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Wertewandel und Mehrgenerationenhäuser

Hausarbeit 2011 21 Seiten

Soziologie - Wohnen, Stadtsoziologie

Leseprobe

Inhalt

1. Mehrgenerationenhäuser im Zeichen des Wertewandels prosozialen Verhaltens – Eine Einführende Betrachtung
1.1 Aufbau der Arbeit

2. Mehrgenerationenhäuser im Kontext von Individualisierung und Pluralisierung

3. Wertewandel und Unterstützungsleistungen in Mehrgenerationenhäusern
3.1. „Helfende Beziehung“ im Modernisierungsprozess
3.1.1 Traditionelle und neue Formen des Helfens
3.1.2 Sozialstrukturelle Bedingungen und Hilfe zur Selbsthilfe
3.2 Zur Genese der Mehrgenerationenhäuser

4. Mehrgenerationenhäuser und Lebenskontexte der Generationen
4.1 Beispiel Alleinerziehende und Kinder
4.2 Beispiel alte Menschen
4.3 Positive Erfahrungen ebnen den Weg für neue Werte sozialen Miteinanders

5. Schlussbetrachtung: Wie manifestiert sich der Wertewandel hilfreichen Verhaltens in Mehrgenerationenhäusern?
5.1 Fazit

Literatur

1. Mehrgenerationenhäuser im Zeichen des Wertewandels prosozialen Verhaltens – Eine Einführende Betrachtung

In dieser Arbeit wird diskutiert, wie der von Pakoke (1984a) thematisierte Wandel prosozialer Werte sich in Mehrgenerationenhäusern spiegelt, die seit einigen Jahren vom deutschen Bundesministerium als Aktionsprogramm ins Leben gerufen werden. Zur Identifikation zentraler Merkmale jenes Wertewandels von Gegenseitigkeit, Hilfsbereitschaft und Mitmenschlichkeit dient die gegenwärtig gesellschaftliche Entwicklung generationsübergreifend helfender Beziehungen, sowohl informeller als auch formeller Natur. Bedarfslagen und Nöte der Generationen (Kinder, Jugendliche, Erwachsene, alte Menschen), die sich in den letzten Jahrzehnten aus sozialstrukturellen Veränderungen und damit verbundenen differenzierten Wertorientierungen entwickelt haben, stehen dabei im Blickpunkt.

Der den Mehrgenerationenhäusern zugrunde liegende Ideenentwurf sowie ihr Konzept zeigen Möglichkeiten auf, mit jenem gesellschaftlichen Wandel prosozialer Werte zwischen Generationen umzugehen und seinen Verlauf zu beeinflussen. Dabei ist nicht vom Mehrgenerationenhaus als einer festen Wohngemeinschaft die Rede, sondern als einer offenen Begegnungsstätte mit kreativem Treffpunkt zwischen Jung und Alt.

Anlehnend an Pankoke (1984b, S.54) sowie Hillmann (1994, S.932 / 33) meint Wertewandel die Verbindlichkeitsänderung sozialer Prozesse wechselseitiger Erwartung und gemeinsamer Bewertung. Sie ist mit individueller Orientierung und gesellschaftlicher Entwicklung interdependent verbunden und prägt unbewusst menschliche Verhaltensmotivationen.

1.1 Aufbau der Arbeit

Teil 2 führt in den Individualisierungsbegriff als Symbol modernisierungsbedingten sozialgesellschaftlichen Werte- und Strukturwandels ein. Die Platzierung und Funktion der Mehrgenerationenhäuser kann so deutlich werden.

Teil 3 ist dem Wertewandel helfenden Handelns vom Zeitalter der ständischen Hausgemeinschaft bis in die Gegenwart gewidmet. Neue Hilfeformen, die sich in jener sozialstrukturellen Veränderungsentwicklung gemeinschaftlicher Solidität herausbilden werden anhand der Genese von Mehrgenerationenhäusern erläutert. In Teil 4 wird auf spezifische Lebenskontexte der „Bewohner“, bzw. Nutzer des Mehrgenerationenhauses eingegangen. Dabei steht die hilfreiche Beziehung zwischen den Generationen im Blickpunkt, sowie die Chance daraus gewonnener Erfahrungen sich als prosoziale Werte

gesellschaftlich neu zu etablieren. Schließlich werden in Teil 5 die gewonnenen Erkenntnisse einer abschließenden Betrachtung unterzogen.

