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Deliberative Internetöffentlichkeit?

Zum Potential partizipativer Kommunikation im Internet für die politische Öffentlichkeit in der deliberativen Demokratie

Hausarbeit 2010 16 Seiten

Medien / Kommunikation - Multimedia, Internet, neue Technologien

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Diskurs, Deliberation und Demokratie im Zeitalter der Massenmedien
2.1. Deliberative Demokratie
2.2. Strukturwandel durch mediale Massenkommunikation

3. Neue Vermittlungs- und Kommunikationsformen im Internet
3.1. Vermittlungsformen in der aktuellen Internetöffentlichkeit: zwischen Partizipation, Profession und Technik
3.2. Möglichkeiten der Politischen Partizipation im Internet

4. Deliberation im Internet?

5. Fazit

Literaturverzeichnis

l. Einleitung

Zwei Jahrhunderte nach der Französischen Revolution entwickelte sich zunächst in den westlichen Staaten eine neue Revolution: keine bürgerliche, sondern eine technische. Wenngleich sie nie als solche ausgerufen wurde, erleben wir eine digi­tale Revolution, eine Revolution der zwischenmenschlichen und gesamtgesell­schaftlichen Kommunikation. Das Internet weckt sowohl Hoffnungen auf eine Demokratisierung der Öffentlichkeit, als auch Befürchtungen auf ein Ende politi­scher Öffentlichkeit und fordert eine Weiterentwicklung öffentlichkeitstheoreti­scher Überlegungen der Kommunikationswissenschaft.

Kritische Theoretiker wie Brecht, Enzensberger oder McLuhan haben neue Informationstechnologien stets nach ihrem demokratischen Potential hin unter­sucht und auch beim Internet stellt sich unweigerlich die Frage, inwiefern es die Bedingungen politischer Kommunikation verändert; und zwar in dem Sinne, dass die Bürger breiter und besser informiert sind und sich aktiver an politischen Dis­kursen beteiligen. Klassische Vermittler wie der Journalismus treten im Internet in den Hintergrund, währen neue Vermittlungsformen zusammenwirken. Vor allem partizipative Kommunikationsstrukturen wecken Hoffnungen, zur Konstitution ei­ner allgemeinen Öffentlichkeit und eines allgemeinen Willen beizutragen.

Die vorliegende Arbeit setzt den Fokus auf die theoretischen Auseinander­setzung mit dem Potential partizipativer Kommunikation im Internet für die poli­tische Öffentlichkeit und ihrem Beitrag für eine deliberative Demokratie. Um das demokratische Potential des Internet im Sinne der deliberativen Demokratie be­nennen zu können, skizziert die Arbeit zunächst das Habermas'sche Idealbild von Öffentlichkeit im massenmedialen Zeitalter, um dann die Vermittlungsstrukturen im Internet auf ihre deliberativen Möglichkeiten hin zu überprüfen. Der Schwer­punkt liegt hierbei auf der Betrachtung partizipativer Strukturen. Da das demokra­tische Potential des Internets immer auch in Anbetracht seines integrativen Poten­tials zu betrachten ist, wird im vierten Teil diskutiert, ob und in welchem Maße die neuen Vermittlungsstrukturen zur Integration oder Fragmentierung der Öffentlich­keit beitragen. Letztlich sollen die Betrachtungen nicht herausstellen, ob eine Fragmentierung der Öffentlichkeit durch das Internet begünstigt wird, sondern als Ansatz dienen, die deliberativen Möglichkeiten und das demokratische Potential des Internets für die politische Öffentlichkeit einzuschätzen.

2. Diskurs, Deliberation und Demokratie im Zeitalter der Massenmedien

Der bekannteste Vertreter des diskurstheoretischen Modells von Öffent­lichkeit ist der deutsche Sozialphiliosoph Jürgen Habermas. Nachdem Habermas sich über mehrere Jahrzehnte mit dem Verhältnis von Gesellschaft, Kommunikati­on und Öffentlichkeit befasst hat,[1] ließ er seine immer weiter gereiften Analysen 1992 in Faktizität und Geltung schließlich in seine Vorstellung einer idealen De­mokratie münden, nämlich der deliberativen Demokratie.

