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Auf der Suche nach dem richtigen Beruf

Eine explorative Fallstudie über den Berufswahlprozess junger Frauen und Mädchen im Ausbildungsberuf Kauffrau für Bürokommunikation

Examensarbeit 2009 176 Seiten

Pädagogik - Berufserziehung, Berufsbildung, Weiterbildung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Ausgangslage: Jugendliche an der ersten Schwelle
1.2 Problemstellung, Vorgehensweise und Erkenntnisinteressen
1.3 Der Beruf Kaufmann/Kauffrau für Bürokommunikation

2 Theoretische Ausgangsposition
2.1 Der Prozess der Berufswahl
2.1.1 Zu den Begriffen Beruf, Berufswahl und Berufsfindung
2.1.2 Der Berufswahlprozess junger Frauen
2.2 Theorien und Erklärungsansätze zur Berufswahl
2.2.1 Berufswahltheorien im Überblick
2.2.2 Berufswahl als Entscheidungsprozess
2.2.3 Berufswahl als Allokationsprozess
2.2.4 Berufswahl als Entwicklungsprozess
2.2.5 Berufswahl als Interaktionsprozess
2.2.6 Berufswahl als Zuordnungsprozess
2.2.7 Abschließende Bewertung der Theorieansätze
2.2.8 Entscheidung für die Berufswahl nach Wähler und Witzei
2.2.9 Schlussbemerkung
2.3 Berufswahl als Teil des Sozialisationsprozesses
2.3.1 Der Prozess der beruflichen Sozialisation
2.3.2 Die doppelte Sozialisation der Frau
2.4 Einflussfaktoren auf die Berufswahl
2.4.1 Die soziale Herkunft - Elterneinfluss
2.4.2 Schulische Einflussnahme
2.4.3 Peergroups und Freundschaften
2.5 Über den Zusammenhang von Berufswahl und beruflicher Sozialisation
2.6 Zentrales Forschungsanliegen

3 Qualitative Untersuchung anhand des problemzentrierten Interviews
3.1 Methodische Vorgehensweise
3.1.1 Methodische Einordnung des problemzentrierten Interviews
3.1.2 Methodische Grundsätze des problemzentrierten Interviews
3.1.3 Begründung der Untersuchungsmethode
3.1.4 Abgrenzung zu anderen Untersuchungsmethoden
3.1.5 Mögliche Nachteile des problemzentrierten Interviews
3.2 Vorbereitung der problemzentrierten Interviews
3.2.1 Leitfadenkonstruktion
3.2.2 Auswahl der Teilnehmerinnen
3.2.3 Termin- und Ortsauswahl der Interviews
3.2.4 Datenerfassung mittels technischer Geräte
3.3 Durchführung der problemzentrierten Interviews
3.3.1 Pilotphase
3.3.2 Einstiegsphase
3.3.3 Leitfadenbefragung
3.3.4 Schlussphase
3.3.5 Aufbereitung des Datenmaterials
3.4 Auswertung mittels qualitativer Inhaltsanalyse
3.4.1 Vorgehensweise bei der Auswertung
3.4.2 Strukturierende Inhaltsanalyse
3.4.3 Kategorisierung und Kodierung
3.4.4 Vor- und Nachteile der qualitativen Inhaltsanalyse
3.5 Darstellung der Forschungsergebnisse
3.5.1 Darstellung des Berufswahlprozesses
3.5.2 Begründung der Berufswahl
3.5.3 Einschätzung der Berufswahl
3.5.4 Ursprüngliche Wunschberufe
3.5.5 Einflussfaktoren auf die Berufswahl
3.5.6 Darstellung der beruflichen Pläne

4 Interpretation und Zusammenfassung
4.1 Interpretation der Ergebnisse
4.2 Zusammenfassung der Ergebnisse

5 Schlussfolgerungen und Ausblick

Literaturverzeichnis

Anhang

Interviewleitfaden

Überblick über die Interviewpartnerinnen

Interview 1 - Rike

Interview 2 - Juliane

Interview 3 - Sarah

Kategorisierung in Tabellenform

Verzeichnis der Abbildungen

Abbildung 1 Die Vieldimensionalität von Beruf

Abbildung 2 Phasen der Berufswahl

Abbildung 3 Die vier zentralen theoretischen Ansätze zur Berufswahl

Abbildung 4 Das hexagonale Modell nach John Holland (RIASEC-Modell)

Abbildung 5 Der Zusammenhang zwischen Berufsfindung und beruflicher Entwicklung als Sozialisationsprozess

Abbildung 6 Ablaufmodell des problemzentrierten Interviews

Abbildung 7 Ablaufmodell strukturierender qualitativer Inhaltsanalyse

1 Einleitung

1.1 Ausgangslage: Jugendliche an der ersten Schwelle

Nur wenige Entscheidungen im Leben eines Jugendlichen sind so schwierig und doch so wichtig wie die Wahl des richtigen Berufes. Individuelle und gesellschaft­liche Entscheidungen begleiten ihn auf diesem Weg, der in eine bestimmte Aus­bildung mündet und somit den ersten Schritt in das spätere Erwerbsleben darstellt. Welche enorme Bedeutung dieser Schritt hat, wird deutlich, wenn man die Ver­änderungen, die mit diesem einhergehen näher betrachtet. Die jungen Menschen befinden sich in einem Prozess, der durch ständig wechselnde Lebensumstände geprägt ist. Damit verbunden ist der Übergang von der Schule ins Berufsleben, das Loslösen von den Eltern, der Erwerb neuer Freiheiten und nicht zuletzt der Verdienst des ersten eigenen Geldes. Dieser Schritt, der mitunter das Er­wachsenwerden des Jugendlichen signalisiert, gilt somit als wichtiger Einschnitt im Leben und stellt nicht zuletzt einen neuen Lebensabschnitt dar. Durch die Ent­scheidung für eine Berufsausbildung werden die Weichen für jede weitere beruf­liche Entwicklung gestellt, weshalb diesem ersten prägenden Schritt, der so­genannten „ersten Schwelle“ (vgl. Länderbericht CEDEFOP 1996, S. 4) ein hohes Maß an Bedeutung zugesprochen wird. Die berufliche Erstausbildung ist nach wie vor entscheidend für den späteren Berufseinstieg und bei jungen Frauen und Männern gleichermaßen die erste Stufe ins Erwerbsleben. Im Prozess der beruf­lichen Sozialisation, die unmittelbar mit der Berufswahl zusammenhängt, ent­wickelt der Jugendliche Fähigkeiten und Fertigkeiten, Orientierungs- und Wertvor­stellungen sowie soziale und fachliche Qualifikationen, die ihn als Mitglied der Ge­sellschaft auszeichnen und von anderen unterscheiden. Natürlich sind hierbei ebenso unzählige vorberufliche Sozialisationsaspekte nicht außer Acht zu lassen. Primäre Sozialisationsinstanzen, wie z. B. die Eltern, nehmen ebenso Einfluss auf das Berufswahlverhalten wie Sekundäre, genannt seien an dieser Stelle die Schule und der Freundeskreis. Ebenso wichtige Faktoren im Sozialisations­prozess sind das soziale Milieu, regionale und lokale Umstände und nicht zuletzt die wirtschaftlichen Bedingungen auf dem Arbeitsmarkt. Die krisenhaften Beding­ungen auf selbigem, gekennzeichnet durch ein mangelndes Angebot an Aus­bildungsplätzen, sorgen dafür, dass sich die Heranwachsenden nicht nur darüber klar werden müssen, welchen Beruf sie wählen, sondern inwiefern dieser auch Zukunft hat. Das heißt, Probleme wie die eigene Existenzsicherung und auch die Frage nach der beruflichen Selbstverwirklichung geraten in den Blickwinkel der Interessen. Themen, die für die meisten Jugendlichen neu sind und sie ver­unsichern. Die jungen Menschen treten aus der Unbefangenheit ihrer Kindheit heraus und müssen selbst entwickelte Lebensvorstellungen und Lebensentwürfe modellieren. Eine höchst anspruchsvolle Aufgabe, die nicht allein zu bewältigen ist. Die richtige Berufswahl zu treffen, stellt viele Jugendliche vor große Heraus­forderungen. Welcher Beruf hat Zukunft? Was macht mir Spaß? Bin ich den An­forderungen einer Berufsausbildung gewachsen? Fragen, mit denen sich alle Jugendlichen, in der Übergangsphase von der schulischen in die berufliche Aus­bildung, auseinandersetzen müssen. Zudem ist es notwendig die erste Berufswahl eine gewisse Zeit vor Beendigung der allgemeinen schulischen Ausbildung zu treffen. Viele Heranwachsende fühlen sich in diesem Alter aber noch zu jung für eine Erwerbstätigkeit oder können ihre persönlichen Neigungen, Fähigkeiten und Wünsche noch nicht definieren. So wird in den meisten Fällen die Entscheidung für einen Beruf von außen, durch Familie, Schule und Berufsbildungsein­richtungen, an die Jugendlichen herangetragen und zwar unabhängig davon ob sie sich dazu bereit fühlen oder nicht (vgl. Krewerth et al. 2004, S. 40). Nachvollziehbar, dass der Berufswahlprozess nicht ohne Probleme und Schwierigkeiten zu bewältigen ist. Hoffnungen und Erwartungen in Bezug auf den späteren Beruf begleiten die Jugendlichen auf ihrem Weg in die berufliche Aus­bildung. Und genauso die Angst sich für den falschen Beruf zu entscheiden, da dieser heute mehr denn je das soziale Umfeld, Einkommen, ein bestimmtes Image oder gar die gesellschaftliche Teilhabe bestimmt (vgl. ebenda, S. 40). In der Statuspassage des Übergangs der Jugendlichen von der Schul- in die Berufsaus­bildung, fällt diese erste Entscheidung für einen bestimmten Beruf recht schnell und in den meisten Fällen auch erst kurz vor dem Schulabschluss. Obwohl an dieser Stelle der Anschein erweckt werden könnte, ist die Berufswahl kein von gestern auf heute getroffener Entschluss. Es ist vielmehr so, dass die Berufswahl als ein lebenslanger Prozess zu verstehen ist, der bereits in der frühen Kindheit mit der Beschäftigung vorgelebter Identifikationsmuster beginnt, sich in ersten Träumen und Wünschen im Schulkind- und Teenageralter fortsetzt und dann erst in die Beschäftigung mit konkreten Berufszielen im Jugendalter mündet (vgl. Schober/Gaworek 1996, S. 37). Die ersten beruflichen Träume beschränken sich meist auf ein kleines Berufsfeld welches nur wenigen Menschen zugänglich ist. Jungen wollen Astronaut oder Rennfahrer werden, Mädchen eifern berühmten Sängerinnen oder Schauspielerinnen nach. Im Jugendalter verflüchtigen sich diese ersten Berufswünsche dann und die Wahl des Ausbildungswunsches wird spezieller. Es geht nun vielmehr darum, Geld mit dem gewählten Beruf zu ver­dienen. Die Ansicht, dass ein Beruf Spaß machen oder Befriedigung bringen soll wird von vielen als Luxus betrachtet. Und so kommt es, dass die meisten Berufs­entscheidungen auch heute noch eher zufällig getroffen werden und von äußeren Faktoren abhängen. Das problematische daran ist, dass viele Jugendliche gar keinen Überblick über die Arten von Berufen haben und selbst nur wenig über ihre Möglichkeiten Bescheid wissen. Sie orientieren sich meistens an ihrem Umfeld, an älteren Freunden oder Familienangehörigen, um eine Berufswahl zu treffen. So kommt es, dass ein erhebliches Ungleichgewicht zwischen Wunschberufen und tatsächlichen Ausbildungsmöglichkeiten besteht. Jugendliche wählen oftmals nach ihren Bedürfnissen und Vorstellungen einen Beruf, der aber durch mangelnde Qualifizierung, Leistung oder Eignung nicht zu ihnen passt. Vielen Jugendlichen ist es aufgrund dieser Umstände, nicht möglich nach den eigenen Vorstellungen zu entscheiden, da weiterhin Lehrstellen nicht ausreichend angeboten werden. Die Konsequenz daraus ist, dass heute viele Jugendliche in ihrem gewählten Aus­bildungsberuf unzufrieden sind und bereit wären eine andere Tätigkeit zu wählen. Das ,Ende vom Lied‘ - Schwierigkeiten und Misserfolge führen zu Ausbildungs- abbrüchen und Neuorientierungen auf dem Ausbildungsmarkt. Und das, obwohl dieser Abschnitt im Leben eines jungen Menschen, in dem er sich an der Schwelle zum Ausbildungs- und Arbeitsmarkt befindet, zweifelsfrei einer der wichtigsten und gleichzeitig auch schwierigsten ist. Die sich ständig wandelnden Bedingungen auf dem Arbeitsmarkt führen jedoch dazu, dass der zuerst gewählte Beruf nicht zwangsmäßig ein Leben lang ausgeübt werden muss. Vom Lebensberuf sind wir heutzutage weit entfernt. Unter Berücksichtigung aller Schwierigkeiten sind sich junge Frauen und Männer dennoch in einem Punkt einig. Die Berufsausbildung ist für die meisten eine Selbstverständlichkeit. Allerdings befinden sich junge Frauen bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz in einem Beruf mit hohen Arbeits­marktchancen in einer schwierigeren Lage als junge Männer. Sie müssen sich in ihrem Berufsfindungsprozess zugleich mit der geschlechtsspezifischen Frage nach Familie und Kindern auseinandersetzen und somit die schwierige Aufgabe lösen den richtigen Beruf zu wählen, der es möglich macht Familie und Erwerbs­arbeit miteinander zu vereinen. Die Berufswahl ist somit für Mädchen noch an­spruchsvoller als für Jungen. Junge Frauen und Mädchen sind nach wie vor in einem sehr engen und traditionellen Berufsspektrum anzutreffen. Bei jungen Frauen gibt es eine Konzentration auf besonders beliebte Berufe. Sie wählen beim Übergang in die Berufswelt im Allgemeinen frauentypische Berufe[1]. Bei rund 360 bestehenden Ausbildungsberufen erfreuen sich besonders Büro- und Dienst­leistungsberufe bei jungen Frauen und Mädchen wachsender Beliebtheit. Vor dem beschriebenen Hintergrund stellt sich grundsätzlich die Frage nach dem Berufs­wahlprozess von Mädchen und jungen Frauen in dem benannten Berufsfeld. Die spezielle Problematik die im Rahmen dieser Arbeit behandelt wird, soll im folgenden Abschnitt detaillierter dargestellt werden.