2. Mehrgenerationenhäuser im Kontext von Individualisierung und Pluralisierung

Mehrgenerationenhäuser sowie sie seit 2006 in der Bundesrepublik als Aktionsprogramm existieren, stellen eine politische Reaktion auf demographische Veränderungsentwicklungen in den letzten Jahrzehnten dar. Dort haben sich Lebensformen und Beziehungsmuster herausgebildet, die wenig Raum für generationsübergreifend zwischenmenschliche Erfahrungen und Unterstützungsleistungen aufweisen. Der von Pankoke (1984a, S.17) thematisierte Wertewandel sozialen Miteinanders als traditionelle Tugenden von Gegenseitigkeit, Hilfsbereitschaft und Mitmenschlichkeit, der bereits mit Beginn der Industrialisierung und Auflösung ständischer Agrargesellschaft einsetzte spielt dabei eine zentrale Rolle. Mehrgenerationenhäuser wollen hier intervenieren, indem sie als kommunale Wohlfahrtseinrichtungen mit Unternehmen und sozialen Verbänden vernetzt Menschen aller Generationen an sich binden, um prosoziale Infrastrukturleistungen zu verbessern (vgl. Niederfranke, 2007).

Um deren Funktion und Wirkung im fortschreitenden Wertewandelprozess zu analysieren, ist ein Nachvollziehen dessen Genese sinnvoll.

Zum gesellschaftswissenschaftlichen Verständnis der Veränderungen generationsübergreifender Beziehungs- und Wertemuster helfenden Handelns von der vorindustriellen Hausgemeinschaft, über die klassenübergreifende Kernfamilie (seit ca 1810) bis in die Gegenwart wird häufig der Begriff Individualisierung verwandt (von lat. Individuum = das Unteilbare) (vgl. z.B. Schneewind, 2010; Junge, 2002). Jener beschreibt ein Werteverständnis, was sich mit der Würde und Entfaltungsfreiheit des Einzelnen schon seit dem Mittelalter befasst und zur Zeit der Aufklärung proklamiert wird. Im Zeitalter des Postmaterialismus ist Individualisierung durch sozialökonomisch politische Entwicklungsverläufe charakterisiert. In dem Zusammenhang wird auch von sozialstruktureller Individualisierung gesprochen. Jene ist gekennzeichnet durch eine mit Beginn der 1950ger Jahre Ausweitung des Mittelstands und somit weichendes Klassenbewusstsein, sowie die Zunahme allgemeinen Wohlstandes (vgl. Junge, 2002). Die Menschen haben im Sinne Ingleharts (1998) ein hohes Maß an ökonomischer Sicherheit erreicht, keine existentiell materiellen Nöte und somit die Motivation sich lebensqualitativ höheren, sprich postmateriellen

Bedürfnissen nach Selbstverwirklichung zu widmen. Ebenso tragen viele sozialökonomische und demographische Faktoren dazu bei, dass Menschen zunehmend auf sich gestellte biographische Einzelerfahrungen machen (müssen) zu ungunsten solidarisch helfender Beziehungserfahrungen. „Die Anforderungen an Initiative, Selbstverantwortung, und Problemlösekapazität des Einzelnen wachsen zu Lasten traditioneller und rollenbestimmter Lebensarrangements“. (Bäcker, Heinze & Naegele, 1995, S. 18). Zu nennen sind hier u.a. eine bei wachsender Verstädterung und Mobilität Klassensolidarität unterlaufende konkurrenzorientierte Spezialisierung und Verunsicherung am Arbeitsmarkt, eine höhere Lebenserwartung und kürzere Lebensarbeitszeit mit wachsenden Freizeit- und Konsumangeboten sowie Medieninformationsschwemme; frei wählbare milieuspezifische Gruppierungen und Lebensstilorientierungen lösen tradiert verpflichtende Glaubensbindungen ab (Säkularisierung). Durch Bildungsexpansion und berufliche Gleichstellung hervorgerufene geschlechtrollenspezifische Veränderungen, sowie neue Gesetzesvorlagen im Scheidungswesen ermöglichen und fordern gleichzeitig bei Frauen Unabhängigkeit und Selbstverantwortung für ihren Lebensentwurf (vgl. z.B. Kron, 2009).

All jene Umweltfaktoren beeinflussen die sich in generationsübergreifenden sozialen Prozessen spiegelnde Wertschätzung traditioneller Hilfeformen.

3. Wertewandel und Unterstützungsleistungen in Mehrgenerationenhäusern

3.1. „Helfende Beziehung“ im Modernisierungsprozess

3.1.1 Traditionelle und neue Formen des Helfens

Das in vorindustrieller Zeit verankerte Werteverständnis helfenden Handelns von Geben und Nehmen als Selbstverständlichkeit innerhalb einer festen ständischer Ordnung erfährt einen Wandel. Bis ins 19. Jhd. hat der Hausherr jener überwiegend wohlhabenden agrarischen, handwerklichen, oder kaufmännischen bis adligen Hausgemeinschaften die Herrschaft und somit verantwortliche Verpflichtung gegenüber Ehefrau, Kindern, Großeltern und Gesinde (Geisler, 1998, S.42 / 43). Menschen niedrigen Standes unterwerfen sich jenen Zwängen, da sie ihnen eine gesicherte Obhut und Lebensorientierung gewähren. Auch wenn die generationsübergreifenden Beziehungen jener verwandten und nicht verwandten Familienmitglieder weniger emotional denn mehr ökonomischer Natur sind, hat hier soziale Nähe eine gewisse Verbindlichkeit zur gegenseitigen Unterstützung und Achtung. Der Hausherr vertritt und schützt seinen Hofstand nach außen (Hettlage, 2001b, S. 46).

