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Talent und Leistung in Familie und Schule um 1900 am Beispiel von Marie von Ebner-Eschenbachs "Der Vorzugsschüler" unter Berücksichtigung von Emil Strauß' "Freund Hein"

Hausarbeit (Hauptseminar) 2010 19 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Hauptteil
1. ‚Talent’, ‚Begabung’, ‚Leistung’: Definitionen der Schlüsselbegriffe
2. Autorität und Begabung
3. Marie von Ebner-Eschenbach: „Der Vorzugsschüler“ (1901)
3.1 Die Beziehung zwischen Vater und Sohn
3.2 Die Darstellung der Schule
3.3 Das Verhältnis von Talent und Fleiß sowie Künstler- und Beamtentum
4. Emil Strauß: „Freund Hein“ (1902) – Ein Vergleich

III. Schluss

IV. Literaturverzeichnis
1. Werke
2. Forschungsliteratur
3. Internetquellen

I. Einleitung

Das ausgehende 19. und den Beginn des 20. Jahrhunderts kennzeichnet das Bestreben der Pädagogik, die dem Kind eigenen Wesenszüge bei der Erziehung in den Vordergrund zu stellen. Galten Kinder vordem als „kleine Erwachsene“, wird nun die Kindheit als eigenständiger Lebensabschnitt anerkannt.

Die in der vorliegenden Arbeit behandelten Werke, Marie von Ebner-Eschenbachs „Vorzugsschüler“ und Emil Strauß’ „Freund Hein“ befassen sich mit eben dieser Entwicklungsphase, in der sich der individuelle Charakter des Kindes auszubilden beginnt und mit ihm auch Interessen, Fähigkeiten und Talente. Um Letztere soll es in dieser Arbeit gehen. Dabei wird in Augenschein genommen, wie das Talent präsentiert wird, welche Entwicklung es erfährt und wie auf die Begabung reagiert wird. Die Familie des Kindes sowie die Gesellschaft, mit der es spätestens in der Schule konfrontiert wird, sorgen hierbei für Konfliktpotential: Die Frage nach dem, was für das Kind wichtig ist, wird sowohl von den Erziehungsmaximen der Väter als auch von den Anforderungen der Leistungsgesellschaft bestimmt – der Wunsch des Kindes nach freier Entfaltung muss zwischen diesen beiden Polen zwangsläufig auf Probleme treffen. Nach einer Übersicht über die Bedeutung der zentralen Begriffe ‚Talent’, ‚Begabung’ und ‚Fleiß’ sowie über das Verhältnis von schulischer und familiärer Autorität zum Talent analysiert die vorliegende Arbeit diese Problematik anhand des Gegensatzes zwischen musikalischem Talent und schulischen Anforderungen.

II. Hauptteil

1. ‚Talent’, ‚Begabung’, ‚Leistung’: Definitionen der Schlüsselbegriffe

Unser heutiges Verständnis von ‚Talent’ geht zurück auf die „Endzeitrede: Gleichnis von den anvertrauten Talenten“[1] des Neuen Testaments. Das einem Menschen von Gott im Vertrauen gegebene Talent soll dieser gemäß der Menge, die er empfangen hat, vermehren[2]. Durch das biblische Gleichnis wird die frühe lateinische und griechische Bedeutung ‚Gewichtseinheit’ nun jedoch zu „von Gott anvertraute Fähigkeiten“[3] umgewandelt. In diesem Sinne verzeichnet das „Deutsche Wörterbuch“, ein Talent sei eine „geistige oder auch körperliche grosze befähigung, die naturgabe, das kunstgeschick[4]. Dies stimmt mit der aktuellen Definition des „Duden“ überein[5]. Hervorgehoben wird von beiden Wörterbüchern, dass sich ein Talent meist auf den künstlerischen Bereich bezieht. Das „Lexikon der Psychologie“ hingegen liefert eine allgemeinere Definition des Begriffs: „Begabung, besondere Veranlagung zu Tätigkeiten und Leistungen (Hochbegabung).“[6]