1.2 Problemstellung, Vorgehensweise und Erkenntnisinteressen

Die Problematik der Berufswahl im Lebenszusammenhang junger Frauen und Mädchen ist sicherlich nicht neu und umfasst bereits eine scheinbar unüberschau­bare Zahl von Publikationen und Forschungsprojekten. Entsprechend liegen hier­zu verschiedene Erklärungsansätze vor, die die Berufswahl aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachten und in den Folgekapiteln näher erläutert werden. Trotz der Fülle an Erklärungsansätzen kann jedoch davon ausgegangen werden, dass die Ergebnisse im Rahmen dieser Arbeit, insbesondere in dem ausgewählten Berufs­feld des Dienstleistungssektors, das Berufswahlverhalten von jungen Frauen und Mädchen transparenter machen können. Mehrere Gründe und die daraus ab­geleiteten Ziele lassen auf diese Annahme schließen. Der Anteil der erwerbs­tätigen Frauen im tertiären Sektor nimmt stetig zu (vgl. Heinz 1995, S.24). Doch warum ist das so? Sicherlich ist dieser Prozess eine Folge der ständig steigenden Nachfrage nach Arbeitskräften auf diesem Gebiet. Doch die zentrale Frage die sich an dieser Stelle stellt, ist die nach den Gründen junger Frauen auf dem Weg in einen Beruf aus dem Dienstleistungssektor, im Speziellen im Beruf Kauffrau für Bürokommunikation. Welche Ursachen und Motive tragen zu der Entscheidung bei einem frauentypischen Beruf zu wählen?

Einigkeit besteht bei den jungen Erwachsenen darüber, dass eine abgeschlossene berufliche Qualifizierung heute Bestandteil der Lebensplanung und somit zur Selbstverständlichkeit geworden ist. Nicht einmal die schwierige Lage auf dem Ausbildungsmarkt kann dazu beitragen, sich gegen einen Beruf zu entscheiden und die eigene Existenzsicherung außer Acht zu lassen. Eine abgeschlossene Berufsausbildung ist für Frauen, wie auch für Männer, heute von hoher Bedeut­ung, da diese die Voraussetzung für eine spätere Erwerbsarbeit ist. Allerdings sind junge Frauen und Mädchen auch heute immer noch in eher frauentypischen Be­rufen und einem engeren Berufsspektrum anzutreffen, vorwiegend im kauf­männischen Bereich. Wie viele andere Berufe im Dienstleistungssektor erfreut sich eben auch der Beruf Kauffrau für Bürokommunikation wachsender Beliebtheit bei jungen Frauen. Deshalb soll im Rahmen dieser Arbeit der Frage nachge­gangen werden, welche inneren und äußeren Rahmenbedingungen das bio­grafische Handeln der Probandinnen in der Phase der Berufswahl geleitet haben und warum sie ausgerechnet diesen kaufmännischen Beruf gewählt haben und keinen anderen. Ein besonderes Interesse gilt hierbei der retrospektiven Be­schreibung des Berufswahlprozesses junger Frauen die sich unmittelbar in der Ausbildung zur Kauffrau für Bürokommunikation befinden. Welche Ent­scheidungen haben zu dieser Wahl beigetragen? Welche Gründe geben die Pro­bandinnen für ihre Berufswahl an? Ausgehend von dieser Fragestellung soll weiterhin das Berufswahlverhalten junger Frauen und Mädchen im beschriebenen Ausbildungsberuf näher beleuchtet werden. Sozialisationsprozesse spielen hierbei eine wesentliche Rolle. Das bedeutet, dass gerade die geschlechtsspezifische Sozialisation über geschlechtsbezogene Interaktionen innerhalb einer Gesellschaft aufbaut, in der bestimmte Vorstellungen und Erwartungen gegenüber Jungen und Mädchen existieren und nicht zuletzt durch Instanzen wie Familie, Gleichaltrige und Schule beeinflusst werden (vgl. Zimmermann 2006, S. 177f.). Dies zu über­prüfen ist Aufgabe dieser Arbeit. Zahlreiche Studien belegen bereits, dass sich gerade Mädchen an ihrem unmittelbaren Umfeld orientieren, wenn es um die Berufswahl geht. Eltern und Gleichaltrige beeinflussen diesen Prozess maßgeb­lich. Dennoch kommt es heutzutage immer häufiger zu nicht realisierten Berufs­vorstellungen. Mädchen wie auch Jungen können immer seltener ihre Wunsch­berufe erlernen. Eine Folge der sich verschlechternden Bedingungen auf dem Ausbildungsstellenmarkt, der eigenen Unsicherheit und mangelnden schulischen Voraussetzungen der Jugendlichen. Interessant wird es an dieser Stelle, wenn man nach den Gründen fragt, die dazu geführt haben den ursprünglichen Wunschberuf aufzugeben und eine weniger bevorzugte Ausbildung anzufangen. Welche Diskrepanzen bestehen zwischen dem Traumberuf und dem tatsächlich gewähltem? Welche Faktoren spielten bei der Wahl des Ausbildungsberufes Kauf­frau für Bürokommunikation eine wesentliche Rolle? Und wie bewerten und be­urteilen die jungen Berufswählerinnen im Nachhinein ihre Wahl? Im Zentrum dieser explorativen Fallstudie steht deshalb die individuelle Suche nach dem richtigen Beruf mit den verbundenen Problemen bei jungen Frauen und Mädchen, die durch verschiedene Variablen beeinflusst wird. Was bewegt junge Frauen da­zu, sich für den Beruf Kauffrau für Bürokommunikation zu entscheiden, der sich erwiesenermaßen sehr hoher Beliebtheit erfreut, Tendenz steigend. Welche Rolle spielen dabei primäre und sekundäre Sozialisationsinstanzen und kann unter diesen Umständen von freier Berufswahl gesprochen werden, wenn doch die aktuelle Situation auf dem Ausbildungsstellenmarkt diese Frage verneint? Wie wird die Wahl eines Berufes, der nicht den ursprünglichen Vorstellungen entspricht begründet und gegebenenfalls auf die sozialen Rahmenbedingungen zurück ge­führt? Im Besonderen interessiert an dieser Stelle wie die Ausbildungswahl be­gründet wird und ob der Beruf Kauffrau für Bürokommunikation der Wunschberuf war oder ob es sich eher um eine Berufszuweisung handelte ganz nach dem Motto „Hauptsache überhaupt einen Beruf erlernen“. Wie zufrieden sind die Pro- bandinnen mit ihrer Wahl und welche beruflichen Pläne haben sie im Anschluss an ihre Berufsausbildung? Werden sie auch nach der Ausbildung als Kauffrauen für Bürokommunikation arbeiten oder streben sie weitere berufliche Quali­fizierungen an?

