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Informationskompetenz als Schlüsselqualifikation im Bachelor-Studium

Die Umsetzung in den Studienordnungen und Vorlesungsverzeichnissen der Humboldt-Universität zu Berlin

von Sabine Ender (Autor)

Hausarbeit 2011 22 Seiten

Bibliothekswissenschaften, Information Science

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Informationskompetenz als Rettungsanker in Zeiten der Informationsflut
1. Die Generation der Digital natives
2. Informationsflut vs. Informationsmangel - ein Paradoxon
3. Definition
4. Selbstüberschätzung in Hinblick auf die eigene Informationskompetenz unter Digital natives
5. Das Bildungswesen als Partner überforderter Digital natives
6. Entstehungsgeschichtliche Hintergründe

III. Informationskompetenz als Schlüsselqualifikation im Studium und die Rolle der Hochschulbibliotheken
1. Deutsche Hochschulen heute - Der Bologna-Prozess
2. Definition: Schlüsselqualifikation
3. Schlüsselqualifikationen in der praktischen Umsetzung im Studium
4. Organisatorische Maßnahmen
5. Gestaltung einer Lehrveranstaltung zur Informationskompetenzvermittlung
6. Einbindung der Hochschulbibliotheken in diesen Bildungsprozess - das Konzept der Teaching Library

IV. Veranstaltungen zur Informationskompetenz in Studiengängen der Humboldt-Universität zu Berlin

V. Ausblick - Verankerung der Teaching Library in deutschen Studienplänen

VI. Anhänge
Anhang I - Gesamtauswertung Forschungsfrage
Abbildungsverzeichnis
Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Give them as much assistance as they need, but try at the same time to teach them rely upon themselves and become independent.

— Samuel Swett Green, 1876 - amerikanischer Gründervater im Bibliothekswesen

Wir leben in einer Welt, die geprägt ist von einer rasend schnellen technischen Entwicklung. Insbesondere unser Verhältnis zu den Medien ist davon geprägt und beeinflusst uns tagtäglich. Zeitung - Fernsehen - Internet; - Informationskanäle gibt es zahlreich. Gibt es im privaten Raum die Möglichkeit, auch mal „abzuschalten“, sehen sich Studierende und andere wissenschaftlich Arbeitende der Herausforderung gegenüber, die schier unendlich vielen Informationsangebote aus traditionellen und neuen Medien für sich nutzbar zu machen.

Mit dem Umbruch des deutschen Bildungswesens innerhalb des Bologna-Prozesses erhalten Studierende nun die Chance, ihren Umgang mit neuen Medien innerhalb von speziell auf sie ausgelegte Lehrveranstaltungen zu verbessern. Wie dieses Konzept bisher funktioniert und wie sich Bibliotheken als kompetente Partner der Hochschulen positionieren, soll Gegenstand dieser Arbeit sein. Besonderes Augenmerk liegt auf den Studienplänen und -ordnungen der Humboldt-Universität zu Berlin, in denen solche speziellen Lehrveranstaltungen bereits mehr oder minder umfangreich realisiert wurden sowie auf der Rolle der Universitätsbibliothek.

II. Informationskompetenz als Rettungsanker in Zeiten der Informationsflut

1. Die Generation der Digital natives

Die Generation, die heute an die Hochschulen[1] drängt, kennt kaum ein Leben ohne Computer und Internet und fühlt sich in der digitalen Welt zu Hause. Der tägliche Umgang mit neuen Medien ist ihr vertraut, denn sie ist mit ihnen aufgewachsen. Konkret sind hier Menschen gemeint, die zwischen 1980 und 1994 geboren wurden. Diese Generation wird häufig als N(et)-Generation oder Digital natives bezeichnet, letzterer ein Begriff, der von Marc Prensky in einem Artikel von 2001[2] geprägt wurde: „They have spent their entire lives surrounded by and using computers, videogames, digital music players, video cams, cell phones, and all the other toys and tools of the digital age. (...) email, the Internet, cell phones and instant messaging are integral parts of their lives.“

Dieses Lebensgefühl geht einher mit neuen Denkweisen und Lernmethoden, die der Autor folgendermaßen charakterisiert: „They like to parallel process and multi-task. (...) They function best when networked. They thrive on instant gratification and frequent rewards.“ Sie stehen den Digital immigrants entgegen, all denen Menschen, die aufgrund ihres Geburtsdatums noch eine Welt ohne digitale Medien kennen gelernt haben. Es gibt mitunter signifikante Unterschiede zwischen diesen beiden Gruppen bei der Nutzung von (neuen) Medien: Nach einer Studie[3] der Glasgow Caledonian University nutzen 73.1% der Digital natives portable Media-Player, wobei diese von nur 43.5% der Digital immigrants verwendet werden. Auch Spielekonsolen sind unter Digital natives häufiger verbreitet (54.5%) als unter Digital immigrants (43.5%).

