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Mead & Blumer: Der Symbolische Interaktionismus

Hausarbeit 2010 9 Seiten

Sozialwissenschaften allgemein

Leseprobe

1. Einleitung und Zielsetzung

Das vorliegende Dokument ist eine Hausarbeit im Rahmen meines Sozialwissenschaftsstudiums an der Universität Augsburg mit dem Titel: Mead & Blumer: Der symbolische Interaktionismus.

Im ersten Teil meiner Arbeit werde ich mich auf George H. Mead konzentrieren und dabei einen kleinen Einblick in seine Theorien der symbolvermittelten Aktion und Sozialisation gewähren. Im Anschluss daran will ich versuchen die Weiterentwicklung seines Konzeptes zum symbolischen Interaktionismus durch Herbert Blumer verständlich zu machen.

2. Soziale Interaktion bei Mead

2.1. Hintergründe und Wissenswertes zu George H. Mead

George Herbert Mead wurde am 27.02.1863 in South Hadley, Massachusetts, geboren. Er studierte in Harvard, Leipzig und Berlin, bis er 1894 an der Universität Chicago die Professur für Philosophie und Sozialpsychologie übernimmt. Mead war ein Pragmatiker, der den Menschen als Ausgangspunkt jeglicher Philosophie verstand. Während seiner Dozentenzeit standen vor Allem zwei Theorien im Mittelpunkt: Zum einen die Werke Sigmund Freuds im Bereich der Psychologie, die Mead aber offen kritisiert und sie als „mehr oder weniger phantastisch[…]“[1] bezeichnet, da er das Individuum nicht durch unbewusste Vorgänge in frühester Kindheit determiniert[2] sieht. Auf der anderen Seite stand Meads Freund John B. Watson, der die soziologische Theorie des Behaviorismus aufstellte. Mead bezieht zwar ganz klar Stellung zu ihm, indem er seine eigene Schrift als „Sozialbehaviorismus“[3] bezeichnet, doch grenzt er sich in gewissen Punkten von ihm ab. Während Watson nämlich nur davon ausgeht, dass sich menschliches Verhalten hauptsächlich durch eine konsequente Reaktion auf die Umwelt festsetzt, weitet Mead die Theorie auf das Denken des Individuums als Ursache für Verhalten aus.[4] Es lässt sich also sagen, dass der Mensch bei Mead insgesamt mit mehr Kenntnissen in Vernunft und Reflektion ausgestatten ist, als bei Freud und Watson. George H. Mead hat zu seinen Lebzeiten keine eigenen Bücher geschrieben, dennoch wurden posthum vier bedeutende Werke, die größtenteils durch Mitschriften aus seinen Vorlesungen entstanden, veröffentlicht: „Mind, Self and Society“, „The Philosophy of the Act“, „The Philosophy of the Present“ und „Movements of Thought in the Nineteenths Century“.

2.2. Konzept der symbolvermittelten Interaktion

Menschen benutzen für sich Gebärden oder Gesten, um ihren Emotionen Ausdruck zu verleihen. Dieses Aufzeigen von Gefühlen muss aber nicht gleichzeitig die Funktion der Gesten sein. Mead sucht nach der Bedeutung von Gesten für das soziale Handeln. Er versucht zu verdeutlichen, dass diese Gesten nicht aus einer Intuition heraus entstehen, sondern Symbole sind, die sozial definiert sind und je nach Kultur unterschiedlich bewertet und interpretiert werden können. Die Verwendung von Symbolen ist der markanteste Unterschied zwischen Mensch und Tier. Während Tiere nämlich an Instinkte gebunden sind, können Menschen in Problemsituationen „durch die symbolische Übernahme der Perspektive anderer“[5] bestimmten Handlungsmustern folgen.

„Es ist die Funktion der Geste, die Anpassung zwischen den in die jeweilige gesellschaftliche Handlung eingeschalteten Individuen im Hinblick auf das Objekt oder die Objekte zu ermöglichen, auf die diese Handlung gerichtet ist; die signifikante Geste oder das signifikante Symbol bietet weit bessere Möglichkeiten für eine solche ständige Anpassung als die nicht-signifikante Geste, weil sie im Individuum, das sie ausführt, die gleiche Haltung sich selbst gegenüber (oder gegenüber ihrer Bedeutung) auslöst wie in den anderen Individuen, die gemeinsam mit ihm an einer Handlung teilnehmen und ihm damit deren Haltung dazu (als eine Komponente seines Verhaltens) bewusst werden lässt und es in die Lage versetzt, sein weiteres Verhalten im Lichte dieser Haltung dem ihrigen anzupassen“[6]

Dabei führt nicht das Symbol an sich, sondern die Fähigkeit des Menschen zur Interpretation in bestimmten Handlungssituationen zur Handlungssicherheit. Wenn beispielsweise ein hübsches Mädchen im Schwimmbecken wild mit beiden Armen rudert, interpretiert das der Bademeister als Hilferuf. Tut sie dieselbe Geste aber eine Woche später in der Discothek als sie ihren Retter erblickt, denkt dieser vielleicht an einen etwas missglückten Flirtversuch. Bestimmte Handlungen werden also vom Menschen mit bisherigen Erfahrungen abgeglichen und neu interpretiert. Als Zusammenfassung kann gesagt werden, dass Symbole Objekte, Gesten und Sprachlaute sind, die das Individuum benutzt, um anderen etwas anzuzeigen. Dabei wird die Bedeutung der Symbole dem Handelnden erst durch die Interaktion mit anderen bewusst.

