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Platons Höhlengleichnis: der Abstieg

Hausarbeit (Hauptseminar) 1998 22 Seiten

Philosophie - Philosophie der Antike

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Die Politeia

3. Beschreibung des Höhlengleichnisses

4. Einbettung des Gleichnisses in die Politeia

5. Die Dimensionen des Höhlengleichnisses

6. Intention zum Aufstieg

7. Intention zum Abstieg 11
7.1 Politisch
7.2 Erkenntnistheoretisch
7.3 Ontologisch

8. Probleme des Abstiegs

9. Scheitern des Abstiegs

10. Schluß

Literatur

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit dem Höhlen- gleichnis in Platons Politeia . Der Schwerpunkt ist auf die Probleme des Abstiegs gelegt.

Das Höhlengleichnis geht auf den Gedanken von Empedokles zurück, die Welt sei eine überdachte Höhle. Es ist eines der berühmtesten Gleichnisse der Philosophie. Im Düsseldorfer Filmmuseum wird die Höhle aus Platons Gleich- nis neben Spielfiguren, bildlichen Darstellungen und Schattenspielen aus aller Welt gleichsam als Urbild des Kinos präsentiert. 1 Als die beiden Filmpioniere Lumière Jahrhunderte später einen einfahrenden Zug auf die Leinwand projizierten, machte sich Entsetzen unter den Zuschauern breit. Sie nahmen die Projektion so ernst, daß sie davon gerannt sein sollen. Heute gibt es Leute, die zwischen der Filmwelt und der »wirklichen« Welt kaum noch zu unterscheiden vermögen. Es soll ja einen gewissen Zusammenhang zwischen Kriminalität und Gewalt im Film geben.

Wer jedoch einmal die Erkenntnis gewonnen hat, wie Film

»funktioniert«, der vermag zwar vielleicht noch zu staunen, doch sieht er ihn nicht mehr als die Realität an. Er ist nur eine (manchmal) künstlerisch bearbeitete Licht- projektion, ein Schatten der Realität.

Auch die Gefangenen des Höhlengleichnisses sind schreckhaft und halten die Schatten an der Wand für die

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

»Dinge an sich«. Wer sich am besten mit ihnen auskennt, erntet Ruhm und Ehre. Sie sehen ihre eigenen Schatten an der Wand und gehören praktisch mit zur Schattenwelt - der Welt der Unwissenheit, der gegenseitigen Übervorteilung und demagogischen Manipulation. Doch das Voraushabenwollen vor seinesgleichen hat nicht der Gerechte und Weise, sondern ist der Unweisheit eigen, läßt Platon Sokrates in

der Politeia sagen. »Der Gute also und Weise wird vor dem Ähnlichen nichts voraushaben wollen, sondern nur vor dem Unähnlichen und Entgegengesetzten«, 2 also gegenüber der Schlechtigkeit.

Der Aufstieg aus der Höhle, der Weg zum Licht, ist der Weg zu der Idee des Guten. Er ist für Platon des Menschen einzig würdige. Hier schaut er das Sein und die Vernunft und wird zum Herrscher. Doch warum kehrt der geläuterte Philosoph wieder in die dunkle Scheinwelt der Höhle zurück? Verliert er nicht dabei wieder seine Erkenntnisse? Muß nicht schon Vernunft vorausgesetzt werden bei seinen ehemaligen Mitgefangenen, damit sie seine Thesen als Bedrohung empfinden?

Diese Arbeit orientiert sich stark an den Ausführungen von Christoph Jermann, der einige Inkonsistenzen des Höhlengleichnisses und der Politeia aufzeigt, ohne das große Werk an sich in Frage zu stellen. Zur verwendeten Quellenliteratur: Politeia und Theaitetos werden stets - wie üblich - nach den Seiten- und Abschnittszahlen der Platon-Ausgabe von Henricus Stephanus (Paris 1578) angege- ben - und zwar gemäß der Oxford-Ausgabe von I. Burnet. Die deutsche Übersetzung ist die von Friedrich Daniel Schlei- ermacher in der leicht bearbeiteten Rowohlt-Ausgabe.