Unter ‚Begabung’ versteht das „Lexikon der Psychologie“ „angeborene Fähigkeiten“[7], die zu überdurchschnittlichen Leistungen führen.[8] Die mathematische und die künstlerische Begabung, die für die folgende Textanalyse eine Rolle spielen werden, gehören laut des ungarischen Psychologen Géza Révész zur Gruppe der produktiven Begabungen, die sich meist sehr früh im Leben äußern.[9] Die Entwicklungspsychologie nahm Ende des 19. Jahrhunderts an, Begabung sei vererbbar. Heute hingegen wird davon ausgegangen, dass sie sich durch „umweltbezogene[] Anregungen“[10] verändern kann. Friedrich Arntzen betont die Wichtigkeit so genannter „Stützfunktionen“, die die Begabung fördern und zu „umfassenden Leistungen[11] führen. Er weist jedoch auch darauf hin, dass Begabungsmängel gegen Nachhilfe und außerschulisches Lernen weitestgehend resistent sind.[12]

Der Begriff der ‚Leistung’ steht in einem engen Verhältnis zur Anstrengung und zum Fleiß: „Mit wachsender Anstrengung steigt zunächst die Leistung an, nimmt aber nach Erreichen des Leistungsmaximums trotz weiter steigender Anstrengung wieder ab.“[13] Die Leistung dient dazu, eine Begabung zu offenbaren, da diese im Gegensatz zu jener nicht „offen zu Tage liegt“ und somit „auf indirektem Wege erschlossen werden“ muss.[14]

2. Autorität und Begabung

Kinder und Jugendliche des beginnenden 20. Jahrhunderts unterstehen sowohl der schulischen als auch der väterlichen Autorität. Der Gehorsam und das Einfügen in die hierarchische Ordnung der Gesellschaft bzw. der Familie spielen eine wichtige Rolle: Sie sollen den „Eigenwille[n] des Kindes“[15] brechen und an dessen Stelle einen „inneren Zwang zur unbedingten Pflichterfüllung“[16] setzen. So wird ein passiver Nachwuchs geschaffen, der die gesellschaftlichen und familiären Autoritätsstrukturen nicht hinterfragt[17], im Gegenteil: Bei schulischen Misserfolgen suchen die Kinder und Jugendlichen den Fehler bei sich selber und führen sie auf „mangelnde Begabung“[18] zurück. Oft versuchen die Eltern, den Fehlleistungen der Kinder mit einem Lernzwang entgegen zu wirken. Hinzu kommt, dass sie schlechte Schulnoten häufig auf sich selbst rückbeziehen und beim Kind durch ihre Enttäuschung Schuldgefühle auslösen.[19] Folglich muss ein Kind nur dann keine Angst vor der Reaktion der Eltern haben, wenn es ihre Erwartungshaltung befriedigt. Nur durch gute Noten kann es beweisen, dass es begabt oder zumindest fleißig genug ist. So signalisiert das Kind auch der Schule, dass es die vom Staat „erwünschte[] Lebenshaltung“[20] umsetzt und zu einem nützlichen Staatsbürger wird.

Andere Fähigkeiten hingegen werden von den Eltern und der Schule negativer aufgefasst als die schulischen. Dies betrifft vor allem künstlerische und literarische Begabungen, „denen man die Betätigungsmöglichkeit lange Zeit zu nehmen versuchte“[21], da sie in den Augen der Eltern oft als nicht „‚seriös’“[22] erschienen. Der Wunsch, vor allem der Väter, dass ihre Kinder die Karriereleiter höher steigen als sie selbst, beinhaltet auch die Forderung nach einer vernünftigen Berufswahl, die in der „leistungsbezogene[n] moderne[n] Gesellschaft“[23] nicht im künstlerischen Bereich angelegt ist.

