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Mythos - Mythologem – Medea: Zur Mythentransformation der Medeafigur in Christa Wolfs Medea-Roman im Vergleich zur euripideischen Interpretation

Seminararbeit 2011 25 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Mythos – Mythologem – Mythentransformation

3. Die eine Medea? Der Mythos durch die Zeiten

4. Euripides vs. Wolf: Heimat – Hexe – Heilige vs. herzlose Hure?
4.1. Heimat im Vergleich und warum überhaupt?
4.2 Hexe, herzlose Hure oder Hetze gegen eine Unschuldige?

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die folgende Arbeit mit dem Thema „ Mythos - Mythologem – Medea: Zur Mythentransformation der Medeafigur in Christa Wolfs Medea-Roman im Vergleich zur euripideischen Interpretation“ stellt sich der Frage, inwiefern eine Transformation einer mythischen Figur, wie auch Medea eine ist, zulässig oder sogar gewollt ist.

Dabei sind zwei Texte von elementarer Bedeutung für die Interpretation des Medeacharakters. Zum einen der „Urtext“ in Form der euripideischen Medea und zum anderen der aktuelle Text Christa Wolfs aus dem 20. Jh., welcher als Angelpunkt für die Analyse dienen soll.

Grundlage der im Seminar „deutschsprachige Literatur nach 1989“ entstandenen Arbeit aus dem Sommersemester 2011 ist dabei ein theoretischer Teil, welcher sich mit den Begriffen Mythos, Mythentransformation und natürlich dem des Mythologems auseinandersetzt. Hierbei wird auf Jan Assmanns Artikel in Hubert Canciks Handwörterbuch religionswissenschaftlicher Grundbegriffe verwiesen, der für den Zweck eines kulturwissenschaftlichen Ansatzes durchaus dienlich ist.

Daran anschließend soll in einem kurz gefassten Exkurs auf die Historie der Medeakonstruktion Bezug genommen werden, um die Vielschichtigkeit und ihre wechselseitigen Bezüge innerhalb ihrer Geschichte anhand der vorab geklärten Begrifflichkeiten deutlich zu machen.

Diese Frage wird am Ende der Arbeit insofern zugespitzt werden, sodass sich dem Problem gestellt werden muss, ob der Mythos überhaupt existiert oder doch nur stets neu interpretiert werden muss? Dies trifft ähnlich wie Roland Barthes für den Autor postuliert hat[1] in gewisser Weise auch für den Mythos zu. Den Mythos gibt es also nicht, er konstruiert sich permanent selbst durch die Zuschreibung von außen durch die Zeiten und Autoren hindurch, die sich mit ihm beschäftigen. Dies wird im Hauptteil der Arbeit an Textbeispielen Wolfs und Euripides gezeigt werden. Eine vergleichende Interpretation der Medeafigur steht hier im Vordergrund. Dabei ist kein Roman besser geeignet als der von Christa Wolf, da Medea hier selbst als eine der Stimmen auftritt und somit Informationen von sich preisgibt. Euripides Version hingegen bietet sich für den Vergleich insofern an, da sie als wesentliches Drama die Geschichte der Medea im europäischen Kulturraum prägte. In einem Resümee werden die einzelnen Punkte nochmals zusammengefasst und ein Fazit gezogen.

2. Mythos – Mythologem – Mythentransformation

„Was sich als Mythos weiß, ist immer schon Deutung und Neudeutung seiner eigenen Wurzeln.“[2]

Der Begriff des Mythos ist sehr weit gefasst, das hat zum einen den Vorteil, dass er viele Bereiche einer Kultur erfasst, aber zum anderen auch den Nachteil, dass er nicht spezifisch genau ist und nur schwerlich im wissenschaftlichen Diskurs als Terminus eingesetzt werden kann. Daher muss der Begriff vorher geklärt werden. Dies lässt sich am ehesten realisieren, wenn man nicht von einer Mythosdefinition, sondern einer unterspezifizierten Eingrenzung mit verschiedenen Mythusbegriffen ausgeht, um so allen Bereichen, in denen der Begriff gebraucht wird, gerecht zu werden.

Nach Assmann ergeben sich aus dieser Prämisse sieben Hauptvarianten: ein polemischer, ein historisch-kritischer, ein funktionalistischer, ein Alltagsmythos, ein narrativer, ein literarischer und ein nichtnarrativer bzw. auch ideologischer Begriff.[3]

Für das hier behandelte Thema sind aber nur der historisch-kritische, der narrative Begriff in Hinblick auf Euripides und natürlich der literarische Definitionsansatz von Bedeutung. Auf die anderen Begriffe kann und soll hier kein weiterer Bezug genommen werden. Um jedoch kurz auf die anderen Begriffe zu verweisen, reicht die Trennung innerhalb der Beschäftigung mit dem Mythos zum einen, wie in dieser Arbeit, als reflexive Herangehensweise oder zum anderen, wie es die nicht thematisierten Begriffe verkörpern, als die Sichtweise des Mythos als wahre Begebenheit und damit dessen welterklärender oder auf bestimmte Handlungen bezogene legitimierende Funktion aus.