2.Die Politeia

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Sokrates trifft sich im Haus des reichen Kephalos mit Simonides, Thrasymachos, Glaukon und dessen Bruder Adeimantos. Schnell findet sich ein Gesprächsstoff, der die Runde einen langen Zeitraum in Atem halten wird: Was ist Gerechtigkeit? Ziel ist es zum einen die Überlegenheit der Gerechtigkeit gegenüber der Ungerechtigkeit und zum anderen ihre Bedeutung für das menschliche Glück darzule- gen. Nach einigen erfolglosen Versuchen, den gerechten

Menschen an sich zu definieren, gibt Sokrates die entscheidende Gesprächswendung. Er fordert, zunächst einen gerechten Idealstaat zu entwickeln. Erst später soll daraus ein gerechter Mensch abgeleitet werden, »indem wir an der Gestalt des Kleineren die Ähnlichkeit mit dem Größeren aufsuchen«. 3

Platon entwirft einen Staat mit drei Klassen: Herrscher, Wächter und Arbeiter (Bauern). Jede der drei Gruppen verfügt über eine Tugend. Die Herrscher zeichnet Weisheit, die Wächter Tapferkeit und die Arbeiter Beson- nenheit und Maßhaltigkeit aus. Das, was diesen Staat jedoch erst als gerecht erscheinen läßt, ist die Prämisse, daß jeder in dem genannten Kontext »das Seine« tut. Jede Gruppe muß die ihr zukommenden Tugenden vollkommen erfül- len. Gerechtigkeit wird so quasi zur vierten Tugend des Staatsmodells.

Als Herrscher hat Platon die Philosophen auserkoren. Philosophen sollen Könige und Könige sollen Philosophen sein. Dem Philosophen ist als einzigen die sichere Erkenntnis der staatsphilosophisch und daher auch politisch entscheidenden Dialektik von Ganzen und Teilen, Allgemeinen und Besonderen vergönnt. Ihre einzige adäquate Funktion, auf ihre Weise für das Wohl des Staats zu sorgen, ist diejenige des obersten Entscheidungsträgers. 4

Die Philosophen werden aus den Reihen der Wächter rekrutiert. Nur einige wenige von ihnen gelangen zu dem Philosophenstatus. Wächter und Philosophen müssen frei von materiellen Nöten sein, dafür hat der »unterste Stand« zu sorgen. Trotz des Leitmotivs »Gerechtigkeit« und »Glück« gehen die Gesprächspartner rund um Sokrates nicht sonder- lich auf die soziale Gerechtigkeit ein. Platon wurde vorgeworfen, daß er wohl aufgrund seiner Herkunft und den historisch-sozialen Bedingungen im Athen der Polis keinen

Gedanken daran verschwendete. Allerdings würden die Bauern und Arbeiter bei Vollendung des dreischichtigen Staates auch automatisch das Höchste für sie erreichbare Glück finden. 5

Platon läßt Sokrates und seine Gesprächspartner nun die drei Tugenden des Staates auf die Psyche des Einzelmen- schen übertragen: Vernunft, Mut und Trieb. Analog ergibt sich, daß ein Mensch gerecht zu nennen ist, wenn jeder der drei »Seelenteile« sich darauf beschränkt, »das Seine« zu tun, »indem einer nämlich jegliches in ihm nicht Fremdes verrichten läßt, noch die verschiedenen Kräfte seiner Seele sich gegenseitig in ihr Geschäft einmischen.« 6

3. Beschreibung des Höhlengleichnisses

Obgleich Platon durch Sokrates fordert, daß es dem Dichter verboten werden sollte, von den Schrecken der Unterwelt zu berichten, beschreibt er doch recht ausführ- lich und detailliert die Szenerie der Höhle. 7

Von Kind an gefesselt an Schenkeln und Hals, sitzen Menschen in einer unterirdischen, höhlenartigen Behausung. Sie können nur die Höhlenrückenwand sehen und sich nicht zum Eingang drehen. Hinter dem Eingang brennt ein Feuer, welches die Höhle beleuchtet. Zwischen Höhle und Feuer läuft eine Mauer, eine Art Brüstung, wie sie Puppenspieler vor ihren Zuschauern benutzen. Dahinter tragen nun nicht sichtbare Leute allerlei Gegenstände und Geräte aus verschiedenen Materialien, menschliche Figuren und Tiere, vorbei, die über die Mauer ragen. Die Leute sagen hin und wieder einige Worte.