2.1. Deliberative Demokratie

Nach republikanischem Verständnis bedeutet Demokratie die politische Selbstorganisation der Gesellschaft, die als politische Einheit agiert. Staat und Ge­sellschaft sind somit eins. Im liberalen Modell sind Staat und Gesellschaft hinge­gen strikt voneinander getrennt. Staat und Gesellschaft sind nicht eins, jedoch im Rahmen politischer Öffentlichkeit miteinander verbunden. (Vgl. Gerhards 1998: 26f) Die öffentliche Deliberation politischer Themen durch Bürger und zivilge­sellschaftliche Akteure sind in diesem Demokratiemodell von zentraler Bedeu­tung. Unter Deliberation versteht Habermas eine rationale Diskussion, deren Er­gebnis ein zwanglos und argumentativ erzielter Konsens sein kann (vgl. Habermas 2001: 661). Durch die Einbeziehung in den politischen Diskurs soll die Beteili­gung von Bürgern, an politischen Entscheidungen, die sie selbst betreffen, maxi­miert werden. Politische Herrschaft legitimiert sich nach Habermas nicht aus Ge­setzen und deren Ergebnissen, sondern aus deren Ursprung, der nur im diskursi­ven gesellschaftlichen Meinungs- und Willensbildungsprozess liegen könne. „Ad­ministrative Macht soll sich nicht selbst reproduzieren, sondern sich allein aus der Umwandlung kommunikativer Macht regenerieren dürfen“ (Habermas 1994: 187). Dabei müssen alle die Möglichkeit haben, an dem Diskurs, wenngleich nicht aktiv, so doch zumindest passiv teilzunehmen. Habermas sieht es als empirisch belegt an, dass eine Diskursteilnahme die Ausbildung reflektierter Meinung för­dert (vgl. Habermas 2008: 152). Ebenso sollen alle Angelegenheiten, die politisch geregelt werden müssen, im Sinne der deliberativen Demokratie auch öffentlich kommuniziert werden.

In der normativen Vorstellung des Habermas'schen Modell ist Öffentlich­keit also eine freie, zugangsoffene, pluralistische und verständnisorientierte, sprich diskursive Kommunikation unter Einbezug aller willigen Akteure und aller geeigneten Argumente. Dabei ist Öffentlichkeit immer als eine politische zu ver­stehen, als „Resonanzboden für das Aufspüren gesamtgesellschaftlicher Probleme und zugleich als diskursive Kläranlage“ (Habermas 2008: 144), also ein Filter für Beiträge zu allgemein relevanten Themen. Weiterhin fungiere politische Öffent­lichkeit als Kontrolleur des politischen Zentrums und als Vermittler zwischen dem formal organisierten Zentrum einerseits und den zivilgesellschaftlichen Rändern des politischen Systems andererseits vermittele (vgl. ebd.: 164).

2.2. Strukturwandel durch mediale Massenkommunikation

„Die durch Massenmedien erzeugte Welt ist Öffentlichkeit nur noch dem Scheine nach“ (Habermas 1990: 261) kritisiert Habermas 1962 in Strukturwandel der Öffentlichkeit. Statt der dezentralen Kommunikationsstruktur diskursiver Öf­fentlichkeit als „ein Netzwerk für Kommunikation von Inhalten und Stellungnah­men, also von Meinungen“ (Habermas 1992: 436) dominiert die asymmetrische Struktur von Massenkommunikation, die aus aktiven, räsonierenden Diskursteil­nehmern zunehmend passive, konsumierende Zuschauer mache. Die politische Öffentlichkeit verliere ihren deliberativen Charakter durch die Art mediengestütz­ter Massenkommunikation. Durch die einseitige, massenhafte Kommunikation trete die für den Diskurs notwendige symmetrische face-to-face Interaktion immer mehr in den Hintergrund. Neben der asymmetrischen Struktur der Massenkommu­nikation kritisiert Habermas auch die ungleiche Machtverteilung durch das bevor­zugte Einbeziehen nur weniger, etablierter Akteure. (Vgl. Habermas 2008: 160) Dies hänge vor allem mit dem Einfluss ökonomischer Interessen auf die Journalis­ten zusammen und führe zu einer unfreien Kommunikation in den traditionellen Massenmedien und damit letztlich zu einer vermachteten Öffentlichkeit (vgl. Ha­bermas 1990: 228). Durch mangelnde Feedbackmöglichkeiten der Bürger und un­gleiche Beteiligungschancen an der mediatisierten Kommunikation werde ein ge­meinsamer Diskurs oder gar eine volonté générale schwierig (vgl. ebd.: 158). Dass durch die mangelnde Einbeziehung der Bürger in die Politik auch eine Ent­politisierung einhergeht, scheint eine logische Schlussfolgerung zu sein, die zu­nehmende Kommerzialisierung, sowie Infotainment-Angebote können diesen Pro- zess zusätzlich verstärken. Die asymmetrische Struktur der Massenmedien und die damit einhergehende Kommerzialisierung der Medien machen den Bürger zum Konsumenten. Damit schwindet auch die gesellschaftliche Integrationsfunktion der Medien.