Im Folgenden soll auf die drei hier genutzten Eingrenzungen eingegangen werden.

Der historisch kritische Begriff bezeichnet den Mythos als keine „pauschal abzuurteilende Mentalitätsform, sondern nur noch die zeitbedingte Einkleidung einer an sich zeitlosen Wahrheit. Die mythischen Texte werden nicht verworfen, sondern interpretiert; die Allegorese, die Unwahrheit in Wahrheit übersetzt, ist ein konservierendes, kein destruktives Verfahren.“[4]

Hier finden sich die ersten beiden Merkmale für den Mythosbegriff, der in dieser Arbeit angelegt werden soll – der Mythos ist nicht mit Dichotomien wie wahr oder falsch zu messen. Er ist von Natur aus zeitlos und daher wird er stets neu interpretiert, was den Mythos immanent konservierend erhält und nicht, wie man annehmen sollte, zerstört.

Hiermit ist auch gleich der Begriff der Mythentransformation abgedeckt. Mythen bestehen also durch ihre zeitabhängige Interpretation immer in einem gewissen Transformationsprozess und verändern sich leichter oder stärker. So werden einzelne Handlungselemente weggelassen, verworfen, neu situiert oder andere Elemente werden neu hinzugefügt.

Der narrative Begriff nimmt vor allem Bezug auf die Struktur der Erzählung. Er „bezeichnet eine integrale Erzählung mit den strukturierenden Konstituenten von Anfang, Mitte und Ende (arché, peripéteia und lýsis). [(Diese Definition bietet die Grundlage für) C.L.] die Erzähltheorie mit [(den) C.L.] Begriffen story, plot und sujet.“[5]

Da sich zu diesen Merkmalen weiter nicht mehr ausführen lässt, steht als letzter Begriff der literarische im Raum. Hier manifestiert sich, wie bei kaum einem anderen Ansatz die stete Neudeutung und somit Transformation des Mythos an sich.

Dieser, „will [...] ständig neu aktualisiert, d.h. umgedeutet und umgeschrieben werden. So setzt die Entflechtung aus der Empraxie gesellschaftlicher Wissenszusammenhänge produktive Umdeutungen und Neudeutungen in Gang. [(Er will) C.L.] gerade nicht in seiner Ursprünglichkeit und Verbindlichkeit verstanden werden, sondern als »immer schon in Rezeption übergegangen«; statt Heiligkeit gilt [...] Distanz, statt Unveränderlichkeit gilt spielerische Behandlung, Variation und Freiheit der Imagination. Ihr Gegenstand sind Stoffe der antiken und mittelalterlichen Mythologien, aber auch neuerer literarischer Schöpfungen, sofern diesen als konstruktiven Identifikationsangeboten eine entsprechende Resonanz beschieden ist.“[6]

Es ergibt sich also eine Kombination aus historisch-kritischem und literarischen Begriff, dessen Schnittstelle die zeitliche Abhängigkeit, im Sinne der Auseinandersetzung der jeweiligen Zeitgenossen mit dem Thema des Mythos, ist. Weiterhin gibt es keine vorgefertigte Schablone, was nun genau „dem“ Mythos entspricht. Vielmehr ist der Mythos in all seinen Varianten Bestandteil seiner Geschichte. Es gibt keinen Urmythos in diesem Sinne, von dem alles ausgeht. Permanente Transformation und Variation ist für den Mythos überlebenswichtig, da die Auseinandersetzung mit der Geschichte Kern ihrer ist. Noch klarer wird dies, wenn man vom literarischen Mythos ausgeht. Das zeigte schon die Definition nach Jan Assmann. Doch es bleibt eine zentrale Frage: Was ist es, was den Mythos dann überhaupt identifizierbar macht?

Nach Lévi-Strauss ist dies die Aufgabe des Mythologems. Doch wie beschreibt man dies am besten? Lévi-Strauss zu Folge ist ein Mythologem die kleinste konstitutive Einheit[7] eines Mythos. „Hier bietet sich eine Analogiebildung zum Motiv an, wenn man beide, Mythologem und Motiv als „stoffliches, situationsmäßiges Element“ versteht, „dessen Inhalt knapp und allgemein formuliert werden kann““[8]

Es ist also der Teil der Geschichten eines Mythos, der als kleinster gemeinsamer Nenner in allen Varianten vorkommt.