Ziel dieser Arbeit ist es, den Berufswahlprozess von jungen Frauen und Mädchen im benannten Ausbildungsberuf darzustellen, um dabei auf die Probleme die mit der Berufswahl zusammenhängen hinzuweisen. Im Rahmen dieser Arbeit soll daher die Frage geklärt werden, wodurch der Prozess der Berufswahl eigentlich bestimmt wird, dem sich junge Frauen gegenübergestellt sehen. Darüber hinaus, soll auf Unterschiede bei der Berufsfindung hingewiesen werden, die sich eventuell aus verschiedenen Schulabschlüssen ergeben haben könnten.

Die Probleme offenzulegen, die sich aus der ersten Berufswahl bei jungen Frauen und Mädchen ergeben und warum die einmal getroffene Entscheidung nicht die endgültige sein muss soll ein weiteres Ziel dieser Arbeit sein, um so den Berufs­wahlprozess junger Frauen die ihren Beruf im tertiären Sektor gewählt haben, nachzeichnen und analysieren zu können. Die Herausforderung der Berufswahl soll anhand ausgewählter Beispiele im benannten Berufsfeld aufgezeigt werden, indem die Probandinnen ihren Berufswahlprozess aus heutiger Sicht beschreiben. Als Grundlage dient an dieser Stelle eine Methode der qualitativen Sozial­forschung, das problemzentrierte Interview. Mit den durch Leitfragen gewonnenen Daten sollen schließlich Hypothesen zur Berufswahl und dem Verhalten junger Frauen in diesem Prozess aufgestellt werden. Im Anschluss soll mittels qualitativer Inhaltsanalyse auf Unterschiede in der Verarbeitung der Berufswahl hingewiesen werden. Unter Einbeziehung ausgewählter Erklärungsansätze zum Berufswahl­verhalten von Jugendlichen soll versucht werden, die bereits vorhandenen wissenschaftlichen Erkenntnisse zu untermauern. Als theoretische Basis dienen ausgewählte Berufswahltheorien, auf welche im Vorfeld der Analyse näher ein­gegangen wird und die damit Teilantworten auf die gestellten Fragen geben können. Die gewonnenen Erkenntnisse sollen die Berufswahl junger Frauen und Mädchen transparenter machen, um so den Übergang von der Schul- in die Aus­bildungszeit unter den erschwerten Bedingungen des Ausbildungsstellenmarktes zu erleichtern und um auf ausgewählte Probleme im Berufswahlprozess hinzu­weisen.

1.3 Der Beruf Kaufmann/ Kauffrau für Bürokommunikation

Alle Probandinnen, die an dieser wissenschaftlichen Fallstudie teilgenommen haben, befinden sich in der Ausbildung zur Kauffrau für Bürokommunikation, wes­halb im Folgenden das Berufsprofil näher beschrieben werden soll.

Kaufmann/-frau für Bürokommunikation ist ein anerkannter Ausbildungsberuf nach dem Berufsbildungsgesetz (BBiG). Dieser Beruf befähigt zur Beschäftigung in allen wirtschaftlichen Bereichen von Industrie, Handel, Verwaltung, bei Ver­bänden, Sozialeinrichtungen und sogar in freien Berufen. In den Wirtschafts­zweigen verschiedenster Betriebe erledigen Kaufleute für Bürokommunikation Sekretariats- und Assistenzaufgaben sowie bereichsbezogene kaufmännisch­verwaltende Tätigkeiten (vgl.: http://www.hwk-hamburg.de/ausbildung/beruf/121/). Dabei sind umfassende Kenntnisse in den neusten Kommunikationstechniken wie Computer, Fax, Diktiergeräte und Telefonanlagen unabdinglich. Die hauptsäch­liche Arbeit in diesem Beruf besteht darin Termine zu planen, Dateien und Statistiken zu erstellen, den Schriftverkehr zu bearbeiten, Sitzungen und Be­sprechungen vorzubereiten, Kunden zu betreuen und bei Verkaufsgesprächen zu assistieren(vgl.:http://www.ev-heimstiftung.de/cm2/public/www/library/files/26/kfbk _jan_2007.pdf). Je nach Aufgabengebiet können Kaufleute für Büro­kommunikation auch in Bereichen der Personalverwaltung, Rechnungswesen oder Öffentlichkeitsarbeit mitarbeiten. Die schulischen Voraussetzungen entsprechen dem Mindestniveau eines guten Hauptschulabschlusses, aber ebenso sind Be­werber mit einem Realschulabschluss oder Abitur gern gesehen. Eine berufliche Vorbildung ist nicht erforderlich. Abgesehen von den formalen Voraussetzungen ist auch die persönliche Eignung des Berufswählers für ein Unternehmen von Be­deutung. Wichtige Eigenschaften und Fähigkeiten aus betrieblicher Sicht sind gute Kenntnisse in Rechtschreibung und Zeichensetzung, sprachliche Gewandtheit, grundlegende EDV-Kenntnisse, Interesse an Bürokommunikation und nicht zu vergessen die Freude an kaufmännischen Tätigkeiten (vgl.: ebenda). Weiterhin sollte ein jeder Bewerber über einen gewissen Ordnungssinn und Organisations­talent verfügen, sowie genau und verantwortungsbewusst handeln.

Die Ausbildung in diesem Beruf dauert drei Jahre und wird in Betrieb und Berufs­schule, der sogenannten dualen Ausbildung gelehrt. Auch eine rein schulische Ausbildung ist möglich. Die Ausbildung beinhaltet schwerpunktmäßig unter anderem die betriebliche Organisation und deren Funktionszusammenhänge, Be­schaffung und Auftragsbearbeitung, Bürowirtschaft und Statistik, Betriebliches Rechnungs- und Personalwesen sowie schwerpunktmäßig die bereits an­gesprochenen Assistenz- und Sekretariatsaufgaben (vgl.: ebenda). Nach erfolg­reich bestandener Zwischen- und Abschlussprüfung vor der zuständigen Handels­kammer arbeiten Kaufleute für Bürokommunikation vorwiegend in den Verwal­tungsabteilungen von Unternehmen aller Wirtschaftsbereiche und Unternehmen der gewerblichen Wirtschaft (vgl.:http://infobub.arbeitsagentur.de). Der Beruf Kauf­frau für Bürokommunikation wird nach wie vor hauptsächlich durch das weibliche Geschlecht repräsentiert, wodurch sich die Wahl des Themas dieser wissenschaft- lichen Hausarbeit im Zusammenhang mit diesem Ausbildungsberuf begründet. Weiterhin begründet sich die Thematik dadurch, dass man als zukünftiger Berufs­schullehrer, als zukünftige Berufsschullehrerin im Bereich Wirtschaft und Ver­waltung täglich mit dem Ausbildungsberuf Kaufmann/ Kauffrau für Büro­kommunikation und den dazugehörigen Auszubildenden zu tun hat und es somit sinnvoll ist, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen.

2 Theoretische Ausgangsposition

2.1 Der Prozess der Berufswahl

2.1.1 Zu den Begriffen Beruf, Berufswahl und Berufsfindung

Die Aufnahme eines Berufes charakterisiert auch heute noch den Übergang eines Jugendlichen zum Erwachsenen. Gesellschaftliches Ansehen, der eigene Selbst­wert, sozialer und finanzieller Status sind neben der reinen Existenzsicherung die Hauptgründe für die Aufnahme einer beruflichen Tätigkeit. Dabei ist der alltags­sprachliche Berufsbegriff vielschichtig, mehrdeutig und umstritten, da er im all­gemeinen Sprachgebrauch nicht eindeutig verwendet und häufig mit den Begriffen „Arbeit“ oder „Job“ gleichgesetzt wird. Ursprünglich war das Wort Beruf ein religiöser Begriff. Es meinte die von Gott ausgehende Berufung für eine Tätigkeit und wurde von LUTHER auch auf weltliche Aktivitäten übertragen (vgl. Kohli 1973, S. 4). Im allgemeinen Sprachgebrauch des 19. Jahrhunderts verfestigte sich der Begriff "Beruf" und ist seitdem aus dem heutigen Wortschatz nicht mehr wegzu­denken. Im Zuge der Industrialisierung etablierte sich dieser Begriff und hat im Laufe der Zeit zunehmend an Bedeutung gewonnen. Heute dient der Beruf vor allem der Sicherung des Lebensunterhalts und der Verwirklichung der individuellen Lebensvorstellungen. Letztendlich bestimmt der Beruf über den sozialen Status und die gesellschaftliche Teilhabe.

BECK, BRATER und DAHEIM brachten 1980 die Komplexität und Vielschichtigkeit des Berufsbegriffs in einer Definition zusammen: „Berufe sind relativ tätigkeits­unabhängige, gleichwohl tätigkeitsbezogene Zusammensetzungen und Ab­grenzungen von spezialisierten, standardisierten und institutionell fixierten Mustern von Arbeitskraft, die u.a. als Ware am Arbeitsmarkt gehandelt und gegen Be­zahlung in fremdbestimmten, kooperativ-betrieblich organisierten Arbeits- und Produktionszusammenhängen eingesetzt werden“ (HEINZ 1995, S. 22). So ist der Beruf eindeutig als Gliederungsprinzip der Gesellschaft zu verstehen. An oberster Stelle steht heute der Beruf als zentrales Instrument zur Sicherung des Lebens­unterhalts, durch den der Mensch eine Gegenleistung in Form von Geld für seine Arbeitskraft bekommt. Nicht zuletzt aus diesem Grund spielen Begriffe wie Leistungs-, Arbeits- und Erwerbsgesellschaft in unserer modernen Gesellschaft eine bedeutende Rolle (vgl. ebenda, S. 18). Allerdings geht das heutige Berufs­verständnis etwas weiter und ist durchaus mehrdimensional. So hält DOSTAL den traditionellen Berufsbegriff für überholt und veraltet in Bezug auf die sich ständig wandelnden Arbeits- und Lebensbedingungen der heutigen Gesellschaft. Er fordert eine Neuabgrenzung des Begriffs, um der Dynamik der Erwerbsarbeit, die zunehmend nur noch durch „Jobs“ oder „Tätigkeiten“ gekennzeichnet ist, gerecht zu werden. Genannte dienen nämlich ausschließlich dem Verdienen von Geld und sind somit vom eigentlichen Berufsbegriff zu unterscheiden. Für DOSTAL zeichnet sich der Beruf durch Wechselbeziehungen zwischen eben diesem, arbeitsplatz­gebundenen Anforderungen und berufsbezogenen Qualifikationen aus, wie folgende Abbildung verdeutlichen soll.