3. Marie von Ebner-Eschenbach: „Der Vorzugsschüler“ (1901)

3.1 Die Beziehung zwischen Vater und Sohn

Offizial Pfanner, Georgs Vater, wird im Text als dürrer, kleiner Mann mit „klugen Augen“ (VS 154) beschrieben, dessen schwarzer Schnurrbart ihm einen militärischen Ausdruck verleiht (vgl. ebd.). Er stammt aus ärmlichen Verhältnissen und hat keine umfassende Schulbildung erhalten (vgl. VS 165). Trotzdem hat er eine Frau aus „gute[m] und damals fast reiche[m] Hause“ geheiratet (VS 164). Dem Vater ist es sehr wichtig, seiner armen Herkunft zu entkommen und ein besseres Leben zu führen. Die „klugen Augen“ im strengen Gesicht symbolisieren diesen Wunsch.[25] Gleichzeitig spiegelt sich in seinem militärischen Gesichtsausdruck sein Verhalten gegenüber seinen Mitmenschen und sich selber: „Er war er, und außer ihm war die Pflicht, und diesen beiden Mächten unterstand die Welt, die er begriff.“ (VS 165) Ihn kennzeichnet ein hohes Pflichtbewusstsein gegenüber seinem Beruf, dem er auch zu Hause noch bis spät in den Abend hinein nachgeht, um die Karriereleiter höher zu steigen (vgl. VS 153 und 166). Als Beamter der „k. u. k. österreichischen Staatsbahn“ (VS 154) ist er der Hauptverdiener der Familie.[26][24]

Vater, Mutter und Sohn leben, arbeiten und schlafen im selben Zimmer (vgl. VS 168); der Speisetisch ist zugleich Arbeitstisch (vgl. VS 152). Die einfachsten menschlichen Bedürfnisse sind immer mit Beruf und Schule verbunden. Diese Atmosphäre, die durch Arbeit und Strebsamkeit gekennzeichnet ist, wirkt sich auch auf Georg aus[27]: Er macht abends noch seine Hausaufgaben, eine Pflicht, die er mit Fleiß ausführen muss, hängen doch von seinen Schulnoten „Wohl und Weh des Hauses“ und das Wohlergehen seiner Mutter ab (VS 152). Diese wird immer dann zur Rechenschaft gezogen, wenn Georg dem Vater nicht fleißig genug erscheint (vgl. ebd.). Außerdem vertritt der Vater die Auffassung, Kinder würden zur „Last und Schande der Eltern“ (VS 173) werden, wenn sie zu schwache Leistungen erbringen.[28] Unter dem Druck, seiner Mutter keine Probleme zu bereiten und gleichzeitig einer Bestrafung durch den Vater zu entgehen, versucht Georg zum wiederholten Mal, seine Rechenaufgabe zu Ende zu führen. Als Pfanner nach Hause kommt und Georg noch nicht fertig ist, kommen ihm vor Angst direkt die Tränen (vgl. VS 153). Der Druck auf den Sohn wird durch die Reaktion des Vaters nur weiter verstärkt: „‚Einem Kind, das Talent hat, wird nichts schwer. Faul bist.’“ (VS 154) Pfanner sieht seinen Sohn als einen schulisch begabten Jungen, der einfach nur zu bequem ist, um gute Noten zu schreiben. An Georgs Talent appelliert der Vater immer dann, wenn er ihm nicht pflichtbewusst und fleißig genug erscheint. Dass Georg jedoch „trotz aller Anstrengung und Mühe“ (VS 155) die Aufgabe nicht versteht, es offensichtlich nicht besser weiß, wird von Pfanner nicht erkannt. Dazu kommt, dass der Vater sich selbst als Vorbild darstellt. Er soll für seinen „unermüdlichen Fleiß“ und seine „außergewöhnliche[n] Leistungen“ als Beamter sogar belohnt werden (VS 156). Wenn er abends noch arbeitet, dann soll sein Sohn es auch. Wenn er nie Ferien gehabt hat, soll sein Sohn auch keine haben. Ferien könne sich nur leisten, wer fleißig genug ist (VS 157). Dieser Fleiß fehle dem Sohn, im Gegensatz zu seinen Schulkameraden: „[Sie] haben vielleicht nicht einmal Talent wie du, dafür aber Fleiß, eisernen Fleiß.“ (ebd.)[29] Doch geht es dem Vater nicht darum, den Sohn zu seinem Ebenbild zu erziehen, er möchte vielmehr, dass Georg „alles, was seinem Ehrgeiz versagt geblieben“ (VS 165) ist, erringt. Deshalb hat er ein Zukunftsbild für ihn entworfen, das schulisch herausragende Leistungen (vgl. ebd.) und eine Karriere als verehrter Staatsmann (vgl. VS 177) beinhaltet. Dies korrespondiert jedoch nicht mit der Realität: Georg konnte den Status als Primus der Schulklasse nur im ersten Schuljahr erlangen. Seitdem wurde er von anderen Schülern immer mehr überholt (vgl. VS 171). Der Vater gibt dem „Leichtsinn“ und der „Faulheit“ des Kindes die Schuld (VS 172), anstatt sich einzugestehen, dass das Bild vom schulisch begabten Sohn nicht der Wahrheit entspricht. Selbst als der Schuldirektor Pfanner darauf hinweist, dass Georg zwar einer der fleißigsten Schüler, jedoch „nicht ungewöhnlich begabt“ (VS 193) ist, erstickt er seine Zweifel in seiner Arbeit und hält sich an dem Gedanken fest, dass der Direktor sich irrt (vgl. ebd.).

