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Eine Klausur mit zwei Aufgabenstellungen (Bildanalyse, Bildervergleich) und Lösungsvorschlägen

Max Ernst - "Loplop stellt ein junges Mädchen vor" und "Die ehelichen Diamanten" (Histoire Naturelle) sowie Haeckels "Kolibris"

Unterrichtsentwurf 2012 9 Seiten

Pädagogik - Kunstpädagogik

Leseprobe

Bearbeiten Sie entweder Aufgabe 1 oder Aufgabe 2!

1) Beschreiben, analysieren und interpretieren Sie das Bild „Loplop stellt ein junges Mädchen vor“!
2) Beschreiben, analysieren und interpretieren Sie das Bild „Les Diamants conjugaux (die ehelichen Diamanten)“! Erläutern Sie anschließend anhand der Abbildungen 2 und 3 kurz (!) die Unterschiede der Auffassungen der Naturdarstellung von Haeckel und Ernst (ohne das Bild von Haeckel näher zu analysieren!)!

Lösung zu Aufgabe 1:

(Beschreiben, analysieren und interpretieren Sie das Bild „Loplop stellt ein junges Mädchen vor“!)

Ein Wesen geistert durch das Werk von Max Ernst, und dieses Wesen heißt Loplop. Manchmal heißt es auch Schnabelmax oder Vogeloberer Hornebom. In jedem Fall ist das Wesen das Alter Ego von Max Ernst, eine Figur, mit der er sich identifiziert und die stellvertretend für ihn Dinge tut, die man nicht tun darf. Und der Vergleich liegt nahe. Die „Adlernase“ Ernsts hat durchaus Ähnlichkeit mit einem Schnabel. Zudem hatte der Künstler eine besondere Affinität zu Vögeln, besaß er als Kind doch einen Kakdadu namens Hornebom. Eine Reihe in seinem Gesamtwerk sind Collagen, in denen „Loplop [etwas] vorstellt“. Auch das gegebene Bild „Loplop stellt ein junges Mädchen vor“ ist in diese Serie einzuordnen. Auf allen Bildern ist ein wie auch immer gearteter Loplop zu erkennen, der einen Rahmen oder ähnliches in Händen bzw. Flügeln hält, um darin ein meist typisches Werk seines Schöpfers zu präsentieren – Loplop ist also gleichsam ein Archivar. Häufig korrespondiert die Figur jedoch auch mit dem Sujet im Bilderrahmen. Auch hier lassen sich derartige Anklänge erkennen, dazu jedoch später mehr.

Im oberen Drittel des Bildes befindet sich der Vogel im Profil, lässig stützt er sich auf einen goldenen Bilderrahmen, umschließt ihn im unteren Bereich gar regelrecht mit seinen Füßen. Im Bilderrahmen befindet sich rechts oben ein Teller mit Löchern, in dem mittig ein einzelner, dichter, schwarzer Haarbusch steckt. Nach unten hängt ein Stück Schnur und verdeckt teilweise eine krawattenähnliche, hellblaue Form. Rechts vom Teller spannt sich die diagonal nach links unten verlaufende Schnur hin zu einem Säckchen, das mit psychodelischen, rot-schwarzen Formen bedruckt ist und von einem Netz umschlossen wird. Vom Haarbusch führt eine klammerartige, gemalte Form zum Säckchen hin. Mittig im Rahmen und fast zu übersehen ist eine Art in den Gipsgrund geprägtes Medaillon, das einen Mann im Profil zeigt, der mit etwas Phantasie Ähnlichkeit mit dem Künstler selbst hat. Die Schnur zieht sich dann weiter nach links oben zu einer umgedrehten Tasse, die wohl, ebenso wie der Teller, in den Gipsgrund eingegossen ist. Schon hier lässt sich feststellen, dass der Rahmen, der Teller, der Haarbusch, das Säckchen und die Tasse aus dem Gips reliefartig und dreidimensional hervorstehen. Ebenfalls erhaben ist ein kleiner, goldener Frosch am unteren linken Bildrand, den man auf den ersten Blick beinah übersieht. Man kann den Collage-Begriff aufgrund der Dreidimensionalität der verwendeten Materialien hier erweitern und das Werk als „Assemblage“ bezeichnen.