2. Informationsflut vs. Informationsmangel - ein Paradoxon

„Informationsflut“ ist ein Schlagwort in Zeiten unserer Informationsgesellschaft. Es gibt unterschiedliche Ansatzpunkte darüber, was dieses eigentlich bezeichnet.[4] So sind zum einen die Informationsmenge aus den Publikationen klassischer Massenmedien[5] gemeint; zum anderen bewirkt die Informationszunahme durch immer neue Internet-Angebote, wie elektronische Bibliothekskataloge, Fachdatenbanken, Digitale Bibliotheken, Wikis, E-Books, E-Journals, Blogs, soziale Netzwerke, usw. eine immense Belastung. Im bibliothekarischen Sinne sind mit dem Begriff „Informationsflut“ insbesondere die Menge an wissenschaftlichen Publikationen gemeint, die in ihrer Masse unüberschaubar geworden ist.[6] Unübersichtlich viele Informationsanbieter mit jeweils unterschiedlichen Benutzer-Interfaces verwirren die NutzerInnen. Werden irrelevante oder sogar falsche, ungeprüfte Informationen aufgefünden, wächst Orientierungslosigkeit - die Reizüberflutung führt letztendlich zu einem Informationsmangel. Die erhöhte Zugänglichkeit zu Information ist also nicht gleichbedeutend mit dem Zugriff zu stets qualitativ hochwertiger Information.

users are constantly bombarded with a wide range of information choices that must be evaluatedfor authenticity and accuracy. Whether at home on their computers or wandering through the stacks, many people feel as though they are drowning in a sea of information (...) and each stream makes the water deeper and more perilous.“ (Cassell, Hiremath 2009, S. 3)

Fähigkeiten, die es erlauben, relevante Informationen zu filtern und diese geschickt auf die eigenen Bedürfnisse anzupassen, sind im 21. Jahrhundert zu einer Kernkompetenz geworden, die Informationswissenschaftler heute als Informationskompetenz bezeichnen. Solche Fähigkeiten zu erlangen ist eine umso größere Herausforderung für alle Individuen.

3. Definition

In der Bibliotheks- und Informationswissenschaft hat sich der Begriff „Informationskompetenz“ als Übersetzung des englischen „Information literacy“ fest etabliert. Die gängigste Definition zur Informationskompetenz wurde vom American Library Association's (ALA) Presidential Committee on Information Literacy herausgegeben und besagt, dass informationskompetente Menschen es verstehen, „to recognize when information is needed and have the ability to locate, evaluate, and use effectively the needed information“[7]. Die Vertretung britischer Bibliothekare und Informationsspezialisten (CILIP) spezifiziert Informationskompetenz als „knowing when and why you need information, where to find it, and how to evaluate, use and communicate it in an ethical manner“8. Auch die Division Association of College and Research Libraries (ACRL) der ALA hat sich genauer mit dem Thema befasst und folgende sechs Indikatoren aufgestellt, die kennzeichnend für informationskompetente Menschen sind. Veröffentlicht wurden sie zusammen mit den Information Literacy Competency Standards for Higher Education. „An information literate individual is able to:

1. Determine the extent of information needed
2. Access the needed information effectively and efficiently
3. Evaluate information and its sources critically
4. Incorporate selected information into one s knowledge base
5. Use information effectively to accomplish a specificpurpose
6. Understand the economic, legal, and social issues surrounding the use of information, and access and use information ethically and legally. “ (ACRL 18.01.2008)

Zudem wird der Begriff Informationskompetenz häufig im Zusammenhang mit der Forderung nach[8] lebenslangem Lemen genannt. Im „ACRL Final Report“ sind informationskompetente Menschen „those who have learned how to learn. They know how to learn because they know how knowledge is organized, how to find information, and how to use information in such a way that others can learn from them.“[9] Informationskompetenz fördert also das Erlernen neuer Fähigkeiten und neuem Wissen und umfasst auch die „Kreativität, den eigenen Informationsprozess bewusst und bedarfsgerecht zu gestalten"[10] - heute also mehr denn je eine Kompetenz von sehr hoher Bedeutung. Dass diese jedoch weder angeboren, noch besonders schnell und leicht zu erlernen ist, ist nicht allen Menschen bewusst. Ein häufiges Phänomen ist die Überschätzung der eigenen Fähigkeiten.

4.Selbstüberschätzung in Hinblick auf die eigene Informationskompetenz unter Digital natives

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Erlangte Fähigkeiten in Bezug auf spezielle Medienformen (Selbsteinschätzung)

Nach dieser bewerten Studentinnen ihre Fähigkeiten in Bezug auf „Online library resources“ als eher gut (2,88 auf eine Skala zwischen 1 (very unskilled) und 4 (very skilled)), fast gleich gut wie ihre Fähigkeiten im Umgang mit Power Point und Co. (2,90), Software, die heute schon in unteren Schulklassen genutzt wird. Durch die Auswertung dieser und anderer Daten kam die Studie zu folgender Schlussfolgerung: „Current students, while more skilled than previous generations of students, have good office skills but still need more training to understand tools in-depth and increase their problem-solving skills.“