Abbildung 1: Die Vieldimensionalität von Beruf

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Beruf meint an dieser Stelle, eine Merkmalkombination in Bezug auf eine vor­gegebene Arbeitsaufgabe. Es bedarf der Qualifikation der jeweiligen Arbeitskraft, die sich aus Fachkompetenz und Sozialkompetenz zusammensetzt. In der Berufs- forschung des IAB[2] wird ein Beruf durch folgende Merkmale definiert. Er besteht aus einem Bündel von Qualifikationen, welche auf das Wissen und die Sozial­kompetenz der Arbeitskraft ausgelegt ist. Dazu gehören Aufgabenfelder die durch die Kombination von Arbeitsmitteln, Objekten und dem Arbeitsumfeld geprägt sind. Letztendlich sind es zudem die hierarchischen Handlungsspielräume des Einzel­nen, welche einen Beruf auszeichnen. Diese ergeben sich aus dem Zusammen­spiel von Arbeitsplatz (Betrieb), der bestimmte Anforderungen hat, und Arbeits­kraft, dem Arbeitnehmer (vgl. Dostal 1998, S. 440). Das Objekt oder Produkt was im Zuge dieses Zusammenspiels entsteht ist durch eine klare Arbeitsaufgabe definiert, die sich aus dem Einklang von Arbeitsmitteln, Arbeitsmilieu, Funktions­bereich, Autonomie und Status ergibt (vgl. ebenda, S. 440).

Der Beruf definiert sich allerdings nicht nur durch die Beschreibung der Arbeits­aufgaben. Ein Beruf grenzt ebenso die Gestaltungsmöglichkeiten eines Menschen in seinem Privatleben ein. Der Beruf gilt zwar nach wie vor als wichtigste Ein­kommensquelle, doch sind weitere Funktionen, wie Selbstverwirklichung, Auto­nomie, Identitätsfindung und soziales Ansehen in der Gesellschaft nicht zu ver­nachlässigen (vgl. ebenda, S. 440). Deshalb ist für Jugendliche die erste Berufs­wahl so wichtig bei der weiteren Lebensplanung und -gestaltung. Da die Berufs­wahl allerdings keine Entscheidung ist, die man von heute auf morgen fällt, ver­stehen wir diese als einen langfristigen Prozess der bereist in der Kindheit beginnt und auch nicht mit dem Beginn einer Berufsausbildung beendet ist. Unter dem Wort Berufswahl versteht man allgemein den „Entscheidungsprozess eines Jugendlichen zwischen Alternativen von Berufen, die für ihn am besten ge­eignetste Wahl zu treffen“ (vgl. Grüner et al. 1982, S. 89). Beeinflusst wird dieser Prozess vom Elternhaus, der Schule, den eigenen Wünschen und Träumen sowie auch von räumlichen und ökonomischen Lebensumständen. Im Hinblick auf die sich ständig verändernde Arbeitswelt müssen sich die Jugendlichen entscheiden, welchen Beruf sie erlernen wollen um von diesem Standpunkt aus ihre Zukunft zu planen. Deshalb wird der Begriff Berufswahl an dieser Stelle als selbstständige Entscheidung des Jugendlichen betrachtet, der sich einen Beruf durch Prüfung seiner Optionen ausgesucht hat. HERZOG, NEUENSCHWANDER und WANNACK teilen diesen Prozess der Berufswahl in sechs Phasen wie die folgende Abbildung verdeutlicht.

Abbildung 2: Phasen der Berufswahl

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: PANORAMA 2/2004, S.36

Die erste Phase der diffusen Berufsorientierung ist gekennzeichnet durch frühe Kindheitsträume, die die Vorstellung von einem Beruf beherrschen. Die zweite Phase, die Konkretisierung der Berufsorientierung, beginnt nahezu zeitgleich mit der Pubertät. Die Wünsche werden nun konkreter und können präziser be­schrieben werden. An diese zweite Phase knüpft die aktive Suche nach einem Ausbildungsplatz an die durch jene Jugendliche abgelöst wird, die bereits einen Ausbildungsplatz gefunden haben. Dies ist die vierte Phase, die Konsolidierung der Berufsfindung. In der fünften Phase wird die geplante berufliche oder auch schulische Ausbildung realisiert. Die sechste Phase beschreibt zuletzt den Eintritt ins Erwerbsleben (vgl. Panorama 2/2004, S. 36). An diesem, von den genannten Autoren, entwickeltem Modell lässt sich die Berufswahl als Prozess sehr gut ver­deutlichen. An dieser Stelle sei aber angemerkt, dass es sich um ein Modell handelt, welches durchaus nicht auf jeden Jugendlichen zutrifft und somit immer unter einem gewissen Vorbehalt betrachtet werden muss. So können beispiels­weise einige Phasen mehrmals durchlaufen werden. Geeignet scheint diese Dar­stellung um aufzuzeigen, dass die Berufswahl keine punktuelle Entscheidung ist, sondern als ein Prozess zu verstehen ist, der mehrere Lebensjahre oder auch das ganze Leben andauert. Der Begriff Berufswahl wird im Folgenden als das Recht auf freie Wahl des Berufes, wie es im Artikel 12 des Grundgesetzes festgehalten wird, verstanden. Dies unterstellt aber ein auswahlfähiges und qualifiziertes An­gebot, welches unter heutigen Umständen wohl kaum mehr gegeben ist. Daher trägt der Begriff Berufsfindung dem tatsächlichen Prozesscharakter eher Rechnung. Berufsfindung meint, die Verarbeitung verschiedener Lebens- und Arbeitserfahrungen, die die Individuen in ihrem beruflichen Sozialisationsprozess durchlaufen (vgl. Schober/Gaworek 1996, S. 78). Weiterhin kann nicht davon aus­gegangen werden, dass die einmal getroffene Entscheidung für einen bestimmten Beruf ein Leben lang dieselbe bleibt. Heute sind wir weit davon entfernt, unter den Bedingungen der sich ständig ändernden Anforderungen des Arbeitsmarktes, den einmal gewählten Beruf ein Leben lang auszuüben. Wie auch diese explorative Fallstudie zeigen wird, muss die erste Berufswahl nicht die endgültige sein und kann durch verschiedene Faktoren beeinflusst werden.

Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass der Prozess der Berufswahl des­halb so wichtig ist, weil nahezu jeder Jugendliche diesen durchläuft und zudem die erste berufliche Ausbildung Voraussetzung für die spätere Erwerbstätigkeit, eventuelle Berufswechsel oder Spezialisierungen sowie Voraussetzung für Weiterbildungsmöglichkeiten ist. Das dieser Prozess bei jungen Frauen und Mädchen mit zusätzlichen Problemen und Entscheidungen belastet ist, soll folgender Abschnitt darstellen.

