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Der Mensch als Person

Anthropologische und ethische Gedanken zu einer wertgeleiteten Heilpädagogik

Wissenschaftliche Studie 2012 32 Seiten

Pädagogik - Heilpädagogik, Sonderpädagogik

Leseprobe

Inhaltverzeichnis

Einleitung

1. Personalität in der Heilp ädagogik
1.1 Der Personenbegriff in der Heilpädagogik
1.2 Die neuzeitliche Metaphysik-Skepsis

2. Personalität als Bezogenheit
2.1 Das Neue des christlichen Personenbegriffs
2.2 Die Definition von Boethius und die weitere Entwicklung

3. Personalität als Existenz
3.1 Die geschichtliche Entwicklung
3.2 Das empirische Personenverständnis

4. Rechtfertigung
4.1 Die Frage nach dem Christlichen
4.2 Die Frage nach der Metaphysik
4.3 Ausblick auf ethische Fragen

5. Fazit

Literaturverzeichnis

Nachtrag

Einleitung

Der Blick in die Geschichte macht klar: unser Verhältnis zu Menschen mit Behinderungen muss als misslungene Solidarisierung charakterisiert werden (Haeberlin 2005, 99). Zu keiner Zeit war die würdevolle Achtung von Behinderten und deren Lebensrecht gewährleistet. In neuerer Zeit zeigt sich sogar eine extreme Ent-Solidarisierung, indem behinderten Menschen das Personsein (Person hier als nomen dignitatis verstanden) abgesprochen wird. "A Down's is not a person" hiess es bei Fletcher (zitiert bei Stolk 1988). Ins selbe Horn blies der Tierschutzphilosoph Singer mit seinen präferenz-utilitaristischen Thesen (Singer 1994). Singer begründete damit Schwanger-schaftsabbruch und Früheuthanasie Behinderter. Ähnlich argumentierte der Rechtsphilosoph Hoerster: Menschenrechte (auch Recht auf Leben) gelten nicht für alle Menschen, sondern nur insofern sie Personen sind, und schwerbehinderte Kinder sind es nicht (Hoerster 1995)! Das sind Gründe genug, die Diskussion über den Begriff der Person in der Heilpädagogik nicht abbrechen zu lassen.

1. Personalit ät in der Heilp ädagogik

1.1 Der Personenbegriff in der Heilpädagogik

Die Heilpädagogik kann sich einer solchen Bedrohung der Würde behinderter Menschen nur widersetzen, wenn sie sich als wertgeleitete Wissenschaft versteht (Haeberlin 2005, 33-35). In diesem Sinne haben sich z.B. Haeberlin (1990, 93), Speck (1991, 200f) und Bleidick (2003, 43) zur Personalit ät eines jeden Menschen bekannt. Aber hier zeigt sich ein Dilemma: Obwohl Personalität irgendwie normativ verstanden wird, kann sie offenbar nur auf einer subjektiven Wertsetzung, auf einer persönlichen Entscheidung beruhen (vgl. Bleidick 2003, 23), und die begründenden Werte werden primär der Emotionalität zugewiesen (vgl. Haeberlin 1990, 68).

Diese Problematik vertieft sich in Bezug auf den Personenbegriff zu einer weiteren Frage: die nach dem 'Wesen' des Menschen. So steht Bleidick einer objektiven Begründung von Personalität ablehnend gegenüber, weil diese einen Substanzbegriff von Person und damit ein gutes Stück Metaphysik beinhalte (Bleidick 2003, 23, 43). Durch die Reduktion der Heilpädagogik zu einer empirisch-kritischen Wissenschaft (ders.1984) wurde die Frage nach dem Wesen, nach objektiven Menschenbildern und Werten, als nicht zur Erziehungswissenschaft gehörig betrachtet. Auch Jakobs diagnostiziert im heilpädagogischen Kontext eine ontologisierende Betrachtungsweise der Person (Jakobs 1997, 154). In Anlehnung an die Anthropologiekritik der Kritischen Theorie wird darum der Personenbegriff bei ihm eher vermieden (ebd. 154, 169).

Müssen wir also auf die Frage nach dem Wesen des Menschen oder auf den Begriff der Person verzichten? Aber können angesichts der ethischen Herausforderungen unserer Zeit rein subjektive Menschenbilder und Wertentscheidungen genügen, oder verlieren diese durch ihre Subjektivität nicht jegliche (objektive) Verbindlichkeit? Besteht nicht die Gefahr, dass subjektive Werte als blosse Äusserungen von privaten Gefühlen und Einstellungen im Sinne des Emotivismus missverstanden werden könnten, der eine rationale Basis von Werten leugnet (auch Haeberlin spricht vom 'ausserrationalen Kern' bei ethischem Denken und Handeln: ders. 2005, 33; zum Emotivismus: MacIntyre 1995, 44f )?