Die Novelle zeichnet jedoch kein rein negatives, sondern vielmehr ein ambivalentes Bild des Vaters.[30] Die „unerbittlich strenge Vatererziehung“[31] ist motiviert durch „die Sorge um das Wohl seines Kindes“ (VS 154). Alles Ersparte zahlt Pfanner auf das Konto des Sohnes ein, um ihm eine gute Ausbildung zu ermöglichen (vgl. VS 181).[32] Sein Blick ist in die Zukunft gerichtet: „Wohin kam er […], wenn er in seinen Leistungen von Jahr zu Jahr zurückblieb?“ (VS 171f.) Doch nur ein einziges Mal, an Georgs 14. Geburtstag, redet der Vater ruhig und „wie mit einem Ebenbürtigen“ (VS 177) mit ihm, ansonsten teilt er Befehle aus und schafft ein hierarchisches Verhältnis zu seinem Sohn, das ein gegenseitiges Verständnis vollkommen ausschließt. Georg lernt nicht, um ein in der Zukunft liegendes Ziel zu erreichen, sondern um seine momentane Lage zu verbessern. Er weiß, er muss Vorzugsschüler bleiben, damit seine Eltern nicht streiten (vgl. VS 152); er lernt, weil er gegen die Strenge seines Vaters nicht ankommt (vgl. VS 174). Auch seine plötzliche Motivation für die Schule erklärt sich nur aus dem momentanen Enthusiasmus, den sein Vater durch den Zukunftsentwurf ausgelöst hat. Die Bewunderung für den Vater und sein wiedergewonnenes Vertrauen in seine schulischen Fähigkeiten verfälschen Georgs Wahrnehmung. Abends im Bett kann er seine Fantasie noch in richtige Bahnen lenken, obwohl er sich da schon „von der Tätigkeit eines Staatsmannes […] keinen rechten Begriff“ machen kann (VS 177). Nach einer Zeit, in der er sich ausschließlich auf das Lernen und das Erlangen einer Vorzugsklasse konzentriert und sein Fleiß krankhafte Züge angenommen hat, rückt sein Ziel immer weiter weg, sein Kopf scheint ihm „weiß und leer“, sein Zustand „albern und […] peinigend[]“ (VS 178f.). Als er dem Vater jedoch seine ausweglose Situation vor Augen führt (vgl. VS 185f.), ist dieser „ratlos“ (VS 186). Wie eine Drohung wirkt Georgs verzweifeltes Geständnis auf den Vater: „‚Wenn ich noch ein ›Genügend‹ bekomme, bin ich kein Vorzugsschüler mehr. Und ich bekomme gewiß noch ein ›Genügend‹…’“ (ebd.) Nun weicht Pfanners Unsicherheit seiner üblichen Strenge: Er schlägt seinen Sohn (vgl. VS 186f.) und kann aufgrund seiner Wut das aufkeimende Mitgefühl beiseite schieben. Der Moment, in dem der Vater erkennen könnte, dass sein Sohn zwar fleißig ist, aber die hohen Ziele, die ihm vorgehalten werden, nicht erreichen kann, verstreicht ungenutzt. Dass sein Sohn den Status als Vorzugsschüler aufgeben könnte, ist für ihn unvorstellbar. Das Bild, das er sich von ihm macht, ist maßgeblich durch Georgs schulischen und später beruflichen Erfolg gekennzeichnet – liebend blickt er vor allem dann auf seinen Sohn, wenn er ihn sich „an der Spitze eines […] kleinen Vermögens“ (VS 156) vorstellt. Der Leistungsdruck, unter dem Georg steht, wird nun noch mehr verstärkt. Schlechte Noten werden zum Verbot, Nachhausekommen ist nur noch unter der Bedingung möglich, gute Leistungen zu erbringen (vgl. VS 186f.). Diese für ihn ausweglose Situation bedingt seinen Tod, an dem somit auch der Vater Schuld hat.[33] Doch erst als die Beerdigung vorbei ist und er mit Georgs Schulsachen und seinem Sparbuch am Tisch sitzt, zeigt Pfanner Anteilnahme (vgl. VS 194). Der Schluss lässt jedoch offen, ob er um seinen Sohn trauert oder um seine eigenen enttäuschten Bemühungen und den Verlust seines „Lebenszweck[s]“ (VS 153).

