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Der "edle Jude" Nathan, ein Gegenbild?

Hausarbeit 2008 19 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsangabe

1. Einleitung

2. Die Situation der Juden in Deutschland
2.1. Vom Mittelalter bis zum Beginn der Aufklärung
2.2. Das 18. Jahrhundert

3. Das Bild der Juden in der deutschen Literatur
3.1. Vom Mittelalter bis zum Beginn der Aufklärung
3.1.1. Die Traditionsstränge
3.1.1.1. Der erste Traditionsstrang
3.1.1.2. Der zweite Traditionsstrang
3.2. Spezifische Formen der Darstellung
3.3. Ansätze einer positiven Darstellung

4. Die Epoche der Aufklärung
4.1. Aufklärerische Ideen
4.2. Die Situation der Juden
4.3. Die Darstellung der Juden in der Literatur
4.3.1. Judenfiguren im Roman der Aufklärung
4.3.2. Judenfiguren im Drama der Aufklärung

5. Der „edle Jude“ Nathan, ein Gegenbild?

6. Schlussbetrachtung

7. Bibliografie

1. Einleitung

Über Jahrhunderte hinweg waren jüdische Figuren auf deutschen Bühnen vertreten. Hierbei nahmen sie verschiedene Funktionen ein, was auch unterschiedliche Darstellungsweisen mit sich brachte. So konnten sie zum Beispiel sowohl lächerliche als auch erzieherische Funktionen wahrnehmen.

In der folgenden Arbeit werde ich mich mit Lessings Werk „Nathan der Weise“ (1779) beschäftigen und darauf eingehen, inwiefern die Darstellung des jüdischen Kaufmanns Nathan von der bis zu diesem Zeitpunkt vorherrschenden Darstellung der Juden abweicht. Insgesamt werde ich die Zeitspanne vom Mittelalter bis zur jüdischen Emanzipation kurz skizzieren, wobei ich jedoch noch einmal gesondert auf die Darstellung der Juden in der literarischen Epoche der Aufklärung eingehen möchte, in der Lessings Werk entstand. Als Grundlage zum Verständnis der Darstellung jüdischer Bühnenfiguren, werde ich außerdem die jeweilige Situation der Juden in Deutschland kurz erläutern. Abschließend soll dann jedoch die Frage im Vordergrund stehen, ob und inwiefern die jüdische Bühnenfigur Nathan ein Gegenbild darstellt.

2. Die Situation der Juden in Deutschland

2.1. Vom Mittelalter bis zum Beginn der Aufklärung

Die Juden lebten bis ins 18. Jahrhundert mit dem Fokus auf der Religion in einer „religiösen-kulturellen Sonderexistenz“[1]. Bis auf einige Privilegierte lebten sie in Armut und wurden von den nichtjüdischen Mitbürgern aufgrund von ihren Riten und ihrem Habitus kritisch beäugt. Aus mangelnder Kenntnis des Judentums und aufgrund des daraus resultierenden Misstrauens, wurden die Juden bereits im Mittelalter des Ritualmordes, der Hostienschändung sowie des Wuchers beschuldigt und in Ghettos verbannt. Zudem war die jüdische Bevölkerung in ihrem alltäglichen Leben durch verschiedene Sondergesetze stark beschränkt, die unter anderem eine Kleiderordnung, wie zum Beispiel den spitzen Judenhut, forderten. Die Juden waren stets von der Willkür der Fürsten abhängig, so konnten zum Beispiel ganze Gemeinden verpfändet oder verkauft werden. Auch in ihrer Berufswahl waren die Juden stark beschränkt, so dass ihnen fast hauptsächlich das Hausieren sowie Pfand- und Leihgeschäfte blieben.

Die späteren Vorwürfe, die Juden würden nur für Geldgeschäfte taugen und Wucher treiben, hatten demnach ihren Ursprung im späten Mittelalter[2].

2.2. Das 18. Jahrhundert

Auch noch im 18. Jahrhundert lebte die jüdische Population in vielen deutschen Städten in Ghettos, welche zum Teil sogar nachts zugesperrt wurden, wie zum Beispiel in Worms, Hanau und Frankfurt[3]. Nur einige Privilegierte hatten bedingte Niederlassungs- und Handelsrechte. Die mittellosen Juden waren darauf angewiesen, dass sich die Gemeinde für sie verpflichtet fühlte und für Unterkunft und Verpflegung sorgte. Allgemein waren Juden in Deutschland lediglich geduldet und wurden als fremdartig angesehen[4]. Einige trugen den Status des „Schutzjuden“ und „unterstanden so unmittelbar dem König oder Landesherren und waren den ‚Judengesetzen’ unterworfen.“[5]