1.2 Die neuzeitliche Metaphysik-Skepsis

Das neuzeitliche wissenschaftliche Bewusstsein der Neuzeit ist von einer klaren Ablehnung von metaphysischem und ontologischem Denken geprägt. Wie ist es dazu gekommen? Ein kurzer Blick in die Philosophiegeschichte soll diese Entwicklung nachzeichnen

Bei der Ablehnung von metaphysischem oder ontologischem Denken steht der antike Wesensbegriff (griech.:ousia; lat.:substanz/essentia; dt.:Wesen) im Hintergrund (Ontologie als Lehre des Seienden). Während für Platon das Wesentliche der Dinge in ihren transzendenten Ideen lag, erkennt Aristotoles das Wesen als Substanz im Seienden selbst. Diese Substanz zeigt sich in einer Doppelstruktur: in der selbständigen Selbstheit (Vollrath 1983, 101ff). Mit der Selbständigkeit ist das 'In-sich-stehen-Können', das 'Nicht-Angewiesensein-auf-Anderes' der Substanz gemeint (z.B. der einzelne Mensch als der selbständig Seiende). Mit der Selbstheit ist, in Anlehnung an die Ideenlehre Platons, eine Wesensbestimmung als das Was des Seienden vom Allgemeinen her gemeint, als seine Natur (z.B. der Mensch als vernünftiges Lebewesen). Aristotoles nannte die Einheit dieser beiden Momente das 'substantielle Wassein' des Seienden (ebd. 117).

Dieser 'Wesensrealismus' (ebd. 89) war bis zum Ende des Mittelalters in der Philosophie präsent. In der Neuzeit begrenzte dann vorallem Hume die Möglichkeiten einer solchen Metaphysik: "We never really advance a step beyond ourselves" (zitiert bei Spaemann 2006, 74). Ähnlich auch Kant, der Metaphysik als "'vorkritisch' desillusionierte, das 'Ding-an-sich', also die Wesenstiefe des Wirklichen, als dem Menschen unerkennbar an den Rand der Philosophie rückte" (Ratzinger 1970, 82). Diesem engen Vernunftbegriff der Aufklärung (Benedikt XVI. 2008) entsprach in der Reformation die Vorstellung einer stark eingeschränkten Fähigkeit der Vernunft als Folge des Sündenfalls (vgl. MacIntyre 1995, 78ff). So wurde dann in der Romantik bei Schleier-macher das Ethische und Religiöse nicht mehr der Vernunft zugewiesen; insbesondere die Religiösität gehört für ihn in den Bereich des Gefühls (Ratzinger 1970). Diesen Schritt der Infragestellung einer rationalen Ethik hatte aber bereits die englische Moralphilosophie, hier vorallem Hume, vorweg-genommen (MacIntyre 1984, 153ff). Im Neo-Positivismus schliesslich mit seiner Reduktion auf das empirisch Messbare wurde der Begriff des 'Wesens' selbst als sinnlos betrachtet. Typisch dafür ist die Äusserung Neuraths: "Alles ist Oberfläche: die Welt hat keine Tiefe" (zitiert bei Popper/Eccles 2008, 215). Von ganz anderer Seite her bestritt auch der Existentialist Sartre das Vorhandensein eines Wesens des Menschen. In den Sozialwissenschaften war es Max Weber, der als erster einen neo-positivistischen Standpunkt im Sinne einer radikalen Wertfreiheit vertrat. Von hier aus nahm dann das empirische Wissenschaftsverständnis Einzug in die Pädagogik und Heilpädagogik (vgl. Bleidick 1984).

Objektive Menschenbilder und Werte gelten einer solchen neuzeitlichen Metaphysikkritik als nicht existent oder zumindest als nicht erkennbar. An dieser Stelle soll nun gefragt werden, ob es nicht doch eine objektive, d.h. ontologisch-erkenntnistheoretische Begründung von Menschenbildern geben kann. Konkret formuliert: ist Personalit ät als Wirklichkeit des Menschen erkennbar ? Dazu soll die (christliche) Herkunft und die Bedeutung des Personenbegriffs unter den Aspekten der Bezogenheit und der Existenz näher betrachtet werden, deren enge Verbundenheit sich aber zeigen wird.

2. Personalität als Bezogenheit

2.1 Das Neue des christlichen Personenbegriffs

„Der Begriff der Person und die hinter diesem Begriff stehende Idee ist ein Produkt der christlichen Theologie ... (Er) ist aus der Auseinandersetzung des menschlichen Geistes mit den Gegebenheiten des christlichen Glaubens überhaupt erst gewachsen und auf diesem Weg in die Geistesgeschichte eingetreten“ (Ratzinger 1973b, 205) .