2.1.2 Der Berufswahlprozess junger Frauen

Eine berufliche Ausbildung und ein erlernter Beruf haben für junge Frauen, genau­so wie für junge Männer, heute einen hohen Stellenwert. Dennoch finden sich deutliche geschlechtsspezifische Unterschiede im Berufswahlprozess die bereits schon im frühesten Kindesalter zu verzeichnen sind. So werden Mädchen schon sehr früh auf ihre geschlechtsspezifischen Rollen festgelegt, indem sie ihre er­wachsene Umwelt genauestens beobachten und versuchen zu kopieren. Dieses Phänomen lässt sich bereits im frühen Kindesalter beobachten, indem Rollen­spiele mit Puppen inszeniert werden und sich dies auch in der Fürsorge für Andere zeigt (vgl. Schober/Gaworek 1996, S. 38). Dieses soziale Verhalten, bzw. das Kopieren sozialer Rollen, mündet dann in die ersten Gedanken eines späteren Traumberufs. So ergab eine Repräsentativstudie des IJF[3] aus dem Jahr 1995 bei 6- bis 14jährigen Kindern, dass die Wunschberufe bereits im Kindesalter sehr differenziert sind. Mädchen wollen der Studie nach gerne Tierärztin, Kranken­schwester, Ärztin, Lehrerin, Sängerin oder Friseurin werden. Jungen wählen im Gegenzug eher Traumberufe aus, die mehr Spannung und Abenteuer ver­sprechen, wie beispielsweise Pilot, Polizist oder Rennfahrer (vgl. ebenda, S. 41). Im Jugendalter verselbstständigen sich diese Berufswünsche zunehmend und werden der Gegenwart angepasst. Mädchen wie Jungen entwickeln neue Interessen und erkennen die Notwendigkeit mit dem gewählten Beruf Geld zu ver­dienen. Ungefähr mit 13 Jahren beginnen Jugendliche darüber nachzudenken, welchen Beruf sie ausüben könnten. Im Allgemeinen fällt die Entscheidung für einen bestimmten Beruf ein bis zwei Jahre vor Beendigung der Schulausbildung. Schon allein aus diesem Grund wird der Eindruck erweckt, die Berufswahl wäre eine einmalige Entscheidung. Betrachtet man aber den Prozess, der sich dahinter verbirgt und schon in der frühen Kindheit beginnt, wird schnell deutlich, dass die Berufswahl eine jahrelang überdachte Entscheidung ist. Die Verarbeitung ver­schiedenster Lebens- und Arbeitserfahrungen und ein permanentes Abwägen der individuellen Interessen und Möglichkeiten stehen damit im unmittelbaren Zu­sammenhang. In der biografischen Planung von jungen Frauen ist der Beruf zum zentralen Bestandteil ihres Lebens geworden. Das war nicht immer so. Noch im Leitbild des 19. Jahrhunderts war die Frau allein für Hausarbeit und Familie ver­antwortlich und in der Regel nicht berufstätig. Der Mann war für die finanzielle Existenzsicherung verantwortlich, die Frau für die Erziehung der Kinder. Das Bild der Frau änderte sich zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Eine abgeschlossene berufliche Qualifizierung ist heute Bestandteil der Lebensplanung junger Frauen. 84 Prozent der jungen Frauen im Alter von 20 bis 30 Jahren besitzen eine ab­geschlossene berufliche Ausbildung (vgl. APuZ 28/2004, S. 32). Der Beruf gewinnt bei Frauen immer mehr an Bedeutung und platziert sich im persönlichen Stellen­wert in nicht wenigen Fällen sogar vor Familie und Partnerschaft. In den meisten Fällen muss die Familienplanung zugunsten der beruflichen Ausbildung in den Hintergrund treten. War früher Familie und Hausarbeit Zielsetzung und Inhalt des weiblichen Lebensentwurfs, so hat die berufliche Bedeutung neben der Familie zu einer „doppelten Lebensführung“ geführt. Weibliche und männliche Normalbio­grafien sind auf dem Weg sich anzugleichen. Frauen sind nicht nur zunehmend unabhängiger und selbstbewusster geworden, sondern erzielen auch immer höherwertigere Abschlüsse an den allgemeinbildenden Schulen. Sie haben ihre männlichen Mitstreiter in der schulischen Erfolgsbilanz bereits eingeholt, ja zum Teil sogar überholt. Diese Entwicklungen gehen nicht zuletzt auf die gesellschaft­lichen Wandlungsprozesse zurück. Das traditionelle Rollenbild der Frau ist längst überholt und veraltet. Frauen beteiligen sich ebenso wie Männer an Bildungs­systemen und erhöhen somit ihre Berufschancen. So verlassen Mädchen oftmals die Schule mit besseren Noten als ihre männlichen Mitschüler. Doch trotz der, im Vergleich zu jungen Männern, besseren Bildungsabschlüsse, gestaltet sich die Situation für junge Frauen auf dem Ausbildungsmarkt nach wie vor schwierig. Immer noch sind Frauen in einem sehr engen „frauentypischen“ Berufsfeld anzu­treffen, vor allem im Büro- und Dienstleistungsbereich. Nicht zuletzt dadurch, dass kaum praktische Arbeitserfahrungen vorliegen und sich die Interessen der jungen Frauen doch noch eher an ihrem persönlichen Umfeld orientieren. Mit Arbeit und Beruf verbinden junge Frauen eine sinnstiftende, den Alltag strukturierende Be­schäftigung (vgl. Schober/Gaworek 1996, S. 81). Ein Leben ohne Arbeit ist für die Meisten kaum vorstellbar und somit zentraler Bestandteil der Lebensplanung. Allerdings gestaltet sich die Situation auf dem Arbeitsmarkt für junge Frauen schwieriger als für ihre männlichen Kollegen. Sie müssen ihre beruflichen Vor­stellungen und Wünsche den geschlechtsspezifischen Bedingungen des Aus­bildungsplatzangebotes anpassen. Ob somit der Prozess der Berufswahl erfolg­reich ist, hängt mitunter auch davon ab, ob die Phase des Einstiegs in die Arbeitswelt gelingt oder nicht. Nicht selten ist die Erstausbildung die falsche Wahl. Viele junge Frauen orientieren sich noch einmal um, verwerfen ihre erste Berufs­wahl und weichen auf andere Berufsfelder aus. Nach wie vor bestehende geschlechtsspezifische und geschlechts-hierarchische Strukturen hindern Mädchen und Frauen daran, sich frei nach ihren individuellen beruflichen Bedürf­nissen zu entscheiden und zu entfalten. Von einer Gleichberechtigung im Berufs­leben kann zu Beginn des 21. Jahrhunderts keine Rede sein.

Abschließend kann die Berufswahl junger Frauen somit als Prozess verstanden werden, der von individuellen und gesellschaftlichen Faktoren abhängt und mit­unter zu Krisen und mehreren Berufswechseln führen kann. Inwieweit der Berufs­wahlprozess mit den dazugehörigen Problemen, Unsicherheiten und manchmal auch Fehleinschätzungen junger Frauen in dieser Arbeit nachgebildet werden kann, wird sich noch herausstellen.

2.2 Theorien und Erklärungsansätze zur Berufswahl

2.2.1 Berufswahltheorien im Überblick

Zu Erklärung des Berufswahlprozesses bietet die Wissenschaft eine Fülle von Berufswahltheorien an. Durch die vielen Einflüsse und Faktoren die diesen Prozess begleiten, kann man nicht von einem allein gültigen Ansatz sprechen. Somit gibt es eine Vielzahl von Theorien die versuchen die Berufswahl zu er­läutern. Es würde an dieser Stelle aber den Rahmen der Arbeit sprengen, sie in ihrer ganzen Breite vorzustellen und zu diskutieren. Daher wurde unter folgenden Aspekten eine Auswahl getroffen. Ausgehend vom allgemeinen Grundproblem, der zentralen Frage wie der einzelne zu seinem Beruf kommt, sollen einige aus­gewählte Theorien daraufhin untersucht werden, wie diese Frage zu beantworten ist. Weiterhin argumentieren die ausgesuchten Berufswahltheorien in ihren Be­gründungen sehr unterschiedlich, wodurch das Themengebiet umfassend ein­gekreist wird. Im Folgenden soll somit deutlich gemacht werden, inwiefern sich die Konzepte der Wissenschaft unterscheiden, durch welche Merkmale sie begründet werden und wo die Grenzen dieser Theorien liegen. Eine Vorauswahl der Berufs­wahltheorien soll an dieser Stelle getroffen werden, denn kaum ein anderer Unter­suchungsbereich weist derart unterschiedliche Konzeptionen auf.

In Mitteleuropa sind erst seit Ende der 1960er Jahre verstärkte Bemühungen er­kennbar, die bereist in den USA entwickelten Theorien und Forschungsergebnisse zu verarbeiten und weiterzuentwickeln (vgl. Bender-Szymanski 1980, S. 4). Das zentrale Problem in der Berufswahlforschung blieb dennoch bis heute bestehen. Die Tatsache, dass alle Konzeptionen die Berufswahl aus sehr unterschiedlichen Blickwinkeln betrachten und somit nur wenig Gemeinsamkeiten aufweisen. Trotzdem ist jede Berufswahltheorie von zwei Ansatzpunkten aus zu betrachten: einerseits von dem Individuum selbst, welches einen Beruf wählt und andererseits von den gesellschaftlichen Institutionen, der eigentlichen Berufswelt (vgl. Beinke 2006, S. 30). Nun stellt sich zunächst die zentrale Frage, welche Bedingungen zur Wahl eines bestimmten Berufes führen und warum der Eine diesen und der Andere jenen Beruf wählt. Generell wird in allen theoretischen Konzeptionen von einem Prozess der Berufswahl ausgegangen der durch äußere und innere Rahmenbedingungen beeinflusst wird. KOHLI, der die drei Haupteinflussfaktoren auf das Berufswahlverhalten in drei Ansätzen zu erklären versucht, definiert diesen Prozess als ein Geschehen, welches aus einer Abfolge von unterscheid­baren, miteinander verknüpften Zeitperioden besteht (vgl. Kohli 1973, S. 7). Im Interesse seiner Betrachtungen stehen dabei einerseits der Inhalt dieser Zeit­perioden und andererseits die zeitliche Abfolge dieser. Wie schon erwähnt, hat KOHLI drei Ansätze zur Berufswahltheorie entwickelt die in groben Zügen in die Dimension der soziologisch/psychologischen Fragestellung eingeordnet werden können. Nach Kohli kann man Berufswahlprozesse unter entwicklungs-, entscheidungs- und allokationstheoretischen Aspekten interpretieren. Der allokationstheoretische Ansatz stellt besonders die von den gesellschaftlichen Institutionen und von der Umwelt insgesamt ausgehenden Einflussfaktoren auf die Berufswahl in den Mittelpunkt und ist somit soziologisch ausgerichtet (vgl. Beinke 2006, S. 30). Im Gegensatz hierzu geht der entscheidungstheoretische Ansatz, wie auch die vielfältigen psychologischen Berufswahltheorien, zunächst vom Individuum selbst und dessen Motivation einen Beruf zu ergreifen, aus. Diese Fragestellung ist somit psychologischer Natur. Die Berufswahl als Entwicklungs­prozess kann anders als die beiden vorherigen Ansätze sowohl psychologisch als auch soziologisch verstanden werden. Da die ganze Entwicklungsgeschichte des Individuums von Bedeutung ist, kann die Problemsituation des Berufswählenden durch psychische oder soziale Einflüsse erklärt werden (vgl. Kohli 1973, S. 8). Eine Verbindung zwischen dem Berufswähler und der Berufswelt wird somit her­gestellt. Aus der Sicht KOHLIS erklären diese drei Ansätze die Haupteinfluss­faktoren auf das Berufswahlverhalten und sollen an anderer Stelle noch explizit erläutert werden. HOPPE entwickelte den theoretischen Ansatz KOHLIS weiter. Er geht davon aus, dass menschliches Handeln als Wechselbeziehung von Individuum und Gesellschaft vor dem Hintergrund individueller Erfahrungen, Er­wartungen und Ziele erfolgt (vgl. http://textfeld.ac.at). HOPPE schlägt vor, die eher beschreibenden Ansätze KOHLIS um einen vierten, den interaktionistischen An­satz, zu erweitern. Durch diesen wird die Berufswahl als Interaktionsprozess zwischen Individuum und Berufswelt interpretiert. Die folgende Abbildung soll alle genannten Erklärungsansätze zur Berufswahl noch einmal bildlich verdeutlichen und die Beziehungen der Theorien zueinander explizit darstellen:

Abbildung 3: Die vier zentralen theoretischen Ansätze zur Berufswahl

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung an Kohli 1973, S.9

Da die psychologischen Berufswahltheorien in enger Verbindung zu den Ansätzen KOHLIS stehen, soll auf sie nicht gesondert eingegangen werden. Erwähnenswert ist aber, dass auch diese Erklärungsansätze einseitig vom Individuum ausgehen und Berufsentscheidungen aus Kindheitserlebnissen und dem familiären Umfeld erklärt werden (vgl. Krewerth et al. 2004, S. 36). Sie sind allerdings wenig einfluss­reich geblieben.