Die Farbigkeit ist durchgehend warm, abgesehen von der hellblauen Krawattenform. Der Grundton ist ein Oliv, von goldenen Einsprengseln durchsetzt. Um dem gemalten Loplop ein gewisses Maß an Plastizität zu verleihen, wurden erhabene Stellen mit Weiß gehöht. Der Vogel hebt sich durch eine schwarze Kontur vom nahezu gleichfarbigen Untergrund ab. Möglicherweise hat Ernst sich bei den Umrisslinien Loplops durch die Empreinte-Technik inspirieren lassen, bei der ein in Farbe getauchter und über den Malgrund gezogener Faden erste Linien definiert. Das Auge der Figur bleibt weiß und wirkt ausdruckslos. Im Kontrast dazu steht die lässige, beinah „machohafte“ Haltung des Vogels. Nachlässig stützt er sich auf den Rahmen und vereinnahmt diesen beinah ganz. Loplops gelbe Wollschleife, die er um den Hals trägt und die wohl auch dreidimensional ist, wirkt adrett und „brav“, was wiederum im Gegensatz zu seiner Haltung steht. Die Figur bildet praktisch einen Rahmen für den Rahmen, mehr noch, oben rechts und unten links bricht sie gar in den Rahmen ein, überdeckt ihn, annektiert ihn. Max Ernst lässt Teile der Figur, namentlich eine Hand und einen klauenartigen Fuß, hier über den Rahmen verlaufen und hat zu diesem Zweck wohl den Goldrahmen durch ein Stück applizierten Malgrundes überdeckt. So kann man mit Fug und Recht sagen, dass Loplop den Rahmen festhält und ihn auch nicht mehr hergeben wird. Das ist deshalb besonders brisant, weil es sich bei dem Sujet laut Titel ja um ein „junges Mädchen“ handelt. Geht man davon aus, dass die Darstellung des Mädchens symbolhaft ist, so könnte man assoziieren, dass ein Teller und eine Tasse für typische „Frauenrollen“ stehen – kochen beispielsweise. Ferner könnte man auch sagen, dass ein Teller „belegbar“ ist, dass man der Frau also Dinge zuweisen kann. Der schwarze Haarbusch könnte einerseits für Sinnlichkeit stehen – nicht umsonst bedecken Frauen in manchen Kulturen ihr allzu verlockendes Haar – wollte man kühner interpretieren, so könnte es sich gar um Schamhaar handeln. Der Inhalt des Säckchens bleibt dem Betrachter verborgen – ist es ein Geheimnis? Vielleicht gar die sorgsam gehütete Jungfräulichkeit? Die Schnur bildet zwischen Teller und Tasse zum Säckchen hin eine V-Form – das klassische Symbol für den Venushügel der Frau. Interessant ist, dass sich das Säckchen wohl bewegen würde, würde man am herabhängenden Ende der Schnur ziehen. Wer könnte daran ziehen und das Säckchen quasi „verstellen“ (Eine Verstellung würde durch die Klammerform, die quasi als Maß gelten kann, sofort bemerkt.)? Loplop? Der Betrachter? Der Künstler? Der Mann im Medaillon, der auf den ersten Blick kaum auffällt? Die Anwesenheit eines Mannes liegt nahe – ein Beleg dafür wäre die im wahrsten Sinne des Wortes herrenlose Krawatte. Eine Überlegung wert ist die Frage, ob Loplop das junge Mädchen vielleicht dem Künstler, - dem Medaillon-Mann? – vorstellt. Und mehr noch, ob er es dem Künstler, der ja bekanntlich kein Kostverächter war, praktisch ausliefert? In seiner Serie „Une semaine de bonté“ lässt Ernst seinen Loplop häufig Grausamkeiten an jungen, schönen, hilflosen und häufig nackten Damen verüben. Dem jungen Mädchen in diesem Bild, das zwar nur symbolhaft erkennbar ist, passiert zwar nichts dergleichen. Trotzdem bleibt der Titel sinnstiftend: „Loplop stellt ein junges Mädchen vor“ - er stellt sie vor, weil er es kann, weil er über sie verfügt, sie quasi in diesem Rahmen gefangen hat. Er greift zudem in ihr Refugium – den Goldrahmen (der ja stets auf wertvollen Inhalt verweist) – ein, missachtet ihre Privatsphäre. Der Traum vieler Männer, ungefragt in die Privatsphäre eines jungen Mädchens einzudringen. Ein ungehöriger, ja böser Traum – natürlich. Aber wozu gibt es denn Loplop? Das Alter Ego ist die Lösung! Das ist plausibler als die Annahme, der Vogel würde lediglich in seiner Rolle als Archivar, als Kumpel des Künstlers, ein Bild von Max Ernst vorstellen – seine Haltung und die besitzergreifenden gestischen Allüren legen dies nahe. Zuletzt ist noch die Frage zu klären, was der kleine Frosch am Bildrand soll. Klein, wie er ist, wirkt er zunächst niedlich, fast zu übersehen, direkt hübsch. Ganz mit Gold bemalt erscheint er zudem kostbar, aber auch glänzend. Man könnte ihn sich als glitschig-schlüpfrig vorstellen. Fische, Amphibien und andere Wassertiere sind deshalb auch häufig ein Symbol für Sexualität. Interessant ist, dass der Frosch die Farbe des Rahmens hat. Kommt er von dort? Darf er ins Bild hinein? Ist er ein Verbündeter oder ein Bedränger des Mädchens? Möchte er sich tarnen, um nicht gesehen zu werden? Durchaus möglich, ihn als Potenz des Froschkönigs sehen, der nicht nur eine goldenen Krone trägt, sondern gleich ganz golden ist. Der Traum eines jeden Mädchens also, der Märchenprinz. Und dennoch - seine Unauffälligkeit auf den ersten Blick und seine Positionierung am Bildrand, quasi in „Lauerstellung“, legen sein unbefugtes Eindringen nahe.

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Details

Seiten
9
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656137986
ISBN (Buch)
9783656138839
Dateigröße
458 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v188371
Note
Schlagworte
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