Hilfestellungen beruhen hier auf einem reziproken Austausch von Hilf- und Dankesleistungen zur Sicherung überlebenswichtiger Grundbedürfnisse. „ (…) die Situationen und Notlagen sind durchweg vertraut, die Beteiligten kennen sich; das erleichtert (…) das Auslösen von Hilfshandlungen.“ (Luhmann, 1975, S. 136). Auch wenn deren Wirkungen begrenzt scheinen (S. 138).

Bereits mit Auflösung jener ständischen Agrargesellschaft und Anforderungen komplexer Differenzierung im Zuge von Industrialisierung und Verstädterung (vgl. Geißler, 1998), wandeln sich jene zwischenmenschlich personbezogenen Unterstützungsleistungen zum beachtlichen Teil in sozialpolitischen Systemleistungen (Hafen, 1998, S. 3). So treten Individuelle Einzelschicksale mehr in den Hintergrund, denn laut Pankoke (1984a, S. 24 / 25) sowie Luhmann (1975, S. 139) erscheint Hilfe nun zunehmend als sozialpolitische, geldwirtschaftlich organisierte Profession für passende Bedarfslagen. Ein verändertes gesellschaftliches Moral- und Wertebewusstsein helfenden Miteinanders entsteht, da Hilfe seltener aus unmittelbarer Reziprozität heraus zur Erhaltung häuslicher Solidargemeinschaft erfolgt, bzw. erfolgen muss. „ (…) konnte sich der Einzelne zu den Einzelfällen personaler Betroffenheit so weit in Distanz setzen, dass ihm die Not des Anderen persönlich nicht mehr nahe gehen musste." (Pankoke, 1984a, S. 25). Zum einen scheint der Bedürftige aus sozialökologischen Zwängen herausgehoben, zum anderen erfolgt informelle Hilfe nun mehr als erwartbare nach Schichten gestaffelte Tugend, deren kulturell verankerte Norm weniger der gesellschaftlichen Konstitution dient (vgl. Luhmann, 1975).

Mit der Industrialisierung lässt nach Geißler (1998, S. 41) die höhere Lebenserwartung immer mehr Drei- Generationen- Familien aufkommen. Allmählich entwickelt sich die „solidarische“ Hausgemeinschaft zu einer von ökonomischem Zwang unabhängigen `Liebesgemeinschaft´, in der Kinder die zentrale Lebensaufgabe bilden (Hettlage, 2002b, S. 60). Jenes bürgerliche Familienmodell erweist sich bis in die 1970-ger Jahre als sehr beständig (Schneewind, 2010, S. 54). Jedoch wird es in der Folgezeit besonders für Frauen immer schwieriger, dem Erwartungsdruck ihrer Rolle der Beziehungspflege neben Haushaltsführung gerecht zu werden, zumal idealisierte Wertvorstellungen ehelicher Partnerschaft beiderseitig zunehmen (vgl. Nave- Herz, 1995; Bäcker, Naegele, Bispinck & Hofemann, 2010, S. 254). War in vorindustrieller Zeit die Kontinuität und Standhaftigkeit helfender Beziehungen der familialen Hausgemeinschaft durch hohe Sterblichkeit mit ökonomischem Zwang zur Wiederverheiratung bedroht, scheint die Bedrohung gegenwärtig eine Folge sozialstruktureller Bedingungen des Individualisierungsprozesses zu sein (vgl. Beck- Gernsheim, 2000; Fritze, 2007; Schneewind, 2010). „Das heißt nicht, die traditionelle Familie verschwinde, löse sich auf. Aber offensichtlich verliert sie das Monopol, das sie lange besaß. Ihre quantitative Bedeutung nimmt ab, neue Lebensformen kommen auf und breiten sich aus, die nicht oder jedenfalls nicht zumeist auf Alleinleben zielen, eher auf Verbindungen anderer Art: z.B. ohne Trauschein oder ohne Kinder; Alleinerziehende, Fortsetzungsfamilien oder Partner desselben Geschlechts; Wochenend- Beziehungen und Lebensabschnittsgefährten; Leben mit mehreren Haushalten oder zwischen verschiedenen Städten. Es entstehen mehr Zwischenformen und Nebenformen, Vorformen und Nachformen; Das sind die Konturen der postfamilialen Familie.“ (Beck- Gernsheim, 2000, S. 20).

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Details

Seiten
21
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656121091
ISBN (Buch)
9783656121480
Dateigröße
515 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v188357
Institution / Hochschule
FernUniversität Hagen
Note
Schlagworte
wertewandel mehrgenerationenhäuser

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Titel: Wertewandel und Mehrgenerationenhäuser