Da eine der bekanntesten Einteilungen der Berufswahltheorien auf die Einordnung von SEIFERT zurück geht, soll an dieser Stelle die Zuordnungstheorie explizit er­klärt werden, welche zwar in obiger Darstellung fehlt, aber aus der Vielzahl von Forschungsansätzen wohl kaum wegzudenken ist. Zuordnungstheorien ordnen, wie der Name schon sagt, einem Individuum einen Beruf zu (vgl. ebenda, S. 36). Als wohl bekanntestes Beispiel gilt die Kongruenztheorie von HOLLAND, bei der sechs verschiedene Typen von Menschen sechs Umwelten zugeordnet werden (vgl. ebenda, S. 36). Auf alle genannten theoretischen Ansätze wird im weiteren Verlauf ausführlich eingegangen.

Abschließend bleibt anzumerken, um es mit den Worten SCHARMANNS auszu­drücken, dass „für jede Persönlichkeit eine Position und Leistung innerhalb der Gesellschaft bestehe zu der sie berufen ist und diese so lange zu suchen ist bis man sie findet“ (vgl. Beinke 2006, S. 31).

Der erste Ansatz ist, nach KOHLI, der entscheidungstheoretische Ansatz. Dieser betrachtet die Berufslaufbahn als einen Entscheidungsprozess, den das Individuum schrittweise zu vollziehen hat. Im Mittelpunkt der Betrachtung steht somit die Struktur des Entscheidungsprozesses. Dieser Ansatz ist auch in der wissenschaftlichen Literatur weit verbreitet. Unterscheiden lassen sich ent­scheidungstheoretische Ansätze in deskriptive und normative Theorien. Erstere beschränken sich darauf, die einzelnen Schritte bei der Entscheidung für einen Beruf zu beschreiben während normative Theorien aus diesen Schritten optimale Handlungsstrategien ableiten (vgl. Krewerth et al. 2004, S. 36). Durch normative Theorien soll der Berufswähler in seinem Entscheidungsprozess unterstützt werden, indem er ein erprobtes Verfahren, beispielsweise ein spezielles Ent­scheidungstraining wie es POTOCNIK 1990 entwickelt hat[4], anwendet. Da individuelle Kriterien, wie berufliche Werthaltungen, Nützlichkeitserwartungen, Interessen, Fähigkeiten und Fertigkeiten diese Entscheidungen beeinflussen, sind sie ausschlaggebend für eine bestimmte Berufswahl und somit zu berücksichtigen (vgl. Schober/Gaworek 1996, S. 15). Die Berufswahl ist auch im entscheidungs­theoretischen Ansatz als ein Prozess zu verstehen, der sich zwischen der eigent­lichen Person und seiner Umwelt abspielt, mit dem Ziel verschiedene Berufstätig­keiten zu analysieren, alternativ zu vergleichen um somit zu einer begründeten Entscheidung zu kommen. Den Anlass zur Berufswahl gibt dabei die Gesellschaft selbst. Nach RIES verspürt das Individuum eine Statusunvollständigkeit aus der sich der Motivationsdruck, ebenfalls einen Beruf aufzugreifen, ergibt (vgl. Kohli 1973, S. 9). Für ihn ist Berufswahl das Ergebnis eines Prozesses, indem der Zu­gang zu allen relevanten Informationen, sei es durch Lehrer, Medien oder Berufs­berater, erfolgt. Da nicht alle Individuen denselben Zugang zu diesen Informationen haben, beispielsweise allein durch verschiedene Schulabschlüsse, werden auch berufliche Handlungsalternativen beschränkt. Aus den zur Verfügung stehenden Alternativen wählt das Individuum dann entsprechend nach seinen Werten, Einstellungen und Bedürfnissen (vgl. ebenda, S. 11).

Diese beeinflussen die Entscheidungen im Berufswahlprozess und stehen somit in unmittelbaren Zusammenhang. Für Jugendliche stellt sich genau dieser Prozess, der durch den Übergang vom Bildungs- in ein Beschäftigungssystem geprägt ist, als eine Abfolge von Entscheidungen dar. Voraussetzung ist, dass sich der Berufswähler ausreichend über seine Alternativen informiert hat und diese be­urteilen kann. Nach LANGE gibt es drei Modelle die das Entscheidungsverhalten bei der Berufswahl näher beschreiben (vgl. http://textfeld.ac.at):

1. Modell der rationalen Wahl
2. Modell des Durchwurstelns
3. Modell der Zufallswahl

Ersteres geht von der Annahme aus, dass der Berufswähler eine rationale Wahl treffen möchte und kann. Er kann seine Wahl begründen und sich folglich genau für die Berufsalternative entscheiden, die den größten Nutzen verspricht. Voraus­setzung ist allerdings, dass er sich ausreichend über seine Möglichkeiten informiert hat und genau weiß, welche Anforderungen an ihn gestellt werden. Das zweite Modell, das Modell des „Durchwurstelns“, geht davon aus, dass voll­ständige Informationen über ein Berufsfeld fehlen und der Beruf gewählt wird, der sich vom Anspruchsniveau und den eigenen Werthaltungen als zufriedenstellend erweist. Wenn der Beruf zufällig gewählt wird, wie es das dritte Modell beschreibt, kann davon ausgegangen werden, dass der Wähler weder über Informationen noch über alternative Berufsmöglichkeiten Bescheid weiß. Er wählt den Beruf, der am naheliegendsten ist. Allerdings wird keines dieser Modelle der Komplexität der Berufswahlsituation gerecht.

Zusammenfassend bleibt zu sagen, dass der Kern des entscheidungs­theoretischen Ansatzes darin begründet liegt, die Berufswahl als einen Ent­scheidungsprozess zu verstehen, indem der Kreis der Möglichkeiten durch Ent­scheidungen im Laufe des Lebens eingeschränkt wird. Und zwar solange, bis zum Schluss nur noch eine Alternative übrig bleibt und die Wahl somit getroffen ist (vgl. Kohli 1973, S. 12). Hat sich der Jugendliche für eine Alternative entschieden, folgt deren Umsetzung. Als Entscheidungskriterien dienen dem Individuum vor allem seine Interessen und Persönlichkeitsmerkmale.

Der entscheidungstheoretische Ansatz geht davon aus, dass Berufswahl ein Prozess ist, in dem der Einzelne in der Lage ist, selbstständig eine wirkliche Wahl zu treffen (vgl. Kohli 1973, S. 12). Die gesellschaftlichen Bedingungen, wie bei­spielsweise schichtenspezifische Zugehörigkeit, Familie, Schule sowie die Wirtschafts- und Arbeitsmarktlage schränken diese Wahl wohl oder übel ein. Der allokationstheoretische Ansatz geht deshalb davon aus, dass die zukünftige Berufsposition schon durch die Geburt in eine bestimmte Familie und die dazu­gehörigen Merkmale wie Geschlecht und Stellung in der Gesellschaft, bestimmt ist (vgl. ebenda, S. 12). Gesellschaftliche Bedingungen und Steuerungsprozesse werden in den Vordergrund gestellt, die durch soziale und ökonomische Einflüsse geprägt werden. In diesem Zusammenhang kommt der Sozialisation im Kindes- und Jugendalter eine bedeutsame Rolle zu, da Haltungen und Einstellungen über­nommen werden, die die Wahlmöglichkeiten und Perspektiven einengen. Im Artikel 12 des Grundgesetzes wird das Recht Beruf, Arbeitsplatz und Aus­bildungsstätte frei zu wählen, jedem deutschen Bürger zugesprochen. Doch heißt das noch lange nicht, dass keine Einschränkungen bestehen. Diese können sich gewissermaßen durch Abhängigkeiten ergeben, wenn Jugendliche von ihren Eltern zu einem bestimmten Beruf gezwungen oder von einem ursprünglichen Wunschberuf abgehalten werden. Ebenso können sich Einschränkungen ergeben, wenn der Jugendliche überhaupt nicht in der Lage ist einen Beruf auszuüben, z. B. durch geistige oder körperliche Behinderungen. Diese Einschränkungen treffen glücklicherweise nicht auf alle Jugendlichen zu, eines allerdings schon: Der Zu­gang zu den meisten Berufen ist an den Nachweis bestimmter, vordergründig schulischer, Qualifikationen gebunden (vgl. ebenda, S. 13). Ob jemand Abitur hat, entscheidet nicht selten darüber, den gewünschten Ausbildungsplatz zu be­kommen. Allerdings finden Einschränkungen schon in der Schullaufbahn statt, die in den meisten Fällen durch die Eltern vorgegeben ist. Aus allokations­theoretischer Sicht ist die Berufswahl somit immer sozial begrenzt und folglich kann wohl kaum von einer freien Entscheidung des Individuums gesprochen werden. Allokation ist in diesem Sinne als Zuweisung und somit auch als Berufs­zuweisung zu verstehen, da gesellschaftliche Faktoren geringere individuelle Handlungsmöglichkeiten bewirken.

DURKHEIM fasst diesen Prozess der Berufswahl, indem ein Mensch zu einer beruflichen Position kommt, als ein strukturell gesteuertes Geschehen auf, dass von Mechanismen determiniert wird, die die verfügbaren Menschen nach be­stimmten sozialen Kriterien auf die vorhandenen Positionen aufteilen (vgl. ebenda, S. 13). Der Ansatz DURKHEIMS ist Ausgangspunkt zahlreicher Forschungs­arbeiten aus der Schichtungsforschung und soll deshalb an dieser Stelle nicht näher betrachtet werden. Unter dem Aspekt, dass Allokation hier als Berufs­zuweisung verstanden wird, erweist sich die Schule als entscheidende Instanz die den Berufswahlprozess steuert. Trotz gesetzlich geregelter Berufswahlfreiheit finden sich die meisten der Jugendlichen in den Berufen wider, die für sie ge­sellschaftlich vorbestimmt sind. DAHEIM geht in dieser Annahme sogar noch ein Stück weiter. Er wendet sich eindeutig gegen die Vorstellung, dass Berufswahl eine vom Individuum selbst getroffene Entscheidung ist. Für ihn ist dieser Wahl­prozess dadurch bestimmt, dass sich jedes Individuum Ziele setzt, Qualifikationen anstrebt und sich um Positionen bewirbt (vgl. ebenda, S. 14). Offen bleibt beim allokationstheoretischen Ansatz leider, wie sich dieser Prozess abspielt, d. h. welchen Verlauf er annimmt. Deshalb ist diese Herangehensweise an Er­gänzungen der entscheidungs- und entwicklungstheoretischen Ansätze gebunden.