3. Neue Vermittlungs- und Kommunikationsformen im Internet

In den vergangenen Jahren hat das Internet in der globalen, massenmedia­len Landschaft einen Strukurwandel ausgelöst. Neben die 'alten' tradierten Mas­senmedien wie Fernsehen, Hörfunk und Zeitung ist das Internet als 'neues' Medi­um getreten, das „die massenhafte Distribution von Informationen [ermöglicht], ohne im klassischen Sinne ein Massenmedium zu sein.“ (Löffelholz 2004: 371). Das Internet kann und soll existierende Massenmedien nicht vollkommen ersetz­ten, es kann sie aber ergänzen und verbessern. Der Ausgleich der Schwächen der mediatisierten Massenkommunikation und die Verwirklichung der normativen An­sprüche des diskursiven Öffentlichkeitsmodell nach Habermas scheinen im Inter­net möglich zu sein. Die netzwerkartige, dezentrale Struktur des Internets, der einfache kommunikative Zugang zu öffentlichen Diskussionen und die Autonomi- sierung der Öffentlichkeit durch die wegfallende Selektionsleistung des Journalis­mus eröffnen ein demokratisches Potential des Internets. Dieses Potential und sei­ne tatsächliche Nutzung sollen in diesem Abschnitt betrachtet werden. Zunächst werden jedoch die neuen Kommunikations- und Vermittlungsstrukturen in den Fokus gerückt, die maßgeblich zu einem Strukturwandel der Öffentlichkeit bei­tragen.

3.1. Vermittlungsformen in der aktuellen Internetöffentlichkeit: zwischen Partizipation, Profession und Technik

Öffentlichkeit, die seit Mitte des 19. Jh.[2] zunehmend im Rahmen der traditionellen Massenmedien hergestellt wurde, wird durch den Medienumbruch nun auch durch das Internet ergänzt. Durch das Wegfallen von technischen, ökonomischen und rechtlichen Barrieren für das Publizieren, vereinfache das Internet den Zugang zur Öffentlichkeit und folge damit einem „gesellschaftlichen Trend zu mehr Partizipa­tion und einer Verschiebung des Verhältnisses zwischen Leistungs- und Publi­kumsrollen“ (Neuberger 2009: 37). Während in der Öffentlichkeit unter den Be­dingungen der traditionellen Massenmedien, der redaktionelle Journalismus als „Gatekeeper“ einen exklusiven Kontakt zu Public Relations und Quellen besitze und darüber entscheide, welche Nachrichten publiziert werden, könne die Öffent­lichkeit unter den Bedingungen des Internets partizipative und interaktive Kom­munikation ermöglichen (vgl. Neuberger 2008: 22). Public Relations und Quellen können in der Internetöffentlichkeit den Journalismus als Vermittlungsinstanz um­gehen und in direkten Kontakt mit den Nutzer treten. Diese wiederum können sich selbst organisieren, untereinander vernetzen und ihre Anschlusskommunikation könne im Internet öffentlich verbreitet werden. (Vgl. ebd.: 23). Der Journalismus habe nun nicht mehr die Kontrolle über den Zugang zur Öffentlichkeit und habe nun eher die Funktion eines „Gatewatchers“, der bereits Publiziertes nachträglich prüfe , selektiere und sortiere (vgl. Bruns 2009: 107) und damit vor allem eine Or­ganisations- und Moderationsfunktion habe (vgl. Neuberger 2008: 27). Das Inter­net ermöglicht somit neue Rollenkombinationen.[3] Bei der Analyse von Vermitt­lungsstrukturen im Internet stellt Neuberger heraus, dass auch im Internet spezifi­sche Vermittlungsleistungen erforderlich seien. Diese müssen prinzipiell aber nicht mehr nur von professionellen, redaktionell organisierten Vermittlern erbracht werden, sondern können auch durch funktionale Äquivalente, d.h. partizipative und technische Vermittlung erbracht werden. (Vgl. Neuberger 2009: 84) Wenn also auch Kommunikatoren in Netzwerken Vermittler sein können, wird die Not­wendigkeit einer professionellen Organisation im Journalismus in Frage gestellt. Konkurrieren im Internet also Laienkommunikation und technische Vermittler wie Suchmaschinen mit professionellem Journalismus?

[...]


[1] Die zentralen Bausteine dieser Entwicklung sind Strukturwander der Öffentlichkeit (1962) und Theorie des kommunikativen Handelns (1981).

[2] Habermas beschreibt diesen Zeitraum als einen Umbruch der Öffentlichkeit von einer literarischen Öffentlichkeit mit räsonierendem Publikum hin zu einer konsumkulturellen Öffentlichkeit mit einem konsumierenden Publikum. Massenmedien seien maßgeblicher Faktor dieses Entpolitisierungsprozesses. (Vgl. Habermas 1990: 248ff.)

[3] Neuberger weist an dieser Stelle auch auf die Problematik dieser Beziehungskonstellation hin: So müsse nun der Rezipient selbst die sonst vom Journalismus erbrachte Selektionsarbeit erbringen und sei zunehmend quantitativ und qualitativ überfordert. Kommunikatoren hingegen stehen der Schwierigkeit gegenüber, Aufmerksamkeit und Glaubwürdigkeit zu gewinnen. (Vgl. Neuberger2008: 24)

Details

Seiten
16
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656123378
ISBN (Buch)
9783656124191
Dateigröße
498 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v188585
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster – Institut für Kommunikationswissenschaft
Note
1,3
Schlagworte
Demokratie Internet Öffentlichkeit

Autor

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Titel: Deliberative Internetöffentlichkeit?