Die Gefangenen, die ihren Kopf unbeweglich halten müssen, werden, so meint Sokrates, von sich selbst,

voneinander und von dem Vorübergetragenen nur die Schatten an der Höhlenwand sehen, dieses für das »Seiende« halten und, wenn sie im Echo den Stimmenklang von der Mauer hören, meinen, die betreffenden Schatten sprechen.

Würde nun einer der Gefangenen von seinen Fesseln befreit und gezwungen, aufzustehen, sich umzudrehen und zum Licht zu sehen, so würde ihn das laut Sokrates schmer- zen. Er wäre nicht mehr imstande, die Dinge, die an der Mauer vorüberziehen, zu benennen und nicht glauben, näher am Seienden zu sein und richtiger zu sehen. Er würde meinen, das damals Gesehene sei wahrer als das ihm jetzt Gezeigte. Ein Blick in das Feuer selbst wird ihn so schmerzen, daß er davor flieht und wieder zu den Schatten- bildern zurückkehren will.

Angenommen es schleppe den Gefangenen nun jemand den steilen Aufgang hinauf in das Sonnenlicht, so wird er sich vor Schmerz dagegen sträuben und zuerst von den »wahren« Gegenständen außerhalb der Höhle nichts sehen können. Erst die Gewöhnung und das stufenweise Vorwärtsdringen vom Dunkeln zum Helleren mache Erkenntnis möglich. Schließlich sei er auch fähig, in die Sonne selbst zu schauen und sie zu betrachten. Sie ist selbst an ihrem eigenen Ort. Er erkennt, »daß sie es ist, die alle Zeiten und Jahre schafft und alles ordnet in dem sichtbaren Raume und auch von dem, was sie dort [in der Höhle und an der Oberfläche, T.S.] sahen, gewissermaßen die Ursache ist.« 8

Nun wird er glücklich sein und seine einstigen Mitge- fangenen bedauern. Ihre Ehrungen und Belohnungen für den,

»der das Vorüberziehende am schärfsten sah und am besten behielt, was zuerst zu kommen pflegte und was zuletzt, und daher also am besten vorhersagen konnte, was nun erschei- nen werde« 9 , sind für ihn keine Versuchung mehr, wieder in die Höhle hinabzusteigen.

Sollte er jedoch trotzdem wieder hinunterklettern und Schattenbilder deuten, würde er sich lächerlich machen. Es würde heißen, er habe sich beim Aufstieg die Augen verdor- ben, und nicht einmal der Versuch, nach oben zu gehen, lohne sich. Wenn er es unternehme, die Mitgefangenen zu befreien und hinaufzuführen, dann würden sie ihn, sofern sie ihn in ihre Gewalt bringen und umbringen könnten, ihn wirklich umbringen.

[...]


1 Vgl. Sauer (1994). S. 4.

2 Politeia 349d ff.

3 Politeia 369a.

4 Vgl. Jermann (1986). S. 208.

5 Vgl. Schmalzriedt (1988). S 403.

6 Politeia 443d.

7 Politeia 514a ff

8 Politeia 516b/c.

9 Politeia 516c/d.

Details

Seiten
22
Jahr
1998
ISBN (eBook)
9783638111522
ISBN (Buch)
9783638637497
Dateigröße
559 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v1884
Institution / Hochschule
Universität Duisburg-Essen – Fachbereich 3
Note
1,3
Schlagworte
Platon Höhlengleichnis Politea

Autor

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Titel: Platons Höhlengleichnis: der Abstieg