In der Antike war der lateinische Begriff 'persona' (griechisch: prosopon) im Theater beheimatet. Er bezeichnete die Rolle, die ein Schauspieler innehatte. Im Laufe der Theologiegeschichte der ersten vier nachchristlichen Jahrhunderten kam es im Rahmen der Entfaltung des Trinitätsdogmas (Dreifaltigkeitslehre) zu einer bedeutenden Entwicklung. Das junge Christentum fühlte sich dem Eingottglauben Israels verpflichtet. Dennoch nahm man im Umgang mit der Bibel etwas anderes wahr: Gott scheint im Gespräch mit sich selbst zu stehen (z.B.: Gen. 1,26: ‚Lasst uns den Menschen machen‘). Etwas ähnliches zeigte sich auch in den Psalmen und in den Reden Jesu mit dem Vater. „Die Entdeckung des Dialogs im Inneren Gottes führte dazu, in Gott ein Ich und ein Du anzunehmen, ein Element der Bezogenheit, der Unterschiedenheit und der Zugewandtheit aufeinander hin, für das sich der Begriff 'Persona' förmlich aufdrängte" (ders. 1998, 142). Dabei ist „Person als Relation zu verstehen: Die drei Personen, die es in Gott gibt, sind ihrem Wesen nach ... Relationen, Beziehungen“ (ders. 1973b, 211).

Es war Tertullian (160-220), der im Abendland den Begriff Person in seinen theologischen Schriften als erster übernahm, bevor er von den grossen christlichen Konzilien mit der Formel ‚una essentia tres personae‘ (ein Wesen in drei Personen) für Gott verwendet wurde. Aber auch vom Menschen wurde diese Bezogenheit ausgesagt. Die Personalität des Menschen wird "im Anruf geschaffen. Gott spricht ‚Du‘ und der Mensch erwidert mit der Antwort des Wirklichwerdens. Die Person des Menschen ist ihrem tiefsten Sinne nach die Antwort auf den Du-Ruf Gottes“ (Guardini 1976, 475). Damit ist die onto-logische Ordnung umschrieben, in der der Mensch lebt (ebd. 476); damit ist auch seine Würde begründet. Das menschliche Sein zeigt sich als "ein über sich hinaus zu Gott hin geöffnetes Sein" (Balthasar 1985, 53). In dieser Offenheit ist die Transzendenz des Menschen grundgelegt, das Überschreiten-können seiner selbst (hier synonym zu Bezogenheit verwendet).

Auch der biblische Begriff der 'Gottebenbildlichkeit' lässt sich als Be-zogenheit auslegen. Er wird, in Anlehnung an Augustinus, "nicht als ein Substanzbegriff definiert, so dass man sagen würde, die Substanz des Menschen ist etwas ähnliches wie die Substanz Gottes, sondern er wird als Relationsbegriff verstanden" (Ratzinger 2008, 42). Des Menschen „Bildsein beruht also in einer Relativität, nicht in dem, was es in sich ist, sondern in dem Verweis über sich hinaus auf ein Abgebildetes“ (ebd. 42), d.h. auf Gott.

2.2 Die Definition von Boethius und die weitere Ent-wicklung

Verfolgt man die weitere Entwicklung des Personenbegriffs, so lässt sich an der bekannten Definition von Boethius (480-524) nochmals das unter-scheidend Christliche verdeutlichen. Er definiert Person als „unteilbare Substanz eines vernünftigen Wesens“ (zitiert nach Haeberlin 2005, 42). Ratzinger zufolge muss jedoch dieser Personenbegriff des Boethius "als gänzlich unzulänglich kritisiert werden“, er verbleibt völlig "auf der Sub-stanzebene“ (Ratzinger 1973b, 216f). Das Unteilbare (Individuelle) wird betont, ganz im Gegensatz eines christlichen Verständnisses der Person als Be-zogenheit und als Angewiesenheit auf den Anderen. Boethius blieb damit dem Substanzdenken des Aristotoles verpflichtet. Im Gegensatz dazu wurde im Christentum die Beziehung (Relatio), die bisher als Zufälliges (Akzidens) galt, als eine gleichermassen ursprüngliche Form des Seins neben der Substanz angesehen (ders. 1998, 143). Damit wurde im Personenbegriff der eine Aspekt des aristotelischen Substanzverständnisses aufgesprengt: das Selbständige als das In-sich-Stehende wurde nun als Bezogenheit gedeutet.

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Details

Seiten
32
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656117735
ISBN (Buch)
9783656131656
Dateigröße
517 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v188113
Note
Schlagworte
Bleidick Speck Ratzinger Spaemann MacIntyre Singer Metaphysik Ontologie Schwangerschaftsabbruch Euthanasie Behinderung Heilpädagogik Person Mensch Theologie Christentum Personenbegriff

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