Die jüdische Gesellschaft im 18. Jahrhundert kann grob in eine Klassenordnung aufgeteilt werden, die aus Ober-, Mittel- und Unterschicht bestand[6]. Der Oberschicht zughörig waren alteingesessene reiche Familien, die durch spezielle Urkunden beschützt wurden und ihren Reichtum durch die erlangte Geschicklichkeit in dem ihnen zugeteilten Berufszweig des Pfand- und Leihgeschäfts erlangt hatten[7]. Häufig in der Oberschicht vertreten waren allerdings auch Hoflieferanten, Bankiers, Gewerbetreibende, Gelehrte, Rabbiner oder Ärzte. Sie lebten stark getrennt von der Mittel- und Unterschicht, die sich eher aus Kaufmännern, Händlern, Handwerkern und Offiziellen in der Gemeinschaft zusammensetzten[8]. Insgesamt ist festzuhalten, dass etwa drei Viertel der Juden im 18. Jahrhundert in Armut lebten[9].

Auch in der Literatur nahmen die Juden stets eine Sonderstellung ein, die ich in den folgenden Teilen näher erläutern möchte.

3. Das Bild der Juden in der deutschen Literatur

3.1. Vom Mittelalter bis zum Beginn der Aufklärung

Schon seit dem Mittelalter findet man die Judenfigur in mehreren Ausprägungen auf deutschen Bühnen.[10] Die Darstellung der Juden war nicht bloß auf eine Rolle begrenzt, sondern besaß eine große Wandlungsfähigkeit. Bereits in den geistlichen und liturgischen Spielen, des Mittelalters wie zum Beispiel in den Weihnachts- und Osterspiele, waren Juden zu finden. In diesen Spielen wurden die Juden als Bibelgestalt zunächst getreu nachgebildet, im späteren Verlauf veränderte sich die Gestalt jedoch und es entwickelten sich, wie Helmut Jenzsch ausführt, zwei Traditionsstränge.[11]

3.1.1. Die Traditionsstränge

3.1.1.1. Der erste Traditionsstrang

Auf der einen Seiten entwickelte sich der „ernst zu nehmende Jude in den Diskussionsdramen“[12], die sich mit theologischen Fragen beschäftigten. Die Figur des Juden trat hierbei zunächst als eine moralische und pädagogische Instanz auf, die die Christen von den Vorzügen des Christentums überzeugen sollte. Ein weiterer Aspekt war die Erziehung der Christen durch die Vorführung der glaubensfesten Juden sowie später auch die Bekehrung der Juden. Wie Jenzsch betont, gab es aber zum Beispiel in der Hamburger Barockoper (1678-1738) auch einige Judenfiguren, die abweichend von diesem Strang hauptsächlich als komische Charaktere und in ihrer betrügerischen Wuchertätigkeit gezeigt wurden. Insgesamt ist jedoch zu sagen, dass in diesem Strang die Judenfigur die „spezifisch jüdischen Züge, die für Wuchertypen gelten“[13], verlor und die Figur hauptsächlich ernsthaft behandelt wurde.

3.1.1.2. Der zweite Traditionsstrang

Der zweite Strang, den Jenzsch beschreibt, ist stärker von volkstümlichen Einflüssen geprägt, welche anhand der unterschiedlichen vorherrschenden Vorurteile zu erklären sind. Zum größten Teil ist die Ursache dieser Vorurteile im Glaubensfanatismus zu vermuten. Man unterstellte den Juden, nicht nur die Anstifter sondern auch die Vollstrecker der Hinrichtung Christi gewesen zu sein und bezichtigte sie des Christenhasses. So meinte man, die glaubensfesten Juden nur durch Verleumdung und Lächerlichmachen bekehren zu können. Man kann sogar einige Stücke finden, die die Konzeption der Judenfigur zur direkten Aufhetzung gegen die Juden verwenden. Zudem weckten die jüdischen Geldgeschäfte Neidgefühle auf Seiten der Christen, so dass die Motive der Geldgier, des Wuchers und Christenhasses „konventionelle Zerrbilder“[14] in der Darstellung zur Folge hatten. In diesem zweiten Strang sind die Juden nur noch punktuell in Nebenrollen zu finden und haben den ernsthaften Charakter durch das Loslösen von den kirchlich-liturgischen Spielen verloren.

Es gibt jedoch auch Werke, in denen die Juden unparteiisch und als gleichwertige Partner dargestellt werden, wie etwa im „Horribilicribifax teutsch“ von Gryphius[15].