[...]


[1] Vgl. Endzeitrede, Matthäus 25,14-30.

[2] Vgl. Deutsches Wörterbuch, Artikel „Talent“, 2. Bedeutung.

[3] Etymologisches Wörterbuch, Artikel „Talent“.

[4] Deutsches Wörterbuch, Artikel „Talent“, 3. Bedeutung.

[5] Vgl. Duden, Artikel „Talent“, Bedeutung 1a: „Begabung, die jmdn. zu ungewöhnlichen bzw. überdurchschnittlichen Leistungen auf einem bestimmten, bes. auf künstlerischem Gebiet befähigt.“

[6] Lexikon der Psychologie, Artikel „Talent“.

[7] Ebd., Artikel „Begabung“.

[8] Diese Definition stimmt mit der von Révész überein. Vgl. Révész, Talent und Genie, S. 19.

[9] Vgl. ebd., S. 27-29 und 33. Die produktive Begabung definiert sich über ein wiederholtes Schöpfen von Neuem.

[10] Lexikon der Psychologie, Artikel „Begabung“.

[11] Arntzen, Begabungspsychologie, S. 35. Stützfunktionen sind unter anderem der eigene Antrieb, die Steuerungsfähigkeit, die Aufgeschlossenheit und das Interesse.

[12] Vgl. ebd., S. 44.

[13] Lexikon der Psychologie, Artikel „Anstrengung“.

[14] Arntzen, Begabungspsychologie, S. 25.

[15] Studien über Autorität und Familie, S. 50.

[16] Ebd.

[17] Vgl. ebd., S. 51 und 56.

[18] Ebd., S. 59.

[19] Vgl. Noob, Schülerselbstmord, S. 74 und S. 118f.

[20] Schachtel, Recht der Gegenwart, in: Studien über Autorität und Familie, S. 587-642, hier S. 620.

[21] Arntzen, Begabungspsychologie, S. 43.

[22] Ebd.

[23] Li, Motiv der Kindheit , S. 126.

[24] Zitiert wird nach Ebner-Eschenbach, Marie von: Der Vorzugsschüler, in: Unter dem Rohrstock. Schülerleben um 1900. Eine Anthologie, hg. v. Thomas Kastura, München 2000, S. 152-195. Im Folgenden werden Zitate unter Verwendung der Sigle „VS“ im Text nachgewiesen.

[25] Vgl. Ries, Sezession, S. 56.

[26] Er sieht es nicht gerne, wenn seine Frau durch Konfektionsarbeiten etwas dazu verdient (vgl. VS 164). Dies könnte seine Autorität und somit auch sein Selbstbewusstsein schmälern: Konnte er schon keine finanziellen Mittel in die Ehe mit einbringen, so will er sich zumindest über seinen außerordentlichen Fleiß Respekt verschaffen und sich beweisen, dass er eine Familie ernähren kann.