Letztendlich lässt sich der allokationstheoretische Ansatz mit den Worten SCHARMANNS zusammenfassen. Er betrachtet die Vorgänge bei der Berufswahl und Berufsfindung, mögen sie auch noch so sehr als subjektive Entscheidungen erlebt werden, in hohem Maße abhängig von den allgemeinen kulturellen und sozialen Bedingungen, von der jeweiligen Wirtschaftslage und von den familiären Verhältnissen des Berufsanwärters, also von allgemeinen Bedingungen und Faktoren, auf die der einzelne meist nur einen geringen Einfluss hat (vgl. Beinke 2006, S. 33). Somit lässt sich die Berufswahl als ein Zuweisungsprozess dar­stellen, da die Entscheidungsfreiheit durch soziale, ökonomische und kulturelle Faktoren eingeschränkt ist. Die gesellschaftlichen Lebensbedingungen bestimmen den Weg in einen Beruf und nicht, wie im entscheidungstheoretischen Ansatz Glauben gemacht wird, individuelles Wählen und entscheiden (vgl. Ebner 1992, S. 21).

Das Konzept des entwicklungstheoretischen Berufswahlmodells versucht in ge­wisser Hinsicht, die beiden zuvor genannten Ansätze miteinander zu verknüpfen und somit die jeweilig einseitigen Standpunkte zu vereinen. Entwicklung steht in diesem Zusammenhang für einen längerfristigen Prozess im Leben des Individuums. Somit wendet sich auch diese Theorie von der Vorstellung ab, die Berufswahl sei eine punktuelle Entscheidung, die meist nach Beendigung der Schulpflicht getroffen wird. Ganz im Gegenteil, das entwicklungstheoretische Modell sieht die Berufswahl als Abschnitt im Laufe eines lebenslangen, beruflichen Entwicklungsprozesses (vgl. http://textfeld.ac.at). Der Faktor Zeit spielt hierbei eine wesentliche Rolle. Die persönlichen Entwicklungen, die im Rahmen der Kind­heit und Jugend ablaufen, stehen in einem engen Zusammenhang mit der Berufswahl. Somit besteht diese nicht aus einer einmalig getroffenen Ent­scheidung, sondern aus einer Reihe von Entscheidungen, die, beginnend in der Kindheit, in einem sinnvollen Zusammenhang zueinander stehen (vgl. Kohli 1973, S. 15). Jeder Schritt im Laufe des Lebens steht in enger Verbindung zum Vorher­gehenden und Nachfolgenden. Die Berufswahl ist daher nie abgeschlossen. Zwei wesentliche Merkmale kennzeichnen den entwicklungstheoretischen Ansatz maß­geblich. Zum Einen durch den Entwicklungsprozess des Individuums an sich, der nach SUPER sogar die gesamte Lebensspanne umfasst und zum Anderen die Irreversibilität der Berufswahl. Die erste Berufswahl nimmt dabei einen beson­deren Platz ein, aber mit ihr ist dieser Prozess noch lange nicht abgeschlossen. Viele Menschen bleiben nicht in dem erstmalig gewählten Beruf und wechseln im Laufe ihres Berufslebens in eine andere berufliche Tätigkeit. Jeder dieser Berufs­wechsel setzt eine neue Wahl voraus, der Prozess beginnt von Neuem. Dieser beginnt bereits mit der Entscheidung für eine Schulbildung, die den weiteren Zu­gang zu Ausbildungsinstitutionen festlegt (vgl. http://textfeld.ac.at). Alle Ent­scheidungen, welche die berufliche Aus-, Fort- und Weiterbildung betreffen zählen mit in diesen Prozess hinein. In diesem Sinne spricht DECKER von der beruf­lichen Karriere des Einzelnen (vgl. ebenda, S. 7). Auch das Ende des Berufs­lebens ist in den meisten Fällen von einer Entscheidung abhängig, z. B mit dem Eintritt ins Rentenalter und verdeutlicht noch mehr den lebenslangen Charakter dieses Prozesses.

Das zweite Merkmal des entwicklungstheoretischen Modells bezieht sich auf die Irreversibilität der Berufswahl. Da der Prozess der Berufswahl das Resultat von vorhergehenden Entscheidungen ist, ist er weitestgehend nicht umkehrbar. Das liegt daran, dass jeder in seine berufliche Ausbildung investiert und jeder an einen Punkt gelangt, an dem er diese Laufbahn nicht aufgeben kann (vgl. Kohli 1973, S. 16). Auch GINZBERG argumentiert ähnlich. Für ihn beginnt der Berufswahl­prozess schon im frühen Kindesalter mit der ersten Fantasiewahl für einen Beruf. Auf der zweiten Stufe, im Jugendalter, kommt es zu einer Auseinandersetzung mit der beruflichen Zukunft, zur sogenannten Problemwahl. Ab einem Alter von 17 Jahren spricht GINZBERG dann von einer realistischen Wahl (vgl. http://www.my choice.at). Die Selbstkonzepttheorie von SUPER erweiterte dieses Modell um zwei zusätzliche Phasen. Es ist wohl das Bekannteste unter den entwicklungs­theoretischen Ansätzen. Da der Ansatz nach SUPER für diese Arbeit aber weniger von Bedeutung ist, wird an dieser Stelle auf eine ausführliche Beschreibung der fünf Entwicklungsstufen verzichtet[5]. Zu erwähnen bleibt, dass auch SUPER den Ansatz vertritt, das Individuen ihr ganzes Leben mit der Berufswahl beschäftigt und von einzelnen Entscheidungen und Erfahrungen in der beruflichen Laufbahn abhängig sind. Grundsätzlich beinhaltet das entwicklungstheoretische Modell zwei Perspektiven. Zum Einen die eigentliche Sozialisation, die jede Person in ihrem Entwicklungsprozess durchläuft und zum Anderen beeinflussen den Berufswahl­prozess die sozialen Bedingungen. Die berufliche Laufbahn ist somit als ein Prozess der persönlichen Entwicklung zu sehen, indem der Einzelne sich auf die sozialen Bedingungen einstellt, in denen er aufwächst und lebt (vgl. Kohli 1973, S. 19).

2.2.5 Berufswahl als Interaktionsprozess

HOPPE erweiterte den Ansatz KOHLIS um eine vierte Sichtweise, den interak­tionstheoretischen Ausgangspunkt. Wie der Name schon sagt, stehen hier die Handlungen zwischen mehreren Interaktionspartnern, wie Eltern, Lehrer oder Be­rater im Vordergrund. Alle Personen, die auf den Berufswahlprozess durch Inter­aktion und Kommunikation einwirken, müssen in den Blickwinkel der Be­trachtungen eingebunden werden (vgl. Beinke 2006, S. 34). In diese Interaktion fließen die verschiedensten Interessen und Wertvorstellungen der Berufswähler ein (vgl. http://textfeld.ac.at). LANGE untersuchte, unter diesem Forschungs­aspekt, den Berufswahlprozess Jugendlicher mit verschiedenen empirischen Studien. Er kam zu folgenden Ergebnissen. Zuerst sind individuelle Wertvor­stellungen bezüglich verschiedener Berufe von familiären Einstellungen und Interessen abhängig (vgl. Beinke 2006, S. 35). Den größten Einfluss auf die beruf­liche Selbsteinschätzung haben somit, nach allen Untersuchungen, die Eltern. Das familiäre Interaktionssystem beeinflusst die Heranwachsenden von Kindheit an. Erst im Laufe des Erwachsenwerdens kommen noch andere Interaktionspartner, wie Freunde und Bekannte, hinzu. RIES definiert fünf Hauptakteure von Inter­aktionspartnern. Diese sind Lehrer, Berufsverbände und Kammern, soziale Bezugsgruppen, Medien und die gesellschaftliche Realität (vgl. http:// textfeld.ac.at). Auf einige Interaktionspartner im Berufswahlprozess wird noch an anderer Stelle dieser Arbeit Bezug genommen. Weiterhin entdeckte LANGE den Zusammenhang zwischen der Aufklärungsarbeit der Bundesanstalt für Arbeit[6] und der Wahrnehmung verschiedener Berufswahlalternativen (vgl. Beinke 2006, S. 35). Allerdings hängt die Arbeit der Berufsberater und Berufsberaterinnen wiederum von den sozio-ökonomischen Bedingungen der Familie ab. Zuletzt erkannte LANGE die Bedeutung der schulischen Einflüsse. Entscheidungs­regeln bei der Berufswahl und Unterstützung bei der Informationssuche werden und müssen im Wesentlichen durch die Schule vorgegeben werden (vgl. ebenda, S. 35). Der interaktionstheoretische Ansatz berücksichtigt somit die personalen und gesellschaftlichen Faktoren, Interessen, Erwartungen, Wissensbestände und Fähigkeiten die im Berufswahlprozess bedeutend sind und im Ergebnis die Ent­scheidung des Berufswählers für einen Beruf beeinflussen. Die berufliche Ent­wicklung ist, laut des interaktionstheoretischen Ansatzes, stark von den Inter­aktionspartner und deren Verhaltensmustern abhängig. Der Berufswähler inter­agiert mit anderen Personen, um das Problem der Berufswahl zu lösen und eignet sich so entscheidungs- und handlungsrelevantes Wissen an.