Martin Bayer spitzt dies insofern zu, indem er fragt:

„Wie groß der Spielraum im Umgang mit diesen Bausteinen eines Mythos ist. [(Und kommt weiterhin zum Schluss, dass) C.L.] sie [...] verändert, erweitert, weggelassen [(werden können) C.L.], neue können hinzukommen, aber dennoch scheint es einen spezifischen Kern, einen Grundstock zu geben, der einen Mythos unverwechselbar macht. [(Gleichzeitig kommt er zur Festlegung eines jeden Arbeitsansatzes, der sich mit dem Mythos und dessen Folge, der literarischen Auseinandersetzung, wie er auch in dieser Arbeit ein Schwerpunkt ist, beschäftigt. Und zwar:) C.L.] Es gehört zu den baselen Aufgaben einer Beschäftigung mit mythoshaltiger Literatur, solche Veränderungen am ‚System“ zu erkennen und zu beschreiben, denn gerade diese Änderungen geben wichtige Hinweise im Hinblick auf die Funktionalisierung des jeweiligen Mythos.“[9]

In diesem Abschnitt wurden wichtige Fragen zu den Begrifflichkeiten Mythos, Mythentransformation und Mythologem gegeben. Im folgenden soll auf die Geschichte der Medea Bezug genommen werden, um diese Begrifflichkeiten anzuwenden und zu funktionalisieren. Die Geschichte ist besonders für die Herausstellung des Mythologems von großer Bedeutung, daher kann auf sie nicht verzichtet werden. Dies soll aber in kurzer Ausführung genügen, da die Arbeit im weiteren Verlauf nur begrenzten Platz dafür bietet.

3. Die eine Medea? Der Mythos durch die Zeiten

Betrachtet man die Geschichte Medeas, so fällt eines auf: Es gibt keine eine Geschichte. Weder Euripides, noch Christa Wolf dürfen den Mythos ihr Eigen nennen. Doch wer ist Medea? Dazu soll hier ein kurzer Exkurs in die voreuripideische Tradition unternommen werden, da hier der Grundstein für Medea gelegt wird.

„Medea ist eine Figur des antiken griechischen Mythos. Was für alle anderen Figuren dieser Mythentradition gilt, gilt auch für sie: Was sie bestimmt, sind ihre Abstammung, ihre geographischen Bezüge und ihre darin räumlich und zeitlich lokalisierte Geschichte. Diese Geschichte ist aber nicht klar festgelegt, sondern offen für Variationen, so offen, daß sogar einzelne Elemente der geographischen Bezüge und der Abstammung verändert werden können. [...] Eine Mythenfigur kann in einer Variation ihrer Geschichte manches tun und erleiden, was sie in einer anderen Variation weder erleidet noch tut. [...] Ihre Geschichte hat einen unverwechselbaren Kern, der nur für sie spezifisch ist. Bis in die moderne Umwandlung und Anverwandlung von Mythenfiguren hinein bewahrt dieser Kern eine erstaunliche Festigkeit und Widerstandskraft.“[10]

[...]


[1] Tepe, Peter: Kognitive Hermeneutik. Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg 2007, S. 345

[2] Cancik, Hubert: Handbuch religionswissenschaftlicher Grundbegriffe. Kohlhammer, Stuttgart 1988, S. 179

[3] Ebd., S. 179-181

[4] Ebd., S. 179

[5] Ebd., S. 180

[6] Ebd., S. 180

[7] Bayer, Martin: Das System der Verkennung. Christa Wolfs Arbeit am Medea-Mythos. Königshausen & Neumann, Würzburg 2007, S. 38

[8] Ebd., S. 38

[9] Ebd., S. 38

[10] Schlesier, Renate: Medeas Verwandlungen, In: Kämmerer, Annette: Medeas Wandlungen – Studien zu einem Mythos in Kunst und Wissenschaft. Mattes Verlag, Heidelberg 1998, S. 1

Details

Seiten
25
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656119517
ISBN (Buch)
9783656119890
Dateigröße
552 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v188261
Institution / Hochschule
Universität Leipzig – Germanistik
Note
1,7
Schlagworte
Luther Medea Mythos Mythologem Wolf Christa Wolf 2011 Roman Seminararbeit Hure Heilige Madonna Assmann Euripides Cancik Religionswissenschaft Literaturwissenschaft Germanistik

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Titel: Mythos - Mythologem – Medea: Zur Mythentransformation der Medeafigur in Christa Wolfs Medea-Roman im Vergleich zur euripideischen Interpretation