[27] Diese Atmosphäre verflüchtigt sich nur, wenn der Vater nicht zu Hause ist. Dann werden Arbeit und Fleiß durch eine „traut[e] und freundlich[e]“ (VS 168) Stimmung ersetzt und die Natur erhält in Form von Veilchensträußen und sauberer Luft Einzug in die Wohnung (vgl. ebd.). Auch die Schule hat zwischen Mutter und Sohn keinen Platz: Georg wirft „die Schultasche in weitem Bogen auf das Sofa“ (VS 169) und die Gedanken an die Zukunft werden verdrängt (vgl. ebd.). Diese Momente sind die einzigen, in denen sich Georg zu Hause wohl fühlt und nicht dem Druck ausgesetzt ist, den sein Vater auf ihn ausübt.

[28] Schon im Titel der Novelle schwingt diese Problematik mit, denn „um Leistung dreht sich das Schicksal der kleinen Beamtenfamilie schlechthin“ (Ries, Sezession, S. 51).

[29] Auch was die Ernährung betrifft, soll sein Sohn es nicht besser haben als er in seiner Kindheit (vgl. VS 175f.). Pfanner bestraft seine Frau dafür, Haushaltsgegenstände und Kleidung verkauft zu haben, um Georg eine bessere Ernährung zu ermöglichen, die er dringend nötig hat, um den Schulanforderungen gewachsen zu sein (vgl. VS 164f. und 175f.). Das bedeutet im Umkehrschluss, dass die Familie Pfanner den sozialen Aufstieg nur schaffen kann, indem sie entweder alles veräußert, was sie besitzt, oder hungert und jeden übrig gebliebenen Gulden für Georgs Ausbildung spart.

[30] Damit widerspricht die vorliegende Arbeit der von Imai vertretenen Meinung, bei Pfanner handele es sich um den „Tyrann der Familie“ (Imai, Bild des ästhetisch-empfindsamen Jugendlichen, S. 24). Die strengen Erziehungsmethoden machen Georgs Vater zwar zu einem autoritären, gefürchteten Mann, die Motivation für sein Verhalten und der daraus resultierende Tod des Sohnes lassen ihn jedoch eher zu einer „tragischen Figur“ (Ries, Sezession, S. 53) werden.

[31] Ries, Sezession, S. 52.

[32] Die Figur des Hausierers Salomon hat hierbei die Funktion, Pfanners Einstellung in ein positives Licht zu rücken: So wie Georg sich wünscht, nicht mehr in die Schule gehen zu müssen und die Spielsachen des Hausierers zu besitzen, so würde dieser alles für die Möglichkeit zu studieren geben (vgl. VS 159f.). Pfanners Bestrebungen, Geld für die Ausbildung seines Sohnes zurückzulegen, erscheinen hierdurch als sinnvolle Maßnahmen – die jedoch durch die strenge Erziehung des Vaters und die Konsequenzen für Georg überschattet werden.

[33] An Georgs Tod manifestiert sich jedoch auch seine Obrigkeitshörigkeit und somit die gelungene autoritär-hierarchische Erziehung des Vaters: Georg muss sich seinen Tod als „Märtyrertum“ (VS 191) zurechtlegen, da sein Gewissen ihm Selbstmord als Todsünde darlegt (vgl. VS 190) – so wie es ihn die Schule gelehrt hat. Auch dem Leistungsdruck entgeht Georg durch seinen Freitod nicht: In der Hoffnung, eine „Heldentat“ (VS 191) zu vollbringen, die dem Zusammenleben der Eltern nur zugute kommen kann (vgl. VS 190), zeigt sich, wie sehr er sich darum bemüht seine Eltern in irgendeiner Weise zufriedenzustellen.

Details

Seiten
19
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656112747
Dateigröße
549 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v187883
Institution / Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn – Institut für Germanistik, Vergleichende Literatur- und Kulturwissenschaft
Note
1,7
Schlagworte
Ebner-Eschenbach; Schule; 1900; Talent; Leistung; Emil Strauß; Tod; Familie

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