Frankfurt am Main/Bern [u.a.]: Lang 1984. S.93.

3 Vgl. Vietta, Silvio und Hans-Georg Kemper: Expressionismus. München: Wilhelm Fink Verlag 1975. S. 94.

4 Zitiert nach Schlapp 1984, S. 20.

5 Viviani, Annalisa: Dramaturgische Elemente im expressionistischen Drama. Bonn: H. Bouvier u. Co. Verlag 1970. S. 97.

6 Im folgendem wird zitiert aus: Huderer, Walther (Hg.): Georg Kaiser. Werke II. Stücke 1918 - 1927: Gas. Frankfurt am Main [u.a.] : Propylaeen Verl. 1971.

7 Vgl. Schlapp 1984, S. 18.

8 Vgl Viviani, S. 113.

9 Vgl. Schlapp 1984, S. 20.

10 Ebd., S. 85.

11 Vgl. Diebold, Bernhard: Der Denkspieler Georg Kaiser. Frankfurt: Frankfurter Verlags-Anstalt 1924. S. 374.

12 Vgl. Schlapp 1984, S.15.

13 Ebd., S. 10f.

14 Ebd., S. 38.

Details

Seiten
27
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656107873
ISBN (Buch)
9783656108405
Dateigröße
515 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v187469
Institution / Hochschule
Universität Mannheim
Note
1,0
Schlagworte
Expressionismus

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