Auch im deutschen Bildungssystem wurden in der Vergangenheit einige kritische Studien angeregt. So z. B. das „Programme for International Student Assessment“ - PISA, durchgeführt von der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), „Studieren mit elektronischen

Fachinformationen“ - SteFi (2001)[12], „Bedarfsanalyse fur das Projekt i-literacy“ an der Universität Augsburg (2008)[13] sowie „Studierendenbefragung an der Universität Freiburg“ (2010).[14] Diese offenbarten z. T. gravierende Mängel in der Lese-, Medien- und Informationskompetenz bei deutschen Schülerinnen bzw. Studierenden. So bevorzugen sie zumeist eine relativ oberflächliche Suche über gängige Internetsuchmaschinen. Ihre Kenntnisse haben sie autodidaktisch gewonnen oder sie informieren sich bei Kommilitoninnen und Dozentinnen.

5. Das Bildungswesen als Partner überforderter Digital natives

Die Bewältigung der Informationsflut betrifft zwar nahezu sämtliche Bevölkerungsschichten, vor allem jedoch wissenschaftlich Arbeitende, wie Studentinnen, Promovierende und wissenschaftliche Mitarbeiterinnen sehen sich den Problemen der Informationsflut fast täglich gegenüber gestellt. Prensky[15] warnt, dass diese jungen Menschen, die häufig der Generation der Digital natives angehören, die neuen Technologien so signifikant anders nutzen, dass sich das Bildungswesen und dessen didaktische Leitlinien auf deren neuen Fähigkeiten, Bedürfnisse und Interessen einstellen sollten. Auch wenn es zu dieser Auffassung auch skeptische Studien[16] gibt, ist es wohl unbestreitbar, dass sich auch Hochschulen auf die neue Generation Studentinnen einzustellen haben. Thomas Hapke[17] unterstützt diese These mit der Begründung, dass universitäre Bildung heute sowieso von der traditionellen Wissensvermittlung zur Kompetenzvermittlung tendiert.

6. Entstehungsgeschichtliche Hintergründe

Das Thema Informationskompetenz ist im deutschen Sprachraum noch ein recht junges Phänomen - im Vergleich zum angloamerikanischen und skandinavischen Raum sind hierzulande Diskussionen darüber erst Ende der 90er Jahre erstmals entfacht worden[18]. Bis dahin waren im Bibliothekarsberuf die klassischen Benutzerschulungen und -führungen obligatorisch - natürlich waren die technischen Voraussetzungen damals auch andere. Aktivierende Lernmethoden oder die Vermittlung von Fähigkeiten, die ein selbstbestimmtes Lernen und eine durchdachte, reflektierte Informationssuche ermöglichten, fehlten bis dahin zudem völlig.[19] Häufig galten die von Bibliotheken durchgeführten Lehrveranstaltungen aufgrund mangelnder didaktischer Konzepte und kaum personalisierter Angebote als verstaubt und wenig attraktiv. Erst die Einführung von OPACs, elektronischen Internetressourcen und ähnlichen neuen medialen Angeboten erforderten auch ein Umdenken bezüglich traditioneller Bibliothekspädagogik. Die Herausforderungen des digitalen Zeitalters waren nicht mehr von der Hand zu weisen.

[...]


[1] In dieser Arbeit wird die Bezeichnung „Hochschule" als Überbegriff für alle staatlichen bzw. privaten Universitäten, Fachhochschulen und Akademien verwendet.

[2] Vgl. Prensky 2001

[3] Margaryan, Littlejohn, Vojt 2011

[4] Vgl. Ingold 2005

[5] Zeitungen, Zeitschriften, Magazine, Fernsehen, Filme, etc.

[6] Vgl. Ingold 2005 zitiert nach Lazarus, Jens: Informationskompetenz?! Zur qualifizierten Nutzung elektronischer Information in der Hochschulbildung, 2003.

[7] ACRL 10.01.1989

[8] Torras, Sætre 2009, S. 2

[9] ACRL 10.01.1989

[10] Krauss-Leichert 2008, S. 50

[11] Befunde erschienen in Borreson Caruso 2004

[12] Volltext abrufbar unter http://www.stefi.de/download/bericht2.pdf zuletzt geprüft am 16.03.2011.

[13] Volltext abrufbar unter http://www.imb-uni-augsburg.de/files/Arbeitsbericht_19.pdf, zuletzt geprüft am 16.03.2011.

[14] Befunde erschienen In Sühl-Strohmenger 2011

[15] Vgl. Prensky 2001

[16] Exemplarisch soll hier Bennett, Maton, Kervin 2008 gennant sein.

[17] In: Krauss-Leichert 2008, S. 45.

[18] Vgl. Brunner 2007, S. 15; 21

[19] Hütte 2006, S. 41

Details

Seiten
22
Jahr
2011
ISBN (Buch)
9783656113300
Dateigröße
2.5 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v187728
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin – Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
Schlüsselqualifikation Informationskompetenz

Autor

  • Sabine Ender (Autor)

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