3.2. Spezifische Formen der Darstellung

Grundsätzlich ist zu sagen, dass es eine „literarische Übereinkunft“ über die Präsentation der Judenfigur gab. Der Autor musste nur „Jude“ schreiben und diesen weiter nicht charakterisieren und der Leser oder Hörer sah den „hässlichen, habsüchtigen Unmenschen vor sich“[16]. Auch wenn die Autoren selten darauf hinweisen, ist das eindeutigste Darstellungsmittel im Drama das äußere Erscheinungsbild. Der Bart, Kaftan und Hut waren hierbei wahrscheinlich übliche Darstellungsformen[17]. Neben dem Kostüm fungierten die Sprache sowie auch die Gesten als charakterisierende Merkmale. Als typisch jüdisch galten die „exaltierte Gebärdensprache“ sowie die Verwendung des „Judendeutschen“[18]. Dieses Judendeutsch oder auch Mauscheldeutsch zeichnet sich durch den Vokalwechsel und falsche Kaususendungen aus, sowie die Unfähigkeit, das finale Verb am Ende des Satzes zu platzieren. Hinzu kommen vereinzelt hebräische Vokabeln, wie zum Beispiel „Bocher“ für einen jungen Studenten, „Goi“ für eine nicht jüdische Person oder auch „Tineff“ für Schmutz.[19] Seltener als Veränderungen im Vokalismus, treten Veränderungen im Konsantismus auf. Hier sei ein Beispiel aus Plümickes „Der Volontär“ aus dem 3. und 11. Auftritt angeführt.

Ich mein aach!

So merken Sie aaf !

aaf sünderbare Wais

die er gekaft

mit meinen Augen geseehn[20]

Dieser Gebrauch des Judendeutschen findet sich jedoch hauptsächlich bei den komischen, lächerlichen Judenfiguren, die besonders, dem zweiten Traditionsstrang folgend, seit dem frühen 17. Jahrhundert die Figur des Juden auf den deutschen Bühnen prägten.

Besonders die „‚niederen‘ Judenfiguren“[21] zeichnen sich durch ständige Angst vor Schlägen aus, welches durch den häufigen Einsatz von Prügelszenen illustriert wird. Um einen finanziellen Vorteil für sich zu erlangen, werden selbst die „niederen Juden“ meist höflich und untertänig und nur selten frech und ausfallend gezeigt. Einen Anlass dafür, frech und unhöflich zu werden, stellt die Wut darüber dar, dass sie ihr Geld nicht bekommen. Spielt die Religion in den Stücken eine Rolle, wird diese meistens „nur an äußerlichen Symptomen, an kultischen Vorschriften sichtbar“[22], wie zum Beispiel die karikierende Darstellung eines synagogalen Gottesdienstes[23].

3.3. Ansätze einer positiven Darstellung

Ab Mitte des 17. Jahrhunderts bricht die Tradition der Judenfigur scheinbar ab. Etwa 100 Jahre können keine jüdischen Figuren auf den deutsche Bühnen nachgewiesen werden. Es ist jedoch zu vermuten, dass es eine kontinuierliche Entwicklung gab, da das Auftauchen der Judenfiguren in der Hamburger Barockoper (1678-1738) sonst kaum zu erklären wäre. So kann angenommen werden, dass die Judenfigur auf den Wanderbühnen weiterhin zu sehen war[24], jedoch keine Überlieferungen vorhanden sind, da die Juden nur in kleinen Nebenrollen auftauchten und die Texte der Wandertruppen heute nur wenig bekannt sind. In der Barockoper erscheinen die Juden hauptsächlich als komische Figuren, deren wichtigstes Merkmal die betrügerische Wuchertätigkeit ist[25]. Es sind auch volkstümliche Einflüsse nachzuweisen, die sich in der Darstellung von jüdischen Stereotypen widerspiegeln, so wird zum Beispiel auch hier das Judendeutsche karikiert[26]. Der Däne Ludwig Holberg (1684-1754) nimmt die Darstellung der Juden in der Barockoper in sechs seiner Stücke auf. Er tut dieses jedoch nicht, ohne die Charaktere zu überarbeiten. So zeichnen sich seine Figuren zwar durch derbe Komik aus und vereinzelt tauchen auch noch Prügelszenen, jüdische Dialekte und Kulthandlungen auf, doch die Rolle des Juden ist nicht mehr lediglich auf Nebenrollen beschränkt und nimmt somit eine wichtigere dramatische Funktion ein. Es werden außerdem die Juden nicht mehr als „unehrlich und betrügerisch, sondern allenfalls als listig und auf ihren Vorteil bedacht“[27] dargestellt. Helmut Jenzsch sieht in Holbergs Werken bereits den „Geist der Aufklärung“[28].