2.3. Sozialisation durch „play“ und „game“

Wie oben schon erwähnt, ist der Mensch, anders als das Tier, ein Organismus, der sich selbst beobachten muss und sich durch das wechselseitige Anzeigen von Bedeutungen während der Interaktion somit selbst zum Objekt macht. Dies erfolgt im Prozess der Rollenübernahme, der sich in zwei Schritte gliedert. Die erste Station, die ein Kind im Laufe des Sozialisationsprozesses durchläuft ist das freie Rollenspiel.

„Im freien Rollenspiel („play“) mit häufigen Rollenwechseln lernen Kinder, sich aus den Augen der Mutter, des Vaters oder anderer Bezugspersonen zu sehen und aus der Fremdperspektive zu formulieren, was diese von ihnen erwarten[…]“[7]

Im Vater-Mutter-Kind-Spiel beispielsweise orientiert sich das Individuum an engen Bezugspersonen in seiner unmittelbaren Umgebung. Diese Bezugspersonen nennt Mead „signifikante Andere“[8]. Auf dieses Stadium folgt das regelorientierte Spiel („game“). Hier stehen nicht mehr die engsten Bezugspersonen im Mittelpunkt, sondern die Personen außerhalb dieses Kreises. Die eigene Rolle ist in Wettkampfspielen festgelegt. So muss das Kind in seiner Fußballmannschaft zum Beispiel den Erwartungen eines Stürmers nachkommen, wenn es diese Position bekleiden und ein erfolgreiches Zusammenspiel ermöglichen will. Um diese Regeln erfüllen zu können, muss sich das Kind auch in die Perspektiven anderer eindenken können.[9] Nach erfolgreichem Training also weiß der Stürmer, wie der Verteidiger in einer Abwehrsituation reagiert und wann er loslaufen muss, um den Konterpass dessen sicher anzunehmen. Der Verteidiger und alle anderen Mannschaftsmitglieder werden „generalisierte Andere“ genannt. Generalisiert sind sie, weil „man“ etwas tut bzw. nicht tut. Im ersten Stadium kannte das Kind nur von Vater und Mutter, dass man nicht beim Essen schmatzt. Später zeigen ihm dann die generalisierten Anderen, dass „man“ das überhaupt nicht tut. Es werden also in erster Instanz einzelne Rollen übernommen, die später dann in Bezug zueinander gesetzt werden können.

2.4. Identität – „Me“, „I“, „Self“

Rollenübernahme und Verinnerlichung des generalisierten Anderen sind die Hauptschritte der Identitätsausbildung. Doch wären dies die einzigen Voraussetzungen für eine Ich-Identität, wären wohl alle Menschen mehr oder weniger gleich. Alle Individuen aber zeigen Merkmale auf, die auf Grund unterschiedlicher Erfahrungen einzigartig sind. Erfahrungen aber hängen mit dem Gebrauch von Denkprozessen zusammen. Nach Mead entsteht das Bewusstsein durch Kommunikation und nicht die Kommunikation durch Bewusstsein. Ein bedeutender Unterschied, denn Denkprozesse setzen den Gebrauch von Symbolen voraus, „sonst wäre das Denken nicht sinnhaft“[10]. Während der Entwicklung dieses Denkens entsteht auch die „Ich-Identität“ und die Fähigkeit zur Rollenübernahme, auf die ich im vorherigen Kapitel eingegangen bin. Mead unterscheidet zwischen „Me“, „Self“ und „I“[11], wobei „Me“ und „I“ das „Self“ bilden. Wie das Individuum sich selbst aus der Perspektive anderer sieht bzw. seine Außenwirkung, beschreibt das „Me“. Das „I“ ist der Teil des Individuums, in dem es sich so gibt, wie es ist. Es handelt also gänzlich frei. Sobald es über sein Handeln nachdenkt, ist das Individuum im „Me“-Zustand. Das „Self“ also ist „das Gesamtbild, die Identität, die aus dem Zusammenspiel von „I“ und „Me“ entsteht.“[12]

3. Weiterentwicklung zum Symbolischen Interaktionismus durch Blumer

Mead, der unerwartet 1931 starb, wurde „außerhalb Chicagos“ kaum wahrgenommen. Erst durch Herbert Blumer, einem ehemaligen Schüler Meads, erlangte sein bedeutendes Werk „Mind, Self and Society“ Bedeutsamkeit beim „Rest der Welt“. Blumer entwickelt Meads Theorie, nach der sich Handelnde wechselseitig den Sinn ihres Handelns anzeigen weiter und sagt, dass „die Handelnden in der Interaktion gemeinsame Symbole produzieren“[13]. An diesen Symbolen orientieren sich die Handelnden und definieren sie in jeder Situation neu.