Die Zuordnungstheorien ordnen einem Individuum einen Beruf zu und stehen in enger Verbindung zum allokationstheoretischen Ansatz. Deshalb müssen an dieser Stelle zwei verschiedene Richtungen unterschieden werden. Zum Einen ist es die bereits beschriebene Allokationstheorie, die den Ansatz vertritt, dass die Berufswahl nicht auf Entscheidungen des Einzelnen basiert, sondern vielmehr von seiner sozialen Umwelt bestimmt wird. Ausgehend von dieser Theorie sind eher die allgemeine Wirtschaftslage, aber auch soziokulturelle, sozialpsychologische und andere Faktoren für die Wahl des Berufes verantwortlich (vgl. Krewerth et al. 2004, S. 36). Zum Anderen geht ein weiterer Ansatz der zuordnungstheoretischen Ansätze davon aus, dass die Berufswahl sehr wohl im Zusammenhang mit individuellen Entscheidungen steht. Nämlich indem der Wählende durch seine Interessen und durch seine Persönlichkeit zu einem bestimmten Beruf kommt. Eine der bekanntesten Berufswahltheorien auf diesem Gebiet ist die Kongruenz­theorie von HOLLAND, bei der sechs verschiedenen Typen von Menschen sechs Umwelten zugeordnet werden (vgl. ebenda, S. 36). Berufswahl ist für HOLLAND Ausdruck der Persönlichkeit, die das Interesse für einen Beruf überhaupt erst formt. In unserer Kultur können die meisten Menschen sechs verschiedenen Persönlichkeitstypen zugeordnet werden: realistischer (realistic), intellektueller (investigative), sozialer (social), angepasster (conventional), dominanter (enter­prising) oder ästhetischer (artistic) Typ (vgl. Beinke 2006, S. 32). Die berufliche Umwelt des Berufswählers, die Arbeitswelt, kann in demselben Sinne in sechs Typen gegliedert werden und steht mit den Persönlichkeitstypen in einer gegen­seitigen Wechselbeziehung. HOLLANDS Theorie stellt sich nun so dar, dass jede Person über ein spezifisches Muster von Merkmalen, z. B. Interessen, Neigungen, Fähigkeiten und Wertvorstellungen verfügt und jeder Beruf an diese Person spezielle Anforderungen stellt. Aus diesem Grund ist jeder Mensch für einen Beruf mehr oder weniger gut geeignet. HOLLAND versteht den Berufswahlprozess des­halb als Suche des Einzelnen nach einer beruflichen Umwelt, in der er seine Fähigkeiten und Fertigkeiten einsetzen kann, seine Einstellungen und Werte aus­drücken und somit zu einer begründeten Entscheidung kommen oder eine falsche vermeiden kann (vgl. Fux 2006, S. 72). Das dargestellte hexagonale Modell von

HOLLAND unterscheidet die genannten sechs Persönlichkeits- und Umwelttypen und setzt sie miteinander in Beziehung:

Abbildung 4: Das hexagonale Modell nach John Holland (RIASEC-Modell)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: http://faculty.tamu-

commerce.edu/crrobinson/images/Holland%27s%20Hex%20Model%20(Colo.gif

Eine wichtige Komponente in HOLLANDS Ansatz stellt das abgebildete Hexagon dar, da es grafisch den Zusammenhang der sechs Orientierungen untereinander veranschaulicht. Demnach repräsentiert jede Ecke des Hexagons einen Persön­lichkeitstyp. Der realistische (R) Typ ist beruflich praktisch-technisch orientiert und wählt demnach handwerkliche, technische oder auch land- und forstwirtschaftliche Berufe. Anders der intellektuelle (I) Persönlichkeitstyp. Er orientiert sich zu­nehmend an naturwissenschaftlichen und mathematischen Berufen, wie bei­spielsweise Chemiker oder Astronom (vgl. Beinke 2006, S. 32). Der dritte Typ, wird als ästhetische (A) Persönlichkeit, im Sinne von künstlerisch oder sprachlich begabt, beschrieben. Er wählt Berufe die sich mit Kultur befassen, wie z. B. Dichter, Sänger oder Komponist. Der soziale (S) Persönlichkeitstyp ist eher in pädagogischen oder klinischen Berufen zu finden. Er entscheidet sich nach dem Ansatz von HOLLAND unter anderem für die Berufe Sozialarbeiter, Lehrer oder auch Berufsberater. Unternehmerische Fähigkeiten werden dem dominanten (E) Persönlichkeitstyp zugesprochen. Berufe wie Politiker, Industrieberater oder Unternehmer kennzeichnen ihn. Der letzte Persönlichkeitstyp, der angepasste (C), bevorzugt strukturierte verbale und numerische Aktivitäten in seinem Beruf, wes­halb er vorwiegend als Steuerberater, Buchhalter oder auch Bankangestellter arbeitet (vgl. ebenda, S. 32f.). Jeder Mensch lässt sich einem der sechs Typen zuordnen oder ist einem zumindest ähnlich. Entsprechend den Personentypen gibt es sechs Arten von beruflichen Umwelten. Sind das Muster der Umwelt und der Persönlichkeitstyp bekannt, können laut HOLLAND die Auswirkungen dieser Kombination auf das individuelle Verhalten vorhergesagt werden. Ganz egal ob es sich um Ausbildungs- oder Berufswahl oder Berufswechsel handelt. Je geringer dabei der Abstand zwischen zwei Typen ist, desto größer ist deren Ähnlichkeit. Im Idealfall wählt das Individuum entsprechend der Übereinstimmung (Kongruenz) von Person- und Umweltmerkmalen seinen Beruf (vgl. Krewerth et al. 2004, S. 36). Das heißt beispielsweise, dass bei guter Passung ein realistischer Persön­lichkeitstyp einen handwerklichen Beruf wählt. Dieses Verhalten wird dann als kongruent bezeichnet. Letztendlich zeigt das Modell von HOLLAND, dass bei den Personen mit guter Passung, die Arbeitszufriedenheit viel höher ist und diese Menschen eine stabilere Karriereentwicklung vorweisen können. Anzumerken bleibt, dass es sich bei der Charakterisierung der sechs Typen um Idealfälle handelt, mit denen jeder Mensch verglichen werden kann. Dabei treten durchaus Mischformen auf, deren Persönlichkeits- und Umweltmerkmale zwischen zwei oder mehreren Typen liegen (vgl. http://arbeitsblaetter.stangl-taller.at). Diese Sub­typen sind eine Kombination der maximal drei Typenentsprechungen und werden durch Buchstabencodes definiert. Ein Beispiel: Die Buchstabenkombination SAE beschreibt eine Persönlichkeit, die vor allem dem dominanten sozialen Typus (S) zuzuordnen ist, jedoch aber auch in absteigender Intensität Eigenschaften bezüg­lich künstlerischer (A) und unternehmerischer (E) Typen besitzt (vgl. ebenda). Interessentypen können durch verschiedene Persönlichkeitstests, wie dem all­gemeinen Interessen-Struktur-Test von BERGMANN und EDER erfasst werden, um vordergründig Schüler bei der Berufsorientierung zu unterstützen.

Der Unterschied zum allokationstheoretischen Ansatz besteht ganz einfach darin, dass dieser gesellschaftliche Bedingungen, soziale und ökonomische Einflüsse mit in den Blickwinkel der Betrachtungen stellt. Die Kongruenztheorie von HOLLAND geht hingegen davon aus, dass die Berufswahl ein Vergleich von Individuum und Umwelt ist und im Zuge der Passung entschieden wird.

2.2.7 Abschließende Bewertung der Theorieansätze

Die bisher aufgeführten Berufswahltheorien haben den Prozess der Berufswahl jeweils unter einem bestimmten Gesichtspunkt zu erklären versucht. Allerdings wird auch heute noch kritisiert, dass die einzelnen Erklärungsversuche nicht um­fassend genug sind, da sie die Berufswahl nur von einer Seite beleuchten. Folgende fünf Sichtweisen wurden bisher besprochen. Die Berufswahl als Ent­scheidungsprozess betrachtet diese durchaus wichtige Wahl des Jugendlichen an der ersten Schwelle, als individuelle Entscheidung. Die Entscheidungstheorie geht davon aus, dass der Berufswähler sich rational mit den ihm zur Verfügung stehenden Möglichkeiten in der Berufswelt auseinandersetzt und den Beruf wählt, der ihm am günstigsten erscheint (vgl. Kohli 1973, S. 23f.). Zugleich muss er den einmal gewählten Beruf vor seinem sozialen Umfeld begründen, weshalb man von einer eigenen Wahl des Jugendlichen spricht. Dieser Ansatz geht einseitig vom Individuum aus und vertritt die Meinung, dass der Berufswähler bereits berufliche Interessen oder Neigungen besitzt, er alternative Berufswahlmöglichkeiten wahr­nimmt und er strikt über mehrere Entscheidungsregeln verfügt nach denen er sich für einen Beruf entscheidet.

In einem zweiten Ansatz, wird die Berufswahl als soziale Allokation betrachtet. Der Jugendliche erkennt, nach Ansicht des allokationstheoretischen Ansatzes, dass er sich nicht frei für einen Beruf entscheiden kann der ihm am Besten gefällt, sondern dass durch sein soziales Umfeld, z. B. durch die eigene Familie oder durch andere Sozialisationsinstanzen, seine Wahl eingeschränkt wird. Der Einfluss sozio- ökonomischer Determinanten wird als so dominant angesehen, dass unter diesem Gesichtspunkt nicht mehr von einer eigenen Wahl des Jugendlichen gesprochen werden kann, er vielmehr in ein bestimmtes Berufsspektrum hinein geboren wird und sich seinen Möglichkeiten anpasst.

Drittens ist die Berufswahl als Entwicklungsprozess zu verstehen. Durch den persönlichen Entwicklungsprozess wird der Jugendliche zu einem Individuum mit spezifischen Interessen und Bedürfnissen (vgl. ebenda, S. 24). Die Erfahrungen, die er im Laufe seiner Entwicklung gemacht hat, haben dazu geführt, dass der Jugendliche sich ein Bild über die Berufswelt machen und somit Berufsalternativen aufgrund von Erfahrungen bewerten kann. Eine Besonderheit dieses Ansatzes ist allerdings die lebenslange Sichtweise der beruflichen Entwicklung.

[...]


[1] Typische Frauenberufe sind nach Ansicht der Autorin u.a.: Bürokauffrau, Einzelhandelskauffrau, Medizinische Fachangestellte und Friseurin.

[2] IAB ist die allgemein verwendete Abkürzung für das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung.

[3] JF ist die allgemeine Abkürzung für Institut für Jugendforschung

[4] Der Salzburger Psychologe Rudolf Potocnik entwickelte 1990 ein Entscheidungstraining zur Berufs- und Studienwahl, welches die Laufbahnwahl von Jugendlichen unterstützen sollte. Ziel des Trainings ist es, den Schülern und Schülerinnen Technik und Wissen zu vermitteln, mit denen sich der Berufsent­scheidungsprozess gezielt optimieren lässt. Genauere Informationen zu diesem Verfahren finden sich in Potocnik's Buch „Entscheidungstraining zur Berufs- und Studienwahl" aus dem Jahr 1990.

[5] Eine ausführliche Darstellung ist zu finden bei Dr. Günter Nowak. Vgl. hierzu: http://www.mychoice.at/fileadmin/user_upload/Downloads/Berufswahl_YCS_Design.pdf

[6] Die Bundesanstalt für Arbeit ist seit dem 01.01.2004 in Bundesagentur für Arbeit umgenannt worden.

Details

Seiten
176
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783656119029
ISBN (Buch)
9783656130925
Dateigröße
1.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v188017
Institution / Hochschule
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg
Note
1,0
Schlagworte
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Titel: Auf der Suche nach dem richtigen Beruf