4. Die Epoche der Aufklärung

4.1. Aufklärerische Ideen

Die ersten Länder, in denen sich die Aufklärung verbreitete, waren Frankreich und England etwa um 1700. Sie dienten den anderen europäischen Ländern als Vorbild. Erkenntnisgewinn und Akkumulation von Wissen sind in der Epoche der Aufklärung wesentliche Aspekte, so dass eine „wissenschaftliche Haltung gegenüber allen weltlichen und religiösen Dingen“[29] erlangt werden kann. Ein weitere wichtiger Aspekt ist die Vernunft, die in der Aufklärung zur „‚Königin der Wissenschaften’“ aufsteigt und damit die Theologie ablöst, „die bis dahin die Vorherrschaft über alle anderen Wissenschaften, über alles menschliche Wissen überhaupt widerspruchslos hatte in Anspruch nehmen können“[30]. Gott steht in der Aufklärung nicht mehr im Mittelpunkt des Erkenntnisinteresses. Die Natur nimmt diesen Platz ein und somit auch der Mensch als natürliches, soziales und moralisches Wesen. Gott tritt als Schöpfer in den Vordergrund, wird jedoch in anderen Funktionen weitgehend nicht benötigt[31]. Ferner wird der individuelle Glaube stärker betont als die Glaubengemeinschaft, was sich auch in Lockes „Letter on Toleration“ wieder findet. Die Kirche soll nach Locke vom bürgerlichen Leben getrennt werden und eine individuelle, private Angelegenheit sein[32]. Im Weiteren soll das Individuum zu dem Gebrauch seiner Verstandeskräfte und zum autonomen Handeln angeleitet, bzw. erzogen werden[33]. Im Interesse der Aufklärung steht außerdem die wissenschaftliche Erschließung der Welt sowie letztendlich die Fähigkeit durch Entdecken und Lernen das Wahre herauszufinden.

[...]


[1] Schütz, Hans J.: Juden in der deutschen Literatur. Eine deutsch-jüdische Literaturgeschichte im Überblick. München/Zürich: Piper 1992, S. 29.

[2] Frank, Margit: Das Bild des Juden in der deutschen Literatur im Wandel der Zeitgeschichte. Studien zu jüdischen Gestalten und Namen in deutschsprachigen Romanen und Erzählungen 1918–1945. Freiburg: Burg 1987, S. 10f.

[3] Robertson, Ritchie: The ‘Yewish Question’ in German Literature 1749–1939. Emancipation and Its Discontents. Oxford: Oxford University Press 1999, S. 10.

[4] Schütz, S. 33.

[5] Schütz, S. 33.

[6] Robertson, S. 10.

[7] Frank, S. 12.

[8] Robertson, S. 10.

[9] Schütz, S. 33.

[10] Och, Gunnar: Imago judaica. Juden und Judentum im Spiegel der deutschen Literatur 1750–1812. Würzburg: Königshausen & Neumann 1995, S. 50.

[11] Jenzsch, Helmut: Jüdische Figuren in deutschen Bühnentexten des 18. Jahrhunderts. Hamburg 1971, S. 69.

[12] Jenzsch, S.69.

[13] Jenzsch, S.70.

[14] Jenzsch, S.70.

[15] Jenzsch, S. 73.

[16] Kars, Gustav: Das Bild des Juden in der deutschen Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts. Freiburg: Burg-Verlag 1988, S. 3.

[17] Jenzsch, S. 62.

[18] Och, S. 92.

[19] Robertson, S. 203.

[20] Jenzsch, S. 179.

[21] Jenzsch, S. 201.

[22] Jenzsch, S.196.

[23] Och, S. 53.

[24] Och, S. 50.

[25] Jenzsch, S. 75.

[26] Och, S. 57ff.

[27] Jenzsch, S. 89.

[28] Jenzsch, S. 89.

[29] Baasner, Rainer: Einführung in die Literatur der Aufklärung. Darmstadt: WBG 2006, S. 12.

[30] Baasner, S. 13.

[31] Baasner, S. 13.

[32] Robertson, S. 32.

[33] Alt, Peter-André: Aufklärung. Lehrbuch Germanistik. Stuttgart/Weimar: Metzler 1996.

Details

Seiten
19
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783656107842
ISBN (Buch)
9783656108375
Dateigröße
495 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v187476
Institution / Hochschule
Universität Hamburg – Institut für Germanistik 2
Note
1,3
Schlagworte
jude nathan gegenbild

Autor

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Titel: Der "edle Jude" Nathan, ein Gegenbild?