„In der Interaktion definiert jeder Handelnde die Situation, sagt also explizit oder deutet durch sein Verhalten an, wie er die Situation verstehen will und was deshalb gelten soll. Das wiederum wird von dem anderen interpretiert und mit der eigenen Situation zusammengebracht.“[14]

Blumer, der sehr stark von William I. Thomas, einem Vorläufer des symbolischen Interaktionismus[15], beeinflusst wurde, greift nun dessen Theorem „Wenn Menschen Situationen als real definieren, sind auch ihre Folgen real“[16] auf und leitet daraus drei Prämissen ab.

3.1. Drei Prämissen und vier Kernvorstellungen

Blumer definiert drei Prämissen über Bedeutung, Interaktion und Interpretation, auf denen letztendlich der symbolische Interaktionismus beruht.

„Die drei Prämissen des SI lauten

1. Menschen handeln gegenüber „Dingen“ auf der Grundlage der Bedeutungen, die diese für sie besitzen.
2. Die Bedeutung solcher Dinge ist aus sozialen Interaktionen abgeleitet.
3. Die Bedeutung wird in einem interpretativen Prozess gehandhabt und verändert.“[17]

Als Beispiel für die erste Prämisse könnte man die gebundene Schleife des bayerischen Dirndls heranziehen. Die Schleife wird als Symbol für allein stehend gewertet, wenn sie links gebunden wird. Trägt man die Schleife rechts, so ist dies ein Zeichen für verlobt oder verheiratet sein. Dass das Binden der Schleife zu einer bestimmten Zeit mit eben dieser Bedeutung, die aus der sozialen Interaktion heraus entstand, stattfindet, besagt die zweite Prämisse. Anhand der dritten Prämisse wird deutlich, dass die Bedeutung dieses Symbols außerhalb Bayerns generell nicht verstanden wird. Dementsprechend also verändert sich die Bedeutung der Schleife.

Schon in der ersten Prämisse wird klar, dass Blumer besonderes Augenmerk auf die Bedeutung der Reaktion auf einen Reiz legt. Bedeutung heißt für ihn so etwas wie der Sinn von Dingen. Wenn eine Mutter zum Beispiel von „ihrem Kind“ redet, hat das für sie eine andere Bedeutung als die „Kinder auf dem Spielplatz“. Obwohl jeder weiß, dass mit „Kind“ ein Mensch in einem bestimmten Alter gemeint ist, hat jeder zusätzlich noch seine eigene Vorstellung bzw. Bedeutung von „Kind“[18]. Dinge, wie in der ersten Prämisse erwähnt, sind dabei nicht nur physikalische Objekte (Stuhl, Baum), sondern auch soziale Objekte (Freunde, Familie), Ideen (Freiheit und Frieden), soziale Handlungszusammenhänge (Institutionen und Organisationen), Tätigkeiten (lesen, schlafen, ruhen) und Tiere[19]. Diese Beschaffenheit von Objekten ist eine von vier Kernvorstellungen, die Blumer inne hatte.

In der zweiten Prämisse wird die Entstehung der Bedeutung behandelt. Wie in 2.2 schon erklärt, verständigen sich Menschen über Symbole, denen sie eine Bedeutung zuweisen. Dadurch, dass wir im Alltag die Bedeutung von Dingen täglich reproduzieren (wir sitzen jeden Tag auf einem Stuhl und haben unser Essen vor uns auf dem Tisch stehen), verleihen wir ihr Gültigkeit durch die soziale Interaktion.

[...]


[1] Abels, Heinz: Einführung in die Soziologie. Band 2: Die Individuen in ihrer Gesellschaft, 2007, S.83

[2] Vgl. ebd.

[3] Vgl. ebd., S. 82

[4] Vgl. ebd. S.82-83

[5] Schubert Hans-Joachim: Pragmatismus und Symbolischer Interaktionismus, in: Kneer, Georg/ Schroer, Markus (Hg.): Handbuch soziologische Theorien, 2009, S.347

[6] Mead, George Herbert: Die Genesis der Identität und sie soziale Kontrolle, in: Gesammelte Aufsätze, Bd. 1, 1987, S. 85, zit. nach: ebd.

[7] Ebd., S.57

[8] Ebd.

[9] Vgl. ebd.

[10] Keller, Reiner: Das interpretative Paradigma, in: Brock, Dietmar/ Junge, Matthias/ Diefenbach, Heike/ Keller, Reiner/ Villányi, Dirk: Soziologische Paradigmen nach Talcott Parsons. Eine Einführung. 2009, S.54

[11] Ebd., S.56

[12] Ebd.

[13] Abels, Heinz: Interaktion, Identität, Präsentation. 2001, S. 42

[14] Ebd.

[15] Ebd., S.43

[16] Ebd., S.43

[17] Keller, 2009, S. 64

[18] Ebd., S.62

[19] Ebd., S.62

Details

Seiten
9
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656109426
ISBN (Buch)
9783656109679
Dateigröße
433 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v187550
Institution / Hochschule
Universität Augsburg
Note
1,0
Schlagworte
mead blumer symbolische interaktionismus

Autor

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